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Burschenschafter Norbert Weidner: Der lange Schatten des Verfassungsschutzes

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Norbert Weidner vor Gericht in Bonn (Juli 2012): "Bin kein Rechtsextremist mehr" Zur Großansicht
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Norbert Weidner vor Gericht in Bonn (Juli 2012): "Bin kein Rechtsextremist mehr"

Norbert Weidner ist einer der profiliertesten Burschenschafter und war eine Schlüsselfigur der militanten rechtsextremen Szene. Nun gerät der Ex-Funktionär unter Spitzelverdacht: In seiner Zeit als Neonazi-Kader soll er mit dem Verfassungsschutz kooperiert haben.

Berlin/Hamburg - Einer der prominentesten Vertreter der Deutschen Burschenschaft (DB) steht unter Spitzelverdacht. Norbert Weidner, bis November 2012 Spitzenfunktionär der DB und Chefredakteur der Verbandszeitschrift "Burschenschaftliche Blätter", soll in seiner Zeit als Führungsfigur der militanten Neonazi-Szene in den neunziger Jahren mit dem Verfassungsschutz zusammengearbeitet haben.

Über die Spitzel-Vorwürfe gegen Weidner berichtet das auf die Beobachtung des Rechtsextremismus spezialisierte "Antifaschistische Info Blatt" (AIB). Die Publikation beruft sich auf ein geheimes Thesenpapier des Bundeskriminalamts (BKA) aus dem Jahr 1997, in dem die Wiesbadener Polizeibehörde seinerzeit die Namen von insgesamt neun Rechtsextremisten aufgelistet hatte, die zeitweise offenbar auch als Quellen des Verfassungsschutzes agierten.

Unter ihnen befand sich dem AIB-Bericht zufolge auch Norbert Weidner, der bis Mitte der neunziger Jahre Landesgeschäftsführer und "Auslandsbeauftragter" der neonazistischen "Freiheitlichen Deutschen Arbeiterpartei" (FAP) war. Über die brisante BKA-Analyse hatte im November 2012 bereits der SPIEGEL berichtet.

Zu den Vorwürfen sagte Weidner dem SPIEGEL, dass er sich "dazu nicht äußern" wolle. "Die Sachlage", so Weidner am Telefon, sei "weitaus komplizierter, als sie aus dem Artikel des AIB hervorgeht und wird dem Vorwurf, ich sei ein Spitzel gewesen, nicht gerecht".

Weidner beteuert den Bruch mit der Neonazi-Szene

Klar dementieren mochte der 41-Jährige eine mögliche Kooperation mit dem Verfassungsschutz in den neunziger Jahren jedoch nicht. Konkreten Fragen, ob er jemals mit dem Inlandsnachrichtendienst zusammenarbeitete, sich als V-Person anwerben ließ oder Geld vom Verfassungsschutz erhielt, wich Weidner aus. Er erklärte lediglich: "Ich habe mir nichts vorzuwerfen."

Das Bundesamt für Verfassungsschutz wollte sich auf Anfrage zum Fall Weidner nicht äußern.

Im April 2012 war Weidner in die Schlagzeilen geraten, weil er den von den Nationalsozialisten ermordeten NS-Widerstandskämpfer Dietrich Bonhoeffer als "Landesverräter" bezeichnet hatte. Ein Bonner Gericht verurteilte Weidner daraufhin wegen der Verunglimpfung des Andenkens Verstorbener zu einer Geldstrafe. Nachdem er die Berufung verloren hatte, kündigte sein Anwalt an, Revision einzulegen.

Im Juli 2012 beteuerte Weidner, seit langem mit der Neonazi-Szene gebrochen zu haben. Damals teilte er SPIEGEL ONLINE mit, er wolle nicht "plötzlich wieder als extrem wahrgenommen werden". Er sei seit seiner FAP-Zeit "kein Rechtsextremist mehr" und habe seit 1995 "keine derartigen Aktivitäten entfaltet".

Anders sah das in der ersten Hälfte der neunziger Jahre aus, als die Neonazi-Szene nach der Wiedervereinigung enorm erstarkte. Weidner machte damals eine steile Karriere als Rechtsextremist und wurde schnell zu einer Führungsfigur erst der nordrhein-westfälischen, später der gesamtdeutschen Szene, wie Zeitungsberichte aus jener Zeit belegen.

Nach seinem Rückzug wird er Burschenschafter

Nachdem ein Mob von Neonazis und Anwohnern im August 1992 in Rostock-Lichtenhagen ein Asylbewerberheim angezündet hatte, reiste Weidner aus Bonn an und gab mindestens ein TV-Interview (zu sehen ab Minute 20 in dieser ARD-Dokumentation).

Kurz darauf entwickelte Weidner maßgeblich die "Anti-Antifa" mit, die Daten von Neonazi-Gegnern sammelte und in einschlägigen Postillen veröffentlicht - ein kaum verhohlener Aufruf zur Gewalt.

Als die FAP im Februar 1995 verboten wird, fungiert Weidner als Landesgeschäftsführer in NRW - und soll kurz vor einer polizeilichen Durchsuchungsaktion wichtige Dokumente geschreddert haben.

Wenig später verließ Weidner öffentlichkeitswirksam die militante Neonazi-Szene, legte aber in einem ausführlichen Interview mit der "taz" ausdrücklich Wert darauf, er sei nicht ausgestiegen, sondern habe sich lediglich zurückgezogen. Und er äußerte sich auch zum Verfassungsschutz: "Die Szene ist viel zu transparent, überall sind Spitzel, überall werden wir von Verfassungsschützern überwacht." Für ihn selbst gelte: "Ich will raus, ohne jemanden zu verraten."

Nach seinem Rückzug aus der Szene studierte Weidner und wurde 1999 Burschenschafter bei der Alten Breslauer Burschenschaft der Raczeks zu Bonn - jener Studentenverbindung, die 2011 durch die sogenannten "Arier-Anträge" in die Schlagzeilen geriet. Ab 2004 fungierte er zudem als Funktionär im Dachverband DB, von 2008 bis 2012 als Chefredakteur der Verbandszeitung.

In den heftigen Flügelkämpfen des Verbands spielte er in dieser Funktion eine Schlüsselrolle: Nach seiner Verunglimpfung Bonhoeffers bestand der national-liberale Flügel auf seiner Demission, der rechtsextreme Flügel stemmte sich dagegen. Auf dem Burschentag im Mai 2012 kam es daher zum Eklat, auf einem außerordentlichen Burschentreffen im November des gleichen Jahres gelang zwar die Abberufung Weidners - doch die erbitterte Kontroverse hatte die Spaltung des Dachverbands da bereits besiegelt. In der Folge verließen liberalere Bünde den Dachverband - und die Deutsche Burschenschaft rückte noch weiter nach rechts.

Ein Sprecher des Dachverbands verwies auf Anfrage darauf, dass Weidner derzeit kein Amt in der Deutschen Burschenschaft bekleide. Zudem sei es 17 Jahre zu spät, um die "AIB"-Meldung verifizieren und kommentieren zu können. Die Raczeks teilten mit, das "AIB" nicht zu beziehen und sich daher nicht äußern zu können.

SPIEGEL Investigativ

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1. Fulminant..
fatal.justice 10.01.2014
Ich prophezeihe Herrn Weidner eine glänzende Karriere als CSU-Abgeordneter im Landkreis Pullach...
2. eine leitende Stellung beim "Verfassungsschutz"...
sir wilfried 10.01.2014
Zitat von fatal.justiceIch prophezeihe Herrn Weidner eine glänzende Karriere als CSU-Abgeordneter im Landkreis Pullach...
... wäre ihm auch auf den Leib geschneidert.
3. Burschenschafter Norbert Weidner
cyranodemadrid 10.01.2014
Neonazi und auch korrupt, das ist wirklich wieder ein Juwel dieser Gesellschaft.
4. Menschen Burschen,
warlord 10.01.2014
sucht Euch mal anständige Hobbies. Oder wie wäre es wenn ihr Euch ehrenamtlich betätigt? Zum Beispiel als Streetworker, da könnt ihr bestimmt manch schlimmen Ausländer auf den richtigen Weg leiten.
5. typisch
townsville 10.01.2014
ein mehrfach vorbestrafter Neonazi und Spitzel. Sagt einiges über den Zustand der Deutschen Burschenschaft aus, das so ein Subjekt, dort in profilierte Ämter berufen wird. Kein Wunder, dass sich die Burschenschaften, die zumindest noch halbwegs ernst genommen werden und einen Mindestmaß an Anstand wahren wollen, sich von diesem Schandverein abgespalten haben.
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Fünfziger und sechziger Jahre
Die damals relativ wenigen großdeutsch denkenden Bünde kämpften vergeblich dafür, österreichische Burschenschaften aufzunehmen, die mehrheitlich völkische Aufnahmekriterien hatten. Die Liberal-Konservativen hingegen wollten die Pflicht zur Aufnahmemensur abschaffen - ein Affront für die Rechtsextremen. Der Verband war handlungsunfähig.
Siebziger Jahre
1971 schlossen die Liberal-Konservativen einen fatalen Kompromiss: Sie akzeptierten den völkischen Vaterlandsbegriff, der auch österreichischen Bünden die Aufnahme ermöglicht. Dafür stimmten die anderen für die Abschaffung der Pflichtmensur.
Kompromiss mit Folgen
Mit diesem "historischen Kompromiss" sorgten die Liberal-Konservativen selbst für ihre schleichende Marginalisierung: Die Verfechter des Blut- und Bodenrechts wurden mächtiger, denn die neuen österreichischen Bünde gehörten ja zu ihnen. Weil jeder Bund auf den Burschentagen das gleiche Stimmengewicht hat, ist es unerheblich, dass viele österreichische und - nach der Wiedervereinigung - ostdeutsche Mitgliedsbünde sehr klein sind.
Ruck nach rechts
Viele der oft mitgliederstarken liberal-konservativen Bünde verließen den Verband, der dadurch noch weiter nach rechts rückte. Die Jenaer Urburschenschaften sind allesamt ausgetreten. In Gießen gab es einmal vier Mitgliedsbünde, heute noch einen, die Dresdensia-Rugia - deren Bundesbruder Arne Schimmer sitzt für die NPD im sächsischen Landtag. Die Folge: Der Rechtsaußen-Flügel besetzt inzwischen alle Schlüsselpositionen des Verbands und bekommt für Anträge quasi ausnahmslos eine Mehrheit.

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