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Burschentag in Eisenach: Ehre, Freiheit und Rassismus

Von Christian Fuchs, Eisenach

Der Eklat um den "Ariernachweis" drohte die Deutsche Burschenschaft zu spalten. Beim diesjährigen Burschentag auf der Wartburg bemüht sich die Führung um Geschlossenheit. Doch gegen die reaktionären Kräfte in der Verbindungsszene ist sie machtlos.

Burschentag in Eisenach: "Deutschland, Deutschland über alles" Fotos
DPA

Auf den ersten Blick sehen die 250 Männer im Innenhof der Wartburg alle gleich aus: Sie tragen rote, grüne oder violette Kappen, eine goldene Büxennadel am Revers und Scherpen mit ihren Verbindungsfarben um den Bauch. Aber Unterschiede gibt es doch: Manche Jungburschen stecken in eng geschnittenen schwarzen Anzügen, tragen randlose Brillen und könnten so auch bei McKinsey arbeiten. Andere haben ihre Vollbärte mit Lederhose und Trachtenjanker kombiniert oder ihre langen Haare zum Zopf gebunden.

123 Mitgliedsbünde des Dachverbandes Deutsche Burschenschaft treffen sich seit Donnerstag zum jährlichen Burschentag auf der Wartburg im thüringischen Eisenach. Die Männer mit den Bierhumpen in der Hand verbindet neben dem Alkohol einzig ihr gemeinsames Motto: "Ehre, Freiheit, Vaterland". Ihre Weltanschauungen und Überzeugungen sind vielfältig - auch wenn es auf den ersten Blick anders aussieht.

Nach außen werden die Männerbünde meist als traditionsbewusste Verbindung reaktionärer Studenten und ihrer Alten Herren wahrgenommen. So inszeniert sich die Deutsche Burschenschaft auch jetzt, als Bläser den Einmarsch der Chargierten kundgeben: Junge Männer in weißen, militärähnlichen Uniformen und Reiterstiefeln marschieren durch das mächtige Steinportal der Wartburg, stellen sich in Reihe auf und erheben Fechtwaffen.

Der Verfassungsschutz beobachtet einige Burschenschaften

Sie wirken in diesem Moment wie eine Einheit, dabei drohte in den vergangenen Tagen ein Eklat den Dachverband zu spalten: SPIEGEL ONLINE hatte herausgefunden, dass die Verbindung Alte Breslauer Burschenschaft der Raczeks zu Bonn einen rassistischen Antrag auf dem Burschentag einbringen wollte. Nur Söhne von deutschstämmigen Eltern sollten in Mitgliedsburschenschaften des Dachverbandes aufgenommen werden dürften. In einem zweiten Antrag forderten die Bonner darum gleich den Ausschluss der Verbindung Hansea Mannheim, weil sie Kai Ming Au aufgenommen hatte. Sein vermeintlicher Makel: Er hat chinesische Eltern.

Doch nach massiver Kritik hatte die Burschenschaft die beiden auch als "Ariernachweis" bezeichneten Anträge noch vor der Verhandlung zurückgezogen. "Dieser Antrag wäre nicht satzungsgemäß gewesen und ist daher zwingend von der Tagesordnung gestrichen worden", erklärt Burschen-Pressesprecher Michael Schmidt.

Es war nicht das erste Mal, dass Burschenschaften durch rassistische Tendenzen aufgefallen sind: Einige werden sogar vom Verfassungsschutz beobachtet. Denn in ihren Reihen fühlen sich auch NPD-Kader oder Mitglieder anderer rechtsextremistischer Organisationen wohl, einige Verbindungen laden gern mal Holocaust-Leugner zu Vorträgen ein oder inserieren in rechtsextremem Publikationen wie der Jungen Freiheit oder der Deutschen Militärzeitschrift.

In einem Drittel der Bünde werden rechtsextreme Positionen vertreten

Der Rückzug der Hardliner hat wohl die Spaltung eines der ältesten deutschen Burschenschaftsverbände verhindert. Denn so reaktionär wie die rechtsgerichteten Raczeks denken bisweilen nicht alle Mitgliedsbünde: Einige kritisieren darum auch ein "mangelhaftes Demokratieverständnis" sowie ein "Kokettieren mit nationalsozialistischer Symbolik" im Verband.

Auch der chinesischstämmige Bundesbruder Kai Ming Au aus Mannheim sieht diese Tendenzen im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE kritisch: "Hintenrum bekomme ich natürlich diese Beleidigungen mit. Aber Mitglieder mit dieser Haltung sind in der absoluten Minderheit", sagte er.

Das schreibt auch der Hamburger Verfassungsschutz, der die Deutsche Burschenschaft 2010 nach langer Abstinenz wieder in seinem Bericht erwähnt: In lediglich einem Drittel der Bünde würden "rechtsextremistische Positionen vertreten". Eine eindeutig rechtsextreme Prägung sei nur "bei wenigen Burschenschaften nachweisbar".

Dieses Spannungsverhältnis spiegelt sich auch im Programm des diesjährigen Burschentags: Neben Fackelumzug und Fechtseminar ist auch ein Jazz-Frühschoppen geplant. Ginge es nach Kai Ming Au, würden die gemäßigten Bünde gewinnen: Er will im kommenden Jahr für einen Führungsposten im Dachverband kandidieren, um "das Feld nicht wortlos zu räumen, und damit die Chance auf eine liberale Zukunft der Deutschen Burschenschaft zu vergeben".

"Wir sind aufgerufen für unser Volk zu kämpfen!"

Er müsste sich mit Menschen wie Lutz Weinzinger anlegen. Der Alte Herr einer schlagenden Wiener Verbindung war Spitzenkandidat der rechtspopulistischen FPÖ in Oberösterreich und sitzt seit fünf Jahren als Abgeordneter im österreichischen Nationalrat. Als Festredner tritt er jetzt ans Pult und schilt die Medien. Danach erinnert er an die - angeblich - auf die Burschenschaften zurückgehenden Errungenschaften: Freiheit, Demokratie, Gewaltenteilung, Versammlungs- und Meinungsfreiheit.

Natürlich hätten die Burschenschaften auch Fehler gemacht in den vergangenen Jahrzehnten, räumt er ein. "Aber andere Völker und Religionen wie der Islam" seien auch nicht fehlerfrei. So will er beispielsweise den Fehler von zu viel Nähe der Bundesbrüder zu den Nationalsozialisten relativieren. "Wir sind aufgerufen für unser Volk zu kämpfen!", ruft er den versammelten Burschen zu und meint damit Deutschland und Österreich. "Aber wir sind nicht aufgerufen, unsere Knochen für das koreanische Volk zu brechen."

Die Burschenschafter fühlen sich der freien Meinungsäußerung verpflichtet - das gebietet die Tradition und gilt auch für extreme Positionen. Das ist ihr Dilemma. Denn durch die basisdemokratische Struktur des Verbandes gibt es kein Gremium, das solche Tendenzen als Minderheitenmeinung abfängt. "Wir glauben jedoch, dass sich Minderheitsmeinungen von selbst desavouieren", sagt Pressesprecher Schmidt.

In den vergangenen Tagen ist eine dieser Minderheitenmeinung an die Öffentlichkeit gelangt - zum Missfallen des Pressesprechers. Und das Thema dominierte natürlich auch den Burschentag: "In einer eineinhalbstündigen Generaldebatte haben wir über den Abstammungsparagraphen gestritten", sagt Schmidt, "aber auch über andere Themen." In der restlichen Zeit wählten die Mitglieder neue Ämter.

Vielleicht nimmt man den Burschenschaftsverband auch deshalb so einseitig wahr: Er beschäftigt sich zu viel mit sich selbst.

Von der Maas bis an die Memel - Deutschland, Deutschland über alles

Es ist Abend geworden in Eisenach. Die Teilnehmer des Burschentags versammeln sich am Fuße des Burschenschaftsdenkmals auf der Göpelskuppe im verbandeseigenenen Berghotel. Hier liegt nur eine einzige Zeitung aus: die rechtsgerichtete "Junge Freiheit". Einige Teilnehmer sitzen auf der Terrasse und schauen von hier auf die Wartburg. Auf dem Grill liegen Bratwüste und Steaks, das Bier fließt in Halblitergläser. Ein Teilnehmer mit roter Mütze erhebt sich und sagt: "Liebe Bundesbrüder, wer noch gern am Fackelzug teilnehmen möchte, der möge sich bitte jetzt zur Wiese bewegen."

Hunderte folgen seinem Aufruf und treffen sich auf einem Feld. Von dort marschieren sie im Dunkeln, von Trommeln begleitet, zurück zum Denkmal. Hier wollen sie der getöteten Verbandsbrüder gedenken.

Während des Totengedenkens liegt Fackelgeruch in der Luft, es ist andächtig still geworden, die Burschen sind unter sich. Nur ein paar Polizisten schleichen betont unauffällig in Zivil mit Walkie Talkies herum.

Die Fackelträger stehen in einer Formation um den Redner. Eine Schweigeminute geht fließend in Gesang über. Hunderte Burschen singen zum Ende des Tages das Deutschlandlied - aber nicht nur die dritte Strophe, die deutsche Nationalhymne. Sie singen alle drei Strophen: Von der Maas bis an die Memel, von der Etsch bis an den Belt - Deutschland, Deutschland über alles.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 268 Beiträge
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1. Von reaktionär
Foul Breitner 18.06.2011
zu sprechen, ist der Spiegel genau die richtige Instanz ...
2. Was soll das?
candide08 18.06.2011
Spielt es eine Rolle, dass manche Verbindungsburschen auch noch offen rassistisch sind? Es ist jedenfalls stramm chauvinistische Folklore, die regelmässig in der Provinz ihre Anhänger findet. Das ganze "Gequatsche" von "Ehre und Freiheit" oder "Vaterland" ist einfach nur Eitel. Niemand hat diese Leute gewählt, ernannt oder sonst um irgendetwas gebeten.
3. .
Trondesson 18.06.2011
Diese Bürschchen mit ihren lächerlichen Mützchen und peinlichen Ritualen... Kann man nur den Kopf schütteln. Zwar gehöre ich selber einem Studentenbund an, das sind aber alles Seeleute und somit ohnehin wesentlich lockerer als diese Landeier. Aber sollten sie mit solchem Firlefanz auch bei uns anfangen, bin ich draußen.
4. verwerflich
Hamberliner 18.06.2011
Zitat von sysopDer Eklat um den "Ariernachweis" drohte die*Deutsche Burschenschaft zu spalten. Beim*diesjährigen Burschentag auf der Wartburg bemüht sich die Führung*um Geschlossenheit.*Doch gegen die reaktionären Kräfte in der Verbindungsszene ist sie machtlos. http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/0,1518,769207,00.html
Verwerflich ist nicht erst Rechtsextremismus, Nationalismus und Rassismus, sondern vor allem eine Wettbewerbsverzerrung auf dem akademischen Arbeitsmarkt aufgrund Vitamin B, also mafiöse Netzwerke. "Alte Herren" die Mitgliedern dieser Vereinigungen Karriere-Vorteile zu verschaffen versuchen, gehören hart bestraft.
5. nüchtern und erhlich betrachtet
CHANGE-WECHSEL 18.06.2011
Zitat von sysopDer Eklat um den "Ariernachweis" drohte die*Deutsche Burschenschaft zu spalten. Beim*diesjährigen Burschentag auf der Wartburg bemüht sich die Führung*um Geschlossenheit.*Doch gegen die reaktionären Kräfte in der Verbindungsszene ist sie machtlos. http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/0,1518,769207,00.html
Doch werden die Burschenschaften nicht durchgehend konsequent vom Verfassungsschutz beobachtet, weil viele "rechte Köpfe" sich in staatlichen Positionen wie Politik, Finanzen und Justiz befinde. Der Staat ist somit von rechtem Gedankengut unterwandert. Bestes Beispiel dafür ist Hans Merkel (77, Mitglied der CSU, ehemals Ministerialdirigent des Bundestages und Büroleiter des früheren Bundestagspräsidenten Richard Stücklen. Merkel war nach der Wiedervereinigung erster Direktor des sächsischen Landtags. Er ist Alter Herr der Münchner Arminia-Rhenania. In seiner Dissertation aus dem Jahr 1961 kam er zu dem Schluss, dass der Zwangsanschluss Österreichs an das Deutsche Reich 1938 völkerrechtlich einwandfrei gewesen sei).
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Begriffe
Alter Herr/Hohe Dame
Verbindungsmitglied im Berufsleben, finanziert durch seine Beiträge die Aktivitäten der Korporation. Wird auch "Philister" genannt.
Bierkrank
Ausdruck für Studenten, die nicht mehr trinken wollen oder können.
Bierverschiss
Verweis für Teilnehmer einer –> Kneipe.
Bummel
Offizieller Spaziergang durch die Stadt, dabei wird die –> Couleur angelegt.
Conkneipant/Kneipschwanz
Mitglied, das laut Verbindungssatzung eigentlich nicht aufgenommen werden darf, wegen besonderem Interesse oder besonderer Verdienste aber dabei sein soll. Wurde früher auch "Kneipschwanz" genannt.
Couleur
Farben der Verbindung, werden als Band, –> Zipfel oder Mütze getragen.
Fux/Fuchs
Neumitglied im ersten Jahr, Status endet mit der Burschenprüfung.
Kneipe
Traditionelle Studentenfeier mit strengem Ablaufplan, in der festlicheren Variante "Kommers" genannt.
Pauken/Mensur
Studentische Fechtkunst bei schlagenden Verbindungen. Verletzungen im Gesicht sind möglich, die Narben heißen "Schmiss" und waren früher Statussymbole.
Stiftungsfest
Gründungsjubiläum, wird mit festlichem Ball und Kommers gefeiert.
Zipfel
Schmuckanhänger in –> Couleur, tauschen befreundete Bundesbrüder und -schwestern miteinander.
Zirkel
Symbol einer Verbindung, enthält mehrere Buchstaben in ausgeschmückter Handschrift, Abschluss bei aktiven Mitgliedern mit einem Ausrufezeichen.
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Mit diesem "historischen Kompromiss" sorgten die Liberal-Konservativen selbst für ihre schleichende Marginalisierung: Die Verfechter des Blut- und Bodenrechts wurden mächtiger, denn die neuen österreichischen Bünde gehörten ja zu ihnen. Weil jeder Bund auf den Burschentagen das gleiche Stimmengewicht hat, ist es unerheblich, dass viele österreichische und - nach der Wiedervereinigung - ostdeutsche Mitgliedsbünde sehr klein sind.
Ruck nach rechts
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