Rechtsextreme gegen National-Liberale: Burschenschafter im Scheidungskrieg

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Duell in Stuttgart: Auf dem Sonder-Burschentag steuert der Streit zwischen rechtsextremen und national-liberalen Burschenschaftern auf seinen Höhepunkt zu. Der Dachverband steht unmittelbar vor der Spaltung - und droht dadurch vollends zum völkischen Kampfbund zu werden.

Burschenschafter in Eisenach (Archivbild): Die Spaltung droht Zur Großansicht
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Burschenschafter in Eisenach (Archivbild): Die Spaltung droht

Stramme Akademiker in schneidigen Uniformen, geschmückt mit den Farben ihres Bundes, die Fechtwaffe am Hosenbund, in Hingabe zur Heimat vereinigt im nächtlichen Fackelzug zum Burschenschaftsdenkmal in Eisenach, um dort das Lied der Deutschen zu singen, und zwar alle drei Strophen. So laufen Burschentage ab. Für gewöhnlich.

Doch von dieser Burschenherrlichkeit wird wenig zu spüren sein, wenn sich ab diesem Donnerstag rund 400 Abgesandte in Stuttgart zum außerordentlichen Burschentag versammeln. Wenn sich kein Wunder ereignet, wird dort die größte Spaltung besiegelt, die der Dachverband Deutsche Burschenschaft (DB) je erlebt hat: Bis zu 30 Bünde könnten austreten, weil sie sich mit Rassismus und Rechtsextremismus nicht mehr abfinden wollen. Bemerkenswert für einen Verband, der mittelbar 10.000 Burschenschafter beheimatet, darunter Spitzenpolitiker, bekannte Journalisten und einflussreiche Honoratioren.

Eigentlich gehören heftige Konflikte zum Selbstverständnis der Deutschen Burschenschaft, ihre Geschichte (siehe Kasten unten) zeugt davon: Ob es um Antisemitismus geht, um die Sehnsucht nach einem großdeutschen Reich oder um die Aufnahme von Zivildienstleistenden - stets konnten sich die Verfechter radikaler Lösungen durchsetzen. Einst konnten sie sich damit als Speerspitze sozialer Entwicklungen sehen. Doch in der pluralistischen, demokratischen Nachkriegsgesellschaft hinken sie ihrer Zeit meist hinterher, wenn sie nicht gerade in die entgegengesetzte Richtung marschieren, in die Vergangenheit.

Rechtsextreme gegen Liberal-Nationale: Wie der Bruderzwist eskalierte

Lange war davon nicht allzu viel mitzubekommen, in den verschwiegenen Männerbünden findet vieles hinter verschlossenen Türen statt. Doch in den vergangenen zwei Jahren ist der Machtkampf zwischen rechtsextremen und liberal-nationalen Burschenschaften in aller Öffentlichkeit eskaliert - und offenbarte, wie radikal das Gedankengut ist, das in weiten Teilen des Verbands vorherrscht, auch bei führenden Funktionären.

  • Da war der Streit um den "Ariernachweis": Die Alte Breslauer Burschenschaft der Raczeks zu Bonn wollte am Burschentag 2011 einen Bund wegen eines Mitglieds ausschließen lassen, dessen Eltern aus Hongkong stammen. Die Raczeks stützten sich auf ein Rechtsgutachten des Dachverbands, das nach Meinung selbst konservativer Staatsrechtler stark an die Nürnberger Rassegesetze des NS-Regimes erinnerte. Es kam zum Eklat, unter massivem öffentlichen Druck wurden die rassistischen Anträge zurückgezogen. Es war der letzte Erfolg des liberalen Lagers.
  • Es folgte der Streit um die Verunglimpfung des Theologen und Nazi-Widerstandskämpfers Dietrich Bonhoeffer: Der Burschenschafter Norbert Weidner, als "Schriftleiter" verantwortlich für die Verbandszeitung und damit maßgeblich für die politische Verortung des Verbands, hatte Bonhoeffer als Landesverräter bezeichnet und dessen Verurteilung "gerechtfertigt", "rein juristisch" natürlich. Bonhoeffer war während der NS-Diktatur hingerichtet worden. Das Amtsgericht Bonn erließ einen Strafbefehl wegen der Verunglimpfung des Andenkens Verstorbener. Weidner - der sich bis Mitte der neunziger Jahre als militanter Rechtsextremist profiliert hatte - wehrt sich dagegen, im Januar soll es nun zum Prozess kommen.
  • Dann kam der Eklat beim Burschentag 2012: Nach der Bonhoeffer-Affäre suchten die Liberaleren den offenen Machtkampf. Weidner sollte per Kampfabstimmung abgewählt und die Rechtsextremen in ihre Schranken gewiesen werden. Doch die Liberaleren scheiterten knapp und zogen die Konsequenzen: Alle ihre Vertreter warfen die Ämter in der Verbandsspitze hin, der Burschentag musste abgebrochen werden.

Spätestens seit dem Desaster beim Burschentag ist klar, dass sich der Bruch zwischen den beiden großen Machtblöcken in der DB wohl nicht mehr kitten lässt: Auf der einen Seite steht die Burschenschaftliche Gemeinschaft (BG), ein seit 1961 bestehender Zusammenschluss von 45 Bünden, die strikt auf völkischen und damit implizit rassistischen Vorstellungen beharren. Sie sind so stark, dass gegen sie nicht entschieden werden kann. Als Gegengewicht formierten sich in diesem Frühjahr die lange Zeit zersplitterten liberal-nationalen Bünde zur Initiative Burschenschaftliche Zukunft (IBZ), die derzeit 25 Bünde umfasst.

Die Anträge, über die nun bis zum Wochenende in Stuttgart verhandelt werden soll, sind seit einigen Tagen auf einer Website linker Aktivisten zu lesen. Sie verdeutlichen die verhärteten Fronten: IBZ-Bünde fordern den Ausschluss einflussreicher Burschenschaften des rechtsextremen Lagers, darunter die Bonner Raczeks und mit der Münchner Danubia einer der mitgliederstärksten Bünde der BG. Ebenso sollen Bünde, die vom Verfassungsschutz beobachtet werden, im Dachverband nicht mehr mitbestimmen dürfen. Zudem beantragen die Liberaleren erneut die Abwahl Weidners.

Zwar beteuern die Vertreter beider Lager im Vorfeld den Willen zur Einheit und verweisen auf intensive Gespräche hinter den Kulissen. "Allen ist klar, dass sich etwas bewegen muss", sagt etwa Michael Schmidt, Sprecher der liberalen IBZ. Doch für die Rechtsextremen sind die liberalen Forderungen schlicht unannehmbar. Und weil ohne sie nichts geht im Dachverband, haben sich die National-Liberalen insgeheim schon von der Deutschen Burschenschaft verabschiedet.

Wer sich unter Burschenschaftern umhört, findet niemanden, der gern zu diesem Burschentag nach Stuttgart fährt. Wer freut sich schon auf seinen Scheidungstermin.

Deutsche Burschenschaft: Marsch nach rechts

Klicken Sie auf die Pfeile rechts und links im Bild, um die Geschichte der Deutschen Burschenschaft in Stichpunkten zu lesen - von 1815 bis 2012.

dapd

12. Juni 1815 Gründung der ersten Burschenschaft

Deutschland ist in Kleinstaaten zersplittert, an den Universitäten schließen sich Studenten traditionell nach ihrer regionalen Herkunft zu Landsmannschaften zusammen. Nach den Befreiungskriegen gegen Napoleon 1813 - 1815 (an denen 20 bis 50 Prozent aller deutschen Studenten teilnehmen) streben viele Studenten nach staatlicher Einheit aller Deutschen. In Jena lösen sich die bisherigen Landsmannschaften Thuringia, Vandalia, Franconia, Saxonia und Curonia auf und gründen gemeinsam die erste Burschenschaft. Ziel: Das Ende der Kleinstaaterei und Einheit Deutschlands in einer konstitutionellen Monarchie.

20. Juli 1881 Gründung des Dachverbands

In Eisenach gründen 35 Burschenschaften auf Einladung der drei Jenaer Bünde den Allgemeinen Deputierten-Convent (ADC) - der sich im Jahr 1902 in Deutsche Burschenschaft (DB) umbenennt. Österreichische Bünde werden vorerst nicht aufgenommen.

1920: Rassistischer Antisemitismus erhält Satzungsrang

Auf dem Burschentag wird auf Antrag im Vorjahr aufgenommener österreichischen Bünde einstimmig eine Satzungsänderung beschlossen: Juden oder "Judenstämmlige" ist die Aufnahme in Burschenschaften verboten, "nur deutsche Studenten arischer Abstammung" dürfen künftig Mitglied werden. Mehr noch: Die Bünde sollen Burschenschafter so erziehen, "dass eine Heirat mit einem jüdischen oder farbigen Weib ausgeschlossen ist".

1933: Freude über die „Machtergreifung“ der Nationalsozialisten

Im März 1933 schreiben Vertreter der Verbandsspitze der Deutschen Burschenschaft in den „Burschenschaftlichen Blättern: „Die Deutsche Burschenschaft ist lange Zeit wegen ihrer scharfen Beschlüsse in der Judenfrage angefeindet worden […] Jetzt hat sie die Genugtuung, daß es eine deutsche Regierung gibt, die den Kampf gegen das Judentum auf der ganzen Linie aufgenommen hat.“

1961: Gründung der Burschenschaftlichen Gemeinschaft

Auf dem Burschentag scheitert ein Antrag, die Deutsche Burschenschaft für Bünde aus Österreich zu öffnen. Als Reaktion gründen 42 Bünde aus Österreich und Deutschland auf dem Haus der Münchner Danubia die Burschenschaftliche Gemeinschaft (BG). Das Gründungsprotokoll beginnt mit dem Bekenntnis zum „volkstumsbezogenen Vaterlandsbegriff“ – die Durchsetzung völkischen Gedankenguts ist Hauptanliegen der BG, ihr Vorgehen straff organisiert: Für BG-Bünde gilt künftig auf Burschentagen Fraktionszwang, gegen die BG kann nun so gut wie kein Beschluss mehr gefällt werden.

Oktober 1971: Historischer Kompromiss: Völkischer Triumph

Auf dem Burschentag in Landau beschließt die Deutsche Burschenschaft äußerst knapp den sogenannten Historischen Kompromiss: Das Fechten ist nicht mehr zwingend vorgeschrieben, im Gegenzug dürfen österreichische Bünde der DB beitreten. Die BG wird nun schleichend zum dominierenden Faktor in der DB: Beschlüsse können gegen sie ebenso wenig durchgesetzt werden wie die Vergabe von Ämtern im Dachverband. Was formal als gleichberechtigter Kompromiss erscheint, entpuppt sich als Machtübernahme der dezidiert völkisch-nationalistischen Bünde.

1996: Abspaltung liberaler Bünde und Gründung eines Gegenverbands

Acht Bünde verlassen die DB wegen deren völkischer Ideologie, des Zwangs zum Fechten und der Weigerung, Kriegsdienstverweigerer aufzunehmen. Sie gründen die Neue Deutsche Burschenschaft, die inzwischen 22 Bünde umfasst und sich explizit zur Bundesrepublik Deutschland bekennt.

Frühjahr 2011: Völkische Bünde fordern "Ariernachweis"

Ein Burschenschafter der Hansea Mannheim ist deutscher Staatsbürger mit chinesischen Eltern - für den völkischen Flügel in der DB ein Verstoß gegen das Abstammungsprinzip und damit eine Provokation. Der Rechtsausschuss des Dachverbands wird angerufen. Im Februar 2011 wird das Gutachten verbandsintern veröffentlicht: Es stützt das Blut- und Bodenprinzip des völkischen Flügels und schreibt in Zweifelsfällen eine Einzelfallprüfung vor. Die Alte Breslauer Burschenschaft der Raczeks zu Bonn stellt Anträge für den Burschentag, in denen der Ausschluss der Hansea Mannheim und eine Satzungsänderung gefordert werden: Demnach seien Nichtdeutsche unter anderem an ihrer "nichteuropäischen Gesichts- und Körpermorphologie" erkennbar. Liberale Bünde sind entsetzt.

Mai/Juni 2012: Rechtsextreme gewinnen Machtkampf

Eklat auf dem Burschentag in Eisenach: Zwar können die liberalen Bünde eine Zwei-Drittel-Mehrheit für eine Abstimmung über die Abwahl Norbert Weidners als Chefredakteur der "Burschenschaftlichen Blätter" mobilisieren - diese scheitert dann aber knapp mit 76 zu 85 Stimmen. Als Reaktion treten fünf Vertreter liberaler Bünde mit sofortiger Wirkung von ihren Spitzenposten im Dachverband zurück. Die "Initiative Burschenschaftliche Zukunft" (IBZ) kündigt an, dass ihre Bünde weitgehend die Deutsche Burschenschaft verlassen werden. Der Burschentag wird vertagt, die Fortsetzung findet vom 23. bis 25. November in Stuttgart statt.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 112 Beiträge
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1. Der Untertan
Kohle&Reibach 22.11.2012
Zitat von sysopDPADuell in Stuttgart: Auf dem Sonder-Burschentag steuert der Streit zwischen rechtsextremen und national-liberalen Burschenschaftern auf seinen Höhepunkt zu. Der Dachverband steht unmittelbar vor der Spaltung - und droht dadurch vollends zum völkischen Kampfbund zu werden. Burschentag in Stuttgart: Machtkampf von Rechtsextremen und Liberalen - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/burschentag-in-stuttgart-machtkampf-von-rechtsextremen-und-liberalen-a-868761.html)
Der Untertan (http://de.wikipedia.org/wiki/Der_Untertan) Google-Ergebnis für http://www.buergerhaus-gruenau.de/images1/DerUntertan.jpg (http://www.google.de/imgres?hl=de&sa=X&tbo=d&biw=1440&bih=681&tbm=isch&tbnid=gUGqq978G0zvWM:&imgrefurl=http://www.buergerhaus-gruenau.de/veranstaltungen2011,20110526_untertan.html&docid=b6nMMX8SjItRAM&imgurl=http://www.buergerhaus-gruenau.de/images1/DerUntertan.jpg&w=550&h=410&ei=PHSuUJvOBcPNtAaL0oHYBg&zoom=1&iact=hc&vpx=715&vpy=325&dur=2057&hovh=194&hovw=260&tx=130&ty=93&sig=114823809884332274316&page=1&tbnh=127&tbnw=170&start=0&ndsp=27&ved=1t:429,r:14,s:0,i:154)
2. interressant
schockierter! 22.11.2012
dieses überholte Konzept "Burschschaft" sind sozusagen die arischen "Muslimbrüder" Bemerkenswert !
3.
kannmanauchsosehen 22.11.2012
Zitat von sysopDPADuell in Stuttgart: Auf dem Sonder-Burschentag steuert der Streit zwischen rechtsextremen und national-liberalen Burschenschaftern auf seinen Höhepunkt zu. Der Dachverband steht unmittelbar vor der Spaltung - und droht dadurch vollends zum völkischen Kampfbund zu werden. Burschentag in Stuttgart: Machtkampf von Rechtsextremen und Liberalen - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/burschentag-in-stuttgart-machtkampf-von-rechtsextremen-und-liberalen-a-868761.html)
Burschenschaft = Karnevalsverein, der seine Kostüme ernst nimmt. ... Deutschland ist ein freies Land, das ist dann aber auch der einzige Grund, diesen Quatsch zu erlauben.
4.
kugelsicher99, 22.11.2012
Not gegen Elend.
5.
Meskiagkasher 22.11.2012
Ich hab das mit der arischen Abstammung nie verstanden. Wieso nochmal sind Vorfahren aus dem Ost-Iran besser als andere?
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