Sondertreffen in Stuttgart: Burschenschaften schassen rechtsextremen Funktionär 

Von Sebastian Christ und

Überraschung auf dem Sonder-Burschentag in Stuttgart: Der rechtsextreme Chefredakteur der Verbandszeitung, Norbert Weidner, wurde abgewählt. Unklar ist, ob die Spaltung des Dachverbands abgewendet ist - auch der national-liberale Flügel musste Niederlagen einstecken.

Burschenschafter Weidner (Juli): Nicht mehr Chefredakteur der Verbandszeitung Zur Großansicht
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Burschenschafter Weidner (Juli): Nicht mehr Chefredakteur der Verbandszeitung

Stuttgart/Hamburg - Der umstrittene Burschenschafter Norbert Weidner ist nicht mehr Chefredakteur der Verbandszeitung der Deutschen Burschenschaft (DB). Auf dem Sonder-Burschentag in Stuttgart wurde der "Schriftleiter" der "Burschenschaftlichen Blätter" per Mehrheitsbeschluss abberufen, teilte DB-Pressereferent Walter Tributsch mit.

Weidner ist einer der umstrittensten Spitzenfunktionäre des Verbands. Er gilt dem liberal-nationalen Flügel der DB als ein Hauptgegner. Doch die rechtsextremen und ultrakonservativen Bünde hatten sich bislang stets hinter ihn gestellt. Diesmal hatte die Münchner Burschenschaft Arminia-Rhenania Weidners Absetzung beantragt. Einer ihrer prominentesten Mitglieder ist Hans-Peter Uhl (CSU), innenpolitischer Sprecher der Unionsfraktion im Bundestag. Unklar ist jedoch, ob die überraschende Abwahl die Spaltung des Dachverbands verhindern kann.

Weidner hatte in den vergangenen Jahren gleich mehrfach den Unmut gemäßigter Burschenschafter auf sich gezogen. Im Frühjahr wurde bekannt, dass er den NS-Widerstandskämpfer und Theologen Dietrich Bonhoeffer als "Landesverräter" und dessen Hinrichtung "rein juristisch" als gerechtfertigt bezeichnet hatte. Weidner erhielt daraufhin einen Strafbefehl von der Staatsanwaltschaft Bonn wegen der Verunglimpfung des Andenkens Verstorbener, wehrt sich aber dagegen. Im Januar soll es zum Prozess kommen.

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Burschentag: "Alle Kaninchen starren gerade auf die Schlange"
Knapp 600 Burschenschafter, unter ihnen Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer (CSU), forderten darauf in einem offenen Brief die Abwahl Weidners. Diese scheiterte jedoch Ende Mai auf dem ordentlichen Burschentag in Eisenach knapp. Das Treffen wurde daraufhin abgebrochen und eine Fortsetzung für dieses Wochenende in Stuttgart vereinbart.

In der Zwischenzeit verschärfte sich die Abneigung der National-Liberalen gegen den Chefredakteur der "Burschenschaftlichen Blätter" noch weiter: In der Verbandszeitung ließ Weidner ein "Manifest zur revolutionären Neuordnung" abdrucken. Darin ist die Rede von der Abschaffung des "Parteienstaats" und der "Herstellung wirklicher Volksherrschaft".

Zudem unterlag Weidner im Juli einem internen Gegner vor Gericht. Er wollte Christian Becker, Mitbegründer der "Initiative Burschenschafter gegen Neonazis" und damals ebenfalls Mitglied der Bonner Raczeks, verbieten lassen, ihn als "einer der Köpfe einer rechtsextremen Bewegung aus Burschenschaften, NPD und Kameradschaften" zu bezeichnen. Nicht nur die Niederlage vor Gericht an sich, auch der Auftritt Weidners empfanden Burschenschafter als verheerend. Obwohl er Kläger war und nicht Beklagter, verbarg er sein Gesicht mit der geschichtsrevisionistischen Zeitung "Der Schlesier".

Becker bewertet die Abwahl Weidners lediglich als "Symbolpolitik" und ein "Bauernopfer der ultrarechten Bünde" aus rein finanziellen Gründen: Ihm zufolge sollen die National-Liberalen als "Melkkühe" des Dachverbands erhalten bleiben. " Zahlreiche liberale Burschenschaften werden jedoch austreten, weil sie sich von dieser rechten Kosmetik nicht täuschen lassen", sagt Becker.

Beschluss: Mitgliedschaft in verfassungsfeindlicher Organisation erlaubt

Tatsächlich ist unklar, ob durch Weidners Abberufung das Zerwürfnis in der Deutschen Burschenschaft gekittet werden kann. "Eine Spaltung der Burschenschaft ist wahrscheinlich vom Tisch", sagte Pressereferent Tributsch. Allerdings hat der national-liberale Flügel auf dem Sondertreffen in Stuttgart bereits einige klare Niederlagen einstecken müssen. So scheiterten mehrere Anträge gemäßigter Bünde, wie Tributsch mitteilte. Viele von ihnen hatten für diesen Fall vorab angekündigt, den Dachverband verlassen zu wollen.

Unter anderem konnten die Liberaleren nicht durchsetzen, drei als besonders rechtsextrem in Erscheinung getretene Burschenschaften aus dem Verband zu werfen - darunter auch die Bonner Raczeks, bei denen Weidner Mitglied ist. Die Anträge seien nicht satzungskonform gewesen und daher nicht zur Abstimmung gestellt worden, sagte Tributsch. Ein Antrag, der die Unvereinbarkeit einer Mitgliedschaft in einer verfassungsfeindlichen Organisation mit der in einer Burschenschaft forderte, sei zwar mit großer Mehrheit angenommen worden, aber in entscheidend veränderter Form: Statt der Mitgliedschaft in einer "verfassungsfeindlichen" Organisation ist nun die in einer "nationalsozialistischen" Organisation verboten - ein Kriterium, das ungleich schwerer zu belegen ist.

Für das Sondertreffen hatten insbesondere Mitgliedsbünde der Initiative Burschenschaftliche Zukunft (IBZ) in Anträgen eine klare Distanzierung des Dachverbands von verfassungsfeindlichen und rechtsextremen Tendenzen gefordert. Die IBZ hatte sich im Frühjahr als Zusammenschluss von zurzeit 25 liberal-nationalen Bünden in der Deutschen Burschenschaft gegründet. Sie versteht sich als Gegengewicht zu der bereits seit mehr als 50 Jahren bestehenden Burschenschaftlichen Gemeinschaft (BG), in der 45 großteils ultrakonservativ bis rechtsextrem ausgerichtete Bünde aus Deutschland und Österreich zusammengeschlossen sind.

Deutsche Burschenschaft: Marsch nach rechts

Klicken Sie auf die Pfeile rechts und links im Bild, um die Geschichte der Deutschen Burschenschaft in Stichpunkten zu lesen - von 1815 bis 2012.

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12. Juni 1815 Gründung der ersten Burschenschaft

Deutschland ist in Kleinstaaten zersplittert, an den Universitäten schließen sich Studenten traditionell nach ihrer regionalen Herkunft zu Landsmannschaften zusammen. Nach den Befreiungskriegen gegen Napoleon 1813 - 1815 (an denen 20 bis 50 Prozent aller deutschen Studenten teilnehmen) streben viele Studenten nach staatlicher Einheit aller Deutschen. In Jena lösen sich die bisherigen Landsmannschaften Thuringia, Vandalia, Franconia, Saxonia und Curonia auf und gründen gemeinsam die erste Burschenschaft. Ziel: Das Ende der Kleinstaaterei und Einheit Deutschlands in einer konstitutionellen Monarchie.

20. Juli 1881 Gründung des Dachverbands

In Eisenach gründen 35 Burschenschaften auf Einladung der drei Jenaer Bünde den Allgemeinen Deputierten-Convent (ADC) - der sich im Jahr 1902 in Deutsche Burschenschaft (DB) umbenennt. Österreichische Bünde werden vorerst nicht aufgenommen.

1920: Rassistischer Antisemitismus erhält Satzungsrang

Auf dem Burschentag wird auf Antrag im Vorjahr aufgenommener österreichischen Bünde einstimmig eine Satzungsänderung beschlossen: Juden oder "Judenstämmlige" ist die Aufnahme in Burschenschaften verboten, "nur deutsche Studenten arischer Abstammung" dürfen künftig Mitglied werden. Mehr noch: Die Bünde sollen Burschenschafter so erziehen, "dass eine Heirat mit einem jüdischen oder farbigen Weib ausgeschlossen ist".

1933: Freude über die „Machtergreifung“ der Nationalsozialisten

Im März 1933 schreiben Vertreter der Verbandsspitze der Deutschen Burschenschaft in den „Burschenschaftlichen Blättern: „Die Deutsche Burschenschaft ist lange Zeit wegen ihrer scharfen Beschlüsse in der Judenfrage angefeindet worden […] Jetzt hat sie die Genugtuung, daß es eine deutsche Regierung gibt, die den Kampf gegen das Judentum auf der ganzen Linie aufgenommen hat.“

1961: Gründung der Burschenschaftlichen Gemeinschaft

Auf dem Burschentag scheitert ein Antrag, die Deutsche Burschenschaft für Bünde aus Österreich zu öffnen. Als Reaktion gründen 42 Bünde aus Österreich und Deutschland auf dem Haus der Münchner Danubia die Burschenschaftliche Gemeinschaft (BG). Das Gründungsprotokoll beginnt mit dem Bekenntnis zum „volkstumsbezogenen Vaterlandsbegriff“ – die Durchsetzung völkischen Gedankenguts ist Hauptanliegen der BG, ihr Vorgehen straff organisiert: Für BG-Bünde gilt künftig auf Burschentagen Fraktionszwang, gegen die BG kann nun so gut wie kein Beschluss mehr gefällt werden.

Oktober 1971: Historischer Kompromiss: Völkischer Triumph

Auf dem Burschentag in Landau beschließt die Deutsche Burschenschaft äußerst knapp den sogenannten Historischen Kompromiss: Das Fechten ist nicht mehr zwingend vorgeschrieben, im Gegenzug dürfen österreichische Bünde der DB beitreten. Die BG wird nun schleichend zum dominierenden Faktor in der DB: Beschlüsse können gegen sie ebenso wenig durchgesetzt werden wie die Vergabe von Ämtern im Dachverband. Was formal als gleichberechtigter Kompromiss erscheint, entpuppt sich als Machtübernahme der dezidiert völkisch-nationalistischen Bünde.

1996: Abspaltung liberaler Bünde und Gründung eines Gegenverbands

Acht Bünde verlassen die DB wegen deren völkischer Ideologie, des Zwangs zum Fechten und der Weigerung, Kriegsdienstverweigerer aufzunehmen. Sie gründen die Neue Deutsche Burschenschaft, die inzwischen 22 Bünde umfasst und sich explizit zur Bundesrepublik Deutschland bekennt.

Frühjahr 2011: Völkische Bünde fordern "Ariernachweis"

Ein Burschenschafter der Hansea Mannheim ist deutscher Staatsbürger mit chinesischen Eltern - für den völkischen Flügel in der DB ein Verstoß gegen das Abstammungsprinzip und damit eine Provokation. Der Rechtsausschuss des Dachverbands wird angerufen. Im Februar 2011 wird das Gutachten verbandsintern veröffentlicht: Es stützt das Blut- und Bodenprinzip des völkischen Flügels und schreibt in Zweifelsfällen eine Einzelfallprüfung vor. Die Alte Breslauer Burschenschaft der Raczeks zu Bonn stellt Anträge für den Burschentag, in denen der Ausschluss der Hansea Mannheim und eine Satzungsänderung gefordert werden: Demnach seien Nichtdeutsche unter anderem an ihrer "nichteuropäischen Gesichts- und Körpermorphologie" erkennbar. Liberale Bünde sind entsetzt.

Mai/Juni 2012: Rechtsextreme gewinnen Machtkampf

Eklat auf dem Burschentag in Eisenach: Zwar können die liberalen Bünde eine Zwei-Drittel-Mehrheit für eine Abstimmung über die Abwahl Norbert Weidners als Chefredakteur der "Burschenschaftlichen Blätter" mobilisieren - diese scheitert dann aber knapp mit 76 zu 85 Stimmen. Als Reaktion treten fünf Vertreter liberaler Bünde mit sofortiger Wirkung von ihren Spitzenposten im Dachverband zurück. Die "Initiative Burschenschaftliche Zukunft" (IBZ) kündigt an, dass ihre Bünde weitgehend die Deutsche Burschenschaft verlassen werden. Der Burschentag wird vertagt, die Fortsetzung findet vom 23. bis 25. November in Stuttgart statt.

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insgesamt 20 Beiträge
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1. Sieg auf voller Linie fuer die gemaessigten rechts-extremen
ajf00 24.11.2012
Also wurden die Ratzckes doch ausgeschlossen, oder wie soll man die Unvereinbarkeit mit der Mitgliedschaft in Nazi-vereinen anders interpretieren, als das die Mitgliedschaft in Nazi-Burschenschaften unvereinbar ist mit der Mitgliedschaft in Burschenschaften?!
2. Pflicht anderer Dachverbände
alex_kidd 24.11.2012
Meines Erachtens sind nun Weinheimer, Kösener , Coburger und die übrigen Verbände in der Pflicht. Gegenüber Mitgliedern von Danubia München, Olypmpia Wien und Die Alte Breslauer Burschenschaft der Ratzeks zu Bonn sollte ein generelles Kontaktverbot verhängt werden. Ein positives Beispiel dafür sind die Münchener Corps. Dem braunen Spuk muss langsam mal ein Ende bereitet werden.
3. Nachtrag
alex_kidd 24.11.2012
Die Wiener akademischen Burschenschaft Teutonia hätte ich fast noch vergessen.
4.
brandmeister 24.11.2012
Zitat von alex_kiddDie Wiener akademischen Burschenschaft Teutonia hätte ich fast noch vergessen.
Und auf welcher Seite stehen die?
5. Oha,
seppedoni 24.11.2012
da hat aber einer äußerst schlampig genetzwerkt. In einem Land, in dem Neonazis ungehindert 10 Menschen erschießen können, muss doch kein rechter Schriftfüh... äh ...leiter abgesägt werden.
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