Streit über Studiengebühren: "Es ist einfacher, dagegen zu sein"

Streitgespräch über Studiengebühren: Zahlen oder nicht zahlen? Fotos
Marian Schäfer

Was soll ein Studium kosten? Dass es gerecht zugehen soll, finden die Studentenvertreterinnen Carmen Langhanke und Franziska Traube beide. Doch beim Preis gehen die Meinungen weit auseinander. Ein Streitgespräch.

SPIEGEL ONLINE: Frau Langhanke, Sie sind als RCDS-Vorsitzende für Studiengebühren, Sie, Frau Traube, sind dagegen. Wissen Sie eigentlich, dass Sie für dieselbe Sache kämpfen?

Langhanke: 186 Millionen Euro jährlich für die Hochschulen zu erhalten?

SPIEGEL ONLINE: Nein, Gerechtigkeit.

Traube: Ich glaube, dass wir eine ganz unterschiedliche Vorstellung von Gerechtigkeit haben.

SPIEGEL ONLINE: Wie sieht die denn aus?

Langhanke: Ich meine damit Chancengerechtigkeit, Franziska eher Chancengleichheit. Doch im Gegensatz zu Franziska bin ich der Meinung, dass Studienbeiträge nicht sozial selektiv wirken. Sie schrecken nicht vom Studium ab.

Traube: Auch wenn sie nicht abschrecken sollten, sind sie trotzdem ungerecht, allein, weil alle gleich viel zahlen. Das ist nicht gerecht.

SPIEGEL ONLINE: Frau Langhanke, Sie kommen aus einer Nichtakademikerfamilie, als Metzgerstochter haben Sie es von der Hauptschule bis zur Doktorandin geschafft.

Langhanke: Ich habe mit dem Studium begonnen, als es noch keine Beiträge gab. Aber ich hätte mich auch nicht abschrecken lassen. Dass ich einmal studieren wollen würde, wusste ich seit der siebten Klasse.

Traube: Da hast du Glück gehabt. Viele Familien, die nicht viel mit Hochschulbildung am Hut haben, sind da skeptischer - eine Skepsis, die durch die Gebühren nur größer wird.

Langhanke: Dass weniger Kinder aus Nichtakademikerhaushalten studieren, liegt nicht an den Studienbeiträgen. Nichtakademiker raten ihren Kindern, eher etwas Solides zu lernen. 'Mach 'ne Ausbildung, hat uns auch gereicht!', heißt es dann. Außerdem gibt es Befreiungsmöglichkeiten, Härtefallregeln und ein günstiges Studienbeitragsdarlehen.

SPIEGEL ONLINE: Frau Traube, wie finanzieren Sie Ihr Studium?

Traube: Mit einem Mix aus Arbeit, Stipendium und Eltern, die zum Glück auch die Gebühren bezahlen.

SPIEGEL ONLINE: Und wer das nicht hat, nimmt einen Kredit auf. Frau Langhanke, hält damit nicht eine Kultur Einzug, die zur Gefahr werden kann - siehe Amerika, in der viele Berufseinsteiger hoch verschuldet ins Studium starten?

Langhanke: Nein, in den meisten Bundesländern gelten Verschuldungsgrenzen für Bafög-Empfänger und Studenten, die Beitragsdarlehen aufnehmen. In Bayern liegt die Obergrenze bei 15.000 Euro...

Traube: ...und umfasst nicht die Studienkredite zur Finanzierung normaler Lebenshaltungskosten, die seit einigen Jahren vermehrt von privaten, aber auch von der staatlichen KfW-Bank angeboten werden.

Langhanke: Trotzdem: In Deutschland ist es unmöglich, sich für das Studium so zu verschulden wie in den USA oder Großbritannien.

Traube: Mag sein, aber für mich ist noch ein anderer Punkt entscheidend: Gebühren sind ein Schritt hin zu einer Privatisierung der Hochschulen.

Langhanke: Es geht doch darum: Wir haben offensichtlich nicht genug Geld im Bildungssystem, also stellt sich die Frage welche Gruppe man am ehesten belasten kann - und das sind nun einmal wir Akademiker!

Traube: Da stimme ich zu, aber nicht mit Gebühren während des Studiums - und auch nicht mit nachgelagerten Beträgen, bei denen der Betrag für alle gleich ist. Der sollte sich am späteren Verdienst orientieren.

Langhanke: Das kann ich mir auch gut vorstellen. Deshalb muss man aber nicht jetzt über die Abschaffung der Beiträge reden. Ich bin und bleibe dagegen.

SPIEGEL ONLINE: Ein Argument der Gebührenbefürworter sind die langen Öffnungszeiten der Bibliotheken, manche haben bis zu 24 Stunden geöffnet. Frau Traube, ist das nicht ein Gewinn an Studienqualität?

Traube: Naja, für meinen Rhythmus wäre es vorteilhafter, sie würde um 5 Uhr aufmachen und früher schließen.

SPIEGEL ONLINE: Aber erst mit den Gebühren kamen solche Veränderungen, da müssen Sie doch zustimmen.

Traube: Klar, das Geld wird auch gebraucht und wenn die Gebühren verschwinden, muss das auf jeden Fall kompensiert werden. Was mir fehlt, ist das Eingeständnis, dass mit dem Geld der Studenten oft Grundausstattung finanziert wird. Der jetzige Aufschrei, dass die Lehre ohne die Gebühren zusammenbrechen würde - das ist doch der beste Beweis dafür, dass die Studiengebühren auch zweckentfremdet werden und es nicht nur um On-top-Dinge wie längere Öffnungszeiten geht.

Langhanke: Die Grenzen sind manchmal fließend, ja. Die Frage ist eben: Was wird gebraucht und was nicht? Wenn nötig, werden eben Seminarräume gebaut und selbstverwaltet. Ich bin da pragmatisch: Wer bezahlt, der kann auch anschaffen und hat mehr zu sagen.

Traube: Das ist doch tragisch! Wieso gab es denn noch nicht vorher Mitsprache? Und wieso ist jetzt schon in der Diskussion, diese wieder abzuschaffen? Diejenigen, die sich am besten mit der Lehre und ihren Defiziten auskennen, sind doch die Studierenden.

Langhanke: Auch ich will die Mitspracherechte erhalten. Was die Kompensation angeht, bin ich skeptisch. Ich weiß, dass der Finanzminister nicht für zehn Jahre 186 Millionen Euro zusätzlich im Jahr garantieren wird. Die werden innerhalb des Haushalts des Wissenschaftsministeriums umgeschichtet. Wer von etwas anderem ausgeht, ist ein hoffnungsloser Sozialromantiker.

Traube: Ich bin das nicht. Alles eine Frage der Prioritäten.

Langhanke: Ich finde es schade, dass in Deutschland schon der Gedanke verpönt ist, man könnte am eigenen Bildungserfolg finanziell beteiligt werden. In anderen Ländern ist das nicht so.

Traube: Und weißt du was: Darüber bin ich auch sehr froh!

SPIEGEL ONLINE: Wie viel hätten Sie denn für Ihr Studium bezahlt, Frau Langhanke?

Langhanke: Schwer zu sagen, ich will auch keine amerikanischen Verhältnisse. 500 Euro pro Semester halte ich für angemessen. Ob das auch für 2000 oder 5000 Euro gilt, darüber will ich mich nicht auslassen.

SPIEGEL ONLINE: Selbst Ihr Parteikollege Horst Seehofer ist inzwischen von der Fahne gegangen und will keine Studiengebühren mehr. Um Sie wird es ganz schön einsam.

Langhanke: Der Punkt ist doch: Es ist viel einfacher, dagegen als dafür zu sein.

Traube: Wir können gerne eine Demo für höhere Steuern gemeinsam organisieren.

Langhanke: Mein Problem ist: Ich brauche fünf Minuten, um jemandem zu erklären, warum Studienbeiträge richtig sind. Während Franziska nur einen Satz sagen muss: Bildung ist ein Menschenrecht!

Traube: Die Befürworter sind nicht weniger plakativ. Dass die Arzthelferin zum Beispiel das Studium des Chefarzt-Sohns bezahlt, ich kann's nicht mehr hören! Zudem: Wir freuen uns immer, mal nicht nur einen Satz sagen zu dürfen.

SPIEGEL ONLINE: Fast drei Viertel der Bayern wollen keine Gebühren, aber die Gegner zittern bei dem Volksbegehren, das am Mittwoch endet, den nötigen zehn Prozent entgegen. Warum?

Traube: Am Telefon ist man schnell dagegen, aber ins Rathaus zu gehen, das ist noch was anderes.

SPIEGEL ONLINE: So richtig schlimm finden die Leute die 1000 Euro im Jahr für Studenten also gar nicht.

Traube: Volksbegehren haben es immer schwer. Zudem studieren in Deutschland noch immer vorwiegend diejenigen, bei denen Gebühren tatsächlich nicht wehtun, eben Leute aus Akademikerfamilien. Aber das ist ein anderes Problem.

SPIEGEL ONLINE: Was, wenn das Begehren scheitert?

Traube: Es wird nicht scheitern.

Langhanke: Es wird knapp und wenn es scheitert, dann muss die CSU darüber reden, ob sie mit ihrem Schwenk überhaupt richtig lag.

Die aktuellen Ergebnisse des Volksbegehrens in Bayern sind auf der Webseite des Bündnisses Volksbegehren gegen Studienbeiträge abrufbar. Zu den Ergebnissen

Das Interview führt Marian Schäfer

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insgesamt 94 Beiträge
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1.
Narn 29.01.2013
---Zitat--- Langhanke: Ich brauche fünf Minuten, um jemandem zu erklären, warum Studienbeiträge richtig sind. ---Zitatende--- Das will ich sehen! Bisher waren die Argumente pro Gebühren nur ausgemachter Bockmist. Allein das Argument über die verlängerten Öffnungszeiten der Bibliothek, kann ich nicht mehr hören. Wer spät abends noch in der UB sitzt, hat doch vor allem eines: ein Problem! Mit der Selbstdisziplin oder mit der Selbstorganisation. Abgesehen davon, dass die Kosten für diese Bequemlichkeiten nur Peanuts kosten, während die Unis die Millionenbeträge aus Studiengebühren horten.
2.
lordas 29.01.2013
Zitat von sysopWas soll ein Studium kosten? Dass es gerecht zugehen soll, finden die Studentenvertreterinnen Carmen Langhanke und Franzisksa Traube beide. Doch beim Preis gehen die Meinungen weit auseinander. Ein Streitgespräch. Carmen Langhanke und Franziska Taube diskutieren über Studiengebühren - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/carmen-langhanke-und-franziska-taube-diskutieren-ueber-studiengebuehren-a-880041.html)
Irgendwie kommt mir die Diskussion nicht wirklich wie ein Streitgespräch vor. Wie war das denn mit den Geldern die unverbraucht auf den Konten der Universitäten liegen? Wie war das denn nochmal mit den Luxusanschaffungen der Universitäten, die nichts mit Lehre zu tun hatten? Wie war das nochmal mit den Zahlungen, die bestimmte Unis an bestimmte Städte getätigt hatten, um "den Müll der Studis innerhalb der Stadt zu beseitigen"? Wie war das nochmal mit der Aussage, dass die Gebühren nicht die Finanzierung der Länder ausgleichen soll? Die ganzen Argumente die die Gerichte bei den Klagen als "unbegründet" abgelehnt hatten, sind jetzt auf einmal Salonfähig? Aber klar, stattdessen diskutiert man über längere Öffnungszeiten der Bibliotheken. Das blödeste Argument für und gegen Studiengebühren.
3. Ich war dafür
stat_ist 29.01.2013
bis mich meine Tochter bat, die Gebühren zu übernehmen. Das tat ich gern. Dann Rückfrage, was sich denn nun verbessert hat - nichts. Habe also meine Meinung geändert. Wenn es an das eigene Portemonnaie geht, werden halt noch vertiefte Denkprozesse in Gang gesetzt. Ist einfach nur zusätzliches Geldabschöpfen, und hält potentielle Studieninteressenten ohne finanziellen Hintergrund tendenziell vom Studium ab. Daran können wir kein Interesse haben. Die "Reichen", auf die hier im Forum sicherlich bald Bezug genommen wird, zahlen nicht unerheblich Steuern - hiervon können dann u. a. die Hochschulen finanziert werden (wie auch idealerweise die Kindergärten...)
4. ...
deus-Lo-vult 29.01.2013
Zitat von sysopWas soll ein Studium kosten? Dass es gerecht zugehen soll, finden die Studentenvertreterinnen Carmen Langhanke und Franzisksa Traube beide. Doch beim Preis gehen die Meinungen weit auseinander. Ein Streitgespräch. Carmen Langhanke und Franziska Taube diskutieren über Studiengebühren - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/carmen-langhanke-und-franziska-taube-diskutieren-ueber-studiengebuehren-a-880041.html)
Bildung sollte generell kostenlos sein! Für manche ist sie zwar ohnehin umsonst, aber das ist ein anderes Thema...
5. Heuchelei der übelsten Art
ichbinschlau 29.01.2013
Ich kenne das aus meiner Studiumszeit, dass die sogenannten Studentenvertreter bzw. Mitglieder der Stupa von den Studiengebühren komplett befreit waren und es bis heute noch sind. Und wenn ich dann dieses Interview lese, frag ich mich wirklich wie tief man noch sinken kann.
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Zur Person
  • Marian Schäfer
    Carmen Langhanke, 28, studierte bis 2010 Rechtswissenschaft mit wirtschaftswissenschaftlicher Zusatzausbildung an der Uni Bayreuth. Seitdem promoviert sie dort für Verbraucherrecht. Sie ist bayerische Landesvorsitzende des Rings Christlich-Demokratischer Studenten (RCDS).
  • Marian Schäfer
    Franziska Traube, 23, absolvierte ein Bachelorstudium in Biochemie an der TU München, derzeit studiert sie dort im ersten Mastersemester Biochemie. Sie engagiert sich als Sprecherin der Landes-Asten-Konferenz, dem Zusammenschluss aller gewählten Studierendenvertretungen in Bayern.

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Sollen Studiengebühren abgeschafft werden?

Sollen Studenten für ihr Studium bezahlen? Kaum etwas hat in den vergangenen Jahren an Hochschulen und in der Bildungspolitik für mehr Aufregung gesorgt als diese Frage. Jetzt überlegt die CSU, in Bayern die Studiengebühren abzuschaffen. Dann müssten bald nur noch Studenten in Niedersachen zahlen. Was ist Ihre Meinung?

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