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Chilenische Studentenführerin: Lehr uns revoltieren, Comandante Camila!

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Sie ist eine knallharte Kommunistin und beliebter als der Präsident: Camila Vallejo, 23, gibt der chilenischen Studentenbewegung ein Gesicht - jetzt tourt sie durch Deutschland. Ihre Eloquenz und ihre Attraktivität helfen ihr, Protest zu entfachen.

Camila Vallejo: Linken-Idol mit Nasenring Fotos
DPA

Der größte Fehler wäre, jetzt zu sagen: Klar, ich sehe gut aus, kann gut reden, schnell denken, selbstbewusst auftreten - und deshalb bin ich die natürliche Anführerin der chilenischen Studentenbewegung, das international bekannte Gesicht des Protests, ein linker Superstar.

Stattdessen spricht Camila Vallejo, 23, von der Last der Verantwortung, von einer Bewegung, die sich nicht auf eine Person reduzieren lasse. Sie, Camila, habe sich nicht dazu entschieden, sich politisch zu engagieren, die Verhältnisse hätten sie gezwungen. Und jetzt verfolgten ihre Gegner in Politik und Medien eine Strategie der Personalisierung: Camila als Führungsfigur darstellen, sie angreifen und schlechtreden und so die ganze Bewegung diffamieren. So sieht sie das.

Natürlich weiß Camila Vallejo, dass die weltweite Aufmerksamkeit für die Proteste in Chile viel zu tun hat mit ihrer Eloquenz und Attraktivität. Dass sie Plattformen bekommt, die anderen verwehrt bleiben, vor allem, wenn sie sich als Kommunisten bezeichnen: Sie ist die Frau mit dem Nasenring, die "Jeanne d'Arc der Anden", umjubelt von den Massen, beliebter als der Staatspräsident. Die Leser des "Guardian" wählten sie zur "Person des Jahres". Was Vallejo bei Twitter eingibt, erscheint in der Timeline von 380.000 Followern.

Aber bei Linken wird es immer etwas schwierig, wenn jemand zum Politstar aufsteigt. Deshalb ist Camila Vallejo nicht allein nach Deutschland gekommen: Bei ihrer Tour "Wir können die Welt verändern" wird sie begleitet von einem Gewerkschaftsfunktionär als Vertreter der Arbeiterschaft und von der Generalsekretärin der Kommunistischen Jugend als Vertreterin der Partei. Dieser Revolutionsrat spricht für die Bewegung, nicht Vallejo allein, das ist das Signal; Einzelinterviews gibt es keine. Eingeladen von der Rosa-Luxemburg-Stiftung und der Bildungsgewerkschaft GEW soll die rote Troika erklären, wie das geht: Massenprotest organisieren.

"No pasarán! Venceremos!", schnarrt ein Gewerkschafter

Und vielleicht strahlt ja auch ein bisschen von Camila Vallejos Glanz ab auf die Veranstalter. Also sitzt der Stargast aus Chile in Jeans und lila Glitzerpulli beim ersten Termin in Berlin, im alten Verlagsgebäude des "Neuen Deutschland", zwischen einem Stiftungsmann und einem GEW-Mann, beide tragen dunkle Anzügen und randlose Brillen.

Sie wollen Vallejo zeigen, dass die Linke auch in Deutschland noch nicht aufgegeben hat, und berichten vom Kampf gegen Stuttgart21 und Fluglärm, gegen Studiengebühren und Atomkraftwerke. Der GEW-Mann schnarrt die linken Kampfrufe: "No pasarán! Venceremos!" Sie werden nicht durchkommen! Wir werden siegen! Allerdings, das müsse man zugeben, sei der Kampf in Deutschland irgendwie regionaler und zersplitterter als die Proteste, die Camila organisiert. "Wie gelingt es in Chile, das breiter aufzustellen?", fragt der Stiftungsmann.

Das Problem ist, dass Vallejo selbst noch nicht so ganz sagen kann, was da genau geschehen ist im vergangenen Jahr. Warum die Demonstrationen gegen das teure und ungerechte Bildungssystem anschwollen zur den größten Massenprotesten seit dem Kampf gegen die Pinochet-Diktatur und zu Generalstreiks. Sie weiß noch nicht genau, wie sie und ihre Genossen jetzt weitermachen. Man befinde sich in einer Phase der Analyse.

Sie kämpfe gegen die "neoliberale Diktatur"

Jedenfalls habe man einiges erreicht: Seit den Protesten würden die Chilenen wieder intensiver über Politik diskutieren, seien solidarischer untereinander, hätten weniger Angst. Sie redet von einem kulturellen Wandel, auf den ein politischer Wandel folgen müsse. Sie spricht die sperrige Sprache der Linken, in der die Universität ein Ort der Reproduktion ökonomischer Verhältnisse ist. Aber wenn sie so etwas sagt, klingt es überzeugender und spannender als jede Kundgebung am 1. Mai.

Ihrer Sache hilft, dass das Bildungssystem noch aus der Pinochet-Zeit stammt: Es gibt viele teure Privatschulen und -Unis, die vor allem aufs Geldverdienen aus sind. Mehrere tausend Euro pro Jahr kostet so manches Studium, Lebenshaltung nicht eingerechnet. Fünf Jahre Studium, fünfzig Jahre Schulden - das ist die Angst vieler Studenten. Die Regierungen nach Pinochet haben zwar einige Stipendien eingeführt, aber am System wenig geändert. So lässt sich der Protest gegen das Bildungssystem auch als Kampf gegen die Diktatur darstellen, gegen die "neoliberale Diktatur", wie Camila Vallejo sagt.

Ihr mächtigster Gegner ist Präsident Sebastián Piñera, der wie kaum ein anderer für Privatisierung und Unternehmertum steht und ein Privatvermögen angehäuft hat, das auf mehr als zwei Milliarden geschätzt wird. Einer der reichsten Politiker der Welt gegen eine Geografiestudentin aus kommunistischem Elternhaus - das ist eine Konstellation, die sich nicht so einfach übertragen lässt auf andere Länder.

Warum sie nach Deutschland gekommen sei zur Rosa-Luxemburg-Stiftung, fragt jemand. "Wir wollen unsere Erfahrungen teilen und eine breite gesellschaftliche Debatte anstoßen", sagt Vallejo. Und dann tut sie ihren Gastgebern noch einen Gefallen und nennt die Rosa-Luxemburg-Stiftung und die GEW "progressive Bewegungen", mit denen sie sich gerne treffe und austausche.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
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1. So und so
KT712 30.01.2012
Zitat von sysopSie ist eine knallharte Kommunistin und beliebter als der Präsident: Camila Vallejo, 23, gibt der chilenischen Studentenbewegung ein Gesicht -*jetzt tourt sie durch Deutschland. Ihre Eloquenz und ihre Attraktivität helfen ihr, Protest zu entfachen. Chilenische Studentenführerin: Lehr uns revoltieren, Comandante Camila! - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - UniSPIEGEL (http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/0,1518,811849,00.html)
Es gibt Leute, die sehen einfach grottenschlecht aus, haben aber tolle Ideen und Vorstellungen und es gibt Leute, da ist es genau umgekehrt. Frau Vallejo gehört zu letzteren.
2. Toll!
Andreas Rolfes 30.01.2012
Zitat von sysopSie ist eine knallharte Kommunistin und beliebter als der Präsident: Camila Vallejo, 23, gibt der chilenischen Studentenbewegung ein Gesicht -*jetzt tourt sie durch Deutschland. Ihre Eloquenz und ihre Attraktivität helfen ihr, Protest zu entfachen. Chilenische Studentenführerin: Lehr uns revoltieren, Comandante Camila! - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - UniSPIEGEL (http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/0,1518,811849,00.html)
Toller Propaganda-Artikel. Juhu, die Kommis sind wieder da. Und wie immer so hübsch. Wann lernen sich die chilenische Studenten"FÜHRER"in und Sarah Luxemburg-Wagenknecht endlich kennen? Und wann können wir endlich aus Chile ein Riesen-Gulag für Mitglieder der deutschen PDSED-Linkspartei machen???
3. Wow, ein Bericht über eine Interessenvertreterin des "kleinen Mannes".
Medienbeobachter 30.01.2012
Aber ein richtiges Interview mit der Aufforderung einer Wirklichkeitsbeschreibung aus ihrer Sicht werden wir natürlich niemals zu Gesicht bekommen. Das wäre ja schließlich Futter zum Nachdenken für das Volk und keine bloße Unterhaltung, Zwecks Ruhigstellung der Masse. Und Nachdenken stört, denn unser Land liebt Nachbeter von überholten "Weisheiten" und keine Vordenker von einer gerechten Welt. Und so wird weiter nie Geld für die Bildung der Bürger da sein, bei gleichzeitigen ewigen Vermögenszuwächen der Begüterten. Es lebe die Heuchelei.
4.
-ophelia- 30.01.2012
Zitat von KT712Es gibt Leute, die sehen einfach grottenschlecht aus, haben aber tolle Ideen und Vorstellungen und es gibt Leute, da ist es genau umgekehrt. Frau Vallejo gehört zu letzteren.
Wurden Ihre Ideen niemals gewürdigt? Das liegt sicher nicht an Ihrem Äußeren! Ich finde es schön zu sehen, dass es immer noch Menschen gibt die für ihre Ideologie revoltieren. Schön zu sehen, dass es wieder eine Studentenbewegung gibt.
5. Der Dumme hat immer eine Meinung, statt fundiertes Wissen
Medienbeobachter 30.01.2012
Zitat von KT712Es gibt Leute, die sehen einfach grottenschlecht aus, haben aber tolle Ideen und Vorstellungen und es gibt Leute, da ist es genau umgekehrt. Frau Vallejo gehört zu letzteren.
Können sie diese ihre bloße Aussage auch mit Fakten belegen? Welche Menschen haben denn gute Ideen? Sie meinen doch bitte nicht mit guten Ideen die Deregulierung des Arbeitsmarktes mit Hungerlöhnen, unsicheren Arbeitsverhältnissen und garantierten Armutsrenten? Oder gar die Deregulierung der Finanzindustrie mit vokswirtschaftlichen Schäden in die Tausende von Milliarden Euro? Von solche "klugen" Menschen haben wir langsam genug.
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