Studieren in Prag: "Ich vermisse das Fernweh"

Von Marc Oliver Rühle

Böhmische Knödel zum Mittag? Ein Pils am Abend? Kultur zu jeder Tageszeit! Kristin Watterott hat sich in ihrem Erasmus-Jahr in die tschechische Hauptstadt verliebt. Jetzt ist die Kunstgeschichtsstudentin für den Master nach Prag zurückgekehrt - und will bleiben.

Neue Heimat: Wie eine deutsche Erasmus-Studentin sich in Prag verliebte Fotos
Marc Oliver Rühle

Wenn Kristin Watterott im Prager Stadtteil Zizkov aus ihrem Haus tritt, gibt es zwei Wege zur Fakultät der Karls-Universität: den schnellen oder den schönen. Entweder die enge Straße und den steilen Berg hinab - oder die Straße nach oben den Park entlang, bis sich die Baumreihen lichten und man über die ganze Stadt sieht, durch das Moldautal bis zur Prager Burg am gegenüberliegenden Hang. Ein Tal gefüllt mit universeller Kunst, reicher Kultur und unbeschadeter Architektur aus vielen Jahrhunderten.

Zizkov, das Areal östlich des Zentrums, ist quasi das Kreuzberg der tschechischen Hauptstadt: Multikulti, viele Studenten, Eckkneipen und -läden, hohe Bürgerhäuser aus dem 19. Jahrhundert und kleine Parks. Und Kunst, etwa die übergroßen schwarzen Kleinkinder-Skulpturen, die über die Säulen des Fernsehturms Richtung Prager Himmel krabbeln. Sie sind das Werk des berühmtesten tschechischen Bildhauers der Gegenwart, David Cerny, 44, ein Kind der Stadt.

Im Wintersemester 2008 kam Kristin als Erasmus-Studentin von der Universität Leipzig für zehn Monate nach Prag, um an der altehrwürdigen Karls-Universität Kunstgeschichte und Filmwissenschaften zu studieren. Zehn Monate wollte sie ursprünglich bleiben, aber sie entwickelte derart große Sympathien für die Stadt, dass sie ein Vierteljahr dranhängte. Und nun ist die 27-Jährige zurückgekehrt, "um zu bleiben, wenn alles gutgeht", sagt Kristin.

In Prag die fachliche Nische gefunden

"Prag ist das beste, das mir passieren konnte", sagt Kristin und lacht zufrieden. Für die gebürtige Dresdnerin ist Prag die Metropole der Wahl, noch vor Berlin. "In Berlin tötet die Masse an Möglichkeiten das Besondere. In Prag darf sich kurzzeitig Staub ansetzen, hier unterliegen die Kulturangebote nicht dieser Schnelllebigkeit", sagt Kristin. Außerdem sei Prag übersichtlich und dennoch sehr international: Kinofilme laufen in Originalfassung, es gibt Theaterstücke auf englisch und selbst Musicals haben englische Untertitel auf Bildschirmen.

Auch das soziale Miteinander empfindet Kristin als intakter als in Deutschland. "Wenn ältere Menschen die Metro oder Straßenbahn betreten, bieten alle sofort ihren Sitzplatz an", sagt Kristin.

Rein geografisch betrachtet lag Prag für Kristin näher an ihrer Heimat Dresden als Berlin - allerdings hatte dies wenig Einfluss auf ihre Entscheidung. "Für mich bedeutet Auslandserfahrung nicht Entfernung, sondern eine andere Sprache und Kultur", sagt Kristin. Daher fühle sie sich schon weit weg von zu Hause, aber: "Heimisch bin ich ja jetzt hier."

Kristin empfindet es als Glück, dass sie sich bei ihrem ersten Aufenthalt nicht wie viele andere Erasmus-Studenten nur unter ihresgleichen bewegte. "Ich habe fast nur Kontakt zu Tschechen gehabt. Dadurch fiel es mir natürlich doppelt schwer, Prag zu verlassen", sagt sie, "aber es hat mir die Rückkehr viel leichter gemacht". Wenig überraschend, dass sich Kristin in ihrem Masterstudium nun auf tschechische Kunst spezialisiert hat - aber auch pragmatische Gründe sprechen dafür, "weil es eine interessante und aussichtsreiche Nische für mich als Kunsthistorikerin sein kann", sagt Kristin.

Nur das Fernweh wird vermisst

Besonders angetan hat Kristin die "Surrealistengruppe Prag", die sich erst 1934 und damit zehn Jahre nach ihrem Pariser Pendant gründete. Ihre exponierten Vertreter wie Jindrich Styrsky, Karel Teige und Toyen mögen zwar nicht so bekannt sein wie Miró, Dalí und Magritte, die in der französischen Hauptstadt wirkten, in den vergangenen Jahren stieg aber auch ihr Marktwert beträchtlich. Zudem fand der Surrealismus in Prag sehr bald in Opposition zum jeweiligen totalitären Umfeld statt - 1939 annektierten die Nationalsozialisten die Tschechoslowakei, ab 1945 herrschten die Kommunisten.

Kristin kann sich durch ein Stipendium des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD) relativ sorglos auf das Forschen und Recherchieren konzentrieren, 700 Euro bekommt sie monatlich. Zudem macht sie ein Praktikum in der Sammlung für Moderne und Zeitgenössische Kunst der Nationalgalerie.

"Ich könnte mir vorstellen, nach meinen Forschungsarbeiten in Prag zu bleiben. Falls sich die Möglichkeit dazu ergibt, würde ich gern weiter mit dem Museum zusammenarbeiten", formuliert Kristin ihre Zukunftspläne. Auch eine Promotion kann sie sich vorstellen, vorzugsweise natürlich in Prag. "Mein Tschechisch-Sprachlevel lässt mich zumindest nicht mehr als Touristin erscheinen", sagt Kristin ein wenig stolz.

Kristin steht vor einer Jugendstilfassade, daneben erhebt sich eines der seltenen Gebäude im Stil des architektonischen Kubismus. Eine alte Tatra-Straßenbahn rattert vorüber, aus der U-Bahnstation Mustek steigt warme Luft empor. Die Zeit wirkt stehengeblieben, als bewege man sich in einem Filmset oder flaniere durch ein Museum. "Ob ich etwas vermisse?", wiederholt Kristin die Frage und macht eine lange Pause. "Vielleicht ab und zu ein Fernweh."

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1. Schade, eine Info fehlt.
horstma 20.04.2012
Mir fehlt die Info, wie es Kristin geschafft hat, in kurzer Zeit zwei sehr schwierige Sprachen zu lernen - denn gesprochenes und geschriebenes Tschechisch sind zwei Paar Stiefel. Und dazu noch auf hohem Niveau, denn ohne dieses dürfte es bei diesen Studienfächern nicht gehen. Also entweder Sprachgenie, eine entsprechende Vorbildung durch die Herkunft der Eltern, oder eine lange intensive Vorbereitung. Schade, daß der Artikel diesen Aspekt auslässt, denn die Sprache ist eine der wichtigsten Voraussetzungen, wenn man im Ausland fußfassen will. Und gegenüber Tschechisch sind Sprachen wie Spanisch oder Italienisch eine leichte Übung.
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Staatsoberhaupt: Vàclav Klaus
Regierungschef: Vladimir Spidla
Staatsform: Parlamentarische Demokratie - mit einem Zwei-Kammer-Parlament
Amtssprache: Tschechisch
Hauptstadt: Prag
Währung: Tschechische Kronen
Einwohner: 10,3 Millionen