Debattierclub in Oxford: Holocaust-Leugner auf Podium eingeladen

Politiker sind entsetzt, Tausende Bürger empören sich: Die Oxford Union hat den Holocaust-Leugner David Irving und den rechtsextremen Politiker Nick Griffin eingeladen. Trotz massiven Protestes soll die Veranstaltung Montag über die Bühne gehen. Die Polizei rechnet mit Ausschreitungen.

Berlin - Wenn morgen der Holocaust-Leugner David Irving und der Chef der rechtsextremen British National Party (BNP), Nick Griffin, bei einem Forum in Oxford auf Studenten treffen, könnte dies nicht nur zum verbalen Schlagabtausch führen. Der angesehene Debattierclub der Oxford Union hat die beiden als Diskutanten eingeladen, Thema sollen Möglichkeiten und Grenzen der freien Meinungsäußerung sein.

Historiker Irving: Auf skandalöse Weise im Gespräch
AFP

Historiker Irving: Auf skandalöse Weise im Gespräch

Die Grenzen sind für viele bereits überschritten: Verteidigungsminister Desmond Browne und der ehemalige Staatsminister Denis McShane haben aus Ärger über die Irving-Einladung ihre Teilnahme an anderen Veranstaltungen der Oxford Union abgesagt.

Die Studenten selbst bleiben bei ihrem Kurs. Eine Abstimmung ergab eine 2:1-Führung der Befürworter des Irving-Auftritts.

Innerhalb der Studentenschaft spitzt sich der Konflikt drastisch zu: Einige Studenten hätten Morddrohungen erhalten, meldet die Seite guardian.co.uk. Ein asiatischstämmiger Bürger, der gegen den Auftritt demonstriert hatte, sei mit rassistischen Beschimpfungen traktiert worden. Mehr als 1000 Unterschriften versammelt eine an Premier Gordon Brown gerichtete Petition, die eine Ächtung der Veranstaltung verlangt. Studentengruppen und Gewerkschafter haben bereits eine Kundgebung am Rathaus von Oxford abgehalten, zu der auch Holocaust-Überlebende geladen waren.

Für Luke Tryl, den Präsidenten der Oxford Union, geht der Protest an der Sache vorbei. Die Veranstaltung solle dazu dienen, Irving und Griffin zu attackieren. "Sie am Auftritt zu hindern, wird sie nur zu Märtyrern der freien Rede machen", erklärte er in einer Mitteilung. Die jüdische Gesellschaft der Universität sieht darin keinen Nutzen: Wenn man Antisemiten einlade, legitimiere man automatisch deren Ansichten.

Irving, der für seine Leugnung des Holocausts in Österreich zu drei Jahren Haft verurteilt wurde, und Griffin, der hartnäckig abstreitet, die BNP sei eine rassistische Partei, sind skandalträchtige Redner - selbst nach den Kriterien der Debattiergesellschaft. 1823 gegründet, rekrutiert die Oxford Union ihre Mitglieder vor allem aus dem Kreis der Oxforder Studenten und Akademiker. Formal ist sie aber unabhängig.

Zwei Arten des rhetorischen Wettkampfs werden unterschieden: das sogenannte Wettbewerbsdebattieren, zu dem nur Mitglieder der Union zugelassen sind, und das "Chamber Debating", zu dem prominente Gastredner geladen werden.

Die Liste der Berühmtheiten, die bei der Oxford Union zu kontroversen Themen Rede und Antwort standen, ist lang. Sie umfasst Politgrößen wie Winston Churchill und Jimmy Carter, Wissenschaftler wie Stephen Hawking sowie Rock- und Fußballstars. Sogar Kermit, der Frosch, lieferte sich in Englands nobelstem Diskutierclub schon ein Rededuell.

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Hinweis der Redaktion: In einer früheren Version dieses Beitrags wurde der Eindruck erweckt, die Politiker Browne und McShane seien zu Irving-Debatte eingeladen gewesen, hätten aber abgesagt. Richtig ist: Beide haben die Teilnahme an anderen Debatten abgesagt. Luke Tryl gab sein zitiertes Statement nicht - wie zuvor berichtet - dem "Guardian", sondern veröffentlichte es in einer Mitteilung auf der Website der Oxford Union. Es wurde erwähnt, die "Studentengewerkschaft" plane eine Kundgebung im Rathaus. Tatsächlich hat die Demonstration verschiedener Studentengruppen und des Gewerkschaftskongresses bereits am vergangenen Dienstag vor dem Rathaus stattgefunden. Die Petition an Gordon Brown fordert nicht, wie anfangs berichtet, das Verbot der Irving-Debatte, sondern deren Ächtung durch Brown. Wir bitten unsere Leser um Entschuldigung für die Fehler.

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