Debattierclubs: Unser Hobby heißt Streiten
Wie ist das, wenn man zu allem eine Meinung hat? Ausprobieren können das Studenten in Debattierclubs, in denen es darum geht, spontan einen zugelosten Standpunkt zu verteidigen. Doch die Hirnsportler werden von Nachwuchssorgen geplagt.
Ein Winterabend in Düsseldorf. Beim Treffen von "debate!", dem Debattierclub der Heinrich-Heine-Universität, geht es mal wieder um ein spannendes Thema: "Dösen bis zur Unterschrift - ist Anwesenheitspflicht Freiheitsberaubung?"
Man könnte annehmen, dass sich die versammelten Hochschüler schnell einig sind und darauf pochen, dass man einen Erwachsenen doch nicht ernsthaft zwingen kann, auch den langweiligsten Professor zu ertragen. Aber so läuft das nicht, wenn "debate!" zusammenkommt.
"Wir wollen lernen, Probleme von zwei Seiten zu betrachten", heißt es auf der Homepage. Deswegen werden bei jeder Veranstaltung zwei Lager gebildet. Beide bekommen die gleiche Zeit, um ihre Argumente zu präsentieren. Und man hört der Gegenseite zu, ganz ruhig und ohne dazwischenzureden. Nicht unbedingt, um sich überzeugen zu lassen. Aber um zu verstehen, worum es den anderen geht.
Wir sind hier nicht beim Talk-TV!
Leider kann man solche formvollendeten Debatten heute nur noch sehr selten beobachten. Praktisch nie an Stammtischen und im deutschen Bundestag. Auch nicht unbedingt bei JauchIllnerLanzMaischberger und den anderen Talkshows im deutschen TV. Schon gar nicht dort, wo sich auch Studenten jeden Tag herumtreiben: in sozialen Netzwerken.
Die Pioniere der digitalen Communities dachten einst, sie würden die Diskussionskultur voranbringen. In Wahrheit sind gerade Facebook und Co. zu wahren Debattenkillern geworden. Dort regt man sich jeden Tag ein bisschen mehr auf. Bloß diskutiert wird fast nie.
Ein kleiner Auszug aus dem Empörungskosmos der letzten Wochen: Amazon, Boni, Bio-Eier, Pferdefleisch, Riemann, Sexismus, Steinbrück. Beinahe jedes Thema ist wichtig. Man muss jedoch lange suchen, um im Internet auch nur eine einzige gute Debatte zu einem dieser Themen zu entdecken. Was auch daran liegt, dass sich fast niemand an die oberste Maßgabe des Debattierclubs der Uni Düsseldorf hält: die verschiedenen Seiten eines Problems zu betrachten - und manchmal sein eigenes Verhalten zu hinterfragen.
Beim Skandal um Amazon hätte sich das gelohnt. Mitte Februar lief in der ARD eine Dokumentation über die Zustände im Logistikzentrum des Internethändlers in Bad Hersfeld, es ging um die Ausbeutung Hunderter Mitarbeiter. In den Netzwerken kippte die Stimmung. Gestern noch war es "superpraktisch", über Amazon das Buch für die Seminararbeit gebraucht für ein paar Euro bekommen zu haben. Dann wurde der Skandal öffentlich - und es hieß: "Boykott! Jetzt, sofort und alle!"
Hätte man nicht schon vor dem ARD-Film auf die Idee kommen können, dass das Modell Amazon seine Schattenseiten haben muss? Dass es ganz sicher unerfreuliche Maßnahmen erfordert, wenn selbst eine erst am 23. Dezember bestellte DVD-Box noch vor der Bescherung geliefert wird? Es wirkt Wunder, sich im empörten Zustand zurückzulehnen - und zumindest kurz mal nachzudenken, bevor man den Mund aufmacht oder in die Tastatur hackt.
Debattierclubs als Retter der Streitkultur
Empörung ist ein simpler Reflex auf subjektiv wahrgenommene Missstände. Doch simple Reflexe bringen eine Debatte nicht voran, und besonders nachhaltig sind sie oft auch nicht. Wie hoch wohl die Quote derer ist, die im Auge des Amazon-Shitstorms den Boykott predigten - und nun schon längst wieder günstige DVDs und Bücher geordert haben?
Wie es um die Streitkultur mittlerweile bestellt ist, zeigen ausgerechnet die Piraten. Ein paar Monate lang standen sie für das Versprechen einer neuen digitalen Debattenkultur. Nicht streng hierarchisch sollten Debatten verlaufen, sondern flüssig und fließend. Das klappte nicht. Das Internet nutzen die Piraten derzeit fast nur noch, um sich gegenseitig zu beleidigen.
So sieht es aus, als seien die etwa 70 Debattierclubs der deutschen Hochschulen so wichtig wie nie. Sie könnten dabei helfen, dass die Streitkultur nicht vollends verkommt. Sie könnten ein Gegengewicht schaffen zum Gekeife in den Netzen, zur schlichten Wahrheit und zum platten Schwarzweißdenken.
Selbst die Anwesenheitspflicht, lernten die Teilnehmer der Diskussion in Düsseldorf zum Beispiel, hat ihre guten Seiten. Bereitet sie einen nicht hervorragend aufs Berufsleben vor? Lehrt sie einen nicht die Disziplin, die man später im Job braucht? Und wer weiß: Vielleicht verpasst der Seminar-Schwänzer manch interessante Debatte, während er sich zu Hause mit seinen Lehrbüchern plagt.
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