UniSPIEGEL


Debattierclubs: Unser Hobby heißt Streiten

Von André Bosse

Landestreff der Berliner Piratenpartei: Internet als Beleidigungsmaschine?Zur Großansicht
DPA

Landestreff der Berliner Piratenpartei: Internet als Beleidigungsmaschine?

Wie ist das, wenn man zu allem eine Meinung hat? Ausprobieren können das Studenten in Debattierclubs, in denen es darum geht, spontan einen zugelosten Standpunkt zu verteidigen. Doch die Hirnsportler werden von Nachwuchssorgen geplagt.

Ein Winterabend in Düsseldorf. Beim Treffen von "debate!", dem Debattierclub der Heinrich-Heine-Universität, geht es mal wieder um ein spannendes Thema: "Dösen bis zur Unterschrift - ist Anwesenheitspflicht Freiheitsberaubung?"

Man könnte annehmen, dass sich die versammelten Hochschüler schnell einig sind und darauf pochen, dass man einen Erwachsenen doch nicht ernsthaft zwingen kann, auch den langweiligsten Professor zu ertragen. Aber so läuft das nicht, wenn "debate!" zusammenkommt.

"Wir wollen lernen, Probleme von zwei Seiten zu betrachten", heißt es auf der Homepage. Deswegen werden bei jeder Veranstaltung zwei Lager gebildet. Beide bekommen die gleiche Zeit, um ihre Argumente zu präsentieren. Und man hört der Gegenseite zu, ganz ruhig und ohne dazwischenzureden. Nicht unbedingt, um sich überzeugen zu lassen. Aber um zu verstehen, worum es den anderen geht.

Wir sind hier nicht beim Talk-TV!

Leider kann man solche formvollendeten Debatten heute nur noch sehr selten beobachten. Praktisch nie an Stammtischen und im deutschen Bundestag. Auch nicht unbedingt bei JauchIllnerLanzMaischberger und den anderen Talkshows im deutschen TV. Schon gar nicht dort, wo sich auch Studenten jeden Tag herumtreiben: in sozialen Netzwerken.

Die Pioniere der digitalen Communities dachten einst, sie würden die Diskussionskultur voranbringen. In Wahrheit sind gerade Facebook und Co. zu wahren Debattenkillern geworden. Dort regt man sich jeden Tag ein bisschen mehr auf. Bloß diskutiert wird fast nie.

Ein kleiner Auszug aus dem Empörungskosmos der letzten Wochen: Amazon, Boni, Bio-Eier, Pferdefleisch, Riemann, Sexismus, Steinbrück. Beinahe jedes Thema ist wichtig. Man muss jedoch lange suchen, um im Internet auch nur eine einzige gute Debatte zu einem dieser Themen zu entdecken. Was auch daran liegt, dass sich fast niemand an die oberste Maßgabe des Debattierclubs der Uni Düsseldorf hält: die verschiedenen Seiten eines Problems zu betrachten - und manchmal sein eigenes Verhalten zu hinterfragen.

Beim Skandal um Amazon hätte sich das gelohnt. Mitte Februar lief in der ARD eine Dokumentation über die Zustände im Logistikzentrum des Internethändlers in Bad Hersfeld, es ging um die Ausbeutung Hunderter Mitarbeiter. In den Netzwerken kippte die Stimmung. Gestern noch war es "superpraktisch", über Amazon das Buch für die Seminararbeit gebraucht für ein paar Euro bekommen zu haben. Dann wurde der Skandal öffentlich - und es hieß: "Boykott! Jetzt, sofort und alle!"

Hätte man nicht schon vor dem ARD-Film auf die Idee kommen können, dass das Modell Amazon seine Schattenseiten haben muss? Dass es ganz sicher unerfreuliche Maßnahmen erfordert, wenn selbst eine erst am 23. Dezember bestellte DVD-Box noch vor der Bescherung geliefert wird? Es wirkt Wunder, sich im empörten Zustand zurückzulehnen - und zumindest kurz mal nachzudenken, bevor man den Mund aufmacht oder in die Tastatur hackt.

Debattierclubs als Retter der Streitkultur

Empörung ist ein simpler Reflex auf subjektiv wahrgenommene Missstände. Doch simple Reflexe bringen eine Debatte nicht voran, und besonders nachhaltig sind sie oft auch nicht. Wie hoch wohl die Quote derer ist, die im Auge des Amazon-Shitstorms den Boykott predigten - und nun schon längst wieder günstige DVDs und Bücher geordert haben?

Wie es um die Streitkultur mittlerweile bestellt ist, zeigen ausgerechnet die Piraten. Ein paar Monate lang standen sie für das Versprechen einer neuen digitalen Debattenkultur. Nicht streng hierarchisch sollten Debatten verlaufen, sondern flüssig und fließend. Das klappte nicht. Das Internet nutzen die Piraten derzeit fast nur noch, um sich gegenseitig zu beleidigen.

So sieht es aus, als seien die etwa 70 Debattierclubs der deutschen Hochschulen so wichtig wie nie. Sie könnten dabei helfen, dass die Streitkultur nicht vollends verkommt. Sie könnten ein Gegengewicht schaffen zum Gekeife in den Netzen, zur schlichten Wahrheit und zum platten Schwarzweißdenken.

Selbst die Anwesenheitspflicht, lernten die Teilnehmer der Diskussion in Düsseldorf zum Beispiel, hat ihre guten Seiten. Bereitet sie einen nicht hervorragend aufs Berufsleben vor? Lehrt sie einen nicht die Disziplin, die man später im Job braucht? Und wer weiß: Vielleicht verpasst der Seminar-Schwänzer manch interessante Debatte, während er sich zu Hause mit seinen Lehrbüchern plagt.

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
Auf anderen Social Networks teilen
  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
insgesamt 10 Beiträge
joG gestern, 16:09 Uhr
....recht spannend zum diskutieren, wo sie so konstruiert sind, dass das möglich ist. Leider ist das bei SPON weniger gut gelungen. Wahrscheinlich ist das aber bewusst so gemacht.
....recht spannend zum diskutieren, wo sie so konstruiert sind, dass das möglich ist. Leider ist das bei SPON weniger gut gelungen. Wahrscheinlich ist das aber bewusst so gemacht.
TS_Alien gestern, 16:09 Uhr
Zitat aus dem Artikel: "Dass es ganz sicher unerfreuliche Maßnahmen erfordert, wenn selbst eine erst am 23. Dezember bestellte DVD-Box noch vor der Bescherung geliefert wird?" Wieso sollte das unerfreuliche Maßnahmen [...]
Zitat aus dem Artikel: "Dass es ganz sicher unerfreuliche Maßnahmen erfordert, wenn selbst eine erst am 23. Dezember bestellte DVD-Box noch vor der Bescherung geliefert wird?" Wieso sollte das unerfreuliche Maßnahmen erfordern? Genau daran kranken viele Debatten. Es werden Behauptungen aufgestellt und selten begründet, wobei Begründungen auch falsch sein können. Aber ohne Begründungen bleiben die Behauptungen nur Geschwätz. Daran ändern Debattierclubs natürlich nichts. Gerade dort wird geschwätzt ohne Ende, sonst könnte man am Ende fast jeder Debatte zu einem gemeinsamen Ergebnis kommen. Zum ordentlichen Debattierungen gehören Begründungen, auf die man als Gegenseite eingehen kann und muss. Ich wünschte mir einmal einen Journalisten, der bei einem Interview oder einer Fragestunde der Regierung eine Begründung für das vom Interviewpartner oder Regierungssprecher bzw. einem Politiker Gesagte verlangen würde. Doch diese Zeiten sind offensichtlich vorbei. Auch im Bundestag wird nicht debattiert. Es werden vorgefertigte Reden aufgesagt und das ist es dann schon. Darauf kann jeder verzichten.
thelix gestern, 16:10 Uhr
Guter Artikel! Könnte zwar noch etwas mehr in die Tiefe gehen, aber trotzdem sehr schön. Leider verstehen die meisten Menschen unter "Diskussion/Debatte" etwas völlig falsches, nämlich das unbedingte Verteidigen des [...]
Guter Artikel! Könnte zwar noch etwas mehr in die Tiefe gehen, aber trotzdem sehr schön. Leider verstehen die meisten Menschen unter "Diskussion/Debatte" etwas völlig falsches, nämlich das unbedingte Verteidigen des eigenen Standpunktes "bis zum letzten Mann". Ich spiele in solchen Streits selber ja gerne den Advocatus Diaboli, damit wenigstens EINER eine abweichende Meinung vertritt und auch mal andere Sichtweisen ins Gespräch einfließen können. Leider wird das sehr oft missverstanden. Wenn mehrere Leute sich über ein Thema unterhalten sind entweder alle ganz schnell darin, sich gegenseitig den Bauch zu Pinseln und sich gegenseitig zu bestätigen, oder aber die Leute brüllen sich an. Abweichung wird selten toleriert... P.S. Eine Frage zum Autor hätte ich. Sind Sie DER André Bosse? Vom GALORE-Magazin? :o)
thelix gestern, 16:24 Uhr
Tja... MANCHE Dinge sind einfach derart offensichtlich, daß es eigentlich nicht nötig ist, sie erklären. Ich probier's mal: Wenn es bei IHNEN am 24.12. gegen 18 Uhr an der Tür klingelt und IHNEN besagte DVD-Box ausgehändigt [...]
Zitat von TS_AlienZitat aus dem Artikel: "Dass es ganz sicher unerfreuliche Maßnahmen erfordert, wenn selbst eine erst am 23. Dezember bestellte DVD-Box noch vor der Bescherung geliefert wird?" Wieso sollte das unerfreuliche Maßnahmen erfordern? Genau daran kranken viele Debatten. Es werden Behauptungen aufgestellt und selten begründet, wobei Begründungen auch falsch sein können.
Tja... MANCHE Dinge sind einfach derart offensichtlich, daß es eigentlich nicht nötig ist, sie erklären. Ich probier's mal: Wenn es bei IHNEN am 24.12. gegen 18 Uhr an der Tür klingelt und IHNEN besagte DVD-Box ausgehändigt wird... WER muss dann wohl FÜR SIE darauf verzichten, Heiligabend mit der Familie zu verbringen? Naaa?! ^^ (Ich kann Ihnen leider keinen Preis für die Antwort versprechen, aber ein paar Gummipunkte sind drin ;o)
anschein gestern, 16:46 Uhr
Die Piraten in Bayern haben längst die Vorteile einer strukturierten Debatte erkannt und nutzten sehr erfolgreich ein Format ähnlich dem von Debattierclubs bei ihren letzen Parteitagen. http://www.youtube.com/watch?v=Npc18ZI_N5E [...]
Die Piraten in Bayern haben längst die Vorteile einer strukturierten Debatte erkannt und nutzten sehr erfolgreich ein Format ähnlich dem von Debattierclubs bei ihren letzen Parteitagen. http://www.youtube.com/watch?v=Npc18ZI_N5E Auf dem kommenden Bundesparteitag soll das auch dort verwendet werden.
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik UniSPIEGEL
alles aus der Rubrik Studium
alles zum Thema Studium und Internet

© UniSPIEGEL 2/2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Mittwoch, 01.05.2013 – 13:46 Uhr
  • Drucken Versenden Feedback
  • Kommentieren | 10 Kommentare
Heft 2/2013 Das große Schummeln Warum so viele Studenten bei anderen abschreiben



Social Networks

Entdecken Sie außerdem UniSPIEGEL auf...




TOP



TOP