Studiengang Demenz: "Das kann sogar witzig sein"
Architekten, Juristen, Philosophen - sie alle sollen übers Alter nachdenken: An der Privatuni Witten-Herdecke startet der deutschlandweit einmalige Master-Studiengang Demenz. Im Interview erklärt Christel Bienstein, Leiterin der Pflegewissenschaft, warum die Arbeit mit Alten "nicht nur schrecklich" ist.
UniSPIEGEL: Warum braucht die deutsche Uni-Landschaft einen "Demenz"-Master?
Bienstein: Das verdeutlichen zwei Zahlen. 1,3 Millionen Menschen leiden in Deutschland derzeit offiziell an Demenz, und jedes Jahr erkranken mehr als 200.000 neu daran. Zudem gehen wir von einer hohen Dunkelziffer aus, da die Krankheit häufig nicht diagnostiziert wird.
UniSPIEGEL: Was kann sich durch den Studiengang für die Kranken ändern?
Bienstein: Das Problem ist, dass die interdisziplinäre Zusammenarbeit noch nicht funktioniert. Architekten, die ein Altenheim bauen sollen, wissen zum Beispiel oft nicht, welche Wohnsituationen für demenzkranke Menschen am sinnvollsten sind. Dabei haben wir Pflegewissenschaftler Forschungsergebnisse dazu! Wir brauchen nur einen besseren Austausch, und das wollen wir durch den Studiengang erreichen.
UniSPIEGEL: Wer kann sich bewerben?
Bienstein: Pro Jahr sollen maximal 30 Master-Studenten zugelassen werden, aus allen Bereichen, die mit der Krankheit konfrontiert sind. Das wären natürlich einerseits Mediziner, Krankenkassenvertreter, Sozialarbeiter und Pfleger. Aber auch Architekten und Städteplaner, die sich ja mehr denn je Gedanken über das Thema "Betreutes Wohnen" machen müssen. Juristen können sich ebenfalls bewerben, da sie es zunehmend mit Vollmachten, Patientenverfügungen oder Entmündigungen zu tun bekommen. Und Philosophen - wegen der ethischen Fragestellungen.
UniSPIEGEL: Demenz zu studieren klingt zunächst nicht sehr attraktiv. Was bietet der Studiengang?
Bienstein: Die Studenten finden, berufsbegleitend, Antworten auf ganz wichtige Fragen: Wie erleben Kranke und Angehörige die Veränderungsprozesse? Was muss in den Kommunen passieren, damit diese Menschen nicht durchs Netz fallen? Es gibt zehn Wochenendseminare pro Jahr, alles andere läuft über E-Learning und Skype. Und die direkte Arbeit mit Demenzkranken ist nicht nur schrecklich, ganz im Gegenteil: Es gibt sehr viele schöne Situationen. Denn die Betroffenen verhalten sich nicht so angepasst wie wir, sondern nehmen sich wesentlich mehr Freiheiten heraus. Jeder Altenpfleger weiß, dass das manchmal sogar witzig sein kann.
Der sechssemestrige Teilzeit-Master-Studiengang kostet 16.000 Euro. Die Robert-Bosch-Stiftung vergibt 24 Stipendien.
Das Interview führte Lena Greiner
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- Freitag, 06.04.2012 – 11:34 Uhr
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