Deutsch-türkische Studentin: "Wir fühlen uns angegriffen"

Von Anne Onken

Wer gegen türkischstämmige Jugendliche pöbelt, bekommt es mit ihr zu tun: Die Berliner Studentin Aylin Selçuk wurde mit ihrem Verein "Die Deukische Generation" zur emsigen Migranten-Lobbyistin. Sie hat bereits die Kanzlerin getroffen - und jetzt den Politkrawallo Thilo Sarrazin angezeigt.

Engagement für Migranten: Wie Aylin Selçuk für die Deukischen wirbt Fotos
DeuKische Generation

Die Geschichte von Ali hat sie schon oft erzählt. Von dem Hauptschüler aus Neukölln, ohne Perspektive, ohne Hoffnung - und ohne das Gefühl, in Deutschland willkommen zu sein, obwohl er hier geboren ist. Das klassische Beispiel für gescheiterte Integration.

Aylin Selçuk, 21, kennt viele junge Deutsch-Türken wie Ali. Früher dachte sie: Das sind "Prolltürken", die an ihrem Misserfolg selbst Schuld sind. Dann interviewte sie für ihre Abi-Arbeit türkischstämmige Hauptschüler und lernte deren Verzweiflung kennen. Heute ärgert sie sich über Bildungspolitiker, die sich nicht kümmern, und über ein Land, das seine Einwanderer und deren Kinder abstempelt, als Last, als Problem.

Kalt und hart wird ihre Stimme, wenn sie über Leute wie Thilo Sarrazin spricht, den ehemaligen Finanzsenator in Berlin, der jetzt im Vorstand der Bundesbank sitzt. Sarrazin hatte Anfang Juni bei einem Vortrag gesagt, das schwächere Bildungsniveau vieler Zuwanderer könne Deutschland schaden. "Wir werden auf natürlichem Wege durchschnittlich dümmer", sagte Sarrazin - und griff dann erneut in seine unterste, offenbar gut gefüllte, Ressentimentschublade. Es gebe "eine unterschiedliche Vermehrung von Bevölkerungsgruppen mit unterschiedlicher Intelligenz" und Intelligenz werde größtenteils von Eltern an Kinder weitergegeben. Selçuk zeigte Sarrazin daraufhin an - wegen Volksverhetzung und Beleidigung.

Selçuk findet sich nicht ab mit ihrem Groll, schluckt ihn nicht einfach runter. Sie ist überzeugt: Auch Kids wie Ali können etwas beitragen, wenn man sie fördert. Nur vergesse das die Gesellschaft viel zu oft. Deshalb gründete sie 2007 den Verein "Die Deukische Generation". Sie gab Interviews, saß bei Podiumsdiskussionen, legte sich mit Politikern an. Zeitungen und Sender berichteten gern über sie. Denn sie war das Positivbeispiel - türkischstämmig, Abitur am Elite-Internat, engagiert, eloquent. Ihre Botschaft: Deutsch-türkische ("deukische") Jugendliche sind eine Bereicherung. "Wir wollten einfach sagen, dass wir dazugehören; dass junge Migranten ein Potential sind."

Die Zahnmedizin-Studentin Selçuk ist über die Jahre zu einer ziemlich professionellen Öffentlichkeitsarbeiterin geworden, zu einer Art Lobbyistin für junge Deutsch-Türken.

Sie wittert Vorurteile

Nach den Sarrazin-Äußerungen organisierte Selçuks Verein Ende Juni eine Demo vor der SPD-Zentrale, die Partei sollte ihn ausschließen. "Leute wie Sarrazin haben in einer sozialdemokratischen Partei nichts zu suchen", so Selçuk. Generalsekretärin Andrea Nahles kam dazu, sprach mit den "Deukischen". Nahles habe sich von Sarrazin distanziert und versprochen, das Thema erneut auf die Agenda zu setzen.

Warum also noch die Anzeige? "Wir fühlen uns wirklich persönlich angegriffen", sagt Selçuk. Per Formular auf der Web-Seite sammelt der Verein weitere Mitstreiter für Strafanzeigen gegen Sarrazin, der mit seinen Äußerungen "die Menschenwürde der Teile der deutschen Bevölkerung mit ausländischer Herkunft" angegriffen habe. Ein Berliner Anwaltsbüro reichte am Dienstag eine Strafanzeige wegen "gezielt beleidigender rassistischer Äußerungen" im Namen Selçuks und anderer Berliner Bürger ein. Ermittelt wird gegen Sarrazin nun in Darmstadt, dem "Tatort" seiner umstrittenen Aussagen, teilte die Berliner Staatsanwaltschaft mit.

Neukölln ist keine sieben Kilometer Luftlinie entfernt und doch sehr weit weg an diesem Sommernachmittag. Bei Starbucks am Ku'damm sitzen vor allem Fußballmuffel und Touristen, die das WM-Spiel wohl nicht anschauen werden. Aylin Selçuk sticht hier mit ihrem Deutschlandtrikot und Minirock heraus. Dazu trägt sie Ballerinas im Muster ihrer braun-beigen Handtasche.

Als sie ihren Kaffee mit Karte zahlen möchte, soll sie sich trotz des Kleckerbetrags ausweisen. Ob das hier so üblich sei, will sie wissen. Sie ist gewohnt nachzuhaken; sie wittert Vorurteile. Der Verkäufer erwidert: Ja, das sei die Standardprozedur. In anderen Fällen weist Selçuk auch freundlich darauf hin, dass sie besser Deutsch spreche als viele andere und dass sie ein Einser-Abi habe. Wer es genau wissen möchte, erfährt auch, dass sie kurz vor dem Physikum steht und später als Zahnärztin arbeiten will.

Sie müsse nicht Politik studieren, um sich politisch engagieren zu können, sagt Selçuk. Nach etlichen Interviews weiß sie, wie die Medien ticken; auch die Spielregeln des Politikgeschäfts hat sie längst verinnerlicht. Mit einigen einprägsamen Schlüsselsätzen und aktuellen Studien im Hinterkopf macht die gebürtige Berlinerin immer wieder Eindruck. Bei Bedarf kann Selçuk auch einen Coach anrufen, der den Verein ehrenamtlich berät.

Termin mit der Kanzlerin: Aylin trifft Angela

Latente Vorurteile gehörten zum Alltag vieler Deutsch-Türken, sagt Selçuk. "Das ist auf Dauer sehr anstrengend." Sie könne verstehen, dass immer mehr türkischstämmige Akademiker ihr Glück im Ausland suchen. Rund 40.000 Türken und türkischstämmige Deutsche sind im vergangenen Jahr allein in die Türkei gegangen - weit mehr, als aus der Türkei nach Deutschland kamen.

Um den Migranten hier eine Stimme zu geben, hat sie die "Deukischen" gegründet. Etablierte türkische Vereine hätten zwar Lobbyarbeit gemacht, die Meinung von hier geborenen Jugendlichen aber nicht wirklich vertreten. Gerade ein Jahr nach der Aufregung um die Rütli-Schule, als das Image der türkischen Zuwandererkinder auf dem Tiefpunkt war, ist die damalige Abiturientin aus Charlottenburg-Wilmersdorf aktiv geworden.

Als Erfolg verbucht Aylin Selçuk Termine wie den mit Angela Merkel im Vorfeld eines Integrationsgipfels. Der Verein bekam Gelegenheit, sich der Kanzlerin vorzustellen, und Selçuk sagte ihren Satz von den Migranten, die ein Potential sind für Deutschland. "Frau Merkel hat das dann bei anderer Gelegenheit wiederholt", freut sie sich.

Ihr Verein zählt inzwischen 70 aktive Mitglieder. Aber es sei verdammt wichtig, sich in der Arbeit nicht zu verlieren, sagt die Studentin. Manchmal wundere sie sich selbst, wie sie das alles neben ihrem Studium mache.

Aylin Selçuk reist zu Podiumsdiskussionen nach Dänemark, sie war beim Integrationsgipfel der SPD. Von der neuen Familienministerin Kristina Schröder sei sie schon eingeladen worden, um über Integration zu sprechen. Außerdem sitzt Selçuk mit ihrem Verein in einer Arbeitsgruppe zum Thema Integration in Berlin-Mitte.

Das Land der Ideen lässt die Zukunft verkümmern

Dort pocht sie vor allem darauf, dass türkischstämmige Kinder besser gefördert werden, dass sich ihre Bildungssituation verbessert. Mahnt, Klassen zu verkleinern, mehr Lehrer einzustellen, Kinder und Jugendliche nach ihren Möglichkeiten zu fördern. "Es heißt immer, Deutschland sei das Land der Ideen. Aber wir liegen OECD-weit bei den Bildungsausgaben auf einem der letzten Plätze." Gerade für Jugendliche in Bezirken, in denen mehr als die Hälfte aus sozial schwachen Familien mit Migrationshintergrund stamme, sei das fatal. Deutschland müsse als ressourcenarmes Land mehr Geld für Bildung ausgeben als andere.

Deshalb geht Selçuk mit ihren Mitstreitern auch an Schulen, um deukische Jugendliche zu ermutigen, alles zu geben. Das Projekt "Youth for All" soll Jugendliche beim Einstieg ins Berufsleben unterstützen. Und vor allem sollen sie auch lernen, sich nicht für ihre Herkunft zu schämen.

Das sagt sich leicht. Selçuk weiß: Gerade Mädchen, die mit Kopftuch durch die Stadt laufen, stünden permanent unter Generalverdacht, unterdrückt zu werden und stockkonservativ zu sein. Für einen Tag machte Selçuk selbst den Kopftuch-Test: "Diese Blicke. Man hat mich angestarrt, aber nicht gegrüßt, niemand hat mir Gesundheit gewünscht, wenn ich niesen musste."

Aylin Selçuk hatte Glück mit ihrem liberalen Elternhaus. Der Vater ist Journalist, die Mutter Regionsleiterin bei einer Bank. Unter anderen Ausgangsbedingungen wäre sie wohl kaum an einer weiterführenden Schule gelandet, glaubt Selçuk heute. Doch habe sie selbst zunächst an einem Grunewalder Gymnasium behauptet, Italienerin zu sein. "Ich hatte keine Lust auf blöde Fragen: Darfst du Schweinefleisch essen, am Sportunterricht teilnehmen?"

Berliner Lokalpolitiker begrüßen das Engagement der "Deukischen Generation". Die Arbeit helfe, sagt Christian Hanke, Bezirksbürgermeister von Berlin-Mitte. "Selçuk und ihre Kollegen sind sehr nah an den Jugendlichen dran, sie sind Vorbilder." Gerade Jugendlichen, die fast nur Hartz IV als Perspektive sähen, könne so neuer Mut gemacht werden.

Aylin Selçuk verabschiedet sich zum Public Viewing mit ihren Vereinskollegen. Sie werden dem deutschen Team zujubeln und hoffen, dass Mesut Özil wieder in Topform ist. Wie beim Spiel gegen Ghana, als der türkischstämmige 20-Jährige das deutsche Team rettete.

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