Studieren online: Anwesenheitspflicht, adé

Von Christine Xuân Müller

Deutsche Hochschulen im Netz: Studium digitale Fotos
DPA

2. Teil: Experten warnen: Nicht hinter jedem virtuellen Angebot steckt Qualität

Die Hochschulrektorenkonferenz (HRK) befasst sich seit einigen Jahren mit dem Veränderungspotential der neuen Medien in der Lehre. 2010 veröffentlichte sie eine Handreichung zum Thema "Herausforderungen Web 2.0". In dem knapp 60-seitigen Dokument werden detailliert netzgestützte Anwendungen analysiert, die schon damals in die Hochschullehre Einzug gehalten hatten, wie Multimediaplattformen, Weblogs, Podcasts, Wikis oder Tagging-Systeme.

"Das Thema hat sich seit damals dramatisch weiterentwickelt", sagt der HRK-Vizepräsident für IT-Strukturen und Informationsversorgung Professor Joachim Metzner. Für das alltagsbezogene Lernen brauche es heute theoretisch keine "verortete Hochschule" mehr. Auch die Forschung sei ohne intensive Nutzung digitaler Medien gar nicht mehr möglich.

Hinzu komme, dass besonders Studierende eine Bevölkerungsgruppe seien, die eine umfassende digitale Informationskompetenz mitbringen und alltäglich nutzen. Insgesamt seien Hochschulen also vielleicht mehr noch als viele andere Bereiche in "extremer Weise darauf angewiesen, mit dem technologischen Wandel mitzuhalten", sagt Metzner.

Die HRK hat deshalb im vergangenen Dezember eine weitere Empfehlung verabschiedet, in der es unter anderem darum geht, dass deutsche Hochschulen künftig die Versorgung aktueller IT-Infrastruktur sicherstellen und die Informationskompetenz nicht nur der Studierenden, sondern vor allem auch der Lehrenden und der Mitarbeiter angesichts des rasanten Technikwandels langfristig "up to date" halten müssen. Vor allem die Schnelligkeit, mit der sich technologische Trends verändern, kann die Bildungsinstitutionen vor Probleme stellen.

Lernmanagementsysteme haben fast alle deutschen Hochschulen

Beim Thema E-Learning, wie der Einsatz neuer Medien in der Lehre meist zusammengefasst wird, stehen deutsche Hochschulen im Vergleich mit ausländischen Akademikerschmieden offenbar gut da. "Das Thema E-Learning ist für die meisten Hochschulen schon lange so selbstverständlich geworden, dass man einfach nicht mehr viel darüber spricht und das E in der Lehre besonders betont", sagt Dr. Anne Thillosen. Sie ist Projektleiterin von e-teaching.org. Die Plattform ist am Leibniz-Institut für Wissensmedien in Tübingen angesiedelt und richtet sich an alle, die neue Medien in der Lehre einsetzen oder einsetzen wollen.

Thillosen zufolge verfügen mittlerweile fast alle Hochschulen in Deutschland über sogenannte Lernmanagementsysteme (LMS), also Online-Plattformen, über die nicht nur die Sprechzeiten von Professoren oder Prüfungstermine abrufbar sind. LMS werden bislang vor allem dafür genutzt, Lehrveranstaltungen virtuell abzubilden, Materialien in Form von PDF-Dokumenten, Powerpoint-Präsentationen, Videos, Podcasts und anderen Dokumenten zum Vorbereiten oder Nachlesen bereitzustellen, beziehungsweise um Studierende zur aktiven virtuellen Zusammenarbeit anzuregen etwa in Wikis, in Foren oder in virtuellen Lerngruppen.

Thillosen schätzt, dass an vielen deutschen Hochschulen zwischen 30 bis 50 Prozent aller in einem Semester angebotenen Lehrveranstaltungen mittlerweile von einem Lernmanagement begleitet werden und quasi als "Anreicherung von Präsenzveranstaltungen" dienen.

Die Spannbreite digitaler Medien in der Hochschullehre reicht aber weiter: An der Universität Heidelberg gibt es beispielsweise virtuelle Patienten im Medizinstudium oder an der Hochschule Ruhr West kleine Apps, mit deren Hilfe Studierende mit Smartphones oder Tablets ihre Stundenpläne aktualisieren können. Viele Professoren sind mittlerweile auf Twitter und Facebook präsent oder bieten Vorlesungsvideos auf Youtube und anderen Plattformen gratis im Netz an.

"Einfach nur eine Vorlesung ins Netz zu stellen, ist sinnlos"

Mit Blick auf die USA entsteht zwar der Eindruck, dass die Möglichkeiten des Internets von Hochschullehrern hierzulande weniger offensiv genutzt werden. "Die Zurückhaltung in Deutschland hat aber auch etwas mit den strengeren Datenschutzrichtlinien zu tun, zum Beispiel im Zusammenhang mit Online-Klausuren oder bei der Nutzung von sozialen Netzwerken", meint Thillosen.

Für eine gute netzgestützte Lehre reicht es unterdessen nicht, einfach nur Material online zu stellen und darauf zu hoffen, dass Studierende das begeistert durcharbeiten. Deutschlands wohl bekanntester YouTube-Professor, der Mathematiker Jörn Loviscach von der Fachhochschule Bielefeld, dessen Vorlesungsvideos schon mehr als fünf Millionen Mal angeklickt wurden, sagte kürzlich in einem Interview: "Einfach nur eine 90-minütige Vorlesung ins Netz zu stellen, ist sinnlos." Nötig seien ganz neue Formate, in denen kurze Vorträge zum Beispiel mit Aufgaben gemischt werden und Professoren und Studierende miteinander interaktiv kommunizieren.

Genau das wollen die Moocs bieten, weshalb die Erwartungen an sie derzeit hoch sind. Die technischen Möglichkeiten entwickeln sich rasant. So wird den Apps für mobile Endgeräte großes Wachstumspotential vorausgesagt. Zu diesem Fazit kommt etwa der aktuelle Horizon Report 2012 des New Media Consortium (NMC) und der Educause Learning Initiative, die zusammen jährlich die weltweit neuesten und wichtigsten Technologien im Bildungsbereich identifizieren. Prognostiziert wird darin, dass Apps, in denen Lehrstoff in kleinen Portionen komfortabel aufbereitet wird, in den nächsten Jahren massenweise Verbreitung findet.

Der Veränderungsdruck durch digitale Medien wird in der Lehre zunehmen, sind sich Beobachter einig. Wer den Wandel ignoriere, könne rasch von Konkurrenten überholt werden. Erste Versuche, virtuelle Hochschulen als Geschäftsmodell zu etablieren, gibt es. Das sehen etwa die Pläne des Schweriner IT-Experten Alfons Rissberger vor.

Doch allen Innovationen zum Trotz ist vorerst sicher: Nicht jedes virtuelle Bildungsangebot bietet tatsächlich Hochschulqualität, betont HRK-Experte Metzner. Wenn es darum geht, Abschlüsse zu machen, würden Studierende jedenfalls nach wie vor lieber in Massen an die akkreditierten Präsenzhochschulen strömen.

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insgesamt 14 Beiträge
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1.
gog-magog 30.01.2013
Zitat von sysopStudieren immer und überall: Viele deutsche Dozenten setzen inzwischen aufs Internet - und bieten mehr als nur Vorlesungen im Netz. Professoren twittern, Studenten diskutieren online oder lassen sich fernprüfen, berichtet das Hochschulmagazin "duz". Was noch fehlt, ist ein Geschäftsmodell. Deutsche Hochschulen online: Mehr als Vorlesung im Netz - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/deutsche-hochschulen-online-mehr-als-vorlesung-im-netz-a-879736.html)
Interessant ist, wie die Leuphana sich selbst für überflüssig erklärt und ihre eigene Abschaffung betreibt. Die Sparkommissare in den Politbüros wirds sehr freuen.
2. saubere Recherche
ZeroOne84 30.01.2013
Liebe Redaktion.. Wenn sie schon über einen mit Computern besetzten Lehrraum berichten, dann wählen sie bitte von der Uni Magdeburg kein Bild aus der Bibliothek aus. Das ist irgendwie verzerrend.
3. Geld, Geld, Geld...
dunham 30.01.2013
...nichts zählt mehr oder ist etwas wert, außer es fließt Geld in irgendjemandes Tasche. Ich meine, hey, die Universitäten sind das Eigentum der Steuerzahler oder? Genau wie ARD und ZDF und ihre Abkömmlinge ohne Steuergelder nie so riesig geworden wären. Da haben wir alle zusammen uns etwas geschenkt. Nun haben sie die Chance, uns etwas dafür zurück zu geben. Freie Vorlesungen auf Youtube, freie Sendungen in den Mediatheken, kostenlose eBooks in den Büchereien. Aber - moment mal - da hält doch schon wieder jemand die Hand auf, um am Volkseigentum zu verdienen. Kann die nicht mal jemand aufklären, wer sie eigentlich sind und was sie in wessen Auftrag tun? DH
4. alles oo neu..
zelema030 30.01.2013
das nennt man Schlafmützenjournalismus... - 1999 FU Berlin war es bereits möglich das Gehörte und gesehene sich nochmals im Internet anzuhören bzw zu sehen Stichwort Whiteboard. Seitdem habe ich diverse Unis besucht (Ok immer Informatikschiene) und es gab immer eine Möglichkeit des Onlinestudiums was ist speziell neu das damit Werbung gemacht wird? In jedem Fall kann ich berichten das ich es nicht so gut finde denn es setzt totale Selbstkontrolle vorraus und dieses alleine Zuhause lernen isoliert natürlich schon diese ach so kontaktfreudigen Informatiker. - I
5.
zelema030 30.01.2013
Zitat von dunham...nichts zählt mehr oder ist etwas wert, außer es fließt Geld in irgendjemandes Tasche. Ich meine, hey, die Universitäten sind das Eigentum der Steuerzahler oder? Genau wie ARD und ZDF und ihre Abkömmlinge ohne Steuergelder nie so riesig geworden wären. Da haben wir alle zusammen uns etwas geschenkt. Nun haben sie die Chance, uns etwas dafür zurück zu geben. Freie Vorlesungen auf Youtube, freie Sendungen in den Mediatheken, kostenlose eBooks in den Büchereien. Aber - moment mal - da hält doch schon wieder jemand die Hand auf, um am Volkseigentum zu verdienen. Kann die nicht mal jemand aufklären, wer sie eigentlich sind und was sie in wessen Auftrag tun? DH
Rischtisch, Sie haben Recht, jeder weiss das aber es glänzt soooo schön, mein Schatz.
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Flipped Classroom oder auch inverted classroom heißt soviel wie "umgedrehter Unterricht". Hausaufgaben und Unterricht vertauschen hier die Reihenfolge. Studenten schauen sich den Lehrinhalt zu Hause online an. Bereitgestellt werden etwa Vorlesungsvideos, Material und Aufgaben. So vorbereitet treffen sie später real auf den Dozenten, der dann, statt einen Vortrag zu halten, zielgerichtete Fragen stellt und mit den Studenten das Thema diskutiert.
Microlearning
Microlearning ist das Lernen in kleinen Einheiten und kurzen Schritten. Insbesondere netzgestützte Anwendungen sind damit gemeint. Kleine Informationseinheiten und Testfragen werden über den Computer oder via App aufs Smartphone oder Tablet vom Server abgerufen. Die Software beobachtet den individuellen Lernfortschritt und passt die Fragestellungen an den Nutzer an.
Mooc (Massive open online courses)
Mooc (Massive open online courses) sind interaktive Online-Kurse mit offenem Zugang und unbegrenzter Teilnehmerzahl. Meist richten sie sich nicht nur an klassische Studenten an verschiedenen Hochschulen, sondern auch an neue Zielgruppen wie Schüler oder Berufstätige. Sie bieten die Möglichkeit, Hochschullehre zu bezahlbaren Konditionen im Internet anzubieten.
P2PU
P2PU steht für Peer-to-Peer-University. Das ist eine kleinere Online-Initiative, die ähnlich wie die großen Moocs arbeitet, allerdings mit weniger Geld ausgestattet ist und auf viel Eigeninitiative und Idealismus basiert. So kann hier nicht nur jeder kostenlos an Kursen teilnehmen, sondern auch selber welche anbieten. Siehe: Website der P2PU - Peer-to-Peer-University

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