Piefke-Alarm: Österreich schmiedet Allianz gegen deutsche Studenten

Studenten in Wien: Ist von ausländischen Studenten die Rede, sind deutsche gemeint Zur Großansicht
Universität Wien / Franz Pflueg

Studenten in Wien: Ist von ausländischen Studenten die Rede, sind deutsche gemeint

Österreichs Hochschulen sind bei deutschen Studenten beliebt - so sehr, dass die Gäste zum Problem werden. Das Wissenschaftsministerium will darum einheimische Bewerber bevorzugen dürfen und setzt sich in einer EU-weiten Allianz für weniger Zuzug ein.

Es war ein Urteil in einem Einzelfall, aber für Österreichs Regierung könnte es sich zum Problem auswachsen: In der vergangenen Woche sprach der Oberste Gerichtshof einem ehemaligen Studenten Schadensersatz zu, weil er an seiner überfüllten Hochschule nicht zügig studieren konnte. Der Staat muss nun für Lebenshaltungskosten, Studiengebühren und Verdienstausfall aufkommen. Er sei schließlich verpflichtet, die Hochschulen finanziell angemessen auszustatten, argumentierten die Richter. Jetzt fürchten sie in der Regierung, Studenten aus dem ganzen Land könnten den Staat in ähnlicher Weise verklagen, weil ihr Studium länger gedauert hat als geplant.

Wissenschaftsminister Karlheinz Töchterle (ÖVP) will mit Zugangsbeschränkungen reagieren, um mehr Platz an österreichischen Unis zu schaffen. Die Hochschulen sollen dabei ausländische Studenten, die in die Alpenrepublik strömen, stärker aussortieren dürfen. "In stark nachgefragten Fächern muss man die Möglichkeit schaffen, österreichische Studierende bevorzugt aufzunehmen", sagte Töchterle der Tageszeitung "Österreich".

"Es gibt eine Schieflage"

Wenn in Österreich von ausländischen Studenten die Rede ist, sind meist die deutschen Studenten gemeint. Sie machen die größte Ausländergruppe an österreichischen Hochschulen aus. Gut jeder zehnte Student kommt aus Deutschland, die Zahl ist in den vergangenen Jahren stark gewachsen, zuletzt auf mehr als 28.500. Vor allem Wien und die grenznahen Uni-Städte Salzburg und Innsbruck sind beliebt. In Österreich ist das Studium seit 2008 weitgehend kostenlos und der Zugang in vielen Fächern einfacher als in Deutschland - und mancher dort fühlt sich von Bewerbern aus dem Norden überrannt.

Fotostrecke

10  Bilder
Wir Alpen-Studenten: Oh, du mein Österreich
"Es gibt eine Schieflage, mit der wir umzugehen haben", sagte Töchterles Sprecherin Elisabeth Grabenweger. Man zerbreche sich deshalb den Kopf darüber, wie man eine gewisse Bevorzugung österreichischer Studenten erreichen könne, ohne dass das dem europäischen Gedanken der Mobilität widerspreche.

Keine Quoten, aber was dann?

Vorstöße, um die heimischen Hochschulen gegen den deutschen Studentenansturm abzuschirmen, gibt es in Österreich immer wieder. So sind seit 2006 drei Viertel der Studienplätze in Medizin für Österreicher reserviert. Dass eine ähnliche Quotenregel bald auch für andere Fächer gelten könnte, wies Töchterles Ministerium allerdings zurück.

Damit würde der Minister auch nicht durchkommen: Die EU-Kommission hat die Regelung nur widerwillig und befristet bis 2016 akzeptiert. Der Europäische Gerichtshof hatte im Jahr 2010 geurteilt, dass die Freizügigkeit europäischer Medizinstudenten ausnahmsweise eingeschränkt werden dürfe, falls sie zu einem Ärztemangel im eigenen Land führe, dem man nicht auch auf andere Weise beikommen könne.

Wie die Unis bei der Bewerberwahl stattdessen zwischen heimischen und ausländischen Studenten unterscheiden dürfen sollen, ist unklar. Töchterle habe das Thema bereits im Europäischen Rat angesprochen und wolle damit demnächst bei der EU-Kommission vordringen, sagte Sprecherin Grabenweger. Auch Staaten wie Schweden, Dänemark, Belgien und Tschechien hätten mit "asymmetrischer Mobilität", also mit hohen Studentenzahlen aus anderen Ländern, zu kämpfen. "Wir schmieden daher Allianzen."

Man wolle sich auch bald mit Bundesbildungsministerin Johanna Wanka (CDU) treffen. Doch große Hoffnungen, dass Töchterle bei ihr mit der Forderung nach Ausgleichzahlungen durchkomme, mache man sich nicht. Österreich hätte gern Geld vom deutschen Staat dafür, dass seine Hochschulen so viele deutsche Studenten ausbilden. Wankas Vorgängerin Annette Schavan habe die deutsche Position dazu jedoch schon klar formuliert, sagte Grabenweger. "Sie stand dem nicht positiv gegenüber."

lov

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 46 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Freizügigkeit light
balsamico58 28.05.2013
So viel zum Thema volle Freizügigkeit in der EU für alle EU-Bürger. Andererseits, warum sollte es nicht auch gesellschaftlich und kulturell ein grosses Hauen und Stechen geben wie in der Wirtschaft und im Sozialen? Denn, ist es nicht gerade Österreich, das den älteren Arbeitnehmern aus der EU die Freizügikeit auf ihrem nationalen Arbeitsmarkt zu nahezu 100% verwehren? Ellbogenmentalität und Rosinenpickerei sind immer noch en vogue.
2. Wie sieht es mit im Land lebenden Ausländern aus?
aladar_m 28.05.2013
Das frage ich mich gerade - Freunde von mir sind 1991 mit einem Kleinkind nach Österreich gezogen, das zweite Kind wurde dort geboren. Alle vier haben die deutsche Staatsbürgerschaft. Wenn ich eines dieser Kinder wäre, würde ich mich benachteiligt fühlen, wenn ich dann als Ausländer schlechtere Karten bzgl. des Studienplatzes hätte. In diesem speziellen Falle trifft es aber nicht zu, weil beide bereits das Fach ihrer Wahl studieren.
3. Wer soll das bezahlen?
salisburgo 28.05.2013
Es ist eben eine Kostefrage. Wenn die deutsche Regierung strikt gegen Ausgleichszahlungen ist, was bleibt dann noch über? Deutschland "exportiert" mehr Studenten als es aufnimmt. Wie kommen die anderen Länder dazu, deren Ausbildung zu zahlen? Das hat nichts mit Ellenbogenmentalität zu tun. Ich bediene mich ja auch nicht aus anderer Leute Kühlschrank, ohne zu zahlen. Und für die Österreich lebenden lässt sich sicher eine Lösung finden. Hauptwohnsitz seit so und so vielen Jahren z.B.. Da gibt es viele Möglichkeiten
4. Och Joh!
Carlo Nappo 28.05.2013
Zitat von salisburgoEs ist eben eine Kostefrage. Wenn die deutsche Regierung strikt gegen Ausgleichszahlungen ist, was bleibt dann noch über? Deutschland "exportiert" mehr Studenten als es aufnimmt. Wie kommen die anderen Länder dazu, deren Ausbildung zu zahlen? Das hat nichts mit Ellenbogenmentalität zu tun. Ich bediene mich ja auch nicht aus anderer Leute Kühlschrank, ohne zu zahlen. Und für die Österreich lebenden lässt sich sicher eine Lösung finden. Hauptwohnsitz seit so und so vielen Jahren z.B.. Da gibt es viele Möglichkeiten
Das ist eine vorsätzlich falsche Darstellung und stimmt so nicht. In Deutschland sind es ebenfalls über 11% Ausländeranteil, die hier kostenfrei studieren. Die Gesamtanzahl der Studierenden liegt hier bei derzeit 2,2 Millionen, in Österreich ziemlich genau entsprechend der niedrigeren Bevölkerungszahl bei rund 250.000. Knapp und präzise: Deutschland nimmt fast soviel ausländische Studenten auf, wie Österreich insgesamt hat. Wird hier diesbezüglich seit Jahren auch nur ansatzweise so gejammert, wie in Österreich?
5. Die Lösung wären Studiengebühren
hartmannulrich 28.05.2013
Andere Länder freuen sich, wenn ihre Universitäten internationalen Zulauf haben - und machen ein Geschäft damit. Es ist klar, daß kleine Länder überproportional viele Studenten aus dem Ausland haben. Die Lösung könnten Studiengebühren sein; für einheimische Studenten kann man mit Stipendienprogrammen einen Ausgleich schaffen. Ich nehme an, das wäre EU-kompatibel.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik UniSPIEGEL
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Studium
RSS
alles zum Thema Österreich
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen


  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 46 Kommentare
  • Zur Startseite