Istanbul-Erasmus im Tränengas: "Ich wäre am liebsten weggerannt"

Deutscher Student in Istanbul: Zwischen Neugier und Atemnot Fotos
AFP

Er war nur neugierig - und geriet mitten in die Proteste in Istanbul. Hier berichtet Erasmus-Student Philipp, 25, aus Tübingen über brennendes Tränengas auf der Haut, seine Angst und wie er binnen Minuten zum überzeugten Demonstranten wurde.

Zehntausende Demonstranten, Verletzte, möglicherweise sogar Tote - keiner wusste zu diesem Zeitpunkt Genaueres, aber alle sprachen darüber. Eigentlich wollte ich nur nachsehen, was da los war auf dem Taksim-Platz. Ich war neugierig. Also machte ich mich - wie so viele andere - am Freitagabend auf den Weg dorthin.

Ich bin kein Krawall-Demonstrant, normalerweise. Ich bin Erasmus-Student aus Tübingen, seit Herbst 2012 studiere ich in Istanbul. Ansonsten lerne ich hier Türkisch und Arabisch, spiele Gitarre und tanze Salsa. Niemals hätte ich damit gerechnet, mich hier ohne Schal, Atemschutz oder Helm schutzlos zu fühlen. Diese Tage der Polizeigewalt und des Aufstands werde ich wohl nie vergessen:

Auf dem Weg zum Taksim-Platz mache ich noch einen Abstecher ins Deutsche Krankenhaus, wo bereits Dutzende auf eine Behandlung warten. In der Notaufnahme sind die Atemschutzmasken ausgegangen, großzügig überlässt mir eine Krankenschwester ihre Zweitmaske: ein Papierfetzen mit Gummizug.

Es brennt im Gesicht, auf der Haut, in der Lunge

Bis zum Taksim-Platz schaffe ich es zunächst nicht einmal. Mit Pfefferspray und Tränengas treiben die Polizisten die Demonstranten zurück. Selbst wenn eine Pfeffergasbombe ein paar Meter entfernt explodiert, treibt einem das Gas sofort Tränen in die Augen. Das Gas brennt im Gesicht, auf der Haut, in der Lunge. Es dauert nicht lange, und ich bin nicht nur mittendrin, sondern überzeugter Teilnehmer der Protestbewegung. Denn: Mit jedem Angriff der Polizei will ich mich mehr gegen deren übertriebene Härte wehren.

Ich gelange in eine Seitenstraße, in der mehrere Demonstranten mit verdünntem Zitronensaft warten, den sie Hilfesuchenden ins Gesicht sprühen. Dort, in der Seitengasse, erzählt mir ein Demonstrant, er wolle gleich die Polizeibarriere passieren, um einen Freund von der anderen Seite des Taksim-Platzes zu holen. Ich habe Zweifel an dem Plan, aber die Neugier ist einfach zu groß.

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Demonstranten in Istanbul: Gesichter des Protests
Mein neuer Protestgefährte heißt Ozan, ein etwa 30-jähriger Türke, der direkt von der Arbeit zum Protest gekommen ist. Ozan will in einer der Feuerpausen langsam und kontrolliert auf die Polizisten zu- und dann an ihnen vorbeigehen. Der Knackpunkt dabei ist das Timing - wir dürfen nicht gemeinsam mit der Menschenmasse in den Bombenhagel geraten. Der erste Versuch schlägt fehl: Andere Aktivisten bewegen sich mit uns auf die Polizisten zu, wir werden attackiert. Das Timing des zweiten Vorstoßes ist noch unpassender. Kaum zehn Meter von der Polizei entfernt, strömt die Menschenmasse hinter uns auf die Blockade zu. Die Polizisten antworten mit Tränengasgranaten, eine explodiert direkt unter mir. Wir flüchten in einen Hausflur, vor dem Eingang platzt die nächste Pfeffergasbombe.

Rauch breitet sich im Hauseingang und in meiner Lunge aus. Ich entscheide mich zur Flucht nach oben. Ein großer Fehler, der Rauch steigt schließlich auch auf. Bald halte ich es nicht mehr aus, haste wieder herunter, mit jedem Stockwerk, das ich nach unten stürme, nimmt der Dunst zu. Ozan wartet im Hausflur. "Ist alles in Ordnung?", fragt er. "Nein", sage ich. Ich glaube, jeden Moment das Bewusstsein zu verlieren. Ozan breitet meine Arme aus. Aus seiner Tasche reicht er mir eine weiße Tablette. "Auf die Zunge legen, aber nicht schlucken!"

"Ich werde weiter auf die Straße gehen"

Am liebsten würde ich sofort wegrennen, zwinge mich aber zur Ruhe. Ich trinke Wasser und atme langsam. Diesmal warten wir den richtigen Moment ab, bevor wir nach draußen laufen. Da wir nur zu zweit sind, beachten die Polizisten uns kaum. Schnell sind wir an ihnen vorbei. Der Taksim-Platz ist jetzt fast menschenleer. Links von uns, in der großen Einkaufsstraße Istiklal Caddesi, hören wir Lärm und Polizei. Der Rauch bis zu den Häuserdächern lässt erahnen, wie heftig es dort gerade zugeht. Auf der anderen Seite beginnt der Stadtteil Harbiye. Dort können wir zum ersten Mal wieder richtig durchatmen. Unbeeindruckt sitzen die Leute in Restaurants und genießen ihr Abendessen.

Mein Plan für die folgenden Tage ist, auf alles gefasst zu sein. Ich werde weiter auf die Straße gehen. Nicht weil ich gegen die AKP oder mit den Bäumen sein will. Mein persönlicher Grund ist ein anderer: Ich habe in den vergangenen Monaten gelernt, dass es keine einheitliche Türkei gibt. Das Land ist nationalistisch, kommunistisch, mal modern, mal konservativ, manchmal türkisch und manchmal auch kurdisch. Doch in den Medien ist meist nur die Regierungsmeinung zu hören und zu lesen.

Manchmal erschien mir die Gesellschaft zu zersplittert, um dieser starken Regierung etwas entgegenzusetzen. Bei den Protesten habe ich zum ersten Mal erlebt, dass sich unterschiedliche Teile des Volkes eng genug zusammengeschlossen haben, um sich lautstark zu artikulieren. Ich glaube, gehört zu werden, ist eine wichtige Erfahrung für die Menschen hier.

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insgesamt 16 Beiträge
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1. Purer Leichtsinn
LarsLondon 06.06.2013
Lassen wir mal die Hintergruende des Protests aussen vor. Der Autor entschliesst sich aus reiner Neugier, in eine Strassenschlacht zu ziehen, zu einem Zeitpunkt als die Lage offensichtlich schon eskaliert und es zu schweren Zusammenstoessen zwischne Demonstranten und der Polizei gekommen ist?? Sorry, dafuer habe ich herzlich wenig Verstaendnis. Das ist nichts als Leichtsinn. Und die Erfahrung hat den Autor dann 'radikalisiert' und vom Schaulustigen zum Protestler werden lassen.
2. Würde in Deutschland nicht anders sein
karlsiegfried 06.06.2013
Auch hier würden Demonstranten zu Kriminellen abgestempelt werden. Siehe Stuttgart 21.
3.
canan 06.06.2013
Vielen Dank SPON, dass ihr nicht aufhört zu berichten.
4. Danke SPON
ansorge5000 06.06.2013
Möchte mir hier auch bei SPON bedanken! Tolle Berichterstattung und weiter so.
5. Bitte weiter machen.
tingltangl-bob 06.06.2013
Ich hoffe sehr dass die Deutschen Medien weiter offen über diese Bewegung in der Türkei berichten. In der Türkei zeigt man lieber Tiersendungen und ignoriert es einfach. Es gibt leider auch wenige Zeitungen die sich nicht beeindrucken lassen. Danke.
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