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05. Juni 2012, 08:54 Uhr

Umfrage unter Studenten

Behindert, ohne es zu wissen

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Tausende Studenten können nicht studieren, wie sie wollen, denn sie sind chronisch krank oder behindert. Eine neue Studie zeigt, dass sie vor allem unter Zeitdruck und taktlosen Dozenten leiden. Viele holen sich trotzdem keine Hilfe - aus Scham oder mangels Information.

Sie kann nichts mehr sehen, kaum noch hören und wenn sie zwei Tage Seminare an der Uni besucht hat, braucht sie zwei Tage Pause. Trotzdem sagt Katrin Dinges, 26: "Ich bin froh, dass ich studiere." Sie ist jetzt im 14. Semester, ob sie ihren Abschluss in Deutscher Literatur und Europäischer Ethnologie schafft, weiß sie nicht. "Ich habe keine Kraft, die ganze Zeit gegen Dozenten anzukämpfen", sagt sie.

Acht Prozent aller deutschen Studenten fühlen sich laut Deutschem Studentenwerk durch eine Behinderung oder chronische Krankheit im Studium beeinträchtigt. Katrin Dinges ist eine von ihnen. Jetzt hat das Studentenwerk 15.000 Studenten online befragt, die durch eine körperliche, geistige oder seelische Beeinträchtigung im Studium behindert werden. Die Forscher wollten wissen: Wie werden sie im Studium benachteiligt? Welche Hilfsangebote nutzen sie? Am Montag hat dessen Präsident Dieter Timmermann die Studie (Studie als pdf) in Berlin vorgestellt.

Dabei hatten sie in der Befragung das Wort "Behinderung" bewusst nicht verwendet, denn die meisten betroffenen Studenten würden sich selbst nicht als behindert bezeichnen. Laut Sozialgesetzbuch gilt als behindert, wessen "körperliche Funktion, geistige Fähigkeit oder seelische Gesundheit" länger als ein halbes Jahr von dem abweicht, was in seinem Alter normal wäre, wodurch seine Teilhabe am gesellschaftlichen Leben erschwert wird.

Den meisten sieht man ihr Handicap nicht an

Das Ergebnis: 60 Prozent der Befragten, die im Studium Schwierigkeiten haben, fühlen sich stark oder sehr stark beeinträchtigt. 70 Prozent haben Probleme mit den zeitlichen Vorgaben und 61 Prozent mit organisatorischen, also beispielsweise bei den Seminaren immer anwesend zu sein. 63 Prozent haben Schwierigkeiten mit der Lehre oder mit Prüfungen, sie empfinden etwa die Seminare als zu lang oder sie können mit den bereitgestellten Materialien nichts anfangen.

Dinges ist meist mit ihrem Blindenstock unterwegs, ihre Dozenten und Kommilitonen erkennen ihre Behinderung auf den ersten Blick - damit ist sie eine Ausnahme: Denn der großen Mehrheit (94 Prozent) der befragten Studenten sieht man ihr Handicap nicht an. Nur etwa jeder Zehnte ist körperlich behindert oder wie Katrin Dinges seh- oder hörbehindert. Fast jeder zweite Befragte gab an, psychisch krank zu sein. Jeder Fünfte leidet unter einer chronisch-somatischen Krankheit, also beispielsweise unter Allergien, Magen-Darm-Erkrankungen oder chronischen Schmerzen, und etwa jeder Zwanzigste gibt eine Teilleistungsstörung an, er hat also beispielsweise Probleme mit dem Schreiben, Rechnen oder der Konzentration.

Weil sich Studenten wegen einer Rechtschreibschwäche, einer Allergie oder einer Depression oft nicht als behindert sehen, holen sie sich oft keine Hilfe, auch wenn viele Unis diese anbieten. Nur etwa jeder dritte Befragte hat bislang einen Antrag auf Nachteilsausgleich gestellt, also beispielsweise auf Prüfungszeitverlängerung oder auf einen individuellen Stundenplan. Mehr als die Hälfte wusste nichts von der Möglichkeit und hat deswegen keinen Antrag gestellt, andere wollten ihr Handicap nicht preisgeben, fühlten sich nicht angesprochen, wussten nicht, dass sie zur Zielgruppe gehören oder wollten keine Extrabehandlung.

Verständnislose Dozenten: "Kein Aufschub, nur weil Sie traurig sind"

Gerade die körperlich behinderten Studenten brauchen oft besondere Unterstützung, sonst kämen sie gar nicht ins Seminar: 13 Prozent der Befragten sind auf eine barrierefreie Hochschule angewiesen, 38 Prozent auf eine besondere Akustik, Beleuchtung, Belüftung und Ruheräume. Die Befragung zeigt: Viele Unis tragen dem besonderen Bedarf ihrer Studenten nicht ausreichend Rechnung.

Oft ist nicht einmal ein Umbau nötig, damit es die Betroffenen leichter haben. Es reichen schon mehr Informationen, das wünscht sich zumindest ein Viertel der Studenten, die an der Umfrage teilnahmen. Ein Teilnehmer sagte: "Welche Nachteilsausgleiche sind möglich? Ich wusste bis zum dritten Semester nicht, dass ich keine Studiengebühren zahlen brauche!"

Gerade Studenten mit psychischen Problemen, wissen oft nicht, wie sie damit umgehen sollen: "Ist es sinnvoll den Dozenten gegenüber die eigenen Beeinträchtigungen und Störungen offen zu legen?", schreibt einer in der Online-Befragung. "Von therapeutischer und gesellschaftlicher Seite heißt es meist: Besser nicht." Die Schamgrenze bei psychischen Krankheiten sei relativ hoch, sagt ein anderer.

Und manch ein Dozent hat auch offensichtlich noch nicht verstanden, was eine Depression für die Betroffenen bedeutet: "Meine Beeinträchtigung (Depression) wurde vom betreffenden Dozenten nicht anerkannt. Zitat: 'Ich kann Ihnen keinen Aufschub geben, nur weil Sie traurig sind'", berichtet ein Befragter.

Katrin Dinges hat schon häufig schlechte Erfahrungen gemacht. Sie spricht vor jedem Seminar mit ihrem Dozenten: Sie sei schwerhörig und blind, sie brauche etwas Hilfe, könne nur folgen, wenn die Kommilitonen in ein Mikro sprechen. Manche Dozenten störe das nicht, andere sagten, ein Mikro hemme die Diskussion und rieten ihr sogar von dem Seminar ab. "Ich muss oft fragen: Darf ich in Ihren Kurs? Bitte, ich möchte ihn gern besuchen", sagt sie. "Das fühlt sich mies an."

Einmal hatte sie eine Dozentin, die sagte: "Ich weiß nicht, wie ich mit Ihnen umgehen soll. Bitte sagen Sie mir, was Sie brauchen." Offen und ehrlich - das hat Katrin Dinges gefallen, das wünscht sie sich auch von anderen Dozenten. Sie sollen ihr helfen, wo sie Hilfe braucht und sie ansonsten behandeln wie alle anderen Studenten. Und: "Ich will mich nicht mehr rechtfertigen müssen, dass ich an der Uni bin."

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