Umfrage unter Studenten: Behindert, ohne es zu wissen

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Tausende Studenten können nicht studieren, wie sie wollen, denn sie sind chronisch krank oder behindert. Eine neue Studie zeigt, dass sie vor allem unter Zeitdruck und taktlosen Dozenten leiden. Viele holen sich trotzdem keine Hilfe - aus Scham oder mangels Information.

Behindert studieren: Sage ich dem Dozenten, dass ich Hilfe brauche? Fotos
ddp

Sie kann nichts mehr sehen, kaum noch hören und wenn sie zwei Tage Seminare an der Uni besucht hat, braucht sie zwei Tage Pause. Trotzdem sagt Katrin Dinges, 26: "Ich bin froh, dass ich studiere." Sie ist jetzt im 14. Semester, ob sie ihren Abschluss in Deutscher Literatur und Europäischer Ethnologie schafft, weiß sie nicht. "Ich habe keine Kraft, die ganze Zeit gegen Dozenten anzukämpfen", sagt sie.

Acht Prozent aller deutschen Studenten fühlen sich laut Deutschem Studentenwerk durch eine Behinderung oder chronische Krankheit im Studium beeinträchtigt. Katrin Dinges ist eine von ihnen. Jetzt hat das Studentenwerk 15.000 Studenten online befragt, die durch eine körperliche, geistige oder seelische Beeinträchtigung im Studium behindert werden. Die Forscher wollten wissen: Wie werden sie im Studium benachteiligt? Welche Hilfsangebote nutzen sie? Am Montag hat dessen Präsident Dieter Timmermann die Studie (Studie als pdf) in Berlin vorgestellt.

Dabei hatten sie in der Befragung das Wort "Behinderung" bewusst nicht verwendet, denn die meisten betroffenen Studenten würden sich selbst nicht als behindert bezeichnen. Laut Sozialgesetzbuch gilt als behindert, wessen "körperliche Funktion, geistige Fähigkeit oder seelische Gesundheit" länger als ein halbes Jahr von dem abweicht, was in seinem Alter normal wäre, wodurch seine Teilhabe am gesellschaftlichen Leben erschwert wird.

Den meisten sieht man ihr Handicap nicht an

Das Ergebnis: 60 Prozent der Befragten, die im Studium Schwierigkeiten haben, fühlen sich stark oder sehr stark beeinträchtigt. 70 Prozent haben Probleme mit den zeitlichen Vorgaben und 61 Prozent mit organisatorischen, also beispielsweise bei den Seminaren immer anwesend zu sein. 63 Prozent haben Schwierigkeiten mit der Lehre oder mit Prüfungen, sie empfinden etwa die Seminare als zu lang oder sie können mit den bereitgestellten Materialien nichts anfangen.

Dinges ist meist mit ihrem Blindenstock unterwegs, ihre Dozenten und Kommilitonen erkennen ihre Behinderung auf den ersten Blick - damit ist sie eine Ausnahme: Denn der großen Mehrheit (94 Prozent) der befragten Studenten sieht man ihr Handicap nicht an. Nur etwa jeder Zehnte ist körperlich behindert oder wie Katrin Dinges seh- oder hörbehindert. Fast jeder zweite Befragte gab an, psychisch krank zu sein. Jeder Fünfte leidet unter einer chronisch-somatischen Krankheit, also beispielsweise unter Allergien, Magen-Darm-Erkrankungen oder chronischen Schmerzen, und etwa jeder Zwanzigste gibt eine Teilleistungsstörung an, er hat also beispielsweise Probleme mit dem Schreiben, Rechnen oder der Konzentration.

Weil sich Studenten wegen einer Rechtschreibschwäche, einer Allergie oder einer Depression oft nicht als behindert sehen, holen sie sich oft keine Hilfe, auch wenn viele Unis diese anbieten. Nur etwa jeder dritte Befragte hat bislang einen Antrag auf Nachteilsausgleich gestellt, also beispielsweise auf Prüfungszeitverlängerung oder auf einen individuellen Stundenplan. Mehr als die Hälfte wusste nichts von der Möglichkeit und hat deswegen keinen Antrag gestellt, andere wollten ihr Handicap nicht preisgeben, fühlten sich nicht angesprochen, wussten nicht, dass sie zur Zielgruppe gehören oder wollten keine Extrabehandlung.

Verständnislose Dozenten: "Kein Aufschub, nur weil Sie traurig sind"

Gerade die körperlich behinderten Studenten brauchen oft besondere Unterstützung, sonst kämen sie gar nicht ins Seminar: 13 Prozent der Befragten sind auf eine barrierefreie Hochschule angewiesen, 38 Prozent auf eine besondere Akustik, Beleuchtung, Belüftung und Ruheräume. Die Befragung zeigt: Viele Unis tragen dem besonderen Bedarf ihrer Studenten nicht ausreichend Rechnung.

Oft ist nicht einmal ein Umbau nötig, damit es die Betroffenen leichter haben. Es reichen schon mehr Informationen, das wünscht sich zumindest ein Viertel der Studenten, die an der Umfrage teilnahmen. Ein Teilnehmer sagte: "Welche Nachteilsausgleiche sind möglich? Ich wusste bis zum dritten Semester nicht, dass ich keine Studiengebühren zahlen brauche!"

Gerade Studenten mit psychischen Problemen, wissen oft nicht, wie sie damit umgehen sollen: "Ist es sinnvoll den Dozenten gegenüber die eigenen Beeinträchtigungen und Störungen offen zu legen?", schreibt einer in der Online-Befragung. "Von therapeutischer und gesellschaftlicher Seite heißt es meist: Besser nicht." Die Schamgrenze bei psychischen Krankheiten sei relativ hoch, sagt ein anderer.

Und manch ein Dozent hat auch offensichtlich noch nicht verstanden, was eine Depression für die Betroffenen bedeutet: "Meine Beeinträchtigung (Depression) wurde vom betreffenden Dozenten nicht anerkannt. Zitat: 'Ich kann Ihnen keinen Aufschub geben, nur weil Sie traurig sind'", berichtet ein Befragter.

Katrin Dinges hat schon häufig schlechte Erfahrungen gemacht. Sie spricht vor jedem Seminar mit ihrem Dozenten: Sie sei schwerhörig und blind, sie brauche etwas Hilfe, könne nur folgen, wenn die Kommilitonen in ein Mikro sprechen. Manche Dozenten störe das nicht, andere sagten, ein Mikro hemme die Diskussion und rieten ihr sogar von dem Seminar ab. "Ich muss oft fragen: Darf ich in Ihren Kurs? Bitte, ich möchte ihn gern besuchen", sagt sie. "Das fühlt sich mies an."

Einmal hatte sie eine Dozentin, die sagte: "Ich weiß nicht, wie ich mit Ihnen umgehen soll. Bitte sagen Sie mir, was Sie brauchen." Offen und ehrlich - das hat Katrin Dinges gefallen, das wünscht sie sich auch von anderen Dozenten. Sie sollen ihr helfen, wo sie Hilfe braucht und sie ansonsten behandeln wie alle anderen Studenten. Und: "Ich will mich nicht mehr rechtfertigen müssen, dass ich an der Uni bin."

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insgesamt 114 Beiträge
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1. klaus64 Fehlende Auslese
klaus64 05.06.2012
Jedes Kind zum Gymnasium, jeden Gymnasiasten zur Universität - da braucht man sich nicht wudern, dass es immer mehr Studenten gibt, die das Pensum nicht schaffen. Es fehlt die natürlich notwendige Auslese. Versuche das Ausbildungsniveau dem gesunkenem Niveau der Studenten anzupassen sind der falsche Weg. Es müssten ja dann auch die deutschen Firmen die Anforderungen an ihre zukünftigen Mitarbeiter senken. Deutsche Absolventen und die deutsche Industrie befinden sich im globalen Wettbewerb mit steigenden Anforderungen und nicht auf dem Weg einer möglichen Reduzierung. Ich halte diese Diskussion für völlig falsch. Mein eigener Lebenslauf 12 Jahre bis zum Abitur, 5 Jahre Chemiestudium, mit 26 Jahren promoviert, dazwischen wurde noch unser Sohn geboren und meine Frau hat ihr Chemiestudium auch nach 5 Jahren abgeschlossen - war das aus heutiger Sicht "unmenschlich"? Unsere Familie fühlt sich noch immer recht wohl.
2. Herr Turtur macht es wie Pipilotta Pefferminza
viwaldi 05.06.2012
Zitat von sysopTausende Studenten können nicht studieren wie sie wollen, denn sie sind chronisch krank oder behindert. Eine neue Studie zeigt, dass sie vor allem unter Zeitdruck und taktlosen Dozenten leiden. Viele holen sich trotzdem keine Hilfe - aus Scham oder mangels Information. Deutsches Studentenwerk: Umfrage unter behinderten Studenten - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/0,1518,836865,00.html)
Viele Studenten leben in einer Welt von Larmoyanz und Scheinheiligkeit. Hart im Austeilen, weich im Nehmen. In Vorlesungen essen, trinken, telephonieren - wenn man überhaupt kommt. In einer Welt von Edutainment groß geworden, hat der Unterhaltungswert einer Vorlesung den höchsten Stellenwert. Gut werden die Dozenten beurteilt, die solche Reflexe bedienen und damit oft genug aus einer Hochschule eine Volkshochschule machen. Ein Lehrbuch? - zu dick: "bitte ein Script". Ein Script? "Haben wir nicht gelesen, war nur schwarz-weiß, ohne Bilder". Viele Studenten täuschen sich selber als emotionale und intellektuelle Scheinriesen (Herr Turtur) - ein wissenschaftliches Studium erscheint dann als unverschämte Zumutung. Insofern hat der Artikel Recht, diese Menschen sind behindert ohne es zu wissen. Ihnen fehlt eine psychio-soziale Reife, sie sind in ihrer persönlichen Entwicklung stehengeblieben auf kindlichem Niveau. Jedes Scheitern, - und sei es nur vorläufig- erscheint damit als schwere narzistische Kränkung. Taktlose Dozenten mag es auch geben, sie als Kern des Problems darzustellen stellt psychologisch gesehen nichts weiter als eine Verschiebung dar. Das Grundproblem ist so angstbesetzt, dass man sich ihm nicht nähern möchte - bitte gar nicht erst ansprechen. Das ist politisch nicht korrekt. Es lebe das Pipilotta-Prinzip!
3. optional
Moritz_h 05.06.2012
Also mal ehrlich, es kann ja nicht sein, dass man wegen Depressionen dauernd Aufschübe bekommt. Da kann ja jeder kommen. Zitat: "Das Ergebnis: 60 Prozent der Befragten, die im Studium Schwierigkeiten haben, fühlen sich stark oder sehr stark beeinträchtigt. 70 Prozent haben Probleme mit den zeitlichen Vorgaben und 61 Prozent mit organisatorischen, also beispielsweise bei den Seminaren immer anwesend zu sein. 63 Prozent haben Schwierigkeiten mit der Lehre oder mit Prüfungen, sie empfinden etwa die Seminare als zu lang oder sie können mit den bereitgestellten Materialien nichts anfangen." Sorry ,aber muss man darauf Rüclsicht nehmen. Wenn man das Studium schon kaum bewältigt, wie soll man dann bitte einen Beruf schaffen können?
4. Behindert ohne es zu wissen
capt.swordfish 05.06.2012
Die bisherigen Kommentare sind einfach nur erschreckend. Man kann nur hoffen, dass die Verfasser nie personelle Verantwortung in einem Unternehmen haben. Es geht auch nicht "nur" um psychische Defizite. Aber keine Empathie zu empfinden gehört auch dazu.
5. Schwierig
WolfHai 05.06.2012
Hier kommen verschiedene Schwierigkeiten zusammen: Erstens: Deutschland hat eine eher rücksichtslose Kultur, die auf individuelle Befindlichkeiten nicht so viel Rücksicht nimmt: Anpassen oder rausfliegen, heißt es hier nicht nur an den Universitäten. Zweitens: das Missbrauchspotential. Wie kann man verhindern, dass Einige durch das Vortäuschen einer Behinderung (welches bei psychischen Störungen sicherlich möglich ist) Vorteile gegenüber ihren Mitstudenten haben? Drittens: Wo soll man anfangen? Psychische Störungen sind im Schweregrad meistens fließend. Wann ist eine Depression "leicht", wann "schwer", und was folgt daraus? Zählt Liebeskummer, der Tod eines Angehörigen? Viertens: Wer bezahlt es? In welchem Maße kann man verlangen, dass jemand selbst die finanziellen Folgen seiner Probleme trägt, oder muss es die Gemeinschaft tun? Fünftens: Wie weit soll man Behinderungen überhaupt berücksichtigen, oder ist es einfach ein Teil der Eignung/Nichteignung fürs Studium? Auch ein Sportler kriegt kein Handicap beim Marathon, weil er wegen Depression letztes Jahr nicht trainieren konnte. Individuelle Dozenten sind mit solchen Problemen vermutlich völlig überfordert.
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