Deutschlands jüngster Uni-Präsident: "Viele Studenten verlieren sich im zehnten Praktikum"

Mit 36 Jahren ist Sascha Spoun in Lüneburg einstimmig zum Präsidenten gewählt worden - als jüngster Chef einer staatlichen deutschen Universität. Im Interview sagt er, warum ein Student das Gegenteil eines Kunden ist und welche Risiken Bachelor und Master bergen.

SPIEGEL ONLINE:

Herr Spoun, mit 36 Jahren studiert manch anderer noch. Werden Sie nicht manchmal mit einem Bummelstudenten verwechselt?

Sascha Spoun: Zumindest zweifeln die Leute. Als ich bei meinem ersten Besuch in Lüneburg in die Mensa gegangen bin, hat die Kassiererin gefragt: "Student, oder?"

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie's aufgeklärt?

Spoun: Als ich "Gast" sagte, musste ich mehr zahlen: 6,40 Euro statt 4,80 Euro. Zwei Wochen später war ich wieder da. Da hat die Kassiererin dann schon erkannt, dass ich der neue Präsident bin...

SPIEGEL ONLINE: ...der jünger ist als manche seiner Studenten in Lüneburg?

Spoun: Ich weiß es nicht genau. Aber ich vermute: ja.

SPIEGEL ONLINE: Ist das im Sinne des strebsamen Uni-Präsidenten Spoun?

Spoun: Ja, weil es im Sinne lebenslangen Lernens ist. Aber natürlich nur, wenn derjenige nicht ununterbrochen studiert hat, seit er 19 Jahre alt geworden ist.

SPIEGEL ONLINE: Sie selbst haben eine schnelle Karriere gemacht - keine öffentliche Uni in Deutschland hat einen jüngeren Chef. Stößt das nicht älteren Professorenkollegen auf?

Spoun: Natürlich ist es ungewöhnlich. Aber ich bin einstimmig gewählt worden und verspüre bislang großen Rückhalt.

SPIEGEL ONLINE: Früher standen vor allem ergraute Herren an der Universitätsspitze. Kommen jetzt die dynamischen Managertypen?

Spoun: So sehe ich mich nicht. Aber das Selbstverständnis hat sich sicher verändert. Früher war ein Rektor eher moderierend tätig als primus inter pares, heute ist Professionalität im Sinne von Führung gefragt. Die TU München etwa steht doch auch wegen ihres Präsidenten so gut da.

SPIEGEL ONLINE: Sie kommen aus St. Gallen, einer Universität mit internationaler Reputation und in schönster Lage. Der Lüneburger Campus ist ein ehemaliges Kasernengelände mit abgelaufenen Rasenflächen. Eine Vertreibung aus dem Paradies?

Spoun: In Lüneburg lässt sich viel erreichen, wenn alle an einem Strang ziehen - das kann man von St. Gallen lernen. Die Universität dort ist auch deshalb so erfolgreich, weil alle eine Gemeinschaft bilden: die Dozenten untereinander, aber auch die Dozenten und die Studenten. Ein solches Gemeinschaftsgefühl muss sich auch in Lüneburg entwickeln, das ist sehr wichtig gerade jetzt nach der Fusion von Universität und Fachhochschule. Und im Übrigen können wir hier auch in der Gestaltung noch etwas weiterkommen: Grüne Rasenflächen, grüne Bäume, keine Autos, davor sollte ein großes Tor stehen - das wird ein Campus wie in England.

SPIEGEL ONLINE: Aber mit ein bisschen Buchsbaum wird Lüneburg doch nicht zu Cambridge oder Oxford?

Spoun: Natürlich nicht. Aber wir können zum Beispiel konsequenter auf Qualität setzen - auch bei der Zulassung der Studenten. Damit wären gute Voraussetzungen geschaffen.

SPIEGEL ONLINE: Das heißt, dass die Studenten so streng ausgewählt werden sollen wie in St. Gallen?

Spoun: Ja, wir brauchen eine Eingangsprüfung. Die Universität bekommt doch junge Menschen in einem fortgeschrittenen Stadium ihres Lebens, da haben sie das meiste bereits gelernt. Das heißt: Die Veränderungschancen sind beschränkt. Entsprechend wichtig ist es, eine Auswahlmöglichkeit zu haben - das gilt für Lüneburg wie für alle anderen deutschen Hochschulen.

SPIEGEL ONLINE: Die deutschen Hochschulen sollen auch dadurch wettbewerbsfähiger werden, dass sie auf Bachelor- und Master-Abschlüsse umstellen. Kann dies den Rückstand auf internationale Spitzenunis wie St. Gallen verringern?

Spoun: Man darf eines nicht vergessen: Einen internationalen Ruf hat man nicht für Formalia, sondern für Inhalte. Bachelor und Master können da sogar schaden. Sie schaden, wenn sie nicht richtig gemacht sind. Eine Kernfrage ist doch, ob das Studium so angelegt ist, dass es langfristig das Denken verändert. Dafür braucht es theoretischen Tiefgang, und dazu Prüfungen, die einen eigenständigen Positionsbezug erfordern. Das erreiche ich nicht durch Multiple-Choice-Klausuren.

SPIEGEL ONLINE: Bachelor und Master bergen also die Gefahr einer Pseudo-Modernisierung?

Spoun: Die neuen Abschlüsse dürfen jedenfalls nicht dazu führen, dass einfach eine Umetikettierung stattfindet und ein Herunterbrechen von größeren Inhalten in kleinere Einheiten. Diese Kleinteiligkeit wäre abträglich: dem Denken in Zusammenhängen, dem vertieften Eindringen, der persönlichen Herausforderung. Wenn ich weite Wegstrecken gehen muss, habe ich zwangsläufig Motivationskrisen und stelle mir Fragen wie: Bin ich hier richtig, führt mich dieser Weg zum Ziel? Diese Unsicherheit aber ist Merkmal einer sinnvollen klassischen Ausbildung.

SPIEGEL ONLINE: Aber wollen Studenten eine solche Unsicherheit und solche Motivationskrisen?

Spoun: Darauf kommt es nicht an. Ich will es ganz klar sagen: Es ist nicht Aufgabe der Uni, alles häppchengerecht zu servieren.

SPIEGEL ONLINE: Die Uni ist also kein Dienstleister, der sich den Wünschen seiner Kunden, nämlich der Studenten, anzupassen hat?

Spoun: Der Student ist kein Kunde. Er ist Ko-Produzent seiner Leistungen und Bürger der Universität - also das Gegenteil eines Kunden.

SPIEGEL ONLINE: Was raten Sie denn Studenten, die Erfolg haben und nicht zu einem Bummelstudenten werden wollen?

Spoun: Da gilt für jeden Studenten im Prinzip dasselbe wie für eine Universität insgesamt: Man muss zu den vielfältigen Versuchungen nein sagen und nur zu wenigem ja. Das setzt eine unglaubliche Stärke voraus. Es ist viel leichter, viele kleine Dinge zu machen - als wenige große. Damit aber verwässert man das Profil.

SPIEGEL ONLINE: Da schwankt die Hochschule dann zwischen Volkshochschule und Forschungsinstitut?

Spoun: Das darf nicht passieren. Man muss Weniges tun, aber das gut. Das gilt auch für jeden Studenten: lieber in die Tiefe als in die Beliebigkeit gehen. Man muss lernen, dicke Bretter zu bohren.

SPIEGEL ONLINE: Und das machen die Studenten heute nicht?

Spoun: Viele verlieren sich im zehnten Praktikum. Diese angeblichen Karriere-Ratgeber gaukeln ihnen vor, dass es auf die Anzahl der Zeilen im Lebenslauf ankommt. Das ist Unsinn, und gute Arbeitgeber haben das längst erkannt. Ich selbst bin doch ein gutes Beispiel: Ich bin bestimmt nicht wegen der Anzahl der Zeilen in meinem Lebenslauf gewählt worden.

Das Interview führte Markus Verbeet

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