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"Deutschlandstipendien" für die Elite: Wir sind die 0,2 Prozent

Von Andreas Maisch

Das "Deutschlandstipendium" kommt zäh in Gang. Starre Regeln, lustlose Unis und der Vorzug für wirtschaftlich verwertbare Fächer bremsen die Geldvergabe. Philosophiestudentin Sonja Knobbe und Jurist Stephan Klawitter traten mit exzellenten Bewerbungen an - aber es kann nur wenige Beste geben.

"Deutschlandstipendium": Geld für die Besten der Besten Fotos
Andreas Maisch

Am vorletzten Arbeitstag in ihrem Ferienjob erhielt Sonja Knobbe, 25, den Brief, der ihr das Studieren zumindest für ein Jahr erleichtern sollte. Vier Wochen lang hatte die Studentin im Schichtbetrieb in einer Fabrik gearbeitet, dann kam unerwartet die Zusage für ein "Deutschlandstipendium" der Uni Mannheim. Knobbe, die Philosophie und BWL studiert, freute sich über monatlich 300 Euro.

Knobbe erfüllt die Auswahlkriterien des "Deutschlandstipendiums" beinahe perfekt: Sie hat nicht nur sehr gute Zensuren, sondern sie engagierte sich neben der Uni auch noch sozial. Im Jahr 2010 half sie einer Kirchengemeinde in Venezuela bei der Essensausgabe an bedürftige Kinder und unterrichtete dort auch Englisch.

Und Knobbe studiert mit Betriebswirtschaftslehre ein Fach, für das sich Stipendiengeber aus der Wirtschaft besonders erwärmen konnten, an einer Uni, die gute Kontakte zu Unternehmen pflegt und für BWL als eine der ersten Adressen in Deutschland gilt.

Knobbes Eltern haben nicht studiert und darum freut sie sich besonders, dass sie nun die Anerkennung durch ein Begabtenstipendium erhält. Auch die Pressesprecherin der Universität, Katja Bär, lobt: "Sonja Knobbe ist eine Person, die strategisch-wirtschaftliche und soziale Intelligenz miteinander verbindet."

Das "Deutschlandstipendium" soll besonders begabte und gesellschaftlich engagierte unter den 2,4 Millionen Studenten mit monatlich 300 Euro fördern. Knobbe ist eine von knapp 5300 Stipendiaten des Jahres 2011. Für das Stipendium musste ihre Uni die Hälfte des Betrags bei privaten Stiftern einwerben. Nach Plänen von Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU), die Stipendien eigentlich zu einem wichtigen Pfeiler der Studienfinanzierung mit bis zu 160.000 Nutznießern machen will, sollten im Jahr 2011 rund 9500 "Deutschlandstipendien" vergeben werden. Dass selbst dieses Miniziel verfehlt wurde und schließlich nur etwa 0,2 Prozent der deutschen Studenten gefördert wurden, lag auch daran, dass es an privaten Spendern fehlte - aber nicht nur.

Sieben Millionen Euro Bundesmittel verfielen ungenutzt

Wie eine SPD-Anfrage an Schavans Ministerium im Dezember ergab, blieben im vergangenen Jahr sieben Millionen Euro ungenutzt und damit rund die Hälfte der verfügbaren Stipendienmittel. Die Millionen gingen nicht an Studenten und sie flossen auch nicht in Bildungsprojekte, sondern direkt zurück in den Bundeshaushalt. "Ein Fehlstart für Schavans Prestigeobjekt", schimpfte SPD-Haushaltspolitiker Klaus Hagemann.

Für das Jahr 2012 plant Schavan nun sogar mit knapp 20.000 Stipendiaten, was allerdings schon jetzt unrealistisch erscheint. Zu unterschiedlich fällt der Erfolg des "Deutschlandstipendiums" aus: Im wirtschaftlich starken Baden-Württemberg gelang es den Hochschulen relativ leicht, genügend Geld einzuwerben. Auch in Sachsen schneiden die Hochschulen sehr gut ab.

In Hamburg allerdings, der Stadt mit der höchsten Stiftungsdichte in Deutschland und Heimat großer Unternehmen wie Beiersdorf oder der Otto-Gruppe, floppte das Stipendienprogramm: Dort riefen die Hochschulen gerade einmal 16 der 328 möglichen Stipendien ab - freilich auch, weil sich die Uni Hamburg, ähnlich wie Unis in Flensburg und Lübeck, von der Idee des Stipendiums in einer NDR-Umfrage im Sommer ganz und gar nicht begeistert zeigte.

Mannheim hat ein Luxusproblem: zu viele Spender

Eine der bundesweit erfolgreichsten Universitäten ist Mannheim. Die Uni hat Erfahrung mit dem Spendensammeln. Mannheim nennt das "Deutschlandstipendium" ein "tolles Fundraising-Instrument", das die Einwerbung von Mitteln sehr erleichtert habe. "Wir hatten in der ersten Vergaberunde mehr Anfragen von Unternehmen, als wir Deutschlandstipendien vergeben durften", sagt Rektor Hans-Wolfgang Arndt. In Mannheim rächte es sich also, dass der Staat die Zahl der Stipendien je Hochschule begrenzt.

Außerdem wünscht sich Arndt, dass noch mehr Unternehmen fachungebundene Stipendien vergeben - denn viele wollen gezielt Studenten fördern, die BWL, Wirtschaftsinformatik oder Unternehmensrecht studieren. Auch das ist in Schavans Stipendienmodell so gewollt: Zwei Drittel der Stipendien dürfen fachgebunden vergeben werden (siehe Infokasten).

Die Präsidentin der Hochschulrektorenkonferenz (HRK), Margret Wintermantel, sagte mit Blick auf Mannheim und andere Hochschulen und die erzwungene Verknappung beim Stipendienprogramm des Bundes: "Die Frage der starren Kontingentierung muss überprüft werden." Für die stets vorsichtig abwägende HRK-Chefin kommt so ein Satz einem kleinen Wutausbruch nahe.

Weil Mannheim anders als der Bund kein Geld verfallen lassen wollte, vergab die Uni neben 44 "Deutschlandstipendien" zusätzlich 62 sogenannte "Mannheimer Stipendien" zu 150 Euro pro Monat.

Naturwissenschaftler bevorzugt?

Wie an den meisten Hochschulen war auch in Mannheim die Konkurrenz der Studenten um die Stipendien gewaltig: 528 Studenten hatten sich dort für 44 "Deutschlandstipendien" beworben. In Heidelberg schickten 1337 Studenten ihre Bewerbung an die Uni. Gefördert werden derzeit 104. An der Technischen Universität Dresden bewarben sich mehr als 1200 Studenten um 150 Stipendien.

Einer der vielen hervorragenden Studenten, die sich erfolglos bemühten, ist Stephan Klawitter, 21. Er studiert im fünften Semester Jura an der Humboldt-Universität Berlin (HU). Sein Abitur machte er mit 1,0, in Jura kann er sehr gute Studienleistungen vorweisen, sowie ein Arbeitszeugnis einer Kanzlei und ein Gutachten eines Professors. Das alles reichte nicht, um im Sommersemester 2011 eines von 18 Stipendien an Berlins großer Humboldt-Uni zu erhalten.

Als ehemaliger Klassensprecher und Schwimmtrainer im Wasserballverein hatte er sich ehrenamtlich engagiert, heute ist er in der Jura-Fachschaft und hilft seinen Mitstudenten. Die Absage enthielt keine Begründung. Klawitter erklärt sie sich mit einer Bevorzugung von Naturwissenschaftlern. "Ich war mit meiner Bewerbung sehr zufrieden. Aber es wurde damals gesagt, dass Naturwissenschaftler bei gleicher Eignung bevorzugt werden." Als im Winter neue Stipendien ausgeschrieben wurden, bewarb er sich nicht mehr.

Auch Elite-Unis tun sich schwer

Die HU konnte 2011 insgesamt 33 von 122 möglichen Stipendien vergeben, sagt Mariana Bulaty, Mitarbeiterin der Uni. Sie und eine studentische Hilfskraft waren allein dafür zuständig, Geldgeber dafür zu werben. Bulaty erklärt, der Aufbau eines neuen Stipendiensystems benötige mehr Zeit. Sie sei sich aber sicher, dass die bisherigen Stipendiengeber ihre Unterstützung auch 2012 fortsetzen werden, sie wolle zudem neue hinzugewinnen. Es sei zwar traurig, dass Mittel verfallen seien, aber an sich finde die Uni das Programm gut. Eine Bevorzugung von Naturwissenschaftlern - wie Klawitter sagt - habe es zwar gegeben, sie sei aber vor der Stipendienvergabe gestrichen worden.

Auch die Elite-Universität Konstanz konnte nur 15 von 41 Stipendien einwerben. Das Ergebnis überrascht umso mehr, weil Konstanz bereits ein eigenes Stipendiensystem zum Erlass der baden-württembergischen Studiengebühren hat. Vertreter der Universität erklären den Misserfolg mit der industriearmen Wirtschaftsstruktur des Bodenseeraums. Außerdem habe die Universität besonders viele sozial- und geisteswissenschaftliche Studenten, Hochschulen mit einem technischen Schwerpunkt hätten bei der Spendersuche Vorteile.

Den 4200 Bewerbern, die trotz vorhandener Euro-Millionen aus Berlin und oft ausgezeichneter Bewerbungen kein Stipendium bekamen, bleibt nur die Hoffnung, dass stimmt, was Schavans Ministerium für das neue Jahr ankündigt: 2012 wird beim "Deutschlandstipendium" alles besser.

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1. "...sondern engagiert sich sozial"
hartholz365 18.01.2012
---Zitat--- Im Jahr 2010 half sie einer Kirchengemeinde in Venezuela bei der Essensausgabe an bedürftige Kinder und unterrichtete dort auch Englisch. ---Zitatende--- Solche Hobbies muss man sich erst mal leisten können, andere müssen einfach Geld verdienen.
2.
d_grat 18.01.2012
Ich kann (nur) aus eigener Erfahrung sagen, dass bei uns Naturwissenschaftler eher seltener als die Juristen/BWLer und alle anderen Geistenwissenschaften bekommen haben. Ich vermutete eine Weile, dass die Ursache in den verhältnismäßig schlechteren Noten zu suchen war. Einer unserer absolut besten Studenten, hatte zudem sein Stipendium verloren, weil er sich nicht genug sozial engagierte. Allerdings bleibt mir rätselhaft, wie man sich gescheit sozial engagieren soll, wenn man den ganzen Tag im Labor verbringen muss...
3. Abrufquote.
zazzel 18.01.2012
Zitat von hartholz365Solche Hobbies muss man sich erst mal leisten können, andere müssen einfach Geld verdienen.
Chapeau - das ist schon extrem. Andererseits kann man eigentlich immer auch im eigenen Umfeld etwas finden - das muss ja auch nicht enorm zeitraubend sein. Auch parteipolitisches Engagement oder freiwillige Redakteursarbeit z.B. beim ADFC sind ja ein positives Signal. Aber mein eigentliches Thema: Ich habe im vergangenen Wintersemester an einer Uni gearbeitet, wo die Fördermittel auch nur knapp abgerufen wurden. Es wollte sich einfach niemand bewerben. Entweder ist "free beer" also entweder nicht gewollt, oder im Vorfeld ist es einfach nicht genug bekannt gemacht worden. Jedenfalls wurden bei uns gegen Ende der Bewerbungsfrist gezielt studentische Mitarbeiter angesprochen, ob sie sich nicht selbst bewerben wollten oder jemanden kennen, der sich bewerben möchte.
4. Mangelnde Info
Mel.M 18.01.2012
Zitat von zazzelChapeau - das ist schon extrem. Andererseits kann man eigentlich immer auch im eigenen Umfeld etwas finden - das muss ja auch nicht enorm zeitraubend sein. Auch parteipolitisches Engagement oder freiwillige Redakteursarbeit z.B. beim ADFC sind ja ein positives Signal. Aber mein eigentliches Thema: Ich habe im vergangenen Wintersemester an einer Uni gearbeitet, wo die Fördermittel auch nur knapp abgerufen wurden. Es wollte sich einfach niemand bewerben. Entweder ist "free beer" also entweder nicht gewollt, oder im Vorfeld ist es einfach nicht genug bekannt gemacht worden. Jedenfalls wurden bei uns gegen Ende der Bewerbungsfrist gezielt studentische Mitarbeiter angesprochen, ob sie sich nicht selbst bewerben wollten oder jemanden kennen, der sich bewerben möchte.
Ich denke mangelnde Information ist das größte Problem. An der Uni, an der ich als Lehrbeauftragte unterwegs bin und die im Artikel zu den wenig begeisterten gezählt wird, habe ich keinerlei Information zu den Stipendien bekommen, während andere Stipendien durchaus über diverse intere Newsletter kommuniziert wurden und darauf hingewiesen wurde, doch bitte geeignete Studierende darauf aufmerksam zu machen. Ich denke das spezielle Konstrukt des Deutschlandstipendiums geht vielen Unis gegen den Strich und durch Nicht-Kommunizieren kommte man dann eben auch nicht in die Verlegenheit sich dafür engagieren zu müssen.
5. Interessen der Studierenden in den Fokus setzen
rjunge 18.01.2012
Es ist schade, dass Stipendien zu oft an Parteienzugehörigkeit, Fachbereiche oder Notenspiegel gekoppelt sind. Sollte es nicht eigentlich im Kern darum gehen, Studierende (also den Nachwuchs) beim Studium zu unterstützen? Anders als solche konventionellen Stipendienprogramme funktioniert dasABSOLVENTA-Stipendium - ein demokratisches Studienförderungsprogramm. Studierende können Bewerbungen (Text, Bild, Video, Audio) einreichen und damit Pläne und Wünsche im Rahmen des Studiums realisieren. Hier entscheidet die Internetgemeinde über die Vergabe der Fördergelder, keine Kommission. Wie wäre es in Zukunft mit mehr solcher Stipendienprogramme, die sich an den Interessen der Studierenden orientieren, nicht denen der Parteien oder Unternehmen?
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Das Deutschlandstipendium
Förderquote
Das Programm ist im Sommersemester 2011 gestartet, die meisten Hochschulen vergeben ihre Stipendien aber erst seit dem Wintersemester 11/12. Im Jahr 2011 wurden nur etwas mehr als 0,2 Prozent der Studenten gefördert, 0,45 Prozent wären möglich gewesen. Seit 2012 Jahr kann an jeder Hochschule maximal ein Prozent der Studenten gefördert werden. 300 von 388 teilnahmeberechtigten deutschen Hochschulen beteiligen sich am Deutschlandstipendium.
Auswahl der Stipendiaten
Die Auswahl der Stipendiaten trifft jede Hochschule selbst. Das Hauptkriterium für die Auswahl der Stipendiaten sind herausragende Leistungen im Studium. Auch gesellschaftliches Engagement sollen berücksichtigt werden und die familiäre Herkunft.
Höhe der Förderung
Jeder Deutschlandstipendiat erhält, unabhängig vom Einkommen der Eltern, monatlich 300 Euro. 150 Euro davon stiften private Förderer, die andere Hälfte zahlt der Bund. Aufgabe der Hochschulen ist es, die privaten Förderer zu finden.
Zweckbindung
Die privaten Mittelgeber können ihre Stipendien für bestimmte Fachrichtungen vergeben. Mindestens ein Drittel der Stipendien pro Hochschule muss jedoch nicht zweckgebunden sein.

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