Von Andreas Maisch
Am vorletzten Arbeitstag in ihrem Ferienjob erhielt Sonja Knobbe, 25, den Brief, der ihr das Studieren zumindest für ein Jahr erleichtern sollte. Vier Wochen lang hatte die Studentin im Schichtbetrieb in einer Fabrik gearbeitet, dann kam unerwartet die Zusage für ein "Deutschlandstipendium" der Uni Mannheim. Knobbe, die Philosophie und BWL studiert, freute sich über monatlich 300 Euro.
Knobbe erfüllt die Auswahlkriterien des "Deutschlandstipendiums" beinahe perfekt: Sie hat nicht nur sehr gute Zensuren, sondern sie engagierte sich neben der Uni auch noch sozial. Im Jahr 2010 half sie einer Kirchengemeinde in Venezuela bei der Essensausgabe an bedürftige Kinder und unterrichtete dort auch Englisch.
Und Knobbe studiert mit Betriebswirtschaftslehre ein Fach, für das sich Stipendiengeber aus der Wirtschaft besonders erwärmen konnten, an einer Uni, die gute Kontakte zu Unternehmen pflegt und für BWL als eine der ersten Adressen in Deutschland gilt.
Knobbes Eltern haben nicht studiert und darum freut sie sich besonders, dass sie nun die Anerkennung durch ein Begabtenstipendium erhält. Auch die Pressesprecherin der Universität, Katja Bär, lobt: "Sonja Knobbe ist eine Person, die strategisch-wirtschaftliche und soziale Intelligenz miteinander verbindet."
Das "Deutschlandstipendium" soll besonders begabte und gesellschaftlich engagierte unter den 2,4 Millionen Studenten mit monatlich 300 Euro fördern. Knobbe ist eine von knapp 5300 Stipendiaten des Jahres 2011. Für das Stipendium musste ihre Uni die Hälfte des Betrags bei privaten Stiftern einwerben. Nach Plänen von Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU), die Stipendien eigentlich zu einem wichtigen Pfeiler der Studienfinanzierung mit bis zu 160.000 Nutznießern machen will, sollten im Jahr 2011 rund 9500 "Deutschlandstipendien" vergeben werden. Dass selbst dieses Miniziel verfehlt wurde und schließlich nur etwa 0,2 Prozent der deutschen Studenten gefördert wurden, lag auch daran, dass es an privaten Spendern fehlte - aber nicht nur.
Sieben Millionen Euro Bundesmittel verfielen ungenutzt
Wie eine SPD-Anfrage an Schavans Ministerium im Dezember ergab, blieben im vergangenen Jahr sieben Millionen Euro ungenutzt und damit rund die Hälfte der verfügbaren Stipendienmittel. Die Millionen gingen nicht an Studenten und sie flossen auch nicht in Bildungsprojekte, sondern direkt zurück in den Bundeshaushalt. "Ein Fehlstart für Schavans Prestigeobjekt", schimpfte SPD-Haushaltspolitiker Klaus Hagemann.
Für das Jahr 2012 plant Schavan nun sogar mit knapp 20.000 Stipendiaten, was allerdings schon jetzt unrealistisch erscheint. Zu unterschiedlich fällt der Erfolg des "Deutschlandstipendiums" aus: Im wirtschaftlich starken Baden-Württemberg gelang es den Hochschulen relativ leicht, genügend Geld einzuwerben. Auch in Sachsen schneiden die Hochschulen sehr gut ab.
In Hamburg allerdings, der Stadt mit der höchsten Stiftungsdichte in Deutschland und Heimat großer Unternehmen wie Beiersdorf oder der Otto-Gruppe, floppte das Stipendienprogramm: Dort riefen die Hochschulen gerade einmal 16 der 328 möglichen Stipendien ab - freilich auch, weil sich die Uni Hamburg, ähnlich wie Unis in Flensburg und Lübeck, von der Idee des Stipendiums in einer NDR-Umfrage im Sommer ganz und gar nicht begeistert zeigte.
Mannheim hat ein Luxusproblem: zu viele Spender
Eine der bundesweit erfolgreichsten Universitäten ist Mannheim. Die Uni hat Erfahrung mit dem Spendensammeln. Mannheim nennt das "Deutschlandstipendium" ein "tolles Fundraising-Instrument", das die Einwerbung von Mitteln sehr erleichtert habe. "Wir hatten in der ersten Vergaberunde mehr Anfragen von Unternehmen, als wir Deutschlandstipendien vergeben durften", sagt Rektor Hans-Wolfgang Arndt. In Mannheim rächte es sich also, dass der Staat die Zahl der Stipendien je Hochschule begrenzt.
Außerdem wünscht sich Arndt, dass noch mehr Unternehmen fachungebundene Stipendien vergeben - denn viele wollen gezielt Studenten fördern, die BWL, Wirtschaftsinformatik oder Unternehmensrecht studieren. Auch das ist in Schavans Stipendienmodell so gewollt: Zwei Drittel der Stipendien dürfen fachgebunden vergeben werden (siehe Infokasten).
Die Präsidentin der Hochschulrektorenkonferenz (HRK), Margret Wintermantel, sagte mit Blick auf Mannheim und andere Hochschulen und die erzwungene Verknappung beim Stipendienprogramm des Bundes: "Die Frage der starren Kontingentierung muss überprüft werden." Für die stets vorsichtig abwägende HRK-Chefin kommt so ein Satz einem kleinen Wutausbruch nahe.
Weil Mannheim anders als der Bund kein Geld verfallen lassen wollte, vergab die Uni neben 44 "Deutschlandstipendien" zusätzlich 62 sogenannte "Mannheimer Stipendien" zu 150 Euro pro Monat.
Naturwissenschaftler bevorzugt?
Wie an den meisten Hochschulen war auch in Mannheim die Konkurrenz der Studenten um die Stipendien gewaltig: 528 Studenten hatten sich dort für 44 "Deutschlandstipendien" beworben. In Heidelberg schickten 1337 Studenten ihre Bewerbung an die Uni. Gefördert werden derzeit 104. An der Technischen Universität Dresden bewarben sich mehr als 1200 Studenten um 150 Stipendien.
Einer der vielen hervorragenden Studenten, die sich erfolglos bemühten, ist Stephan Klawitter, 21. Er studiert im fünften Semester Jura an der Humboldt-Universität Berlin (HU). Sein Abitur machte er mit 1,0, in Jura kann er sehr gute Studienleistungen vorweisen, sowie ein Arbeitszeugnis einer Kanzlei und ein Gutachten eines Professors. Das alles reichte nicht, um im Sommersemester 2011 eines von 18 Stipendien an Berlins großer Humboldt-Uni zu erhalten.
Als ehemaliger Klassensprecher und Schwimmtrainer im Wasserballverein hatte er sich ehrenamtlich engagiert, heute ist er in der Jura-Fachschaft und hilft seinen Mitstudenten. Die Absage enthielt keine Begründung. Klawitter erklärt sie sich mit einer Bevorzugung von Naturwissenschaftlern. "Ich war mit meiner Bewerbung sehr zufrieden. Aber es wurde damals gesagt, dass Naturwissenschaftler bei gleicher Eignung bevorzugt werden." Als im Winter neue Stipendien ausgeschrieben wurden, bewarb er sich nicht mehr.
Auch Elite-Unis tun sich schwer
Die HU konnte 2011 insgesamt 33 von 122 möglichen Stipendien vergeben, sagt Mariana Bulaty, Mitarbeiterin der Uni. Sie und eine studentische Hilfskraft waren allein dafür zuständig, Geldgeber dafür zu werben. Bulaty erklärt, der Aufbau eines neuen Stipendiensystems benötige mehr Zeit. Sie sei sich aber sicher, dass die bisherigen Stipendiengeber ihre Unterstützung auch 2012 fortsetzen werden, sie wolle zudem neue hinzugewinnen. Es sei zwar traurig, dass Mittel verfallen seien, aber an sich finde die Uni das Programm gut. Eine Bevorzugung von Naturwissenschaftlern - wie Klawitter sagt - habe es zwar gegeben, sie sei aber vor der Stipendienvergabe gestrichen worden.
Auch die Elite-Universität Konstanz konnte nur 15 von 41 Stipendien einwerben. Das Ergebnis überrascht umso mehr, weil Konstanz bereits ein eigenes Stipendiensystem zum Erlass der baden-württembergischen Studiengebühren hat. Vertreter der Universität erklären den Misserfolg mit der industriearmen Wirtschaftsstruktur des Bodenseeraums. Außerdem habe die Universität besonders viele sozial- und geisteswissenschaftliche Studenten, Hochschulen mit einem technischen Schwerpunkt hätten bei der Spendersuche Vorteile.
Den 4200 Bewerbern, die trotz vorhandener Euro-Millionen aus Berlin und oft ausgezeichneter Bewerbungen kein Stipendium bekamen, bleibt nur die Hoffnung, dass stimmt, was Schavans Ministerium für das neue Jahr ankündigt: 2012 wird beim "Deutschlandstipendium" alles besser.
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