"Deutschlandstipendium": Stipendien-Millionen liegen ungenutzt herum

Das "Deutschlandstipendium" von Bildungsministerin Annette Schavan droht, zum Flop zu werden. Neue Zahlen zeigen: Von den verplanten 36 Millionen Euro für 2012 sind bislang nur 5,5 Millionen auf Konten von Studenten geflossen. Die SPD will das Projekt stoppen.

Bildungsministerin Annette Schavan: Ihr Prestigeprojekt läuft schlecht Zur Großansicht
DPA

Bildungsministerin Annette Schavan: Ihr Prestigeprojekt läuft schlecht

Bildung leidet normalerweise unter Geldnot. Jetzt gibt es mal Geld, einige Millionen, aber die liegen ungenutzt herum. Wie aktuelle Zahlen zeigen, könnte das "Deutschlandstipendium" in diesem Jahr seine Ziele noch weiter verfehlen als 2011 - und damit Geld zurück in den Bundeshaushalt fließen anstatt auf die Konten der Studenten.

Von den im Jahr 2012 verfügbaren 36 Millionen Euro wurden bislang nur 5,5 Millionen Euro abgerufen, davon knapp 650.000 Euro für Werbung und Verwaltung. Das geht aus einer Antwort des Bildungsministeriums auf eine Anfrage des SPD-Bundestagsabgeordneten Klaus Hagemann hervor. Bildungsministerin Annette Schavan (CDU) hat also für die kommenden sieben Monate noch rund 30 Millionen Euro für ihr Stipendienmodell übrig, also etwa sechsmal so viel wie in den ersten fünf Monaten ausgegeben wurden. Sollte das Geld nicht fließen, können sich die Bundeskasse und das Bundesfinanzministerium darüber freuen.

SPD-Politiker Hagemann greift die Ministerin deswegen scharf an und fordert, das Programm stark zu verkleinern: "Die Koalition sollte und kann jetzt noch erhebliche Mittel für 2012 zugunsten der Studienförderwerke umschichten. Ansonsten droht erneut ein Großteil des Geldes am Jahresende zu verfallen und dem Wissenschaftssystem verlorenzugehen."

Bereits der Start war enttäuschend

Bereits der Start im Jahr 2011 war enttäuschend: Lediglich 5400 Studenten haben im ersten Jahr von der Begabtenförderung profitiert, die Bundesregierung brachte nur die Hälfte ihrer 14 Millionen tatsächlich an die Studenten oder investierte sie in Marketing. Sieben Millionen Euro für das Programm bewilligte Mittel verfielen.

Auch wenn die Staatssekretärin im Bildungsministerium, Cornelia Quennet-Thielen, nicht mehr "von einer neuen Stipendienkultur", sondern nun von dem "Beginn einer neuen Stipendienkultur" spricht, setzt das Haus von Schavan weiter auf das Projekt, 160.000 Stipendiaten sind weiterhin das Ziel. Doch selbst wenn diese Marke erreicht wird, sind das noch immer weniger als ein Prozent der auf 2,4 Millionen angewachsenen deutschen Studentenschaft.

"Vom 'Deutschlandstipendium' profitieren weniger als 0,25 Prozent der Studierenden, damit bleibt Schwarz-Gelb von den ursprünglich anvisierten acht Prozent meilenweit entfernt", sagt Kai Gehring, hochschulpolitischer Sprecher der Grünen im Bundestag. Das "mit großem Tamtam eingeführte Stipendienprogramm" sei demnach "gänzlich ungeeignet, zur überfälligen sozialen Öffnung der Hochschulen beizutragen", so die Kritik der Grünen.

Bildungsministerium: Viele Hochschulen starten erst 2012 richtig

Das Programm ist eines der Prestigeprojekte der Bildungsministerin, es läuft seit dem Sommersemester 2011. Studenten, die als besonders begabt ausgewählt wurden, bekommen monatlich 300 Euro, unabhängig vom eigenen Einkommen und dem der Eltern. Die meisten Stipendiaten studieren Ingenieurwissenschaften (27 Prozent), Rechts-, Wirtschafts- und Sozialwissenschaften (25 Prozent) sowie Mathematik oder Naturwissenschaften (23 Prozent). Das Geld wird je zur Hälfte vom Bund und von privaten Geldgebern, Firmen und Stiftungen bezahlt.

Und genau dort liegt das Problem: Hochschulen müssen für jeden Stipendiaten einen privaten Geldgeber überzeugen, die Hälfte des Förderbetrags, also 150 Euro monatlich zu übernehmen. Gerade für Hochschulen ohne gute Kontakte zu Firmen und Gönnern ist das ein oft schwieriges Vorhaben. Hochschulen hatten wiederholt darüber geklagt, das Einwerben von Mitteln bei Firmen und Stiftungen sei bürokratisch aufwendig, potentielle Geldgeber zum Spenden zu motivieren gestalte sich schwierig.

Das Bildungsministerium wehrt die Kritik ab. Die Schwierigkeit, Stipendiengeber zu finden, gebe es nur "in Einzelfällen", hieß es. Drei Viertel aller Hochschulen nehmen dem Ministerium zufolge an dem Programm teil, viele würden aber erst 2012 richtig starten. Sieben Monate und mehr als 30 Millionen Euro haben sie noch.

lgr

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 6 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. In Ordnung!
spon-facebook-727162873 31.05.2012
Wo ist das Problem? Wenn die anderen Studenten die Kriterien nicht erfüllen! Muss die Reste unbedingt jedem 0815 Student vergeben!?
2.
Wyphorn 01.06.2012
Zitat von spon-facebook-727162873Wo ist das Problem? Wenn die anderen Studenten die Kriterien nicht erfüllen! Muss die Reste unbedingt jedem 0815 Student vergeben!?
Sie haben den Inhalt nicht verstanden. Es werden nicht genug private Förderer gefunden, die die andere Hälfte des Stipendiums zahlen möchten. Daher bleibt Geld aus der staatlichen Hälfte über und verfällt. Das hat nichts mit unqualifizierten Studenten zu tun. Erhöht den Bedürftigen das Bafög. Die anderen haben (auf dem Papier) genug Geld zum Studieren. Gute Noten machen sich schon später mit besseren Jobs bermerkbar. Es sollte nur darum gehen jedem Geeigneten (Hirn, nicht Geld) das Studium zu ermöglichen.
3. Stoppen
n+1 01.06.2012
Zitat von sysopDas "Deutschlandstipendium" von Bildungsministerin Annette Schavan droht, zum Flop zu werden. Neue Zahlen zeigen: Von den verplanten 36 Millionen Euro für 2012 sind bislang nur 5,5 Millionen auf Konten von Studenten geflossen. Die SPD will das Projekt stoppen. "Deutschlandstipendien": Schavan sitzt auf über 31 Millionen Euro - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/0,1518,836224,00.html)
macht zumindest nichts kaputt. Besser: Statt 300 mindestens 1000 zahlen. Auf MINT-Fächer begrenzen. Auf private Sponsoren verzichten. Was sind denn die Kriterien? Doch wohl nicht etwa die Noten?!?
4.
Wyphorn 01.06.2012
Zitat von n+1macht zumindest nichts kaputt. Besser: Statt 300 mindestens 1000 zahlen. Auf MINT-Fächer begrenzen. Auf private Sponsoren verzichten. Was sind denn die Kriterien? Doch wohl nicht etwa die Noten?!?
Nicht NUR die Noten. Die Stipendien sollen engagierten (vor allem natürlich sozial) Studenten helfen, die nebenbei noch Bestnoten bringen. Aber weil sich die Uni aussuchen darf, wer gefördert werden soll, sind es sicherlich die alten Bekannten. Suppenküchenhelfer, mehrfache Familienväter, Studenten mit bettlägrigen Eltern die sie pflegen, Parteigenossen, etcpp. Und wie kommen Sie auf die Idee, dass MINT speziell gefördert werden muss? Die MINT'ler sind immer noch so doof, dass sie trotz "Fachkräftemangel" schlecht bezahlte Jobs mit schlechten Rahmenbedingungen annehmen. Die würden im Notfall für ihr Studium sogar zahlen.
5. Ziel verfehlt
hanspeters 02.06.2012
Zitat von n+1macht zumindest nichts kaputt. Besser: Statt 300 mindestens 1000 zahlen. Auf MINT-Fächer begrenzen. Auf private Sponsoren verzichten. Was sind denn die Kriterien? Doch wohl nicht etwa die Noten?!?
Warum auf MINT begrenzen, dort kriegt man als Student ohnehin schon leichter Förderung. Davon abgesehen ist es ja nicht so, dass nur MINT Fächer sinnvoll sein, solche Rufe entlarven nur den akademisch Ungebildeten. Was sollen die Studenten denn mit 1000,- jeden Monat ne neue Glotze? Mit 1000,- mehr im Monat wird man ja nicht schlauer oder besser und für den Lebensunterhalt gibt es Bafög oder die Eltern. Mit 300,- Büchergeld ist einem Studenten (dann ja eigentlich dreien) viel mehr geholfen. Der Nutzen den der Student (hoffentlich mit Bezug zum Studium) daraus zieht ist aus Sicht der Förderer viel größer. Als Student hätte ich nicht gewusst wie ich 1000,- extra jeden Monat für sinnvolle Dinge hätte ausgeben können Die privaten Förderer müsste man vielleicht anders ansprechen, für die muss es sich ja lohnen. Schließlich müssen die Firmen ja mit ihrem eigenen Geld umgehen und wirtschaften, währende es dem Staat natürlich viel leichter fällt Steuergeld auszugeben welches von alleine nachwächst. Kriegen sie Zugriff auf die Studenten z.B. als Werksstudenten, Abschlussarbeiter, Praktikanten? Oder kann die Firma ihr Image damit verbessern? Ich schätze es gibt einfach keinen Anreiz für private Förderer.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik UniSPIEGEL
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Studium
RSS
alles zum Thema Stipendium
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 6 Kommentare
Fotostrecke
"Deutschlandstipendium": Geld für die Besten der Besten

Das Deutschlandstipendium
Förderquote
Das Programm ist im Sommersemester 2011 gestartet, die meisten Hochschulen vergeben ihre Stipendien aber erst seit dem Wintersemester 11/12. Im Jahr 2011 wurden nur etwas mehr als 0,2 Prozent der Studenten gefördert, 0,45 Prozent wären möglich gewesen. Seit 2012 Jahr kann an jeder Hochschule maximal ein Prozent der Studenten gefördert werden. 300 von 388 teilnahmeberechtigten deutschen Hochschulen beteiligen sich am Deutschlandstipendium.
Auswahl der Stipendiaten
Die Auswahl der Stipendiaten trifft jede Hochschule selbst. Das Hauptkriterium für die Auswahl der Stipendiaten sind herausragende Leistungen im Studium. Auch gesellschaftliches Engagement sollen berücksichtigt werden und die familiäre Herkunft.
Höhe der Förderung
Jeder Deutschlandstipendiat erhält, unabhängig vom Einkommen der Eltern, monatlich 300 Euro. 150 Euro davon stiften private Förderer, die andere Hälfte zahlt der Bund. Aufgabe der Hochschulen ist es, die privaten Förderer zu finden.
Zweckbindung
Die privaten Mittelgeber können ihre Stipendien für bestimmte Fachrichtungen vergeben. Mindestens ein Drittel der Stipendien pro Hochschule muss jedoch nicht zweckgebunden sein.
Gehirnjogging für Hochbegabte
Corbis
Wo geht's zum Stipendium? Jetzt kann man sich bei der Studienstiftung des deutschen Volkes auch selbst bewerben - und muss im Auswahltest überzeugen. Flussdiagramme, Wörter-Wolken, Körper zum Drehen & Wenden: 13 Aufgaben aus dem beinharten Test. mehr...