Schavans Elitenförderung: Mehr Stipendien, mehr Kritik

Erfolgsstory oder Flop? Das Bildungsministerium von Annette Schavan (CDU) feiert neue Zahlen beim umstrittenen "Deutschlandstipendium". Fast 11.000 leistungsstarke Studenten bekommen den 300-Euro-Bonus mittlerweile. Die ursprünglichen Zielmarken verfehlt das Programm aber deutlich.

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Hörsaal (Archiv): Stipendiaten, wo bleibt ihr?

Es kommt immer darauf an, wen man fragt. Beim "Deutschlandstipendium", einem Prestigeprojekt von Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU), ist das nicht anders. Die Regierung stellt es gern als Erfolg dar und verkündete jetzt stolz, die Zahl der Stipendien habe sich im Vergleich zum Vorjahr verdoppelt. Fast 11.000 Studenten bekommen demnach jetzt einen Zuschuss von 300 Euro monatlich, bezahlt je zur Hälfte vom Staat und von privaten Förderern wie Stiftungen und Firmen.

Das sind allerdings "nicht einmal ein halbes Prozent" der Studenten, wettert da die Opposition über dieselben Zahlen. Der hochschulpolitische Sprecher der Grünen im Bundestag, Kai Gehring, bezeichnete das Programm als "teuren Ladenhüter und ein Lehrstück verfehlter Hochschulpolitik". SPD-Haushaltspolitiker Klaus Hagemann hielt Schavan vor, sie könne nicht einmal das Geld ausgeben, das sie für das umstrittene Programm in ihrem Etat habe - "trotz exorbitant hoher Verwaltungskosten" und "sündhaft teurer Begleitveranstaltungen".

Erfolg oder Fehlschlag? Dass Regierung und Opposition bei solchen Fragen meist anderer Meinung sind, liegt in der Natur der Sache. Was also ist dran an den Jubelmeldungen und den Vorwürfen?

Viel Verpackung, wenig dahinter?

Es stimmt, dass das Programm viel langsamer in Gang kommt als geplant. Schavan wollte eine neue Stipendienkultur schaffen. Sie wollte private Sponsoren dafür begeistern, in die klügsten Köpfe zu investieren. Besonders begabte Studenten sollten das Geld bekommen, unabhängig davon, ob sie aus armen oder reichen Familien stammen. Doch die Zielmarken wurden in den ersten Jahren nicht erreicht, obwohl viel Geld in Werbung und Marketing floss. Es verfielen Millionen Euro, die für das Programm vorgesehen waren. Zudem klagen viele Hochschulen über den bürokratischen Aufwand, den das Werben von Sponsoren mit sich bringt.

Es stimmt aber auch, dass viele neue Programme erst einmal eine Weile laufen müssen, bis sie sich durchsetzen. Auch hat die Bundesregierung nachgebessert: Seit dem Sommer kann potentielles Stipendiengeld, das eine Hochschule nicht abruft, einer anderen Hochschule zugutekommen. Zudem haben viele Unis damit begonnen, Sponsoren und Studenten zusammenzubringen, so dass - wenn es gut läuft - Kontakte entstehen, die akademisch oder jobtechnisch nützlich sein können.

So berichtete etwa der Vizepräsident der Goethe-Uni in Frankfurt am Main, Manfred Schubert-Zsilavecz, von einem Mentorenprogramm, "bei dem Stipendiaten gemeinsam mit Mentoren aus der Umgebung Projekte entwickeln, die der gesamten Region zu Gute kommen". Bei der Pressekonferenz des Bildungsministeriums nannte er als Beispiele einen Umweltpreis oder ein Konzept für studentisches Wohnen.

Eines der grundsätzlicheren Hauptargumente der Gegner des "Deutschlandstipendiums" geht so: Warum stecken wir das Geld in die punktuelle Förderung der besten Köpfe und stocken nicht das Bafög auf, das sozial gerechter ist? Allerdings ließe sich mit den Stipendienmillionen kaum eine spürbare Bafög-Erhöhung finanzieren - in das Bafög-System fließen Jahr für Jahr zwei bis drei Milliarden.

Schavans Ministerium will also festhalten an dem Stipendienprogramm und verkündete, dass 263 von insgesamt 388 Hochschulen sich bereits beteiligen würden. Das ursprüngliche Ziel lautete jedoch einmal, bis 2015 acht Prozent aller Studenten zu fördern - und bis 2012 mindestens ein Prozent. Zumindest das hat die Regierung deutlich verfehlt.

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otr/dpa

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insgesamt 15 Beiträge
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1. Meiner...
myxx 20.11.2012
Erfahrung nach haben die die besten Studiennoten, die nebenher nicht jobben müssen und sich voll auf ihr Fach konzentrieren können. Also die Leute, denen Mama und Papa das Studium komplett finanzieren. Da fällt ein Großteil der Geisteswissenschaften-Studenten raus (wenn es nicht gerade Lehramt ist), und damit gehen die Stipendien nur an die Leute, die von Haus aus eigentlich schon genug Kohle haben. Was für ein unsagbarer Blödsinn - lieber wirklich das Bafög aufstocken!
2. Pillepalle
nervmann 20.11.2012
Wegen 300 Euro einen dicken Elitetest machen. Und wer kein Stipendium bekommt, d.h. durchfliegt, hält sich dann für einen Doofkopp. Tolle Idee.
3. Viele Studierenden
52er 20.11.2012
wurden von ihrer Uni erst gar nicht informiert, wie sie an so ein Stipendium kommen können. Wer keine sogenannte "Elite" Uni frei nach Schavan besucht, hat da schlechte Karten. Mein Nachwuchs bestand das Staatsexamen zum Lehramt an einer deutschen Uni mit 1,0, leider ohne jemals in den Genuss eines "Elite"-Stipendiums zu kommen.
4. Richtiger Akzent
leonardo01 20.11.2012
Zitat: „Eines der grundsätzlicheren Hauptargumente der Gegner des "Deutschlandstipendiums" geht so: Warum stecken wir das Geld in die punktuelle Förderung der besten Köpfe und stocken nicht das Bafög auf, das sozial gerechter ist? Allerdings ließe sich mit den Stipendienmillionen kaum eine spürbare Bafög-Erhöhung finanzieren - in das Bafög-System fließen Jahr für Jahr zwei bis drei Milliarden.“ Ja, warum steckt man Geld in die besten Köpfe? Nur in einem Land, wo „Elite“ ein Schimpfwort ist, kann man überhaupt so eine Frage stellen. Aber so etwas ist typisch für die „Wir fördern Masse statt Klasse und schenken jedem das Abitur, der sich die Schuhe zubinden kann“-Politik, die sich in vielen Bundesländern breit gemacht hat. Deutschland müsste eigentlich viel mehr Eliteförderung betreiben. Allenfalls optimieren, d.h. minimieren, sollte man den Bürokratieaufwand in der Stipendienvergabe
5.
HarrySe 20.11.2012
An meiner Uni gibt es nur 5 Deutschlandstipendien (bei 5000 Studenten) zu vergeben. Davon nur eins für meine Fakultät und das bei der größten Fakultät an meiner Uni. Man hätte das Geld ins Bafög stecken sollen und regeln sollen, dass jedes Jahr eine Erhöhung des Satzes kommt, um die Infaltion und gesteigerte Energiekosten aufzufangen.
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"Deutschlandstipendium": Geld für die Besten der Besten

Das Deutschlandstipendium
Förderquote
Das Programm ist im Sommersemester 2011 gestartet, die meisten Hochschulen vergeben ihre Stipendien aber erst seit dem Wintersemester 11/12. Im Jahr 2011 wurden nur etwas mehr als 0,2 Prozent der Studenten gefördert, 0,45 Prozent wären möglich gewesen. Seit 2012 Jahr kann an jeder Hochschule maximal ein Prozent der Studenten gefördert werden. 300 von 388 teilnahmeberechtigten deutschen Hochschulen beteiligen sich am Deutschlandstipendium.
Auswahl der Stipendiaten
Die Auswahl der Stipendiaten trifft jede Hochschule selbst. Das Hauptkriterium für die Auswahl der Stipendiaten sind herausragende Leistungen im Studium. Auch gesellschaftliches Engagement sollen berücksichtigt werden und die familiäre Herkunft.
Höhe der Förderung
Jeder Deutschlandstipendiat erhält, unabhängig vom Einkommen der Eltern, monatlich 300 Euro. 150 Euro davon stiften private Förderer, die andere Hälfte zahlt der Bund. Aufgabe der Hochschulen ist es, die privaten Förderer zu finden.
Zweckbindung
Die privaten Mittelgeber können ihre Stipendien für bestimmte Fachrichtungen vergeben. Mindestens ein Drittel der Stipendien pro Hochschule muss jedoch nicht zweckgebunden sein.
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