"Deutschlandstipendium": Teure Verpackung, wenig Inhalt

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Stolperstart für ein Prestige-Projekt: Beim "Deutschlandstipendium" von Bildungsministerin Schavan hat der Bund bislang mehr Geld für Werbung und Schulungen ausgegeben als für die Förderung begabter Studenten. Beim Ministerium heißt es: alles nur normale Anlaufkosten.

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Hörsaal: Studentenflut, aber Stipendiatenebbe

Auf den ersten Blick sieht es beim "Deutschlandstipendium" so aus, als sei die Verpackung teurer als der Inhalt: Bislang hat der Bund knapp 2,7 Millionen Euro ausgeben, um das Prestige-Projekt von Bildungsministerin Annette Schavan (CDU) auf den Weg zu bringen, um es bekannt zu machen, um Anzeigen zu schalten, eine Internetseite programmieren zu lassen und um Hochschul-Angestellten beizubringen, wie sie bei Firmen Spenden einwerben.

Mit lediglich rund 1,4 Millionen Euro wurden hingegen Studenten gefördert, die das Stipendium bekommen.

Erst im Februar hatte Schavan mit einem Festakt an der Berliner Humboldt Universität (HU) den Startschuss für das neue Stipendienprogramm gegeben. Besonders gute Studenten bekommen seit dem Sommersemester 300 Euro, jeden Monat, unabhängig vom eigenen Einkommen und dem der Eltern, je zur Hälfte bezahlt vom Bund und von privaten Geldgebern, Firmen und Stiftungen. Bis zu 10.000 Studenten könnten bis zum Jahresende durch das Programm Geld bekommen, hieß es, mittelfristig sogar 160.000 - acht Prozent aller Studenten. Laut Ministerium waren damals schon Geldgeber für 1000 Stipendien gefunden worden. "Eine neue Stipendienkultur" sollte so entstehen, sagte Schavan, in der die Leistung der Studenten anerkannt werde.

Fast doppelt so viel Geld für Werbung wie für die Förderung

Doch der Kulturwandel kommt schleppend voran. Eine Antwort des Ministeriums auf eine schriftliche Anfrage des SPD-Bundestagsabgeordneten Klaus Hagemann offenbart: Zehn Millionen Euro waren im Haushalt 2011 für das "Deutschlandstipendium" vorgesehen, gerade einmal rund 1,4 Millionen Euro wurden demnach ausgezahlt. Fast das Doppelte kosteten aber Marketing und Schulungen in diesem und im vergangenen Jahr zusammengenommen. "Bisher ist das Projekt ein Flop", sagt Hagemann deshalb. Und für das kommende Jahr baue Schavan "Luftschlösser". Die Bundesregierung will die Mittel für das Stipendienprogramm auf 36,7 Millionen Euro aufstocken - eine Summe, die aus Hagemanns Sicht angesichts der geringen Nachfrage übertrieben ist.

Bildungsministerin Schavan verteidigte das "Deutschlandstipendium" hingegen. "Das ist ein richtiges und wichtiges und überfälliges Element der Bildungsfinanzierung in Deutschland", sagte sie in der Haushaltsdebatte im Bundestag. Zudem sei bisher noch immer das für bestimmte Projekte bewilligte Geld am Jahresende auch ausgegeben worden. Der bildungspolitische Sprecher der FDP-Fraktion, Patrick Meinhardt, wies die Kritik der SPD ebenfalls zurück: "Die SPD hat ein ideologisches Problem mit Spitzenförderung." Jetzt schon von mangelnder Akzeptanz zu sprechen, sei unseriös.

In Schavans Ministerium hofft man nun auf das Wintersemester: Die meisten Universitäten würden dann erst mit dem Programm starten, sagt Sprecher Robin Mishra. "Die Stipendienkultur muss erst aufgebaut werden." In dem Schreiben seines Ministeriums liest es sich ähnlich: Die Öffentlichkeitsarbeit sei "unverzichtbar, um das Programm in der Startphase bekannt zu machen und private Mittel zu mobilisieren". Normale Anlaufkosten also. Mit dem kommenden Semesterstart werde zunehmend Geld an Stipendiaten fließen, sagt Mishra.

Unis kritisieren das Programm als "Bürokratie-Monster"

Doch wie viele Stipendiaten es tatsächlich geben wird, ist unklar. An der Berliner HU, wo Schavan den Programm-Start feierte, wären theoretisch 122 Stipendien möglich - wenn die Uni genügend private Geldgeber fände. Doch bisland kriegen gerade mal 18 Studenten Geld aus dem Programm, sagt die Spendensammlerin der Uni, Mariana Bulaty, im Wintersemester kämen noch einmal 16 hinzu.

Zwar sei es ein guter Gedanke, Bachelor- und Masterstudenten durch Stipendien zu unterstützen, sagt die HU-Frau. Doch sei es aufwendig, Kontakte zu Firmen und Stiftungen herzustellen und sie davon zu überzeugen, ein Stipendienprogramm zu unterstützen. Die Hochschulen bekommen dafür zwar einen Zuschuss vom Ministerium, doch der ist vergleichsweise gering: An einer Massen-Uni wie der HU beträgt er demnach rund 11.000 Euro im Jahr; davon lässt sich keine Mitarbeiterstelle finanzieren.

Nicht besonders gut kommt das Programm auch bei zahlreichen norddeutschen Hochschulen an, wie der Nachrichtensender NDR Info berichtet. Demnach wollen die Universitäten in Flensburg, Lübeck und in Hamburg überhaupt nicht mitmachen; die Uni Kiel rechnet damit, nur zwei Drittel der möglichen Stipendienplätze vergeben zu können und der Kanzler der Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Hamburg nannte das Programm ein "bürokratisches Monster".

Ziemlich unstrittig ist, dass sich im deutschen Stipendienwesen etwas tun muss. Die Studienstiftung des deutschen Volkesist mit gut 10.000 Stipendiaten das größte Begabtenförderwerk. Dazu kommen politische, konfessionelle, gewerkschaftliche und firmennahe Organisationen. Außerdem gibt es viele kleine Bücherstipendien und speziell geförderte Auslandsaufenthalte. Aber insgesamt ist das wenig, jedenfalls im Vergleich mit anderen reichen Industrienationen. Nur etwa jeder Fünfzigste der 2,2 Millionen Studenten in Deutschland erhält zurzeit ein Stipendium.

Die tragende Säule der Studienfinanzierung mit mehreren Hundertausend Geförderten in Deutschland ist das Bafög, 23 Prozent der Hochschüler bekommen auf diesem Weg eine Beihilfe zum Studium. Die Sozialleistung ist zwar gerade 40 Jahre alt geworden, doch eine baldige Erhöhung schloss Schavan erstmal aus. Die Millionen für das "Deutschlandstipendium" versprechen sich dagegen leicht. So wie es momentan aussieht, stellt die Ministerin Millionen in Aussicht, die sie gar nicht wird ausgeben müssen.

Mit Material von dpa

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1.
Hesekiel, 08.09.2011
Wer sich als Studierender bereits im Vorfeld informiert hatte, oder zumindest noch aktuell studierende Familienangehörige hat kann dem Artikel nur zustimmen, der Moloch ist billigste Scharade um einen Teil der CDU-Basis billig ruhigzuhalten. Für den Studenten, geschweige denn für die Hochschulen ist das Programm ein bürokratischer Sysiphus und Blendwerk feinster Machart. Hier wird sich als Eliten-, als Macherförderer generiert ohne dass wirklich ernsthaft auch bei guten Studenten, bei Machern, was ankäme.
2. Kopfschüttel
jfreundo 08.09.2011
Eine tolle Sache, diese Stipendien. Bürokratie ohne Ende, um gute Studis noch zusätzlich zu fördern. Ein Regel-Student hingegen kann sich seinen Lebensunterhalt selbst finanzieren, was insbesondere die Noten wohl nicht besser werden lässt. Mich würde mal interessieren, ob es nicht fast genauso billig käme, einfach allen Studis BaFöG zu zahlen, die in vernünftiger Zeit durchs Studium kommen. Unabhängig von der finanziellen Situation des jeweiligen. Millionäre sind doch unter Studis wohl eher selten, groß gespart wird in diesem Alter auch nicht, also ist es doch de facto nebenbei ein hervorragendes Mittel den Konsum auf Trab zu halten. Und davon bekommt der Staat ja ohnehin mind. 19% direkt zurück...
3. überrascht das jemanden?
yogibimbi 08.09.2011
Zitat von sysopStolperstart für ein Prestige-Projekt: Beim "Deutschlandstipendium" von Bildungsministerin Schavan hat der Bund bislang mehr Geld für Werbung und Schulungen ausgegeben als für die Förderung begabter Studenten. Beim Ministerium heißt es: alles nur normale Anlaufkosten. http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/0,1518,785083,00.html
Das sollte doch nun wirklich nichts neues sein, dass das System zuallererst und erstmal sich selbst erhält. Als ich 1995 für ein Auslandsstipendium vom DAAD in Bonn interviewt wurde, sass ich vor einer Kommission von 20 Professor(inn)en, von denen nur einer nicht komplett fachfremd war, und wo allein die Fahrtkosten, um die ganze Sippschaft zusammenzukarren, mehr als genug gewesen wäre, mich erster Klasse irgendwohin zu verfrachten und dort ein Jahr lang in Saus und Braus leben zu lassen. Klar, es wurden auch noch andere interviewt an den 2 Tagen, aber trotzdem, alles komplett unverhältnismässig, besonders wenn man davon ausgeht, dass nur einer von 20 überhaupt einen blassen Schimmer hatte, worüber mein Forschungsvorhaben überhaupt war und der Rest sich die kollektiven Fingernägel gefeilt hat. Natürlich bekam ich das Stipendium nicht. Noch bitterer war es bei einem zweiten Stipendium, das vom japanischen Kultusministerium ausgeschrieben war: es gab 30 Plätze, 28 Bewerber, drei waren nicht erschienen. Also, zum ersten die Frage: warum dann noch interviewen? Dann hörte ich aber zwei der Komissionsmitglieder im Gespräch miteinander sagen, dass man so entscheiden werde, dass 70% abgelehnt würden. Tolle Wurst! Wir sind deutsch, nur die stärksten/schleimigsten/angepasstesten dürfen überleben, sogar wenn das Geld nicht mal unseres ist! Auch hier war ich natürlich nicht bei denen, die das Geld bekamen. Und schliesslich, auch so Institutionen wie das Finanzamt oder Arbeitsagentur (oder wie die heute heisst), um nur einige zu nennen, sammeln das Geld in erster Linie für sich selbst ein, haben also überhaupt keine Interesse daran, die Arbeit effizienter zu gestalten. Ein konstanter Einkommensteuersatz ohne Ausnahmen kann schon daher nicht im Sinne der Finanzangestellten sein, da keiner mehr die ellenlangen Ausnahmen, Berechtigungen und Zusatzregelungen prüfen muss.
4. Ziel von Bildungsbürokratie ist
willem.fart 08.09.2011
das gleiche Ziel jeder Bürokratie. Aufbau einer Struktur auch ohne Inhalt. Die grossen Meister der Bürokratie schaffen es, eine Struktur zu bauen, die sich nur gegenseitig voll beschäftigt, ohne dass ein Arbeitszweck erkennbar wäre. 60 % der Bürokratie kann man abbauen, ohne das das die Bürger merken würden. In Offenbach hat das mal ein Bürgermeister gemacht. Es zog so die Unternehmen an. Weil jede Genehmigung ohne unnötige Bürokratie auf einmal blitzschnell ging und nicht auf dem Amtswege nur in grosser Runde kursierte, bis die Akte zu Staub zerfiel.
5. ...
Newspeak, 08.09.2011
"Zwar sei es ein guter Gedanke, Bachelor- und Masterstudenten durch Stipendien zu unterstützen, sagt die HU-Frau. Doch sei es aufwendig, Kontakte zu Firmen und Stiftungen herzustellen und sie davon zu überzeugen, ein Stipendienprogramm zu unterstützen." Was für ein Jammer. Warum wohl überlässt man diese Aufgabe z.B. in Amerika eigens dafür eingestellten und ausgebildeten Experten an den Unis? Warum wohl kümmern sich die amerikanischen Unis so intensiv um ihre Absolventen, die Alumnis? In Deutschland bekommt man sein Abschlußzeugnis nicht selten zwischen Tür und Angel mit einem belanglosen und angegilbten Glückwunschausdruck des Dekans. Wenn man Glück hat, kann man sich noch auf einen Smalltalk mit einer netten Sekretärin freuen, ansonsten war es das nach mehreren Jahren, die man an einer Uni zugebracht hat, mit der man sich am Ende vielleicht sogar verbunden fühlt, nur die Uni umgekehrt nicht mit ihrem Absolventen. Tja, und wenn dann derselbe Absolvent in einer Führungsposition in einem Unternehmen sitzt und die Möglichkeit und die Mittel hätte, seiner ehemaligen Uni etwas zu spenden, warum in aller Welt sollte er dies denn tun? Die Wahrheit ist...Deutschland ist ein zutiefst wissenschaftsfeindliches Land, Wissenschaft, auf die man sich beruft, ist vielleicht die romantisierte Geisteswissenschaft des 18. und 19. Jahrhunderts, für alles wirklich Neue gibt es eher Ethikkommissionen, die jeden Fortschritt verhindern. Die Wahrheit ist auch...deutsche Unis scheren sich einen feuchten Kehricht um ihre Absolventen. Und eigentlich auch nicht um die, die gerade studieren. Das sind alles lästige Personen mit Ansprüchen. Deutsche Unis zirkulieren vor allem in einer scheinbaren Selbstverwaltung, die inzwischen weniger demokratisch ist, als das Ordinariensystem zuvor. Verwaltung, um der Verwaltung willen. Dazu passen auch gut die anderen Randnotizen, die man in letzter Zeit wahrnimmt...Unis, die zu blöd sind, eine Rektorenstelle zu besetzen z.B. Bevor es in Deutschland zu einem echten Wandel kommen kann, muß man aufhören, sich selbst zu beweihräuchern, sich Wunschträumen und Illusionen hinzugeben, vermoderte Standbilder anzuhimmeln und einfach mal klare Bilanz zu ziehen. Dann sieht man wie lächerlich vieles ist, inklusive Exzellenzinitiative und wie langweilig die Editorials von wichtigen Leuten zur Bildungspolitik. Diese Leute sollen die heutige Jugend begeistern und haben selbst doch jede Begeisterung verloren.
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Stipendien: Geld für Überflieger

Wie das "Deutschlandstipendium" funktionieren soll
Wer kann das Stipendium bekommen?
In der Theorie kann jeder Student das "Deutschlandstipendium" bekommen. Es ist unabhängig vom Einkommen der Eltern und des Studenten, wird aber nur an Bewerber mit herausragenden Leistungen vergeben. Entscheidend sind dabei unter anderem die Noten in Studium oder Schule. Auch Fachpreise oder Auszeichnungen bei Wettbewerben wie "Jugend forscht" können berücksichtigt werden. Zudem spielen Kriterien wie Engagement in einem Verein, die Erziehung eigener Kinder oder die Pflege von Angehörigen bei der Auswahl eine Rolle.
Wieviel Geld gibt es?
Studenten werden mit 300 Euro monatlich gefördert. Die Hälfte des Geldes stellt der Bund zur Verfügung. Die andere Hälfte soll von privaten Stiftern kommen.
Wie und wo können Studenten sich bewerben?
Die Bewerbung und Vergabe läuft über die Hochschulen. Studienanfänger beantragen das Stipendium an der Universität, an der sie ihr Studium aufnehmen werden. Die einzelnen Hochschulen geben auch bekannt, wie viele Stipendien sie in welchen Studiengängen vergeben werden. Ein Drittel der Stipendien an jeder Hochschule sind aber nicht an bestimmte Fächer gebunden. Das "Deutschlandstipendium" soll ab dem im April beginnenden Sommersemester an den Hochschulen starten.
Wer entscheidet über die Vergabe?
Eine Auswahlkommission der einzelnen Hochschulen entscheidet darüber, wer von den Bewerbern die Förderung erhält.
Wie lange wird das Stipendium gezahlt?
Wer ausgewählt wurde, bekommt die Unterstützung für mindestens zwei Semester und höchstens bis zum Ende der Regelstudienzeit.
Sind weitere Förderungen neben dem Stipendium möglich?
Das Deutschlandstipendium wird zusätzlich gezahlt, also zum Beispiel nicht aufs Bafög angerechnet. Wer allerdings schon eine begabungs- und leistungsabhängige Förderung von mehr als 30 Euro pro Monat erhält, kann das neue Stipendium nicht bekommen. Das trifft zum Beispiel auf Stipendiaten der Begabtenförderungswerke zu.
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