Jodel-Studenten: "Sex, Drugs and Volxmusik"

Von Lukas Eberle

Sie lernen Zither, Jodeln, Bauerntanz - und spielen an gegen ihr mieses Image: Die letzten sechs Studenten im einzigen Volksmusik-Studiengang Deutschlands wollen ihr Fach vor dem Aussterben retten. Vom "Musikantenstadl" halten sie nichts.

Der letzte Ort in Deutschland, an dem sich Nichtrentner noch für Heimatmusik begeistern, ist das Zimmer 118 im Kulturzentrum Gasteig im Münchner Stadtteil Haidhausen. Der Raum liegt im dritten Stock des Klinkerbaus, er hat die Größe eines Klassenzimmers, zwei Türen aus Stahl trennen ihn von der Außenwelt.

Drinnen lehnen an der Wand drei Tiroler Harfen. An einer Schranktür klebt eine Postkarte, darauf ist eine Oma mit buntgefärbtem Haar zu sehen. "Sex, Drugs and Volxmusik" steht darüber.

Es ist Mittwochmittag, 14 Uhr, beim Seminar "Volksmusikpraxis" sitzen sechs Studenten im Halbkreis. Zwei Männer, vier Frauen: Adrian, Andreas, Franziska, Anna, Cäcilia und Heidi. Sie spielen Klarinette, Akkordeon, Hackbrett. Sie üben den "Küahtreiber", ein Tiroler Volkslied aus dem 19. Jahrhundert. Vor den Studenten steht Josef Hornsteiner, der Seminarleiter, und dirigiert. "Langsam steigern, die Eins mehr betonen!", ruft er. "Vertraut eurem Gehör, nicht den Noten."

Der "Küahtreiber" erinnert an die Musik, die gern mal in österreichischen Wirtsstuben läuft. Getragener Dreivierteltakt, schrummtata, schrummtata. Als die letzte Note verklingt, klatscht Josef Hornsteiner seinen Studenten Beifall. "A schöns Stückerl", sagt er. Dann blickt er zu Boden. "Früher haben wir das mit zwölf Leuten gespielt. Da waren noch Posaunen und Waldhörner dabei."

Exkursion zu Jodelkursen in den Alpen

Den Studiengang "Volksmusik" gibt es in München seit 1963, angeboten wird er von der Hochschule für Musik und Theater. Die Studenten werden an Instrumenten wie Hackbrett oder Zither ausgebildet. Sie lernen Tänze, die "Bauernmadl" heißen, sie forschen in bayerischen Archiven nach verschollenem Liedgut. Auch Exkursionen stehen im Lehrplan, zum Beispiel zu Jodelkursen in die Alpen.

In 50 Jahren hatte der Studiengang mehr als hundert Absolventen. Jetzt steckt er in der Krise. Es gibt nur noch die sechs Studenten, die gerade im Seminarraum üben.

Heidi Aigner trägt Jeans, einen Seidenschal und Perlenohrringe, bei den Juristen würde sie nicht auffallen. Kerzengerade sitzt die 21-Jährige hinter ihrer Tiroler Harfe und zupft die Saiten. Sie studiert im fünften Semester Volksmusik auf Diplom.

Heidi ist auf dem Land aufgewachsen. Ihr Heimatort Reichertsheim liegt in Oberbayern, eineinhalb Stunden braucht sie mit dem Zug nach München. Heidis Eltern bewirtschaften einen Einsiedlerhof, 120 Kühe im Stall, der nächste Nachbar wohnt zwei Kilometer weit weg. Ihr Vater ist Vorstand im Trachtenverein. Früher hat er mit Heidi geschimpft, wenn sie daheim zu viel Hochdeutsch gesprochen hat.

München ist nicht das wahre Bayern

"Man wächst da brutal rein", sagt Heidi. "Bayern ist mein Leben." Mit neun spielte sie Volksharfe, später Klarinette in einer Blaskapelle. Mit 13 Jahren wusste sie, dass sie Volksmusiklehrerin werden will. "Es gibt nichts G'mütlicheres auf der Welt, als in einer Gemeinschaft zu singen und zu tanzen", sagt die Studentin. Es ist ihr Traum, die Musik, den Dialekt, die Trachten weiterzugeben. Vor allem an die Kinder, sagt sie.

Jedes Wochenende fährt Heidi nach Hause, nach Reichertsheim. München ist für sie nicht das wahre Bayern. Aufs Oktoberfest geht sie nicht. Kurze Dirndl in Rosarot sind ihr ein Graus. Heidi trägt nur Trachten, in Schwarz und knöchellang.

Es ist 15 Uhr, der zweite Teil des Praxisseminars "Singen und Tanzen". Die Studenten, die bald Zwischenprüfung haben, müssen mit der Gruppe ein Mundartlied einstudieren. Heidis Stück heißt "Übers Loaterl steig i net aufi". Es geht um einen Jungen, der sich nicht traut zu fensterln. Heidi singt das Lied vor, mit roten Wangen, sie bewegt ihre Hand nach oben und unten, je nach Tonhöhe.

Seit 2010 ist Volksmusik ein Bachelor-Studiengang. Die meisten Absolventen unterrichten später an Musikschulen, die besten werden Konzertmusiker, touren durch Bayern, Österreich, Südtirol.

Eigentlich soll es bald auch einen Master-Studiengang geben. Doch die Zukunft sieht düster aus. Volksmusik, das Exotenfach, hat ein mieses Image in der akademischen Welt.

Das "Musikantenstadl" hat den Ruf versaut

Josef Hornsteiner ist Dozent und Studiengangsleiter. Seine Studenten nennen ihn nur "Sepp". Hornsteiner, braunes Jackett mit Holzmanschetten und kariertes Hemd, sitzt bei einem Cappuccino in der Cafeteria des Gasteig und lächelt müde. Er sei "schon sehr frustriert", sagt er. Hornsteiner sehnt sich nach seiner Pensionierung, nächstes Jahr ist es endlich so weit.

Seit 30 Jahren kämpft er für eine Professur in Volksmusik. Ohne Erfolg. Sein Fach ist das Stiefkind der Hochschule, an der auch klassische Komponisten und Theaterregisseure ausgebildet werden.

"Für die Hochschulleitung ist unsere Musik keine Hochkultur", sagt Hornsteiner, "alle denken nur an Florian Silbereisen, wenn sie das Wort Volksmusik hören. Dabei hat unser Fach absolut nichts mit dem Gedudel zu tun, das im Radio und im Fernsehen läuft."

Heile-Welt-Shows wie "Musikantenstadl" oder "Willkommen bei Carmen Nebel" haben den Ruf der akademischen Volksmusiker versaut. Wer dieses Fach studiert, so das Klischee, will Schnulzensänger werden, der nächste Hansi Hinterseer.

Dabei ist Volksmusik strenggenommen regionale Musikkultur, entstanden in den Wirtshäusern und Bauernstuben der Alpen. Volksmusik steht für Folklore, Mundart und Handgemachtes.

Das, was im Fernsehen läuft, ist nur eine Spielart der Volksmusik: die volkstümliche Musik. Dort reimen Dauergrinser die Wörter "Herz" auf "Schmerz". Volkstümliche Musik steht für Schlager, Unterhaltung und Kommerz. Doch zum Pech der Wissenschaftler ist die volkstümliche Musik zurzeit so erfolgreich wie nie. Die Kastelruther Spatzen haben im vergangenen Jahr über 90 Shows in Deutschland gespielt. Die Sängerin Helene Fischer, momentan der Star der Szene, hat seit 2006 mehr als 3,5 Millionen Platten verkauft.

Experten schätzen, dass es in Deutschland für volkstümliche Unterhaltung eine Zielgruppe von rund zehn Millionen Menschen gibt.

Jazzstudenten schauen auf sie herab

Ist es dann überhaupt schlimm, wenn das Volksmusik-Studium stirbt?

"Natürlich", sagt Georg Glasl, Zither-Dozent in München. "Früher wurden Traditionen in Familien vererbt, von Großeltern über Eltern zu den Kindern. Heute ist das nicht mehr so. Diese Aufgabe müssen Lehrer in Musikschulen und im Schulunterricht übernehmen. Wir bilden sie zu guten Pädagogen aus." Das "Kulturgut Volksmusik" hänge letztlich von dem Studiengang ab.

Der Rest der Welt sieht den Niedergang der Volksmusik-Wissenschaft weniger dramatisch. Die Studenten spüren das. Die Orchestermusiker und Jazzstudenten schauten auf sie hinab, sagt Heidi. Manchmal sitzt sie mit ihnen in Seminaren. "Wenn ein dummer Spruch kommt, red ich halt blöd zurück", sagt Heidi.

Die Volksmusiker haben ihr Fach nicht nach Zukunftschancen auf dem Arbeitsmarkt ausgesucht. Sie lernen neben dem Studium keine Fremdsprache, sie planen keine Auslandssemester. Heidi und ihre Kommilitonen sind die Antitypen zum modernen, urbanen Studenten.

Um 16 Uhr beginnt die letzte Seminarstunde an diesem Tag. Thema: "Bayerische Volkstänze". Die Studenten lernen einen bayerischen Walzer. Drei Schritte nach links, drei nach rechts, dann die Drehung mit dem Partner. Die Gruppe stapft durch Zimmer 118. "Da muss mehr Anmut drin sein!", ruft Hornsteiner.

Nach dem Seminar schultert Heidi ihre Umhängetasche und tritt in die Münchner Nacht hinaus. Sie wohnt in einer Dreier-WG am Max-Weber-Platz, ganz in der Nähe des Gasteig, sie kann nach Hause laufen. Die S-Bahn mag sie nicht, die vielen Menschen, das Gedränge.

Auf dem Heimweg erzählt Heidi, sie habe früher mal Ballett getanzt, als Zwölfjährige fand sie Britney Spears toll. Dann bleibt sie stehen. Sie hoffe, dass das alles nicht zu konservativ rüberkomme. "Volksmusik bedeutet Heimat für mich", sagt Heidi, "wenn ich nicht weiß, wo ich herkomme, weiß ich auch nicht, wo ich hingehöre."

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1. ...
elbgeistDD 26.03.2012
Zitat von sysopSie lernen Zither, Jodeln, Bauerntanz - und spielen an gegen ihr mieses Image: Die letzten sechs Studenten im einzigen Volksmusik-Studiengang Deutschlands träumen nicht vom "Musikantenstadl", sondern wollen ihr Fach vor dem Aussterben retten. Volksmusik-Studenten: "Das ist kein Gedudel" - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - UniSPIEGEL (http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/0,1518,822362,00.html)
Und was hat der Musikantenstadel mit Volksmusik zu tun - Nichts
2. Regionalstudien...
wtf?! 26.03.2012
sind doch der letzte Schrei im Uni-Wesen. Also findet ein paar Anthropologen, Linguisten, Wirtschaftswissenschaftler etc und gruendet ein Institut fuer bayrische Regionalstudien.
3. Eigentlich Weltmusik
leerzeichen 26.03.2012
Ich finde diese Musikpflege gut und hoffe, dass es nicht irgendwann "wiederentdeckt" werden muss, sondern gepflegt wird. Wir sprechen doch immer von Weltmusik und erfreuen uns an Bracchtum und Folklore aus vielen Ländern. Warum sollte die Volksmusik des eigenen Landes da nicht dazugehören ? Der Musikantenstadl ist dagegen eher ein verflachtes Fernsehformat. Diese verflachten Formate gibts (bzw. gabs) im TV auch für E-Musik und andere echte Kultur.
4.
schwarzes_lamm 26.03.2012
Zitat von sysopSie lernen Zither, Jodeln, Bauerntanz - und spielen an gegen ihr mieses Image: Die letzten sechs Studenten im einzigen Volksmusik-Studiengang Deutschlands träumen nicht vom "Musikantenstadl", sondern wollen ihr Fach vor dem Aussterben retten. Jodel-Studenten: "Sex, Drugs and Volxmusik" - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - UniSPIEGEL (http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/0,1518,822362,00.html)
Der Spiegel sollte endlich lernen, zwischen "Volksmusik" und "Volkstümlicher Musik" zu unterscheiden. Musikantenstadl = Volkstümliche Musik, das hat nur entfernt mit Volksmusik zu tun.
5. Das Jodeldiplom
Jurx 26.03.2012
Zitat von sysopSie lernen Zither, Jodeln, Bauerntanz - und spielen an gegen ihr mieses Image: Die letzten sechs Studenten im einzigen Volksmusik-Studiengang Deutschlands träumen nicht vom "Musikantenstadl", sondern wollen ihr Fach vor dem Aussterben retten.
Früher war alles besser, und mit Loriot als Jodellehrer waren auch die Klassen voller, wie man noch heute auf Youtube sehen kann: Loriot - Die Jodelschule 1984 - YouTube (http://www.youtube.com/watch?v=zNRSp9M3b0g) Wie hieß es doch: "Das Jodeln, also das Diplomjodeln, das Jodeln mit Diplomabschluß, unterscheidet sich vom Normaljodeln, also dem Jodeln ohne Diplom und ohne Jodel-Diplomabschluß. Und der heutigen Studentin kann man direkt die Worte von "Frau Hoppenstedt" in den Mund legen: "Eine Berufsausbildung ist ja nicht grundsätzlich von Männern gepachtet. Gerade eine Hausfrau mit Familie sollte eine abgeschlossene Berufsausbildung haben. Wenn die Kinder mal aus dem Haus sind und es passiert irgendwas, dann habe ich nach zwei Jahren Jodelschule meinen Jodel-Diplomabschluß. Da hat man was in der Hand!" Ick heff mol en Hamborger Veermaster sehn - wo bleibt eigentlich der Hamburger Bachelor-Abschluß für Shanty-Chorgesang mit den entsprechenden akademischen Weihen?
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