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Diplomarbeit von Geisterhand: Und ewig lockt der Ghostwriter

Von Jens Radü

Im Web bieten Lohnschreiber offen ihre Dienste an, arbeiten diskret und "nach genauen Vorgaben unserer Kunden", so die Eigenwerbung. 30 Euro pro Seite kosten Seminar- oder Diplomarbeiten. Die Geschäfte der dreisten Ghostwriter gehen gut - juristisch ist ihnen schwer beizukommen.

Der Slogan klingt verführerisch: "Verlangen Sie von uns nie weniger als das Maximum", wirbt die Münsteraner Firma auf ihrer Website. Das Maximum ist in diesem Fall eine glänzende Note vom Prof - denn bei diesem Unternehmen können sich die Kunden ihre persönliche Seminar- oder Hausarbeit bestellen. "Als Mustervorlage" für die Erstellung der eigenen Arbeit. So formulieren es die Anbieter.

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Doch in der Praxis dürften nur wenige Kunden der Versuchung widerstehen, den bestellten Text einfach unter eigenem Namen einzureichen. Schließlich haben sie sich den Service eine Menge Geld kosten lassen: 29,85 Euro verlangen die Schreiber für ihre Dienste. Pro Seite. Dafür sind die gelieferten Arbeiten komplett ausformuliert und formatiert. "Ein zusätzlicher Service", sagt Daniel Ridders, der die Firma vor dreieinhalb Jahren gegründet hatte.

Ein schlechtes Gewissen zwickt Ridders nicht. "Wir weisen ausdrücklich auf der Website und in jedem Telefonat darauf hin, dass es nicht erlaubt ist, unsere Arbeiten als die eigenen abzugeben", erklärt er. Der 27-Jährige hat Wirtschaftsrecht in Osnabrück studiert. Bei Auslandsaufenthalten in England und den USA fiel ihm eine dort weit verbreitete Praxis auf: Wer keine Zeit oder keine Lust hat, seine Arbeiten für die Uni selbst zu schreiben, bucht über das Internet einen Ghostwriter. Die Geschäftsidee für Ridders Website war geboren.

"Nach genauen Vorgaben unserer Kunden - sowohl Studenten als auch Unternehmen - erstellen unsere bestens ausgebildeten und hochmotivierten Autoren erstklassige Hausarbeiten, Referate, Präsentationen auf hohem Niveau", verspricht Ridders im Online-Werbetext. Jede Arbeit sei ein Unikat, sein Unternehmen garantiere absolute Diskretion: Niemals werde etwa der Name des Auftraggebers weitergegeben. Die Kunden wollen lieber unerkannt bleiben.

Akademischer Headshop

Doch die Konkurrenz schläft nicht. Die Website der Münsteraner Firma ist nur eine von vielen, auch in Zeitungen und Magazinen erscheinen eindeutige Anzeigen: "Erfahrener Lektor erstellt und korrigiert Texte aller Art. Gern Hochschularbeiten". Ghostwriting sei "schließlich so alt wie die Wissenschaft selbst", doziert Ridders.

Der Wirtschaftsrechtler hat sein Produkt genau durchkalkuliert - finanziell und juristisch. Unter dem Punkt "häufig gestellte Fragen" warnt Ridders davor, die von seinen Mitarbeitern verfasste Arbeit als die eigene zu deklarieren. "Das ist Täuschung, da die Arbeit nicht von ihnen stammt."

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Mit dem eher lapidaren Hinweis ist das Unternehmen juristisch aus dem Schneider. "Strafrechtlich ist dem nicht beizukommen", erklärt Ursula Nelles, Dekanin der Rechtswissenschaftlichen Fakultät der Universität Münster. Es ist wie mit Headshops: Was der Kunde mit den gekauften Haschpfeifen und Drogen-Utensilien anfängt, ist seine Sache, die Shops selbst sind legal. Und das Angebot des Schreibdienstes ist keine Anstiftung zum Betrug - dafür müsste die Universität durch die Ghostwriting-Arbeiten wirtschaftlichen Schaden erleiden.

"Auch Urkundenfälschung kommt nicht in Frage", sagt Nelles. Das sei schon für Klausuren höchstrichterlich entschieden worden. Selbst wenn der Kunde eine Erklärung der Universität unterschreibt, dass er die Arbeit mit zulässigen Mitteln erstellt hat, sei das nur eine schriftliche Lüge - und die ist nicht strafbar.

Und so häufen sich die Fälle an den Instituten. "Das ist keine Randerscheinung, wir haben damit ein großes Problem", klagt Nelles. Bei den Juristen sind Ghostwriter besonders beliebt, weil die Aufgabenstellung oft sehr individuell ist und es dazu keine passenden Arbeiten im Internet gibt. Copy & paste scheidet also aus.

Schlag ins Gesicht ehrlicher Examenskandidaten

Bei den Seminararbeiten komme es außerdem vor allem darauf an, den richtigen Lösungsweg zu finden, sagt Unternehmer Ridders: "Wir haben deshalb einen klaren Schwerpunkt auf Jura." Allerdings könne er nicht ausschließen, dass seine Kunden später nicht nur den Lösungsweg kopieren, sondern gleich die ganze Arbeit abgeben.

Für den Studenten hingegen kann es unterhalb der strafrechtlichen Ebene ernste Folgen haben, wenn er die Dienste eines Ghostwriters in Anspruch nimmt und dabei erwischt wird. Einige Institute drohen inzwischen mit drakonischen Strafen: Ein Bußgeld von bis zu 50.000 Euro will man etwa in Münster für die Ordnungswidrigkeit fordern, auf Basis des nordrhein-westfälischen Hochschulgesetzes.

"Wenn er das wiederholt versucht, fliegt der Student von der Uni", sagt Thomas Hoeren, Urheberrechts-Experte der Universität Münster. Und damit kommen deutsche Studenten noch gut weg: In den USA entscheidet eine universitäre Ethikkommission schon nach dem ersten Ghostwriter-Vergehen über die Exmatrikulation - meist kann der Student seine Uni-Karriere dann an den Nagel hängen. Das erscheint gerecht: Schließlich ist der Schreibdienst ein Schlag ins Gesicht aller Studenten, die sich auf ehrliche Art und Weise durch die Literatur quälen und wochenlang um Worte ringen.

Daniel Ridders beschreibt sein Angebot jedoch auch als Mission. Schließlich würden ihm vor allem die schlechten Studienbedingungen die Kunden zutreiben. "Da wird den Studenten im ersten Semester ein Thema hingeknallt mit der Aufgabe: Schreiben Sie mal 20 Seiten", erzählt er. Und damit seien die meisten Studenten eben schlicht überfordert.

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