Weiße Texanerin verklagt US-Uni: Wie gleich ist gleich genug?

Von Anne-Kathrin Gerstlauer, Washington D.C.

Weiß, schwarz, Latino - amerikanische Hochschulen dürfen ihre Studenten nach diesem Kriterium auswählen. Abigail Fisher, 22, weiß, schaffte es nicht an ihre Traum-Uni und fühlt sich diskriminiert. Jetzt klagt die Texanerin vor dem höchsten Gericht, der Fall hat Bedeutung für die gesamten USA.

"Affirmative Action": Weiße Texanerin fühlt sich diskriminiert Fotos
Getty Images

Ohne das Kästchen auf der ersten Seite der Bewerbung hätte sie an der University of Texas in Austin studieren können, so wie schon ihr Vater und ihre Schwester. Da ist sich Abigail Fisher sicher. In das Kästchen sollte sie ihre ethnische Herkunft eintragen.

Abigail Fisher ist keine Latina, keine Afro-Amerikanerin, keine Asiatin. Sie ist weiß - und wurde nicht zugelassen. Deshalb fühlt sich Abigail diskriminiert und hat gegen die Universität geklagt. Der Fall wurde am Mittwoch vor dem obersten Gericht der Vereinigten Staaten, dem Supreme Court, angehört. 80 Minuten lang beantworteten die Anwälte der beiden Parteien die Fragen der Richter. Der Fall hat Bedeutung für die gesamten USA.

Fisher ist mittlerweile 22 Jahre alt, sie hat in diesem Jahr ihren Bachelor in Finanzwirtschaft an der Louisiana State University gemacht. Vielleicht hätte sie weniger Studiengebühren bezahlt, vielleicht sogar einen besseren Job bekommen, wenn sie damals in Texas angenommen worden wäre. Aber darum geht es nicht in erster Linie. Es geht vor allem um die Verfassung, genauer, um den 14. Zusatzartikel: Vor dem Gesetz ist jeder Bürger gleich. Abigail Fisher fühlt sich nicht gleich genug.

Die Auslegung des Gesetzes hat eine lange Historie, und nicht immer eine schöne. Lange sah die Realität so aus: Alle Menschen sind gleich, nur manche sind gleicher, und zwar die Weißen. Lange galt der Grundsatz "separate but equal" - getrennt aber gleich -, der getrennte Schulen, Zugwaggons und Restaurants legitimierte. Er wurde 1954 vom Supreme Court zwar offiziell aufgehoben, doch damit hörte die Diskriminierung der schwarzen Bevölkerung nicht automatisch auf.

Die Besten des Jahrgangs bekommen automatisch einen Studienplatz

Selbst heute noch sind an vielen Universitäten vergleichsweise wenige Schwarze und Latinos vertreten. An der University of Texas (UT) in Austin gibt es deshalb eine Regelung, die die Vielfalt auf dem Campus sichern soll.

Generell gilt in Texas: Jeder Schüler, der zu den Besten des Abschlussjahrgangs seiner Schule gehört, bekommt automatisch einen Studienplatz an einer staatlichen Universität seiner Wahl innerhalb des Bundesstaats. Zunächst lag die Quote bei zehn Prozent, seit 2009 sind es die besten acht Prozent.

Doch die UT am Standort Austin behält sich vor, einen Teil ihrer Plätze nach eigenen Kriterien zu vergeben, um die Studentenschaft besonders vielseitig zusammenzuwürfeln. 2008 war es ein Fünftel der Studienplätze, 2012 ein Viertel. Nicht nur die Noten sollen über diese Plätze entscheiden, sondern das Gesamtpaket: soziales Engagement, Einkommen der Eltern, Geschlecht - und ethnische Herkunft.

Abigail Fisher hatte sich vor vier Jahren auf einen dieser Plätze beworben. Sie gibt zu dem Thema so gut wie keine Interviews. Was die Studentin zur Klage motivierte, erklärt sie in einem Video auf YouTube. Darin erzählt sie von Klassenkameraden mit schlechteren Noten, die zugelassen wurden. Der einzige Unterschied, sagt sie, sei die Hautfarbe gewesen.

Hinter dem Film steht das Project of Fair Representation - laut der Zeitung "Texas Tribune" eine "One-Man-Show" des juristischen Autodidakten Edward Blum. Der Texaner führt seit vielen Jahren juristische Kampagnen gegen Gesetze, die auf Grundlage ethnischer Kriterien das öffentliche Leben regeln wollen. Seine Kampagnen finanziert eine konservative Stiftung.

Meist lässt Abigail Fisher ihren Anwalt Bert Rein sprechen. Der sagte vor dem Supreme Court über die gescheiterte Bewerbung seiner Mandantin: "Rasse sollte der letzte ausschlaggebende Punkt sein, aber es war der erste." Die Universität bestreitet das. "Es gibt keine Quote, jeder tritt gegen jeden an", sagt Donald Verrilli, der die Universität Texas als juristischer Vertreter der Obama-Regierung unterstützt. Die Zugehörigkeit zu einer Minderheit garantiere keinen Studienplatz, jede Entscheidung sei individuell. Die Hochschule teilte mit, Fisher hätte sich selbst dann nicht gegen die vielen anderen Bewerber durchgesetzt, wenn sie einer anderen Ethnie angehört hätte.

Rasse darf eine Rolle spielen, urteilte das Gericht

2003 hatte der Supreme Court im sogenannten "Grutter v. Bollinger"-Fall entschieden, dass Quoten nicht mit der Verfassung vereinbar seien. Doch die ethnische Herkunft dürfe eine Rolle spielen, wenn sie als einer von mehreren Faktoren berücksichtigt werde. Das Gericht bestätigte damit in einer denkbar knappen Entscheidung das umstrittene Konzept der "affirmative action", zu Deutsch "positive Diskriminierung". Es geht auf Präsident John F. Kennedy zurück und soll die Situation für benachteiligte Gruppen verbessern, indem sie gezielt bevorzugt werden.

Allerdings urteilte der Supreme Court damals auch, dass die Herkunft nur maßgeblich sein darf, um unterrepräsentierte Minderheiten zu unterstützen, die sich sonst an den Hochschulen nicht wohlfühlen könnten. Die Fragen, die Abigail Fishers Seite nun stellt, sind deshalb Detailfragen: Wann ist eine Minderheit unterrepräsentiert? Wird in jeder Klasse einzeln nachgezählt? Und am wichtigsten: Wann ist eine Vielfalt erreicht, so dass die ethnische Zugehörigkeit bei der Bewerbung keine Rolle mehr spielen muss? Wenn der Supreme Court seine Entscheidung von 2003 revidiert und die ethnische Herkunft als Kriterium komplett ausschließt, müsste manche Hochschule ihr Auswahlverfahren neu überdenken.

"Das wäre ein Skandal", sagt Hilary Shelton. Er leitet das Washington-Büro der Bürgerrechtsorganisation NAACP, die die UT Austin unterstützt. "Rassismus ist ein Problem", sagt Shelton. Wenn nur die Noten über einen Studienplatz entschieden, mache das die Aufnahmeverfahren nicht gerechter. Denn: Schon bei den Tests in der Schule würden nicht-weiße Jugendliche diskriminiert.

Unsicherheit herrscht auch an vielen Universitäten außerhalb von Texas. Leigh Weisenburger ist Dekanin für Studienzulassung am Bates College in Maine, an dem jedes Jahr rund 5000 Bewerbungen durchgeschaut werden müssen. "Dabei werden alle Faktoren, also Noten, soziales Engagement, Geschlecht, sozialer Hintergrund, berücksichtigt." Die ethnische Zugehörigkeit sei kein Hauptfaktor. Weisenburger sagt, sie sei besorgt, dass die Universität künftig nicht mehr so frei entscheiden könne, wer auf den Campus passe. Das Urteil wird frühestens im Frühjahr 2013 erwartet.

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1.
texas_star 11.10.2012
Zitat von sysopWeiß, schwarz, Latino - amerikanische Hochschulen dürfen ihre Studenten nach diesem Kriterium auswählen. Abigail Fisher, 22, weiß, schaffte es nicht an ihre Traum-Uni und fühlt sich diskriminiert. Jetzt klagt die Texanerin vor dem höchsten Gericht, der Fall hat Bedeutung für die gesamten USA. Diskriminierung in USA: Weiße Amerikanerin verklagt Universität - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/diskriminierung-in-usa-weisse-amerikanerin-verklagt-universitaet-a-860719.html)
der artikel ist sehr einseitig geschrieben, trifft die aktuelle vorgehensweise bei vielen amerikaner auf unverstaendnis. "affirmative action" gibt es mittlerweile schon seit jahrzehnten und auch trotz dieser bevorzugung haben es Unis schwer "genug" minorities zu bekommen. das argument, dass studenten aus schwachen high-schools in armen vororten nicht mit reichen, weissen studenten mithalten koennen, zieht in diesem falle nicht - da die UT Austin generell die Top 10% aus dem jewiligen high-school jahrgang zulaesst. also man kann auch in einer armen high-school mithalten... man muss halt nur eben gut sein.... ich wuerde gerne einmal den aufschrei in deutschland hoeren, wenn bei der studienplatz vergabe "bonuspunkte" fuer minderheiten vergeben werden wuerden....
2.
nyarlathothep 11.10.2012
"Wenn nur die Noten über einen Studienplatz entschieden, mache das die Aufnahmeverfahren nicht gerechter. Denn: Schon bei den Tests in der Schule würden nicht-weiße Jugendliche diskriminiert. " Wie wärs denn damit diese Diskriminierung aufzuheben, statt zu versuchen, sie mit einer neuen Diskriminierung zu kontern? Wobei nicht gesagt wird worin diese Diskriminierung bei den Noten bestehen soll. Allgemein kann man nur Erfolg für die KLägerin wünschen. Es ist überraschend, dass dieser offensichtliche Rassismus überhaupt drchgeführt werden darf.
3.
maxmcfly 11.10.2012
Unter der Prämisse, dass wirklich Gleichheit unter allen ethnischen Gruppen herrscht, würde ich der jungen Dame Recht geben. Allerdings ist das wohl eine eher utopische Annahme und daher würde ich das System wegen Fragen der Gleichberechtigung unterstützen. Allerdings kommt mir der 1/4 Quotient zu groß vor. Latinos und Afroamerikaner haben schließlich auch die Möglichkeit unter der acht besten Prozent ihres High-School Jahrgangs zu kommen...
4.
testthewest 11.10.2012
Zitat von sysopWeiß, schwarz, Latino - amerikanische Hochschulen dürfen ihre Studenten nach diesem Kriterium auswählen. Abigail Fisher, 22, weiß, schaffte es nicht an ihre Traum-Uni und fühlt sich diskriminiert. Jetzt klagt die Texanerin vor dem höchsten Gericht, der Fall hat Bedeutung für die gesamten USA. Diskriminierung in USA: Weiße Amerikanerin verklagt Universität - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/diskriminierung-in-usa-weisse-amerikanerin-verklagt-universitaet-a-860719.html)
Wenn nach "Rasse" ausgewählt werden darf seitens der Unis, ist das eben Rassismus. Falsche Rasse => Pech gehabt!
5. bei Kafka
meergans 11.10.2012
Zitat von sysopWeiß, schwarz, Latino - amerikanische Hochschulen dürfen ihre Studenten nach diesem Kriterium auswählen. Abigail Fisher, 22, weiß, schaffte es nicht an ihre Traum-Uni und fühlt sich diskriminiert. Jetzt klagt die Texanerin vor dem höchsten Gericht, der Fall hat Bedeutung für die gesamten USA. Diskriminierung in USA: Weiße Amerikanerin verklagt Universität - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/diskriminierung-in-usa-weisse-amerikanerin-verklagt-universitaet-a-860719.html)
und bei juristen ist alles möglich
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