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30. März 2011, 20:32 Uhr

Doktor-Pfusch

Plagiatsvorwurf gegen Stoiber-Tochter

Von und Markus Verbeet

Die Uni Konstanz prüft derzeit Vorwürfe gegen eine prominente ehemalige Doktorandin. Sie soll sich für ihre Dissertation sehr frei aus fremden Texten bedient haben. Die mutmaßliche Abschreiberin ist Juristin und die Tochter von Edmund Stoiber.

Die peinliche Plagiatsaffäre von Karl-Theodor zu Guttenberg geriet in den vergangen Wochen beinahe in Vergessenheit. Plagiat in der Jura-Arbeit des Ex-Ministers? War da was? Besonders befördert hatten die Enthüllungen in der Arbeit des Verteidigungsminister viele anonyme Helfer im Internet, die im GuttenPlag Wiki Beleg um Beleg für abgekupferte Passagen sammelten.

Nun haben sich Plagiatsjäger im Netz auf eine neue Dissertation eingeschossen. Wie das Münchner Boulevardblatt "Abendzeitung" berichtet, gibt es Schummel-Vorwürfe gegen eine prominente Absolventin der Uni Konstanz. Der Titel der umstrittenen Doktorarbeit lautet "Regulierung im Mobilfunk", Autorin: die Juristin Veronica Saß, Tochter von Edmund Stoiber, ehemals bayerischer Ministerpräsident.

Ihre Doktorarbeit soll in wesentlichen Teilen aus nicht genannten Quellen abgeschrieben sein. Die Dissertation hatte Saß im Jahr 2008 an der Uni Konstanz eingereicht. Ein Jura-Professor, der die Arbeit gelesen hat, sagte SPIEGEL ONLINE, für eine wissenschaftliche Karriere habe die Dissertation "nicht gereicht". Verbesserungsvorschläge und Anmerkungen habe die Doktorandin Saß ausgeschlagen als klar war, dass es zum Titel reicht.

Glaubt man dem Informanten, könnte es sich bei der umstrittenen Dissertation der Juristin also um einen klassischen Karriere-Doktor handeln. Ein schmückendes Dr. vor dem Namen, das Türen öffnen kann und gerade für Juristen oft als unverzichtbar gilt. Inzwischen arbeitet die 33-jährige Saß in einer Münchner Anwaltskanzlei.

Geklautes aus Wikipedia, Pressemeldungen, Standardwerken

Auf der Internetplattform "VroniPlag Wiki" wird derzeit "nach dem Vorbild von der Dissertationsaufarbeitung des Freiherren zu Guttenberg", die Doktorarbeit genau inspiziert. Aktueller Recherchestand der Netzaktivisten: 52 der 383 Seiten starken Arbeit stehen unter Plagiatsverdacht. Tendenz steigend. Nach Bekunden der Internet-Detektive enthalten rund 15 Prozent der Arbeit verdächtige Seiten.

"VroniPlag Wiki" meldet in der Dissertation abgeschriebene Passagen aus dem Internetlexikon Wikipedia, Textbausteine aus Pressemeldungen und paraphrasierte Abschriften aus Standardwerken. Eine längere Passage entspreche "quasi komplett dem Aufsatz 'Mobilterminierung im Wettbewerb'", einem Diskussionspapier der Helmut-Schmidt-Universität der Bundeswehr.

Vor allem im fünften Kapitel sind die Ähnlichkeiten mit anderen Veröffentlichungen frappierend. "Regulierung der Mobilfunkmärkte im Einzelnen", heißt dieses Kapitel. Und vieles von dem, was da steht, steht auch anderswo - selbst im Einzelnen. Mindestens drei Aufsätze eines Hamburger Professors, allesamt früher veröffentlicht als die Dissertation, könnten als Vorlage gedient haben. Um die Überschneidungen zu entdecken, muss man nicht einmal tief in die Texte einsteigen. Es reicht schon, die Überschriften und Zwischenüberschriften zu lesen.

Unweigerlich, zahlreiche Déjà-vus

Die lauten in einem der drei Aufsätze etwa: "Was ist Mobilterminierung?", "Marktabgrenzung und Regulierungsbegründung", "Dominanz oder marktliche Disziplinierung" und so weiter. Der Aufsatz zählt insgesamt zwölf solcher Zwischenüberschriften. Bei der Lektüre der Dissertation hat man unweigerlich zahlreiche Déjà-vu-Erlebnisse, nämlich genau zwölf. Alle Zwischenüberschriften finden sich in der Dissertation, in identischer Reihenfolge.

Nur ein Unterpunkt, gekennzeichnet als "Ausnahme", unterscheidet die Dissertation vom Aufsatz. Wenn die wissenschaftliche Leistung auch darin bestehen soll, den Stoff zu gliedern und seine Argumente in geordneter Reihenfolge vorzutragen, dann ist eine eigene Leistung der Doktorandin in diesem Abschnitt nur schwer zu erkennen.

Aber die Ähnlichkeiten betreffen nicht nur dieses Unterkapitel, und sie gehen weit über die Zwischenüberschriften hinaus. Ganze Sätze und ganze Absätze sind wortgleich. Wer den einen Text liest, kann sich die Lektüre der anderen Ausführungen zum Thema weitgehend sparen: er wird kaum etwas Neues finden.

Besonders dreist wirkt, dass selbst in einem "Fazit" der Dissertation dasselbe steht wie in einem der Aufsätze. "Wie wir gesehen haben", beginnt die entsprechende Passage des Aufsatzes; "Wie soeben dargestellt", heißt es in der Dissertation. Es folgen acht Sätze, die vollkommen identisch sind - bis hin zur Fußnote, die an derselben Stelle steht und dieselbe Erläuterung enthält.

Die einzige Leistung der Doktorandin in dieser Passage erfolgt im letzten Satz ihres Fazits, sie schwächt die Aussage des Hamburger Professors ab. Laut dem Aufsatz "wäre eine Regulierung der Preise das falsche Instrument", schreibt der Autor. Nach dem Fazit der Dissertation "ist eine Regulierung der Preise ein fragliches Instrument".

Die Uni Konstanz prüft, sagt aber nicht bei wem

Saß verhehlt nicht, dass sie jedenfalls diesen einen zitierten Aufsatz gekannt hat. Sie führt ihn in ihrem langen Literaturverzeichnis auf, und sie nennt ihn auch in zwei Fußnoten auf den fraglichen Seiten. Aber: In dem Unterkapitel weisen rund zwölf Seiten die erstaunlichen Ähnlichkeiten auf. Und als wörtliche Zitate sind die Stellen nicht gekennzeichnet, Anführungszeichen sind Mangelware.

Veronica Saß war am Mittwoch für SPIEGEL ONLINE nicht erreichbar. Ein Kanzlei-Kollege sagte, er habe am Morgen mit seiner Kollegin telefoniert. Saß und die Kanzlei seien sich einig, "sich zum laufenden Verfahren nicht zu äußern".

Der Erstgutachter der Doktorarbeit, Jura-Professor Georg Jochum, wollte sich nicht zum konkreten Plagiatsvorwurf gegen die Juristin äußern. Er sagte allerdings: "Für eine Doktorarbeit habe ich in der Regel zwei Monaten Zeit. Ein Plagiatsfund bei einem mir völlig fremden Text ist Zufall, da muss man einen guten Riecher haben."

Regelmäßig würde er aber bei seinen Gutachten verdächtige Textpassagen im Internet abgleichen. "Bei manchen Doktorarbeiten hat man so ein Gefühl", sagt Jochum. "Wir Doktorväter müssen aber auch Vertrauen haben. Das sind schließlich alles Juristen, die wissen, dass Abschreiben kriminell ist."

Die Universität Konstanz bestätigte, seit dem 14. Februar Kenntnis vom Vorwurf eines Plagiats zu haben und das es sich um eine "Dissertation aus dem Fachbereich Rechtswissenschaft" handele. "Wir gehen im Moment Seite für Seite durch", sagte Julia Wandt, Pressesprecherin der Universität. Man nehme die Vorwürfe sehr ernst. Ob die strittige Dissertation die der Juristin Saß ist, wollte die Sprecherin nicht sagen. Aus Universitätskreisen erfuhr SPIEGEL ONLINE allerdings, dass es sich bei der geprüften Dissertation um Saß' Doktorarbeit handelt.

Den Gutachter der Arbeit, Georg Jochum, hat der Plagiatsverdacht an der Uni Konstanz aufgeschreckt: "Jede Doktorarbeit muss bei mir inzwischen auch digital eingereicht werden", sagt Georg Jochum. Eine Prüfung, die er besser schon im Jahr 2008 vorgenommen hätte.

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