Doktoranden in Deutschland: "Ein Handschlagmilieu darf es nicht geben"

Wie zufrieden sind Deutschlands Doktoranden? Das erforscht Stefan Hornbostel, 54, Leiter des Bonner Instituts für Forschungsinformation und Qualitätssicherung. Er warnt vor Geschäften mit dem Doktortitel und korrupten Professoren.

Bonner Absolventen: In manchen Fächern ist der Doktor fast zum Regelabschluss geworden Zur Großansicht
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Bonner Absolventen: In manchen Fächern ist der Doktor fast zum Regelabschluss geworden

UniSPIEGEL: Herr Hornbostel, Ihr Institut erforscht gerade, ob die Doktoranden in Deutschland mit Freude promovieren. Was haben Sie herausbekommen?

Hornbostel: Gut zwei Drittel der Promovierenden sind mit der Betreuung "zufrieden" oder "sehr zufrieden". Deren Betreuer nehmen sich die notwendige Zeit, halten sich an getroffene Vereinbarungen zur Betreuung der Promotion und geben konstruktive und hilfreiche Rückmeldungen. Wir haben auch selten davon gehört, dass sich die Doktoranden ausgenutzt fühlen, zum Beispiel, was die Übernahme von Lehrveranstaltungen angeht, die ja auch ein wichtiger Bestandteil der Ausbildung sind.

UniSPIEGEL: Klingt erfreulich.

Hornbostel: Moment! Das ist zwar zunächst ein überraschend positives Bild, das ganz im Gegensatz zur oft kolportierten Doktoranden-Misere steht. Aber es handelt sich hier um eine Zwei-Drittel-Gesellschaft, ein Drit-tel der Promovierenden ist mit der Situation "ausgesprochen unzufrieden".

UniSPIEGEL: Wie erklären Sie diese großen Unterschiede?

Hornbostel: Während zum Beispiel in Ingenieurwissenschaften dringend nach Nachwuchs gesucht wird, der promoviert, ist die Promotion in manchen Fächern wie Medizin oder Chemie fast ein Regelabschluss der akademischen Ausbildung geworden. Deutschland gehört deswegen weltweit zu den Ländern mit der höchsten Promotionsquote. Das ist an sich positiv, birgt aber auch Gefahren.

UniSPIEGEL: Welche?

Hornbostel: Es fällt dort, wo es viele Doktoranden gibt, schwer, ein angemessenes Qualitätsniveau zu halten. Die Promotionsordnungen verlangen eigentlich hochkarätige Forschungsleistungen, aber wenn zum Beispiel alle gleichzeitig ins Labor drängen, kann der einzelne Doktorand nicht mehr richtig arbeiten. Und die Praxiserfahrung bleibt auf der Strecke, dabei ist dieses intensive Forschen besonders wichtig, wenn man eine Karriere in der Wissenschaft anstrebt.

UniSPIEGEL: Warum nehmen dann trotzdem so viele die Promotion auf sich?

Hornbostel: Ganz einfach: weil es sich in der Regel auszahlt. Nach wie vor geht eine Promotion im späteren Berufsleben mit einem höheren Einkommen einher. Bei den Geisteswissenschaftlern verdienen die Promovierten hierzulande etwa 25 Prozent mehr als die unpromovierten Kommilitonen, hinzu kommt der Status, der mit dem Titel kommt. Da ist der Drang nach einem Doktor im Namen natürlich groß ...

UniSPIEGEL: ... und verlockt zu illegalem Tun.

Hornbostel: Exakt. Wir müssen mehr denn je darauf aufpassen, dass es keine Geschäfte mehr wie in den letzten Jahren gibt, bei denen korrupte Professoren den Doktortitel an wenig talentierte, aber solvente Promovierende verkauft haben. Dieses Handschlagmilieu darf es nicht geben.

Das Interview führte Guido Kleinhubbert

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Zur Person
Heike Zappe
Stefan Hornbostel, 54, ist Leiter des Bonner Instituts für Forschungsinformation und Qualitätssicherung. Er promovierte an der FU Berlin und arbeitete nach seinem Studium an den Universitäten Kassel, Köln, Jena und Dortmund, sowie am Centrum für Hochschulentwicklung (CHE). Er ist Professor für Soziologie mit dem Schwerpunkt Wissenschaftsforschung am Institut für Sozialwissenschaften der Humboldt-Universität Berlin.

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