Doktoranden in Deutschland: "Es ist dieses alte Lehrlingsmodell"

Wie gut kümmern sich Unis und Professoren um ihre Doktoranden? Margret Wintermantel, Präsidentin der Hochschulrektorenkonferenz, spricht im UniSPIEGEL über die neuen Graduiertenschulen - und über Missstände bei der Promotion.

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Absolventen in Bonn: Wird man zum Leibeigenen des Professors?

UniSPIEGEL: Frau Wintermantel, erinnern Sie sich gern an Ihre eigene Promotionszeit zurück?

Wintermantel: Die Arbeit an meinem Thema, es ging um Diktionsdistanz, hat mir schon viel Freude bereitet, auch wenn es nicht immer einfach war. Ich fühlte mich oft allein gelassen und wurde sicherlich nicht optimal betreut.

UniSPIEGEL: Das Schicksal teilen noch immer viele.

Wintermantel: Ja, ich kenne natürlich solche Fälle. Es ist dieses alte Lehrlingsmodell ...

UniSPIEGEL: ... bei dem der Doktorand der Leibeigene des Professors ist - und entsprechend ausgenutzt wird. Warum hat sich in den letzten Jahrzehnten so wenig verbessert?

Wintermantel: Das sehen Sie falsch! An vielen Universitäten hat sich die Einstellung gewandelt: Es gibt mehrere Betreuer, die ganze Fakultät kümmert sich um die Doktoranden. So hat es auch die Hochschulrektorenkonferenz gemeinsam mit den Kollegen aus Österreich und der Schweiz formuliert: Wünschenswert ist die Begleitung durch ein Team von erfahrenen Forschern, die aus verschiedenen Bereichen stammen und auch Zwischenbewertungen vornehmen.

UniSPIEGEL: Aber wünschen allein hilft nicht.

Wintermantel: Es ist mir schon klar, dass es Missstände gibt, die wir unbedingt beheben müssen. Wir können es uns nicht leisten, dass uns die begabten jungen Leute weglaufen. Die Universitäten müssen eine Kultur entwickeln, mit Doktoranden vernünftig umzugehen, das haben sie ja teilweise auch. Wir sind auf einem guten Weg, und die Graduiertenkollegs und Graduiertenschulen sind ein echter Fortschritt.

UniSPIEGEL: Kritiker fürchten eine Verschulung, ähnlich wie beim Bachelor: Die Doktoranden könnten nicht mehr frei arbeiten.

Wintermantel: Die Graduiertenschulen haben viele Vorteile, aber wir sagen nicht, dass alle in einem solchen Rahmen promovieren sollen, ganz im Gegenteil. Es braucht auch weiterhin die Möglichkeit der Einzelpromotion, aber dann eben mit einer guten, verlässlichen Betreuung.

Das Interview führte Markus Verbeet

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Margret Wintermantel, 63, ist Präsidentin der Hochschulrektoren-konferenz (HRK). Der Sozialpsychologin aus dem Westerwald hat die Arbeit an ihrer Dissertation Freude gemacht, auch wenn sie sich oft alleine gelassen fühlte. Wintermantel habilitierte in Heidelberg, wurde später Präsidentin der Universität des Saarlandes. An der HRK-Spitze steht sie seit 2006.

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