Promotion mit 92: Krisen-Oma macht den Doktor
In ihrer Doktorarbeit vergleicht sie die Weltwirtschaftskrise am Ende der zwanziger Jahre und die aktuelle Finanzkrise - und beide hat sie miterlebt: Die Australierin Lis Kirkby ist 92 und will in diesem Jahr ihre Dissertation einreichen. Die Senior-Doktorandin sagt, sie wolle ihr Hirn fit halten.
Jemand habe ihr gesagt, das Hirn funktioniere wie ein Muskel und brauche Training, um in Form zu bleiben. Auch deshalb habe sie mit 85 ein Studium angefangen und danach eine Promotion. So erklärte Lis Kirkby, mittlerweile 92, einmal in einem Fernsehinterview ihren akademischen Spätstart.
Sie gehört zu den ältesten Doktoranden Australiens, wenn nicht der Welt. An der University of Sydney schreibt Kirkby über die Weltwirtschaftskrise und die aktuelle Finanzkrise, 76.000 Wörter soll die Arbeit am Ende haben. Erlebt hat sie beide Krisen, schließlich ist sie 1921 geboren. Allerdings musste sie früh die Schule verlassen, schon mit 17. Damals erkrankte ihre Mutter und Kirkby musste sich um den Haushalt kümmern. Da hatte die Fabrikantenfamilie aus dem Norden Englands ihr Vermögen bereits lange verloren - nach dem Wall-Street-Crash im Jahr 1929.
Nach dem Zweiten Weltkrieg folgte sie ihrem Mann nach Malaysia, wo er als Arzt arbeitete. Von dort zog das Paar 1965 nach Australien. Hier fing Kirkby wieder an mit der Schauspielerei - in erster Linie, um ihre Familie in England finanziell zu unterstützen. "Ich wollte nicht, dass mein Mann das tut."
Sie arbeitete unter anderem auch als Radiomoderatorin, war Chefin einer Partei und Rinderfarmerin. In den siebziger Jahren wurde sie als Schauspielerin in Australien berühmt - die Seifenoper "Number 96" brachte die Themen Nacktheit und Homosexualität zu den darüber oftmals etwas verstörten Zuschauern in die Wohnzimmer.
Ihrer privilegierten Herkunft ist sie sich bewusst. Im Zweiten Weltkrieg wurde sie zum Militärdienst einberufen. Dort traf sie auf Frauen, die sehr viel weniger hatten als sie. "Sie hatten Kopfläuse. Viele von ihnen hatten noch nie eine Dusche gesehen." Deshalb ging sie später in Australien auch in die Politik. Ein brennendes Gerechtigkeitsgefühl ist ihr immer noch anzumerken - und auch dem Forschungsschwerpunkt ihrer Doktorarbeit. Ihr Doktorvater Harry Knowles ist begeistert über Kirkbys Leidenschaft für das Thema.
Ganz ungewöhnlich ist ein Studium in ihrem Alter nicht mehr - erst im vergangenen Jahr schloss ein 97-Jähriger in Australien sein viertes Studium ab. Doktoranden mit zum Teil weit über 70 Jahren gab es in den vergangenen Jahren unter anderem in Braunschweig, Mainz, Darmstadt und Stuttgart - und an der Fernuni Hagen erwarb ein 85-Jähriger den Doktortitel.
Einige von ihnen hatten durchaus Probleme mit der modernen Technik. Auch Kirkby kennt das: Als sie mit 85 Jahren das Grundstudium begann, musste sie erst lernen, mit dem Computer umzugehen. Auch heute schreibt sie längere Stücke zuerst mit der Hand. Doch dann tippt sie den Text in die Maschine. "Ich sage mir, dass ich das verdammte Ding besiegen werde. Es wird mich nicht unterkriegen."
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otr/dpa
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