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Folge der Plagiatsaffären: Die Angst des Doktoranden beim Promovieren

Als sie mit ihrer Doktorarbeit anfing, fragte sich Katharina Schenk, 25: Wovon soll ich leben? Und: Wie soll ich mich Tag für Tag motivieren? Jetzt, nach zahlreichen Plagiatsaffären, fürchtet sie, versehentlich abzuschreiben.

Es begann irgendwann zwischen den Plagiatsaffären von Annette Schavan und Norbert Lammert. Während ich zu Hause meine Notizen durchsah, überkam mich plötzlich die Angst, abgeschrieben zu haben. Das mag seltsam klingen, schließlich ist ein abgeschriebener Text mehr als eine bloße Fahrlässigkeit, vor allem wenn es sich um eine Doktorarbeit handelt. Abschreiben ist Betrug, ein Raubbau am geistigen Eigentum anderer, um sich selbst mit Ruhm zu schmücken. Es sollte also klar sein, wann die Grenze überschritten ist, wann man mit seiner Doktorarbeit zum Betrüger wird. Das dachte ich bislang. Doch die zahlreichen Plagiatsvorwürfe haben mich verunsichert.

Bei Karl-Theodor zu Guttenberg ließen sich die Fehler nicht wegreden. Er hat seitenweise Material kopiert. Doch je mehr Politiker über den Plagiatsvorwurf stolpern, desto unsicherer werde ich: Lässt sich wirklich eindeutig in jedem Fall sagen, hier wurde betrogen? Absichtlich sogar?

Es ist natürlich etwas ganz anderes, ob jemand mit Absicht betrügt, oder ob er aus Schusseligkeit zwei oder drei Fußnoten vergisst. Und trotzdem: Am Anfang und am Ende einer solchen Affäre steht immer der Plagiatsvorwurf. Es scheint gleichgültig zu sein, wie die Sache ausgeht. Vielleicht bleibt der Titel. Der gute Ruf und die Glaubwürdigkeit sind meist beschädigt. Eine Vorstellung, die mir Angst macht.

Woran sollte dieser Zettel nur erinnern?

Dabei arbeite ich sehr systematisch. In vielen meiner Bücher kleben kleine grüne Zettel, auf denen nach einem ausgeklügelten System Zitate und Gedankenstützen stehen: Alles, was ich denke, notiere ich mit Bleistift, alles, was ich von anderen übernehmen will, markiere ich bunt. Ich hoffe das reicht, um mich vor einem Plagiat zu schützen.

Aber: Kann ich garantieren, dass sich keiner meiner grünen Zettel im Schreibtischchaos verirrt?

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Zwielichtige Promotionen: Von Guttenberg bis Schavan

So musste ich kürzlich, nach dem Urlaub, meinen gesamten bis dato geschriebenen Text noch einmal lesen. Es dauerte einen guten Tag, bis ich wieder wusste, wo ich stehen geblieben war. Beim Blättern und Suchen fielen einige der grünen Zettel aus den Büchern, unsortiert und mit staubigem Kleberand hingen sie nun an Buchrücken und an der Tischplatte. Und dann klebte da noch ein Zettel an meinem Computerbildschirm, darauf der Titel eines Aufsatzes. Warum nur? Woran sollte mich das erinnern?

Meine Freunde finden das ziemlich amüsant. Ich müsse doch wissen, was ich zuletzt gedacht habe, meinen sie. Viele, die nicht promovieren, wundern sich über das Zettelchaos. Sie verstehen oft nicht, warum Jahre vergehen, bis am Ende doch überschaubare 200 Seiten gedruckt und gebunden ihren Weg zum Doktorvater finden.

Am Anfang war die Verzweiflung

All jene, die selbst promovieren, wissen um das oft schwierige Verhältnis eines Doktoranden zu seiner Doktorarbeit. Seit den sich häufenden Promotionsaffären sprechen wir auch häufiger über dieses Thema. Beispielsweise darüber, dass man eine Plagiatssoftware auch mieten kann. Wer hätte sich vor ein paar Jahren darüber schon gefreut?

Wir fragen uns auch, was überhaupt ein verurteilenswertes Plagiat ist. Wann kann man von Absicht ausgehen? Und: Was macht eine gute Arbeit überhaupt aus? Haben sich die Ansprüche über die Jahre verändert?

Ich habe überlegt, wie ich die abgeschlossene Arbeit am besten gegen später drohende Bloßstellungen schützen kann. Sollte ich sie vor der Abgabe ins Netz stellen? Würde sie jemand überprüfen? Oder würde das nicht andere einladen, von mir abzuschreiben?

Ich habe ziemlich lange gebraucht, um mich an den Status einer Doktorandin zu gewöhnen. Erst machte ich mir Sorgen, wovon ich in der Zeit leben soll. Dann wie ich mich am heimischen Schreibtisch selbst motivieren soll. Wie einen Text beginnen, der sich in noch ungeahnter Länge die nächsten Jahre durch mein Leben ziehen wird? Ich muss zugeben: Ein bisschen verzweifelt war ich schon.

Jetzt frage ich mich: Könnte eine Plagiatssoftware vielleicht sicherstellen, dass ich nie in einen Strudel aus Vorwürfen und Rechtfertigungen gerate? Inzwischen bin ich mir sicher: Niemand kann garantieren, dass meine Doktorarbeit nicht auch einmal Stein des Anstoßes sein wird. Aber deswegen aufgeben?

Ich habe mit der Promotion begonnen, weil mich eine Frage umtreibt: Ich will wissen, ob man philosophisch herleiten kann, was eine gute Regierung ist. Ich bin entschlossen, diese Frage mit Ja zu beantworten. Ich bin entschlossen, die nächsten Jahre über diese Frage nachzudenken.

Am Ende wird es wohl das sein, was mich - so hoffe ich - vor einem Plagiat schützt. Auch wenn die grünen Zettel manchmal durcheinander fliegen. Eine Plagiatssoftware kann nicht einfangen, was ein Doktorand eigentlich leisten muss: Eine kluge Frage stellen - und im Zweifelsfall eine kluge Antwort weglassen. Es sei denn, sie ist wirklich von ihm.


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Grit Schwerdtfeger

Katharina Schenk promoviert seit April 2013 an der Universität Leipzig im Fachbereich Philosophie. Ihre Promotion wird von der Friedrich-Ebert-Stiftung gefördert. Zuvor studierte sie in Athen und Leipzig Politikwissenschaften, Sozialwissenschaften und Philosophie. Neben der Promotion engagiert sie sich bei den Jusos, die Jugendorganisation der SPD.


Plagiattypen
Komlettplagiat
Ein Text wird unverändert und ohne Quellenangabe übernommen.
Eigenplagiat
Der Autor stiehlt bei sich selbst. Er übernimmt Passagen aus einer eigenen vorherigen Arbeit, ohne kenntlich zu machen, dass er diese Absätze schon einmal veröffentlicht hat. Wie macht man es richtig? Auch hier immer die Quelle und in diesem Fall den eigenen Namen nennen.
Strukturplagiat
Man formuliert zwar selbst, folgt dabei aber den Gedanken und Argumentationsketten anderer.
Übersetzungsplagiat
Sätze werden aus einem fremdsprachigen Text ins Deutsche übersetzt, ohne die Quelle zu nennen.
Collagetechnik
Aus verschiedenen Quellen werden Fragmente kopiert und neu zusammengesetzt. Der Text ist neu, die Bestandteile sind aber geklaut.
Verschleierung
Die Sätze und Gedanken anderer werden übernommen und dabei leicht umgestellt - ohne Angabe der Quelle. Es gilt: Auch wenn der Gedanke formal anders klingt, ist er noch nicht der eigene.
Falsches Paraphrasieren
Die Thesen anderer werden sinngemäß zusammengefasst. Dabei darf aber der Wortlaut nicht identisch sein. Und hier gilt ebenfalls: Auch eine Paraphrase braucht eine genaue Quellenangabe.
Bauernopfer
Man weist einen kleinen Teil des fremden Gedankens mit einer Fußnote aus, schreibt aber dahinter munter weiter ab. Wie immer gilt: Jeder Gedanke, jeder Satz, der nicht von einem selbst stammt, braucht eine Quellenangabe.

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