Plagiatsvorwurf gegen Schavan: Rechtsprofessor Löwer fordert Verjährung

Der Bonner Rechtsprofessor Wolfgang Löwer spricht sich für eine Verjährungsfrist bei Plagiatsvergehen aus. Er halte es für problematisch, "die Legitimation für eine ganze Lebensleistung zu entziehen". Inzwischen wurde bekannt: Ein Verlust der Doktorwürde könnte Schavan doppelt treffen.

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Bundesbildungsministerin Annette Schavan: "Legitimation für eine ganze Lebensleistung"

Berlin - Wolfgang Löwer, Professor für Öffentliches Recht in Bonn, schlägt eine Verjährungsfrist bei Plagiatsvergehen in Doktorarbeiten vor. Löwer beurteilt für die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) als Ombudsmann wissenschaftliches Fehlverhalten. Er sagte dem "Berliner Tagesspiegel": "Wir müssen über einen Zeitraum nachdenken, nach dem wir uns die Arbeiten amtlich nicht mehr anschauen."

Im Moment muss sich Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) gegen anonyme Plagiatsvorwürfe im Internet wehren. Die Politikerin hatte ihre Promotion vor 32 Jahren unter dem Titel "Person und Gewissen. Studien zu Voraussetzungen, Notwendigkeit und Erfordernissen heutiger Gewissensbildung" an der Universität Düsseldorf eingereicht.

Nach so langer Zeit jemandem "die Legitimation für eine ganze Lebensleistung zu entziehen", halte der Jurist Löwer nun für problematisch. Verjährungs-Regelungen gebe es in allen Bereichen. Bei juristischen Staatsexamen gelte etwa eine Frist von fünf Jahren. Für Promotionen sei ein solcher Zeitraum allerdings zu kurz. Löwer schlägt daher eine Zeitspanne von zehn Jahren vor.

Ein Ministerbetrug wäre "hochpeinlich"

Selbstverständlich stehe gerade eine Bildungs- und Forschungsministerin unter besonderer Beobachtung. Eine Verjährungsfrist schütze nach Ansicht Löwers daher nicht vor einem politischen Urteil. Sollten sich die Vorwürfe gegen die Ministerin bestätigen, dann sei dies "hochpeinlich". Bei der Plagiatsaffäre des ehemaligen Wirtschafts- und Verteidigungsminister Guttenberg hatte die Ministerin kurz vor dessen Rücktritt als eine der ersten Unions-Vertreterinnen Stellung bezogen: Als Wissenschaftlerin schäme sie sich "nicht nur heimlich" für das Debakel um Guttenbergs Doktorarbeit.

Der Promotionsausschusses der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf (HHUD) kündigte unterdessen an, in dieser Woche eine Erklärung zum weiteren Vorgehen bezüglich der Doktorarbeit von Schavan abzugeben. Mehrere Rechtsexperten hatten zuvor die Plagiatsvorwürfe, die auf der Seite schavanplag von einem anonymen Ankläger veröffentlicht wurden, als gerechtfertigt bezeichnet.

In einem schriftlichen Interview mit SPIEGEL ONLINE begründete der Schavanplag-Initiator unter dem Pseudonym "Robert Schmidt" seine Vorwürfe: "Ich halte es für belegbar, dass Frau Schavan plagiiert hat, wenn auch in geringerem Ausmaß als andere. Ich wollte das nicht unter den Tisch fallen lassen." "Schmidt" ist Mitglied im Recherchenetzwerk VroniPlag.

Die Mitglieder der Internetplattform hatten sich in einer Abstimmung zuvor gegen die Veröffentlichung der Arbeit entschieden. Die Mitarbeiter von VroniPlag hatten auf zehn Prozent der Seiten unsaubere Zitierweisen und so gut wie keine Eins-zu-eins-Übernahmen ohne Quellennennung gefunden.

Annette Schavan, die 2009 zur Honorarprofessorin der Freien Universität Berlin ernannt wurde und deshalb auch einen Professorentitel führt, hätte bei einem Titelentzug allerdings noch ein weiteres Problem: Schavan hatte 1980 eine Direktpromotion abgelegt, also eine Doktorarbeit ohne vorherigen Diplom- oder Magisterabschluss. Bedeutet: Bei einem Entzug des Doktortitels hätte die Bundesbildungsministerin gar keinen Studienabschluss.

jon/dpa

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insgesamt 170 Beiträge
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1. Lebensleistung
mundi 08.05.2012
Zitat von sysopDer Bonner Rechtsprofessor Wolfgang Löwer spricht sich für eine Verjährungsfrist bei Plagiatvergehen. Er halte es für problematisch, "die Legitimation für eine ganze Lebensleistung zu entziehen"....
Ich bin der Meinung, dass die Legitimation für eine ganze Lebensleistung in der Leistung besteht. Noten und Titeln sind dafür kein Maßstab.
2. Verjährungsfrist
raven_wolf 08.05.2012
das finde ich gut zb kopieren täuschen dann 10 Jahre ins Ausland und der Titel ist mein. Deutschland erfindet seine Gesetze neu lol
3. sCHAVAN
Montanabear 08.05.2012
Zitat von mundiIch bin der Meinung, dass die Legitimation für eine ganze Lebensleistung in der Leistung besteht. Noten und Titeln sind dafür kein Maßstab.
Das sehe ich genau so. Vor dem Gesetz ist Jeder gleich. Sie wusste, was sie tat und soll nun zu ihren Taten stehen. Ausgerechnet die Bildungsministerin ! Eine Schande ist das und dass sie sich jetzt auch noch herauswinden will , zeugt von mangelndem Ethikverstaendnis.
4. Herauswinden?
bild-leser 08.05.2012
Zitat von MontanabearDas sehe ich genau so. Vor dem Gesetz ist Jeder gleich. Sie wusste, was sie tat und soll nun zu ihren Taten stehen. Ausgerechnet die Bildungsministerin ! Eine Schande ist das und dass sie sich jetzt auch noch herauswinden will , zeugt von mangelndem Ethikverstaendnis.
Wer will sich herauswinden? Sie hat doch noch gar nichts gesagt. Bitte bei den Fakten bleiben!
5. Dieser Professor
Astir01 08.05.2012
Zitat von sysopDer Bonner Rechtsprofessor Wolfgang Löwer spricht sich für eine Verjährungsfrist bei Plagiatvergehen. Er halte es für problematisch, "die Legitimation für eine ganze Lebensleistung zu entziehen". Inzwischen wurde bekannt: Ein Verlust der Doktorwürde könnte Schavan gleich doppelt treffen. Doktorarbeit von Schavan: Wolfgang Löwer fordert Verjähungsfrist - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/0,1518,832006,00.html)
hat sie wohl nicht alle. Was heißt gerade bei Frau Schawan denn "Lebensleistung"? 95% aller Doktoren schaffen danach nie wieder etwas, was auch nur näherungsweise akademische Weihen verdient hätte. (und bei den übrigen 5 % hab ich Zweifel, dass es zuvor der Fall war) Wer sich eine Dissertation zusammenkopiert und anderswo abkupfert begeht m.E. eine Art des Betruges, wie sie nur mit der Unterschlagung öffentlicher Gelder oder dem Subventionsbetrug im großen Stil vergleichbar ist. Er betrügt nicht nur, sondern er führt die faule Frucht seines Betruges auch noch als festen Bestandteil in seinem Namen, und wird tag- täglich damit angeredet. Auch der Akt des Betruges selbst währt über Jahre hinweg, muss immer wieder von neuem durch Geschick vor Entdeckung geschützt werden, und zeiht, entdeckt oder nicht, den Ruf der bewertenden Professoren, des Instituts, ja der ganzen Uni in den Dreck. Wer das über eine langjährige Verjährungsfrist hinweg aushält, bescheinigt sich selbst einer außerordentlichen Niedertracht und einem der niedrigsten Beweggründe überhaupt: der Geltungssucht. Es ist nicht die Tat, es ist das Motiv, das ich für so abgrundtief schlecht halte, und m.E. gegen eine Verjährung spricht. Andernfalls müsste man *konsequenterweise* auch den Dr.- Titel selbst mit einer Verjährungsfrist versehen, nach deren Ablauf er entweder erneuert werden muss oder verloren geht.
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