Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Doktorpfusch-Verdacht: Plagiatsjäger nehmen Koch-Mehrin ins Visier

Von

Erst Guttenberg, jetzt Silvana Koch-Mehrin? Plagiatsjäger im Netz untersuchen die Doktorarbeit der FDP-Politikerin. Auch sie soll abgeschrieben haben, ohne die Quellen ausreichend zu kennzeichnen. Die Uni Heidelberg prüft die Vorwürfe.

FDP-Frau Koch-Mehrin: Dissertation über die Währungsunion Zur Großansicht
dapd

FDP-Frau Koch-Mehrin: Dissertation über die Währungsunion

Als Autorin aufgefallen ist die FDP-Frau und Vizepräsidentin des Europäischen Parlaments Silvana Koch-Mehrin bislang eher nicht. Zu ihrer "Streitschrift für einen neuen Feminismus" gab es zwar einige Berichte, das von ihr herausgegebene Kochbuch "So schmeckt Europa" ging eher unter.

Doch jetzt gibt es großes Interesse an einer anderen Veröffentlichung der Liberalen: an ihrer Dissertation "Historische Währungsunion zwischen Wirtschaft und Politik".

Die haben Plagiatsjäger im Internet ins Visier genommen. So wie in der Affäre um Ex-Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg tragen anonyme Netznutzer Textstellen aus Koch-Mehrins Doktorarbeit zusammen, die sie abgeschrieben haben soll, ohne das ausreichend zu kennzeichnen. Auf der Internetplattform "VroniPlag Wiki" veröffentlichen sie die Fundstellen, bislang sind 15 Textpassagen aufgelistet. Der Name der Seite bezieht sich auf die Tochter des ehemaligen bayerischen Ministerpräsidenten Edmund Stoiber, die Juristin Veronica Saß. Auch sie soll ihre Doktorarbeit in weiten Teilen aus nicht genannten Quellen abgeschrieben haben. Sie wollte sich laut einem Kanzleikollegen dazu nicht äußern.

Koch-Mehrin hatte sich an der philosophischen Fakultät der Universität Heidelberg in Wirtschaftsgeschichte promovieren lassen. Ihre Dissertation, 227 Seiten stark, reichte sie im Jahr 2000 ein. Sie beschäftigt sich darin mit der Lateinischen Münzunion, in der sich Ende des 19. Jahrhunderts fünf europäische Länder zu einer Währungsgemeinschaft zusammenschlossen, und sie vergleicht die Münzunion mit der Europäischen Währungsunion.

Ihre Arbeit ist 2001 veröffentlicht worden. Bewertet wurde sie laut Universität Heidelberg mit "cum laude" - einem Lob dritter Klasse, wenn man sich ansieht, wie großzügig für gewöhnlich mit besseren Urteilen umgegangen wird. Im Gegensatz zu Koch-Mehrins Werk erhielt Guttenbergs Copy-Paste-Dissertation mit "summa cum laude" eine um zwei Stufen bessere Bewertung und galt als hervorragende wissenschaftliche Arbeit.

Die Universität Heidelberg prüft die Vorwürfe

Unter den aufgelisteten Textstellen sind sehr kurze, die nur aus einem Satz bestehen. Stärker ins Gewicht fallen allerdings längere Textpassagen, die ebenfalls auf der Seite ausführlich dokumentiert werden. Sollte die Seite die Fundstellen korrekt wiedergeben, hätte Koch-Mehrin an einigen Stellen Texte aus anderen Quellen umformuliert und nicht als Fremdtext gekennzeichnet. Da wird aus einem "Im Bewusstsein" mal ein "angesichts", aus "kann" wird "konnte", oder einzelne Wörter fehlen.

Auf der Internetseite werden die Textstellen allerdings unter der Rubrik "Plagiat gefunden" eingeordnet, aber nicht in der Rubrik "Plagiat gefunden und verifiziert". Der Vorwurf steht also im Raum, lässt sich aber bislang nicht beweisen. Hinzu kommt, dass es sich - anders als im Fall Guttenberg - bislang nur um beschreibende und erklärende Textstellen handelt, dass also offenbar keine Thesen abgeschrieben wurden.

Im Büro von Koch-Mehrin will man sich zu den Vorwürfen nicht äußern. Ihr Sprecher verweist an die Universität Heidelberg und die zuständigen Gremien. Wer nichts sagt, kann nichts Falsches sagen.

Die Uni selbst ist durch einen Anruf der VroniPlag-Wiki-Betreiber informiert worden, anonym, am Montagmorgen. Jetzt prüft sie die Vorwürfe und will sie mit "großem Druck" klären, wie die Pressesprecherin Marietta Fuhrmann-Koch sagte. Sowohl der Dekan der philosophischen Fakultät als auch der Rektor der Universität seien informiert worden. Die universitäre Kommission zur "Sicherung guter wissenschaftlicher Praxis" werde sich mit den Vorwürfen befassen.

Koch-Mehrin gehört zur Generation Westerwelle in der Partei. Sie wurde einst vom Noch-Chef tatkräftig gefördert. Gegen manche innerparteiliche Bedenken sorgte er dafür, dass die damals 33-Jährige im Sommer 2004 als das "schöne Gesicht der FDP" im Europawahlkampf wahrgenommen wurde. Mit Erfolg: Mit Koch-Mehrin an der Spitze gelang es den Liberalen, nach zehn Jahren Abwesenheit wieder ins Europaparlament einzuziehen.

Als 2009 während des Europawahlkampfs Medienberichte auftauchten, sie habe als Europaabgeordnete ihr Amt unzureichend wahrgenommen, stand Westerwelle fest an ihrer Seite. Trotz der Medienberichte nur wenige Tage vor dem Urnengang, die das FDP-Lager hochnervös machten, gelang der FDP der Wiedereinzug in Brüssel und Straßburg. Die Unterstützung hat Koch-Mehrin dem bald scheidenden Parteichef nicht vergessen. Symbolisch dafür steht das Bild von der FDP-Präsidiumssitzung vom Montag letzter Woche: Dort überreichte die heute 40-Jährige dem Noch-Vorsitzenden Westerwelle einen Strauß Blumen.

Bei Amazon ist ihre Doktorarbeit gerade nicht verfügbar. Der Online-Buchhändler empfiehlt aber unter der Überschrift "Kunden, die diesen Artikel angesehen haben, haben auch angesehen" die Biografie des wohl prominentesten Ex-Doktors der Republik: Karl-Theodor zu Guttenberg.

Diesen Artikel...
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 462 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Holla
jeez 11.04.2011
Welche Art von Mensch wühlt eigentlich mit solcher Hingabe und unter dem kuscheligen Schutzschild der Anonymität in den Sachen anderer Leute ? Sicher alles lupenreine weiss-bewestete Gutmenschen. Wenn's wenigstens darum gehen würde, wirklichen Verbrechern das Handwerk zu legen - aber das ist doch nur noch peinlich.
2. Steuern
MajorKingKong 11.04.2011
Wundern würd mich es nicht nach ihrer Steuerschätzung. Wie sagte sie, in 75 min. erhöht sich die Steuerschuld in Deutschland um 6000€!!! Kompetenz sieht anders aus.
3. Ach du liebe Zeit ....
unterländer 11.04.2011
Zitat von sysopErst Guttenberg, jetzt FDP-Frau Silvana Koch-Mehrin? Plagiatsjäger im Netz untersuchen die Doktorarbeit der Vizepräsidentin des Europäischen Parlaments. Auch sie soll abgeschrieben haben, ohne die Quellen ausreichend zu kennzeichnen. Die Uni Heidelberg prüft die Vorwürfe. http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/0,1518,756282,00.html
Ähh, was genau will der Autor uns nun sagen? Dass anonyme Netznutzer Seiten gemeldet haben, die angeblich abgeschrieben wurden, ohne dass diese verifiziert wurden? Genau das bleibt an Fakten übrig. Aber selbstverständlich darf der Hinweis nicht fehlen, dass irgendjemand einen völlig sinnfreien Zusammenhang mit vuzG hergestellt hat. Mannomann, FDP-ler sollte man derzeit wahrlich nicht sein.
4. Fein raus
ernstjüngerfan 11.04.2011
Zitat von sysopErst Guttenberg, jetzt FDP-Frau Silvana Koch-Mehrin? Plagiatsjäger im Netz untersuchen die Doktorarbeit der Vizepräsidentin des Europäischen Parlaments. Auch sie soll abgeschrieben haben, ohne die Quellen ausreichend zu kennzeichnen. Die Uni Heidelberg prüft die Vorwürfe. http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/0,1518,756282,00.html
Da sind einige Grüne fein raus. Die sind garnicht erst in Versuchung gekommen, weil sie ihr Studium rechtzeitig abgebrochen haben.
5. Wer die einmal hat reden hören..
Baikal 11.04.2011
Zitat von sysopErst Guttenberg, jetzt FDP-Frau Silvana Koch-Mehrin? Plagiatsjäger im Netz untersuchen die Doktorarbeit der Vizepräsidentin des Europäischen Parlaments. Auch sie soll abgeschrieben haben, ohne die Quellen ausreichend zu kennzeichnen. Die Uni Heidelberg prüft die Vorwürfe. http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/0,1518,756282,00.html
.. kann bei dem geistigen Horizont dieser Möwenpigin schon das Abitur nur noch als Wunderwelt vermessen: da jagt ein Klischee das nächste, steter Tanz auf dem Marktplatz der Platitüden. Aber für ein hochbezahltes Mandat reichen blonde Haare eben in diesem steuerfinanzierten EU-Theater.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Fotostrecke
Wiener Plagiatsverdacht: Der EU-Kommissar und die Philosophie

"Getäuscht, geklaut, geheuchelt"

Zitate starten: Klicken Sie auf den Pfeil

Wer hat dran herumgedoktert?
Plagiatjäger entlarvten Guttenberg als Copy-and-Paste-Akademiker. Seine Politikerkollegen promovierten über "Infektionen durch Entspannungsbäder" oder das "mittelniederländische Plenarium Ms. germ. 1612". Wer's war, erfahren Sie hier und werden so Quiz-Doktor im Doktor-Quiz!

Lob-Inflation: Doktorarbeiten sind meist echt spitze Zur Großansicht
DER SPIEGEL

Lob-Inflation: Doktorarbeiten sind meist echt spitze

Fotostrecke
Doktor-Pfusch: Plagiatsvorwurf an der Uni Konstanz