Mein Rücken klebt an zwei fremden, runden, männlichen Bäuchen, die in Satinhemden stecken und sich an mir reiben. Mein Gesicht ist nur Millimeter von einem beharrten, nassen Nacken entfernt. Auf meinen Schuhen spüre ich einen barfüßigen Jungen, der einzelne Taschentücher verkauft. Seine Schwester versucht, für ein paar Pflaster Piaster zu bekommen.
Ich bin auf dem Weg zur Uni, in der vollbesetzten U-Bahn zur Stoßzeit. Im Abteil stehen fast nur Männer; die meisten Frauen sind in einem für sie bestimmten Waggon. Nach fünf Minuten Fahrt hält die rollende Sauna an der Station "Cairo University".
Dort hatte bereits der Literaturnobelpreisträger Nagib Mahfus studiert, ebenso wie Jassir Arafat und Saddam Hussein sowie die beiden potentiellen Präsidentschaftskandidaten Mohamed ElBaradei und Amr Mussa.
Kairo ist eine Megametropole. Und auch an der 1908 gegründeten Universität ist alles im XXL-Format: Riesige Palmen säumen breite Alleen, die sich über den Campus der größten Hochschule Ägyptens erstrecken. Hier tummeln sich täglich rund 200.000 Studenten, in der Mitte steht das Capitol, wo Barack Obama vor zwei Jahren seine Rede an die muslimische Welt gehalten hatte. Ein Steinwurf davon entfernt ist die Fakultät für Literaturwissenschaften.
Mensa-Tagesmenü: Staatlich subventionierte Shrimps-Sandwiches
"Und was haben Sie in Russland studiert?", fragt mich dort der alte Mann, der tief an seiner Zigarette zieht und den Rauch an die meterhohe Decke bläst, wo er von einem Ventilator im ganzen Zimmer verteilt wird, bis er aus dem offenen Fenster herauszieht. "Ich bin Deutscher", antworte ich irritiert aus der kleinen Couch heraus, die so weich ist, dass ich fast auf dem Boden sitze. "Ahh, sehr gut", sagt er. Später stellt sich heraus: Es ist ein Professor. Er mustert mich durch seine Brille, die Gläser sind so dick wie der Aschenbecher auf dem Tisch vor ihm. Er bringt mich zum Immatrikulationsamt.
Das liegt gegenüber einer kleinen Imbissbude, an der man staatlich subventionierte Shrimps-Sandwiches für sechseinhalb Pfund bekommt, umgerechnet 80 Cent. Im Büro sitzt eine Sachbearbeiterin vom Kopftuch bis zu den Schuhen in Rosa gekleidet. Sie isst ein Käsebrot, grüßt mich herzlich - und ich gehe in den Tücken der arabischen Sprache verloren. Anstelle einer Studienbescheinigung, einer "Schahada", vertausche ich einen Vokal, frage nach "Schohada" für meinen Visumsantrag im Innenministerium und sage damit: "Ich möchte Märtyrer, bitte".
Dieser Fehler kann mir in der ersten Politik-Vorlesung nicht passieren. Im Gegensatz zu den Literaturseminaren ist sie auf Englisch. Wir schaffen es, in eineinhalb Stunden von der Palästina-Frage über Elsass-Lothringen hin zur japanischen Invasion in der Mandschurei und zum Zerfall des Osmanischen Reiches zu kommen. Zwischendurch fragt mich der Dozent, woher ich komme - und freut sich, als er "aus Deutschland" hört. Wie fast alle Ägypter, besonders die Taxifahrer.
"Dominik, du bringst den Dschinn zum Weinen"
Der eine schwärmt von Mercedes-Benz und kratzt sich grinsend zwischen Oberlippe und Nase, während er "Hitler war gut" murmelt. Der nächste preist Angela Merkel und verflucht das "kalte Land". Ahmed wiederum verliert fasst die Kontrolle über seinen weißen Toyota, als ich "Almania" sage: Der glatzköpfige Mann in dem grünen Polohemd und der ausgebeulten Jeans langt aufgeregt in sein Handschuhfach, holt ein Foto heraus, das ihn mit Schnurrbart und langen Haaren im Fußballtrikot von Eintracht Frankfurt zeigt, Saison 1994/1995. Weil Jay-Jay Okocha und Anthony Yeboah seine persönlichen Helden sind, muss ich nur die Hälfte zahlen. Und mein Bäcker vor der Haustür schenkt mir gleich das ganze Brot.
Nicht geschenkt, aber fast umsonst sind die Bücher auf dem Asbakia-Markt. Der ist wenige Minuten vom Tahrir-Platz entfernt, besteht aus einigen engen Gassen und kleinen Bretterbuden mit Wellblechdächern. Am Freitag findet keine Uni statt. Ich nutze die freie Zeit und durchwühle das geordnete Chaos, finde eine "Einführung in die Urologie" auf Arabisch und ein französisches Yoga-Bilderbuch für Kinder, die Biografie des Ajatollah Chomeini im Taschenbuchformat und ein Wörterbuch, das mich in Deutschland eine Monatsmiete kosten würde.
Das Geld, das ich spare, investiere ich in Tauben - gegrillt, mit Reis und Gemüse serviert. Die knochigen Vögel schmecken leider leicht nach Huhn. Und Huhn hat mir letzte Woche eine Lebensmittelvergiftung und schmerzhafte Nächte zwischen Bad und Bett eingebrockt; offenbar war die Kühlkette im Supermarkt unterbrochen gewesen. Mit viel Schlaf und harten Medikamenten bin ich pünktlich zum Wochen- und damit Unibeginn wieder fit geworden. Ob ich jemals wieder Huhn esse?
Das könnte wohl nur ein Dschinn aus der Flasche schaffen, nach muslimischer Auffassung ein Geist, der jeden Wunsch erfüllt. Ihn beschwören wir im Sprachkurs bei Sami, einem meiner Arabischlehrer. Als ich an der Reihe bin, äußere ich den Wunsch: "Lieber Dschinn, mach', dass ich alles in Ägypten essen kann." Er schaut mich mit großen Augen an, fasst sich mit beiden Händen an den Kopf, lacht laut und sagt: "Dominik, das ist unmöglich!" Ganz Ägypten kahlfressen? "Du bringst den Dschinn zum Weinen."
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