Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

"Dr. House"-Seminar: Fachlich genial, menschlich fatal

Von

Die Patienten von Dr. House, Chefnörgler und Pillenfreak, kommen in aller Regel geheilt aus dem Krankenhaus - im Fernsehen. Aber taugt der Vollblutzyniker auch als Vorbild im richtigen Leben, nämlich für den Ärztenachwuchs? Wittener Medizinstudenten haben da so ihre Zweifel.

Medizinstudenten gucken House: Der fiese Doc als Dozent Fotos
RTL

Die Idee kam von einem Studenten: Sollte man nicht einfach mal Dr. House, den genial-kauzigen Seriendoktor, als Gastdozenten nach Witten einladen? Oder wenigstens in einem Seminar seine Serie diskutieren? "Das stieß bei mir sofort auf offene Ohren", sagt Harald Haynert, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Ethik und Kommunikation im Gesundheitswesen der Privatuni Witten-Herdecke: "Mit House können wir den angehenden Ärzten mal zeigen, wie sie es nicht machen sollen."

Dr. House ist der Misanthrop unter den Fernsehdoktoren - und beschert in Deutschland dem Sender RTL am Dienstagabend hübsche Einschaltquoten. Hauptdarsteller Hugh Laurie, der zuletzt US-Ausflüglerin Franka Potente küssen durfte, war am Montag nicht in die Cafeteria der Privatuni gekommen - dafür aber knapp 50 Medizinstudenten, um Salzstangen zu knabbern und sich dabei gemeinsam eine House-Folge anzusehen.

In medias res: Kommt 'ne Frau zum Arzt. "Gehirntumor. Sie wird sterben. Langweilig", kommentierte der Serienheld zunächst lakonisch seinen neuesten Fall und fügt hinzu: "Das Behandeln von Patienten vermiest den meisten Ärzten auf der Welt das Leben."

Nörgelnd betont House mehrfach, der Mensch an sich sei ihm völlig pumpe, es gehe allein um die Krankheit - um sich dann doch über Gebote und Regeln hinwegzusetzen, sobald er eine Chance riecht, seine Patientin zu retten. "Fachlich ist Dr. House genial und ein begnadeter Diagnostiker, seine menschlichen und kommunikativen Fähigkeiten aber sind fatal unterentwickelt", sagt Harald Hayner.

Heiligt der Zweck die Mittel?

Die Wittener Studenten widersprechen ihrem moralisch einwandfrei argumentierenden Dozenten. "House hilft der Patientin, wenn auch schlechtgelaunt und zynisch", sagt Frederick, angehender Mediziner im dritten Semester. Den Studenten fasziniert "die kühle, lässige Art" und die Ausstrahlung des tablettensüchtigen Doktors. Man habe den Eindruck, "der kann was, muss dadurch nicht besonders freundlich sein, kommt unsympathisch rüber, aber letztlich hilft er den Menschen dann doch".

Klassische Frage für Ethiker: Heiligt der Zweck die Mittel? Eine Kommilitonin schüttelt den Kopf: "Das meiste, was House macht, ist unethisch. Und er hilft in erster Linie nicht der Patientin, sondern seinem Ego." Dabei bestreitet sie gar nicht, dass Dr. House in all seiner Miesepetrigkeit und trotz seiner Suchtprobleme eine enorme Ausstrahlung hat - besonders auf Medizinstudenten, die immer wieder die "Realitätsnähe" der Serie loben.

Eine Debatte, die Harald Haynek so erwartet hatte. "Fachlichkeit ohne Menschlichkeit geht ins Leere", sagt der Medizinethiker. Witten sei beileibe keine Dr.-House-Uni, "uns geht es bei der Ausbildung darum, eine 'sprechende Medizin' zu vermitteln". Der Kontakt mit den Patienten solle im Mittelpunkt steht - ganz im Gegensatz zur fast schon pathologischen Angst, die Gregory House in der Serie vor dem Gespräch mit seinen Patienten kultiviert. Ärztliches ethisches Handeln müsse immer den Willen des Patienten mit einbeziehen und beruhe auf Offenheit, so Haynek.

Das Placebo-Dilemma

Allerdings: Eindeutige Rezepte für jederzeit richtiges ethisches Handeln hat auch Harald Haynek nicht parat. Beispiel Placebos: Wirkung zeitigen die nur, wenn dem Patienten vorgegaukelt wird, er bekomme echte Medizin und nicht wirkungslose Zuckerpillen. "Und? Was soll ich da tun?", fragt eine Studentin. Wisse er auch nicht, sagt Haynek, es bleibe "nur die Möglichkeit, sein eigenes Handeln anhand ethischer Grundsätze zu überprüfen".

Für Ulla, Studentin im zweiten Semester, ist das "eine hochaktuelle Frage". Sie hat gerade ein Praktikum in den USA hinter sich und dort auch an Placebo-Studien mitgearbeitet: "Wo bleibt da mein ethisches Handeln, wenn ich weiß, dass die Patienten nur mitmachen, weil es für sie wegen fehlender Versicherung die einzige Chance auf medizinische Versorgung ist?"

So gesehen eignet sich Dr. House gut als Ausgangspunkt für tiefergehende Überlegungen. Aber kann eine TV-Serie wirklich als Schulungsmaterial für angehende Ärzte dienen? Klar, findet Drittsemester Albrecht, für die Uni Witten/Herdecke sei es typisch, "die Studenten mit unkonventionellen Mitteln anzusprechen und auch zu provozieren".

Dozent und Filmvorführer Haynek geht es gar nicht nur um Provokation, er entdeckt auch gute Seiten am Nörgel-Doc. "In all seinem Zynismus, in all seiner Menschenverachtung ist er dennoch ein Teamplayer", so der Forscher, "und dass die Serie zur Hauptsendezeit läuft, zeigt, wie wichtig das Thema 'medizinische Ethik' offenbar ist".

Gut, dass sie mal darüber geredet haben. Aber Haynek und die Studenten wollen zudem mit Patienten ins Gespräch kommen und wünschen sich zum nächsten "Dr. House"-Seminar auch Nichtmediziner vor dem Fernseher in der Wittener Cafeteria.

Die nächsten Termine: 10. Mai und 28. Juni, jeweils 19 Uhr, Cafeteria der Uni Witten/Herdecke, Eintritt frei

Diesen Artikel...

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Fotostrecke
Leichen für die Lehre: Jung-Mediziner singen für Körperspender

Fotostrecke
Toto & Harry als Dozenten: Umjubelter Auftritt, zerdeppertes Auto