Von Miriam Olbrisch
Manchmal wünscht sich Daniel Scherzer, sein Tage hätte mehr als 24 Stunden. Füllen könnte er locker das Doppelte: Um halb acht in der Früh betritt er sein Büro bei der Nürnberger Energieagentur N-ergie, wo er im Vertrieb arbeitet.
Wenn seine Kollegen sich in den Feierabend verabschieden, hat Scherzer noch ein paar Stunden vor sich: Bis zu viermal die Woche fährt der 21-Jährige nach der Arbeit zur Nürnberger Verwaltungs- und Wirtschaftsakademie. Gegessen wird meist auf dem Weg. Um Viertel vor neun ist dann auch für ihn Schluss - nach mehr als 13 Stunden. Am Wochenende paukt er den Stoff der vergangenen Tage. Seit eineinhalb Jahren geht das jetzt so: Hörsaal statt Feierabendbier.
Wie Daniel Scherzer entscheiden sich immer mehr Menschen für diese Doppelbelastung. Nach Angaben des Infoportals studieren-berufsbegleitend.de sind in Deutschland etwa 70.000 zugleich Berufstätige und Studierende. Der Klassiker ist der MBA, der Master of Business Administration, den viele angehende Führungskräfte auf ein früheres Hochschulstudium draufsatteln. Viele absolvieren aber auch ihr Erststudium parallel zum Arbeitsalltag - entweder als Fern- oder wie Daniel Scherzer als Präsenzstudium.
Gute Aufstiegschancen spornen an
Scherzer ist froh, dass er sich so entschieden hat - obwohl privat einiges auf der Strecke bleibt. "Eigentlich bin ich leidenschaftlicher Fußballer", sagt er. Das Training musste er zuletzt aber immer öfter sausen lassen. Stattdessen verbringt er seine Zeit mit Rechnungswesen, Volkswirtschaftslehre und Investitionsrechnung. An Urlaub ist nicht zu denken.
Seine freien Tage nutzt Scherzer nicht etwa zum Wegfahren oder Entspannen. Er lernt für seine Prüfungen. Das ist anstrengend, doch beschweren will er sich nicht. "Ich habe schließlich ein volles Gehalt und kann mir vieles leisten, was für einen Studenten mit einem normalen Nebenjob unerschwinglich wäre."
Die Studiengebühren von 425 Euro im Semester übernimmt sein Arbeitgeber, zusätzlich gibt es drei freie Tage zum Lernen vor den Prüfungen. Zudem genießt er große Sicherheit. Im Gegensatz zu vielen anderen muss er keine Angst haben, nach dem Abschluss monatelang eine Stelle zu suchen. Im Gegenteil: Er hat sie schon. "Nach meiner Ausbildung habe ich mich auf einen Posten beworben, für den man eigentlich ein abgeschlossenes Hochschulstudium braucht", sagt Scherzer. Er bekam die Stelle trotzdem - unter der Auflage, die fehlende Qualifikation nachzuholen. "Es ist schön, dass mein Unternehmen das Vertrauen in mich setzt und mir diese Chance gibt", sagt Scherzer. "Dafür nehme ich die harte Zeit gerne in Kauf." Plus: Die Aufstiegschancen sind gut, das spornt an.
"Viele, die neben dem Beruf noch studieren, gelten als sehr diszipliniert und leistungsbereit", sagt Dirk Werner, Bildungs- und Arbeitsmarktökonom des Instituts der deutschen Wirtschaft in Köln. "Das ist ein positives Signal an den Arbeitgeber."
Freizeit? Nur am Sonntag
Viele junge Leute entscheiden sich schon von vorneherein für diesen Weg: Sie absolvieren ihr Bachelorstudium parallel zur Berufsausbildung. "Die Anzahl der dualen Studiengänge hat in den letzten Jahren stetig zugenommen", sagt Jochen Goeser vom Bundesinstitut für Berufsbildung. 800 duale Studienangebote mit über 50.000 Studienplätzen hat er in seiner Kartei. Tendenz steigend.
Auch Fabian Loest, 21, kann sich über Langeweile nicht beklagen. Er hat sich nach dem Abitur für ein duales Studium entschieden, eine Kombination aus Berufsausbildung und Fachhochschulstudium. Auch bei ihm übernimmt der Arbeitgeber die Studiengebühren von derzeit 195 Euro im Semester. Viele Betriebe unterstützen ihren Nachwuchs auf diese Weise, aber längst nicht alle. "Manche meiner Kommilitonen zahlen auch selbst", sagt Loest. Drei Tage die Woche lässt er sich bei der Firma Seidensticker in Bielefeld zum Industriekaufmann ausbilden, die restliche Zeit paukt er Betriebswirtschaftslehre an der Verwaltungs- und Wirtschaftsakademie.
Bis vor kurzem kam samstags noch die Berufsschule dazu, doch damit ist jetzt Schluss: Ende November hat Loest die schriftliche Abschlussprüfung seiner Ausbildung abgelegt - im Januar steht noch die mündliche an. Nur sonntags hatte er komplett frei, sofern keine wichtigen Prüfungen folgten. "Ein Tag pro Woche zum Abschalten muss drin sein", findet er. Trotzdem ist er zufrieden: "Ich weiß, dass ich mich durch das Doppelprogramm von anderen Bewerbern später abhebe, das ist es mir wert", sagt Loest.
"Viele Unternehmen investieren mit dem dualen Studium in ihren eigenen Nachwuchs, die Übernahme- und Karrierechancen sind sehr gut", bestätigt IW-Ökonom Werner. "Später im Beruf sind Studenten mit so viel Praxiserfahrung schneller und besser einsetzbar, das zahlt sich aus - für beide Seiten."
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