Duales Studium: Doppelter Abschluss, doppelter Stress

Die Zahl der dualen Studiengänge steigt rasant: Viele Schulabgänger kombinieren Studium und Ausbildung, die Berufsaussichten der Absolventen sind gut. Doch viel Zeit für Selbstfindung lässt der straffe Stundenplan nicht -zudem drohen Karriere-Fallen.

Elektro-Buggy: Martin Nagel tüftelt mit Kommilitonen an dem roten Wagen Zur Großansicht
TMN/Siemens

Elektro-Buggy: Martin Nagel tüftelt mit Kommilitonen an dem roten Wagen

Martin Nagel, 23, wollte nicht jahrelang in der Uni sitzen. "Nur die Theorie zu hören, erschien mir recht langweilig", sagt er. Stattdessen wollte er lieber von Anfang an Praxisbezug haben und überprüfen können, wie das Gelernte in der Berufswelt anzuwenden ist. Deshalb entschied er sich vor drei Jahren für ein duales Studium.

Seitdem hat er eine Ausbildung zum staatlich anerkannten Industrietechnologen für Mechatronische Systeme absolviert, außerdem besucht er die Beuth Hochschule für Technik in Berlin und macht dort einen Bachelor of Engineering für elektronische Systeme. Parallel arbeitet er in den Praxisphasen bei Siemens.

Als sie am Anfang die Grundlagen in Elektronik gepaukt hätten, habe er das vor allem anstrengend gefunden, sagt Martin Nagel. Richtig begeistern konnte er sich erst, als er im Anschluss mit Kommilitonen die Aufgabe bekam, für Siemens einen fahrerlosen Roboter zu entwickeln, der Fehler in Rohrleitungen erkennt: "Das war für uns Studenten eine sehr große Herauforderung, aber es hat richtig Spaß gemacht."

Probleme, wenn die Übernahme nicht klappt

Duale Studiengänge sind zurzeit in Mode: Im Jahr 2011 gab es nach Angaben des Bundesinstituts für Berufsbildung (Bibb) rund 930 Angebote für Schulabgänger, die eine Ausbildung oder Praxisphasen in einem Betrieb mit einem Hochschulstudium kombinieren. Das ist im Vergleich zum Vorjahr ein Plus von rund 20 Prozent. Insgesamt verzeichnete die Datenbank im Jahr 2011 bereits mehr als 61.100 Studenten in Kombi-Ausbildungen. Im Jahr 2010 waren es noch 10.400 weniger.

Das duale Studium sei für Unternehmen und Studenten eine Win-Win-Situation, sagt Jochen Goeser vom Bibb. Die Unternehmen zögen mit den jungen Schulabgängern ihren Firmennachwuchs passgenau heran. Und die jungen Schulabgänger lockt das frühe Geld: Anders als beim Studium gibt es von Anfang an jeden Monat ein kleines Gehalt. Martin Nagel hat etwa in den ersten beiden Jahren pro Monat rund 500 Euro verdient. Seit dem dritten Jahr sind es nun rund 800 Euro. Nach der Ausbildung sei die Übernahme außerdem oft so gut wie sicher, sagen die Befürworter des Modells.

Doch die Hamburger Karriere-Beraterin Svenja Hofert ist nicht ganz so enthusiastisch. Probleme könne es geben, wenn die Beziehung zwischen Student und Ausbildungsunternehmen sehr eng ist: "Eine neutrale Ausbildung macht in jedem Fall freier für die spätere Berufswahl", sagt Hofert. Denn wer nach dem dualen Studium entgegen der ursprünglichen Absprache keinen Job beim Geldgeber bekommt, gerate schnell unter Rechtfertigungsdruck: "Da kommt dann mit Sicherheit im Bewerbungsgespräch die Frage, warum man vom Unternehmen nicht direkt übernommen wurde."

Viel mehr Bewerber als Plätze

Verbreitet ist das duale Studium vor allem in den Wirtschaftswissenschaften. Hier werden die meisten dualen Studiengänge angeboten, derzeit sind es 378. Auf dem zweiten und dritten Platz folgen Maschinenbau und Informatik. Nur wenige duale Studiengänge gibt es im Bereich Sozialwesen. Bei rund jedem zweiten dualen Studiengang kooperiert das Unternehmen mit einer Fachhochhochschule. Ansonsten besuchen die Schulabgänger für die Theorie meist eine Berufsakademie. Die Kooperation mit Universitäten ist bislang noch ausgesprochen selten: Von den 929 Angeboten gab es nur 28 duale Studiengänge, in denen Firmen und Universitäten zusammenarbeiten.

Für eher gemütliche Schulabgänger ist der straff strukturierte Stundenplan in einem dualen Studiengang allerdings nichts. "Die Theoriephasen sind immer ziemlich hart", sagt Martin Nagel. Denn es sei viel Stoff in relativ kurzer Zeit zu lernen. Und von monatelangen Semesterferien an der Universität kann der Berliner nur träumen. "Während der üblichen Semesterferien arbeite ich in einer Siemensabteilung." Pro Jahr hat Nagel rund 20 Urlaubstage. Den Luxus, sich seine Zeit frei einteilen zu können, den viele Studenten genießen, kennt Nagel nicht.

Dennoch ist das Interesse bei den Schulabgängern groß. "Es gibt viel mehr Bewerber als Plätze bei den dualen Studiengängen", sagt Goeser vom Bibb. Er schätzt, dass im Bereich Wirtschaftswissenschaften bis zu 120 Bewerber auf einen Studienplatz kommen können. Im Bereich Maschinenbau seien es 20 bis 30 Studenten, in der Informatik kämen lediglich 3 bis 5 Bewerber auf einen Platz. Oft müssen Schulabgänger daher ein Assessment-Center durchlaufen, um an einen Studienplatz zu kommen.

Martin Nagel musste etwa bei Siemens erst eine Online-Bewerbung schicken und dann einen Online-Test in Mathe und Physik machen, bevor er zum Assessment Center in Erlangen eingeladen wurde. Dort folgten Einzelgespräche mit Personalern von Siemens sowie Gruppendiskussionen, um die Soft Skills der Bewerber zu testen. Martin Nagel setzte sich durch - mit einem Abiturdurchschnitt von 2,6, was zwar gut, aber nicht überragend ist.

Sind die dualen Studiengänge also eine Möglichkeit zum Bildungsaufstieg? Nicht unbedingt, fürchtet die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW). Ein Positionsbeschluss zu den Kombi-Studiengängen steht zwar noch aus, doch die Gewerkschafter beobachten mit Sorge, dass die Zusammenlegung von Studium und Ausbildung zu einer Elitebildung führen könnte - und das wäre aus GEW-Sicht auf jeden Fall kritikwürdig.

Doch solche Einwände überzeugen Martin Nagel nicht: Er würde das duale Studium jedem Schulabgänger empfehlen. "Wer vom Lerntyp eher praktisch orientiert ist, für den ist das auf jeden Fall die richtige Wahl", sagt er.

Schulabgänger, die sich für ein duales Studium interessieren, sollten sich aber den angestrebten Abschluss genau anschauen. "Da würde ich mit einem wachen Auge draufgucken", sagt Goeser vom Bibb. Denn nicht immer schließe das Studium mit einem staatlich anerkannten Bachelor ab. Auch sollte man darauf achten, ob in das Studium tatsächlich ein Ausbildungsabschluss integriert sei oder ob die Schulabgänger lediglich Praxisphasen in den Firmen machen, für die es hinterher nur ein Zertifikat gibt.

Von Kristin Kruthaup, dpa/him

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