"duz"-Interview: "Keine Etiketten auf Dauer"

Die Exzellenzinitiative hat der Forschung sehr geholfen. Aber ist das Verfahren gerecht? Der Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft Matthias Kleiner erklärt im Interview, warum er die Chancengleichheit gewahrt sieht und warum ehemalige Sieger durchaus etwas zu verlieren haben.

Frage: Sehen Sie aus der ersten Phase der Exzellenzinitiative schon Erfolge?

Kleiner: Aber ja, jede Menge. Die Exzellenzinitiative hat das deutsche Wissenschaftssystem so tiefgreifend verändert wie kein anderes Programm in den letzten Jahrzehnten. Das gilt innerhalb Deutschlands, aber auch in der Außenwirkung. Wir haben international enorm an Ansehen gewonnen. Dazu hat die Exzellenzinitiative ein nie zuvor gekanntes Maß an wissenschaftspolitischer Kontinuität in die Forschungsförderung bis ins Jahr 2017 hineingebracht, über insgesamt vier politische Legislaturperioden, ja mit Vor und Nachlauf über 20 Jahre. Und im Kern bekommen wir natürlich viele ganz herausragende Forschungsprojekte und Forschungsergebnisse.

Frage: Was hat sich denn tiefgreifend getan?

Kleiner: Schauen Sie sich die vielen Veränderungen an, die der Wettbewerb in der Differenzierung und Schwerpunktbildung an den Universitäten bewirkt hat, in ihrer Zusammenarbeit mit außeruniversitären Forschungseinrichtungen oder mit Partnern in der Wirtschaft. Nehmen Sie den neuen Blick auf die wissenschaftliche Nachwuchsförderung. Oder die Dynamik, die sich im Hochschulmanagement entwickelt hat. Oder die mehr als 4000 Stellen für Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, darunter mehr als 150 Professuren, für die wir überdurchschnittlich viele hervorragende Wissenschaftlerinnen und sehr viele Wissenschaftler aus dem Ausland gewinnen konnten.

Frage: Wie wird die Chancengleichheit zwischen alten, neuen, großen und kleinen Unis sowie zwischen Erfahrenen und Neulingen in der dritten Runde sichergestellt?

Kleiner: Die Exzellenzinitiative ist von Anfang an als offenes Verfahren organisiert gewesen und bleibt dies auch in der zweiten Phase. Wir in der DFG kennen diese Art des Wettbewerbs seit mehr als 40 Jahren, und sie funktioniert. Es ist das bestmögliche System, weil es dabei nur auf Qualität ankommt, auf sonst nichts anderes. Dabei gewinnen keineswegs immer die Großen. Im Ergebnis waren in den ersten beiden Exzellenzrunden 37 Hochschulen mit ihren Anträgen erfolgreich. Das ist mehr als ein Drittel aller forschungsaktiven Universitäten.

Frage: Kritiker monieren, dass es programmierte Verlierer gibt, vor allem in den Geistes und Sozialwissenschaften, die sich weniger für Qualitätskriterien wie weltweite Zitierquoten oder Drittmittelerfolge eignen.

Kleiner: Das trifft de facto nicht zu. Die Geistes und Sozialwissenschaften waren in der ersten Phase sogar überproportional erfolgreich. 22 Prozent der geförderten Einrichtungen kommen aus diesem Bereich. Im Vergleich: Die langjährige Erfolgsquote der Geistes und Sozialwissenschaften in der DFGFörderung liegt bei 16 Prozent. Diese Art von Klagen laufen also ins Leere. Aber natürlich gibt es noch Verbesserungsmöglichkeiten. Die DFG wäre nicht die DFG, wenn sie nicht aufgeschlossen wäre für die Anregungen aus den Fachdisziplinen.

Frage: Eine dieser Anregungen im Vorfeld der neuen Phase war der Vorschlag, im Auswahlverfahren gleichberechtigte Fachkörbe zu bilden, damit sich die Qualität der Anträge tatsächlich nach den Kriterien der jeweiligen Fachdisziplin durchsetzen kann.

Kleiner: Jede vorweg genommene Quotierung, wie es Fachkörbe wären, geht zu Lasten der Qualität, weil sie die Konkurrenz einschränkt. Dennoch kommen fachwissenschaftliche Kriterien durchaus zum Tragen. Der zweistufige Prozess im Wettbewerbsverfahren sieht zunächst ja die rein fachwissenschaftliche Begutachtung vor. Da beurteilen sich also gegenseitig beispielsweise nur Ingenieurwissenschaftler nach ihren eigenen Kriterien. In der zweiten Stufe folgt dann der übergreifende Wettbewerb, weil wir in dieser Initiative auch übergreifende Qualität erreichen wollen. Dann muss sich eben ein Förderantrag aus den Ingenieurwissenschaften gegen einen aus der Biologie durchsetzen. Und in der Gemeinsamen Kommission sitzen wiederum Experten aus allen Disziplinen, die ihre Fachkulturen überblicken.

Frage: Sie sagen, die Exzellenzinitiative hat schon zur Differenzierung zwischen den Hochschulen beigetragen. Wie aber kann verhindert werden, dass nur das sogenannte MatthäusPrinzip greift?

Kleiner: Die Exzellenzinitiative will ausdrücklich die Differenzierung im deutschen Hochschulsystem. Wenn wir das tatsächlich erreichen, sollte man sich darüber nicht beklagen. Natürlich darf der jetzt erreichte Status quo nicht zementiert werden. Aber das wird er auch nicht. Ich sehe viel Bewegung.

Frage: Wo genau?

Kleiner: Schon in den ersten beiden Runden gab es doch heftige Überraschungen, Erfolge, aber auch Fehlschläge, die niemand erwartet hat. Seit den letzten Förderentscheidungen 2007 erleben wir zum Beispiel in den neuen Bundesländern einen Strukturwandel, der viel Qualität erzeugt hat. Was wir also brauchen, sind Zeit und Offenheit im Wettbewerb. Deshalb kommt nun in der zweiten Phase das Gegeneinanderlaufen der bisherigen Projekte gegen die neuen Anträge.

Frage: Und da haben neue Anträge wirklich Chancen?

Kleiner: Die bisher geförderten Projekte müssen zeigen, was sie tatsächlich liefern können. Nicht jeder Fortsetzungsantrag wird automatisch zum Zuge kommen. Wir vergeben keine Etiketten und Orden auf Dauer, mit denen Universitäten ihre Eingänge schmücken können, sondern wir fördern Projekte, die sich beweisen müssen. Das gilt auch für die Förderung der Zukunftskonzepte ganzer Universitäten. Hier steht ja eine Obergrenze von zwölf Zukunftskonzepten im Raum. Aber ich will offen lassen, ob am Ende die Zahl von zwölf erreicht werden kann.

Frage: Es geht aber auch um innere Effekte. Wie kann vermieden werden, dass innerhalb der Hochschulen eine Zweiklassengesellschaft entsteht: Hier die mit Millionen privilegierten Spitzenforscher, dort die Malocher, denen es in den chronisch unterfinanzierten Hochschulen obliegt, den Massenbetrieb in der Lehre aufrecht zu erhalten?

Kleiner: Noch einmal: Es ist nicht das Ziel der Exzellenzinitiative eine Gleichverteilung zu erreichen, sondern herausragende, übergreifende Qualität in der Forschung zu fördern, auch innerhalb der Universitäten. Man kann sich nicht den Pelz waschen, ohne sich nass zu machen. Aber es ist auch ein Qualitätsmerkmal für eine Hochschule, ihre innere Differenzierung so zu organisieren, dass sie nicht zur Spaltung führt. Die Exzellenzinitiative fördert explizit nicht die grundständige Lehre. Aber sie kommt der forschungsorientierten Lehre zugute, etwa durch die mehr als 4000 Wissenschaftlerstellen, von denen ich schon sprach. Da ist ja de facto eine ortsverteilte Spitzenuniversität, die natürlich auch viel für die Lehre bringt.

Die Fragen stellte Dr. Bernt Armbruster für die duz - das unabhängige Hochschulmagazin. Er ist Journalist in Potsdam.


Zurück zum Haupttext: Wir möchten ein Leuchtturm sein

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik UniSPIEGEL
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Studium
RSS
alles zum Thema Universitäten
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren
Gefunden in...

duz - Deutsche Universitätszeitung
Magazin für Forscher und Wissenschaftsmanager
Heft 9/2010

Inhaltsverzeichnis

Heft bestellen

www.duz.de

Zur Person
DPA

Matthias Kleiner ist seit Januar 2007 Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG). Er wurde am 24. Mai 1955 in Recklinghausen geboren. Das Fachgebiet des studierten Maschinenbauers ist Fertigungstechnik. Professuren hatte er an der Brandenburgischen Technischen Uni Cottbus und der Uni Dortmund inne und wurde mehrfach mit Forschungspreisen ausgezeichnet.



Fotostrecke
Elite-Unis: Das Finale der Exzellenzinitiative