Uni-Klausuren am PC: Klick, klick. Error

Von Katja Gartz

E-Klausuren-Experte Stefan Röhle: Der Start vor zehn Jahren war nicht reibungslos Zur Großansicht
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E-Klausuren-Experte Stefan Röhle: Der Start vor zehn Jahren war nicht reibungslos

Die Uni Mainz ist Vorreiter bei Klausuren am Computer, zur Prüfungshochsaison nehmen die Maschinen den Dozenten viel Arbeit ab und korrigieren binnen Sekunden. Doch das Hochschulmagazin "duz" zeigt: E-Klausur haben Tücken.

Vor dem Computerraum sammeln sich über 70 Studenten und werfen einen letzten Blick in die Unterlagen. Drinnen schauen in der Zwischenzeit Mitarbeiter des Zentrums für Datenverarbeitung nach dem Rechten und prüfen, ob die Rechner funktionieren und alle Kabel sitzen. Dann geht es los: Die Tür wird geöffnet, alle nehmen Platz, Rechtsmedizinprofessor Dr. Thomas Riepert gibt das Startzeichen und wünscht viel Erfolg. Klick, klick, klick. Zum Stift greifen und Klausuren auf Papier schreiben, gehört für diese Studenten der Vergangenheit an.

So wie in dieser Szene beginnen viele Klausuren an der Universität Mainz. Ein Viertel aller Prüfungen findet dort mittlerweile elektronisch statt (siehe Kasten). Rechtsmediziner Riepert lässt seine Studenten seit 2007 durch die Prüfungen klicken - und ist begeistert: "Die Korrekturen dauern höchstens zwei Tage, und die Studenten wissen bereits nach etwa einer halben Stunde, ob sie bestanden haben." Der Romanist Dr. Wolf Lustig möchte die E-Klausuren ebenfalls nicht mehr missen: "Durch den geringen Aufwand bei den Korrekturen können 300 Stunden eingespart werden."

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Das gefällt auch den Studenten. "Die Bewertung durch die Software ist sehr schnell, präzise und fair", sagt Siyer Roohani, der im sechsten Semester Humanmedizin studiert. Die Uni Mainz gilt als Pionier, was das elektronische Prüfen angeht: Seit 2004 stellt das E-Learning-Team vom Zentrum für Datenverarbeitung (ZDV) die technische Basis und personelle Unterstützung für die Durchführung von E-Klausuren zur Verfügung. Rund 14 Fragetypen bietet die Software an, von Multiple-Choice-Aufgaben bis zum Lückentext. Bei Freitextaufgaben können Dozenten die Wortzahl begrenzen, so dass die Studenten schneller zum Punkt kommen und nicht einfach der im Vorteil ist, der den längeren Text schreibt.

Prüfung multimedial - mit Bildern, Ton und Film

Und nicht nur das: Dozenten können ihren Prüflingen über die Software auch Bilder, Tonaufnahmen und Filmausschnitte vorlegen. Rechtsmediziner Riepert nutzt die Möglichkeiten bereits: "Abbildungen von Verletzungen und Blutspuren, die auf das Tatwerkzeug schließen lassen, können heute für Aufgaben in die Klausur integriert werden."

In den Erziehungswissenschaften können Studenten beispielsweise während der Prüfung Videos am PC analysieren und in Statistik nun mit Excel arbeiten anstatt mit Taschenrechnern. Romanist Lustig integriert Diktate, die die Studenten per Kopfhörer hören, in die E-Klausur. Die Mathematiker sind dagegen bisher zurückhaltend: Komplizierte Gleichungen lassen sich mit Zettel und Stift derzeit noch besser umformen als mit Maus und Tastatur. Aber auch dieses Problem ließe sich lösen, wenn die Software entsprechend ergänzt wird.

In Mainz könnte sie bereits begonnen haben, die Zukunft der Universitätsprüfung. Und alle scheinen zu schwärmen. Dass das elektronische Prüfen so glatt funktioniert, ist aber alles andere als selbstverständlich. Bei einer E-Klausur an der Universität Zürich brach Anfang des Jahres der Server zusammen, mehrere hundert Jurastudenten mussten den Test wiederholen. Die Universität Hamburg hat die E-Klausuren wegen hoher Kosten weitgehend wieder aus dem Programm genommen.

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E-Klausuren an Unis: Tipp, tipp, tipp, klick
Auch in Mainz lief der Start nicht reibungslos, wie Stefan Röhle vom Zentrum für Datenverarbeitung schildert. Einmal hatte sich ein Student in die Prüfung gesetzt, während in Wahrheit ein Kommilitone von zu Hause sich mit dem Passwort über das Internet in die Prüfungssoftware eingeloggt hatte und die Aufgaben bearbeitete. Das Zentrum für Datenverarbeitung rüstete nach. Heute legen die Dozenten vor der Klausur fest, wer zu welchem Zeitpunkt in welchem Raum und mit welchem Kennwort Zugriff zum Test bekommt.

Ein weiteres Hindernis liegt darin, dass die Mainzer Studenten die Prüfungen in den PC-Pools auf dem Uni-Campus schreiben, zu dem sie vorher Zugang haben. Wie verhindert man, dass die Rechner mit Spickdateien versehen werden? Ideal, sagt Röhle, wäre ein Raum mit Computern, die allein für die E-Klausur genutzt werden. Doch das kostet. Mainz hat das Problem gelöst, indem sich die Studenten zur Prüfung mit einer speziellen Nutzerkennung am PC anmelden. Röhle erklärt: "Diese spezielle Benutzer-ID ist so konfiguriert, dass mit diesem Login ausschließlich die Webseite des Prüfungssystems aufgerufen werden kann." Der Zugriff auf andere Programme, Dateien oder andere Internetseiten ist während der Klausur nicht möglich.

"Gut konzipierte E-Klausuren sind für jedes Fach geeignet"

Um die elektronischen Prüfungen noch sicherer zu machen, plant das Zentrum für Datenverarbeitung, Notebooks mit Blickschutzfiltern auszustatten. Das sind Kunststoffscheiben, die vor den Laptop-Monitor geklemmt werden und den Blickwinkel einschränken. Wer von der Seite auf die Lösungen seines Nachbarn schielt, erkennt nichts. Und die Software lässt sich so programmieren, dass jeder die Fragen in einer anderen Reihenfolge vorgelegt bekommt. Aber kann man wirklich die absolut schummelfreie Klausur schaffen? Kathrin Rumrich, die Sport und Englisch auf Lehramt studiert, hat ihre Zweifel. Jeder Student habe während der Klausur meist ein Blatt Papier für Notizen neben dem Computer, das vor allem in den hinteren Reihen auch gut für Fragen an den Nachbarn geeignet ist.

Mit E-Klausuren kann sich Kathrin Rumrich nicht anfreunden. Klausuren zum Anklicken würden nur gepauktes Wissen abfragen. "Man kann nicht zeigen, was man wirklich gelernt hat", sagt die 25-Jährige. Ob man den Stoff auch verstanden hat, lasse sich viel besser in Aufsätzen oder mündlichen Prüfungen demonstrieren, glaubt Kathrin Rumrich, die gerade an ihrer Masterarbeit sitzt.

Auch unter den Dozenten gibt es Kritiker, die die E-Klausur als stumpf und wenig tiefsinnig ablehnen. Verleitet die E-Klausur zu bequemen und automatisch korrigierbaren Anklick-Aufgaben, wo andere Prüfungen sinnvoller wären? Dr. Margarete Imhof, Professorin für Psychologie in den Bildungswissenschaften, kann den Einwand nicht nachvollziehen. Gut konzipierte E-Klausuren seien für jedes Fach geeignet. Manche Dozenten versuchen ihre Fragen zu verbessern, indem sie die Ergebnisse mit einem Statistikprogramm auswerten: Haben ungewöhnlich viele Studenten die richtige Antwort gegeben? "Die Qualität einer E-Klausur steht und fällt mit der Qualität der gestellten Fragen", sagt Röhle vom Zentrum für Datenverarbeitung.

Rechtsmediziner Thomas Riepert ist froh, dass die Klausuren korrigiert sind. Er würde gerne mehr E-Klausuren schreiben. Weil die Computerräume begrenzt sind, muss er die Klausuren in mehreren Durchgängen schreiben lassen. Manchmal auch samstags. Durch die Zeitersparnis bleibt Riepert mehr Raum für Forschung und Lehre. Doch jetzt sind erst mal Semesterferien, Zeit, um mit der Familie nach Spanien zu fahren.

E-Klausur in Mainz
Spitzenreiter beim Klicken
Knapp 200.000 E-Klausuren sind an der Universität bisher geschrieben worden. Aktuell sind es etwa 18.000 pro Semester. Das entspricht etwa 25 Prozent aller schriftlichen Prüfungen.
Mediziner vorn
Die meisten E-Klausuren entfallen mit 40 Prozent auf das Fach Medizin.
Kosten
Am Rechenzentrum sind drei Mitarbeiter angestellt, die die Durchführung der E-Klausuren unterstützen. Auf die Betreuung der Klausurensoftware ILIAS entfallen gemittelt etwa die Arbeitsstunden von zwei Mitarbeitern. Die Universität lässt sich E-Klausuren, E-Lectures, Vorlesungsaufzeichnungen und E-Learning-Angebote jährlich rund 85.000 Euro kosten.
Erschienen in: duz Magazin 8/2014 vom 25. Juli 2014

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insgesamt 42 Beiträge
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1.
Kurti23 09.08.2014
Wie kommt man darauf, dass man die Klausuren auch über das Internet schreiben kann? An der medizinischen Hochschule Hannover schreiben wir Klausuren auch nur noch am Laptop. Diese werden an Klausurtagen extra aufgebaut und lassen nur das eine Programm zu. Zugang zu den Laptops gibt es anderweitig nicht.
2.
gruenertee 09.08.2014
Meine Erfahrung aus einer der ersten und zum Glück letzten Prüfungen am PC war durchweg negativ: Mangelhafte Benutzerfreundlichkeit, Bugs und Abstürze und hoher Lärmpegel durch das Tippen und Klicken. Es gab Unsicherheiten wie man den Tests startet und das Ergebnis abschickt.
3. Das Problem
nkelm 09.08.2014
Das Problem liegt meiner Ansicht nach nicht an der Tatsache selbst, dass die Klausuren am Pc gemacht werden, sondern viel mehr daran, dass sie von Leuten erstellt werden, die davon wirklich keine Ahnung haben. Und die sind leider vor allem in Vorständen in der Überzahl. So hat unsere Schule seit neustem eine tolle Software, die sich iserv nennt. Ist eigentlich nicht mehr als ein Email-verteiler, kostet aber pro 5 Jahre 10.000?. Und der Techniker, der schon 5 mal kommen musste, nimmt auch nochmal 500? por Fahrt. Denn das Internet ubd sowieso alles mit Tasten (Instrumente ausgenommen) ist ja Neuland. Obwohl es die alten Klausuren auch tun würden.
4. Ist ja alles schön und gut, aber...
tinaman 09.08.2014
alles elektronische hat natürlich auch seine Risiken... Bei einem Kommilitonen von mir gabs mal der Fall, dass sein Rechner während der Prüfung abgestürzt und nicht mehr angegangen ist.... er musste dann, als alle fertig waren, nochmal neu schreiben. in der Wartezeit, bis er wieder anfangen durfte, hatte er die Möglichkeit, raus zu gehen. in der Zeit konnte er natürlich die relevanten Themen (er hat die Prüfung ja teilweise schon gesehen...) nochmal anschauen. Ich gönns ihm ja, aber trotzdem sind solche Zwischenfälle nervig. Vor allem wurde nach dem Fall eingeführt, dass diejenigen, denen sowas passiert, dann die normale Nachschreibeklausur (die mehr Themen enthält und schwerer ist) mitschreiben müssen. Total unfair meiner Meinung nach... Und ein weiterer Fall: wir hatten eine Studentin, die bereits 44 Jahre alt war. Mit Computern hatte sie bis zum Studium kaum was am Hut, weil sie den Umgang mit elektronischen Geräten nicht wie wir 19-25 jährigen quasi mit der Muttermilch eingesagt hat. Für einen Text, den sie von Hand in 10 Minuten fertig hätte, brauchte sie beim Tippen locker mal eine halbe Stunde. Wenn man wegen sowas dann die Prüfung nicht fertig bekommt, ist das schon ärgerlich...
5. Multiple Choice
rince12 09.08.2014
Zum größten Teil sind dies Multiple-Choice-Aufgaben, die mich an die Fahrschulprüfung erinnern. Das Klicken und die Tastengeräusche stören, und das "Wissen" wird noch schneller vergessen. Ich habe mal gelernt, dass man wenigstens einen IQ von >110-112 haben sollte, um zu studieren. Das sind 25% der Bevölkerung, z.Z. studieren jedoch 40%, was Wertungen zu manchen Studienfächern zulässt.. :-)
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