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Widerwillen gegen Technik: Wir Offline-Profs

Studieren am Fjord? Viele hofften, dass E-Learning die Hochschulen radikal verändert Zur Großansicht
Corbis

Studieren am Fjord? Viele hofften, dass E-Learning die Hochschulen radikal verändert

E-Learning soll die Unis revolutionieren, doch der Umsturz lässt auf sich warten. Neben einigen Professoren voller Enthusiasmus wehren sich noch immer viele gegen das Online-Lernen. Begründung: Die vergangenen 2000 Jahre waren doch ganz gut.

Mancher Professor habe sich schon gefühlt "wie die Droschkengäule bei der Einführung des Automobils", sagt Professor Bernhard Kempen, Präsident des Deutschen Hochschulverbandes. Lernen via Internet sollte die Hochschulen revolutionieren, doch der prophezeite Umsturz blieb bislang aus. Inzwischen, sagt Kempen, habe der Hype um E-Learning, Online-Seminare und virtuelle Vorlesungen einer gewissen "Ermattung" Platz gemacht.

Bei der Jahrestagung des Hochschulverbandes Ende März in Frankfurt diskutierten Professoren und Präsidenten über "virtuelle Lernwelten an der Universität". Dabei zeigte sich ganz deutlich: Ein tiefer Graben durchzieht die Hochschullandschaft in dieser Frage.

"Uni muss unzeitgemäß sein, es ist die Unzeitgemäßheit, die sie attraktiv macht", findet ein Germanistik-Professor aus Mannheim. Jochen Hörisch stellt nicht mal seine Vorlesungen ins Netz, damit auch Studenten sie hören können, wenn sie krank sind. "So schlecht war das nicht, was wir 2000 Jahre lang gemacht haben", sagt er.

Ganz anders der Marburger Anglist Jürgen Handke: "Mein Büro sieht aus wie ein Studio", berichtet er. Seine Vorlesungen auf YouTube hätten eine Million Klicks, seine Kurse 30 bis 50 neue Abonnenten jeden Tag. "Der Werbeeffekt für die Hochschule ist gigantisch."

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Kostenloses Studium: Eine Übersicht der Mooc-Plattformen

Viele Lehrende setzen derzeit auf Moocs, auf Massive open online courses, riesige offene Online-Kurse. Sie sind von Anfang an als reine Online-Seminare mit festem Kursplan konzipiert, Studenten reichen Aufgaben ein und schreiben Tests. Das Problem: Viele Unis erkennen die im Mooc gesammelten Creditpoints nicht an; was unter anderem daran liegt, dass sich meist nicht kontrollieren lässt, wer den Test überhaupt geschrieben hat.

Die Professorin Sabina Jeschke vom Zentrum für Lern- und Wissenschaftsmanagement an der RWTH Aaachen glaubt trotzdem an die Kurse: Moocs seien ein "Flächenbrand" in der Hochschullandschaft, sagt sie. Studenten könnten in ihrem Fach die besten Profs der Welt hören oder in virtuellen Laboren Experimente durchführen, die besser seien als in der Realität. "In einer Reaktoranlage das Kühlkraftwerk abschalten - das macht man besser nicht live."

Es sei "naiv", sich als Uni solchen Möglichkeiten zu verweigern: Wer ein Gastsemester an einer x-beliebigen Hochschule akzeptiere, müsse doch erst recht das Zertifikat des Moocs einer US-Spitzenuniversität anerkennen. Die Unis seien gut beraten, Moocs als Geschäftsmodell zu sehen und als Aushängeschild für die Qualität ihrer Lehre zu nutzen.

Die Professorin Caja Thimm vom Zentrum für Kommunikations- und Medienwissenschaft der Uni Bonn ist anderer Meinung. Sie glaubt, dass Web-basiertes Lernen "nur in ganz speziellen Segmenten funktioniert": im Grundkurs Statistik, in englischer Grammatik. Damit könnten mehr Studierende erreicht werden, man könne sich die Zeit einteilen, es spare Kosten.

Im Unterricht setzt Thimm Medien aber nur zurückhaltend ein: Sie vergibt zwar Hausaufgaben per Twitter und lässt ihre Studenten Forschungsergebnisse in lehrstuhleigenen Wikis zusammentragen. In ihren Vorlesungen aber herrscht Laptop- und Smartphone-Verbot. "Damit wird meist auf Facebook und Twitter gesurft, und wenn ich dann rumlaufe, klappen die alle schnell den Rechner zu."

Der Präsident des Hochschulverbandes ist sicher: "Jetzt und in absehbarer Zukunft wird wissenschaftliche Erkenntnis ein nicht virtualisierbarer Prozess bleiben." Technik-Befürworterin Jeschke glaubt eher an ein Nebeneinander: Dass Unis komplett ins Netz wandern werde ebenso wenig geschehen, "wie das Kino das Theater verdrängt hat."

Audienz bei Professor Multimedia

Sandra Trauner/dpa/fln

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1.
sonstwer 03.04.2014
Neue Ideen setzen sich nicht dadurch durch, daß ihre Gegner überzeugt würden, sondern dadurch, daß diese aussterben. - Max Planck
2. Wir sind als Lehrende in der Wissenschaft das, ...
Großbär 03.04.2014
... was in der Industrie der Vertrieb ist. Daß E-Learning ein vollwertiger Ersatz für die persönliche Vorlesung ist, glaube ich erst, wenn die Unternehmen ihren Vertrieb abschaffen und von den Kunden verlangen, die gewünschten Produkte im Internet anzuklicken. Bei banalen Alltagsartikeln geht das ja. Aber bei komplizierten Maschinen und Anlagen? Der Kontakt von Mensch zu Mensch wird auch in Zukunft entscheidend sein. Lediglich unsere Politiker sind in E-Learning vernarrt. Da läßt sich ja wieder mal was einsparen.
3. Schulbücher?
explorer88 03.04.2014
Wozu? Auch für Schüler reicht EIN Tablet! Damit kommen sie durch von der 1. bis zur 9. Klasse! Keine verkrümmten Rücken wegen schwerer Schulranzen, keine teuren Bücher, aktueller Stoff.
4.
ichbinsdiesusi 03.04.2014
...und am Ende des Tages sieht es meist so aus: "Herr/Frau XY, können Sie die Texte, die wir lesen sollen, nicht online stellen? Jetzt muss ich extra dafür in die Bibliothek." Tausend Mal gehört....Ein Armutszeugnis....
5. e-Learning ist...
simpliciussimplex 03.04.2014
oder kann sooooo viel mehr sein als Texte online stellen oder Vorlesungen abfilmen. Manche Leute bezeichnen das als e-Information und nicht e-Learning. Mal über (didaktisch sinnvolle) Gruppenarbeiten in (Schul-/Uni-) Wikis informieren, oder die extrem umfangreichen und didaktisch sehr, sehr wertvollen Möglichkeiten von e-Portfolios wenigstens in Betracht ziehen (Lernen durch Lehren (peer-to-peer), Verschriftlichung als zentrales Thema des Lernens, Gruppenarbeiten dokumentieren, Per-to-Peer Bewertungen, Präsentationsportfolio, (Fremd und Eigen-) Dokumentation des Lernforschritts, fairere und richtigere Bewertung (Benotung) da weniger "tagesformabhängig" (zumindest als Möglichkeit), Sammelmappe aller (!) Lernmedien (z.B. auch selbst erstellter) der Studierenden, ausserdem auch viele Vereinfachungen für die Lehrenden…). Betrachten Sie mal die Lernmöglichkeiten und Veranschaulichungen von interaktiven mathematischen Modellen, bei denen Studierende eine Vielzahl von Parameter eines Models in Echtzeit verändern können und dabei sehen, welche Auswirkungen dies auf die anderen Parameter und Funktionen hat… Es gibt so viele Möglichkeiten!!! Einfach nur Texte und Videos von Lehrveranstaltungen zur Verfügung zu stellen ist nur der erste Schritt!!!
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