E-Mail aus Bangladesch: "Sie sind die erste Ausländerin, die das probiert"

Ein französischer Wasserkonzern verwandelt in Bangladesch verdrecktes Flusswasser in bezahlbares Trinkwasser - alles für einen guten Zweck, verspricht die Firma. Doktorandin Kerstin Humberg hat die Anlage in Goalmari besucht. Und durfte gleich ein Gläschen kosten.

Je weiter wir uns von der Hauptstadt Dhaka entfernen, desto schmaler werden die Straßen. Seit einer Viertelstunde schon beobachten wir aus unserem weißen Bulli heraus, wie sich zwei bengalische Busfahrer mitten auf der Landstraße gegenseitig blockieren. Wie fast alle Busse in Bangladesch sind beide gnadenlos überfüllt, selbst auf den Dächern hocken Passagiere. In die tiefen, nassen Reisfelder links und rechts können sie nicht ausweichen. Einer muss zurücksetzen, sonst kommen wir nicht durch.

"Das kann dauern", seufzt mein Begleiter Ansa von der Grameen Bank und schließt die Augen. Es ist kurz vor Mittag, unser Bulli macht jeder Sauna nach einem frischen Aufguss Konkurrenz. Die Regenzeit steht kurz bevor, die Luftfeuchtigkeit ist enorm. Wenn sich die beiden Streithähne nicht bald einigen, kollabiere ich.

Noch sind wir gut 20 Kilometer von Goalmari, einem Dorf etwa hundert Kilometer östlich von Dhaka, entfernt. Dort verwandelt der französische Trinkwasserkonzern Veolia seit einigen Tagen verdrecktes Flusswasser in sauberes Trinkwasser. Für nur einen Taka (etwa einen Cent), bekommt man fünf Liter Wasser. Das Wasser von Veolia ist ein "Social Business"-Produkt, das durch eine Kooperation des Wasserkonzerns mit der Mikrokredit-Bank Grameen des Friedensnobelpreisträgers Muhammad Yunus an die armen Landbewohner gebracht werden soll.

Kein Gewinn auf Kosten der Armen

Ziel ist die Versorgung der rund 25.000 Einwohner Goalmaris mit bezahlbarem Trinkwasser. Wenn das Geschäftsmodell funktioniert, sollen eventuelle Gewinne später in den Bau weiterer Wasseraufbereitungsanlagen in Bangladesch fließen. Weder Veolia noch Grameen sollen finanziell von diesem Engagement profitieren. "Kein Gewinn auf Kosten der Armen", so lautet Yunus' oberste "Social Business"-Maxime.

Der Zugang zu sauberem Trinkwasser ist in Bangladesch ein Privileg. Geologisch bedingt sind weite Teile der Grundwasserreserven des Landes mit Arsen verseucht. Das Gift ist oft so stark konzentriert, dass der tägliche Wasserkonsum lebensbedrohlich sein kann. In Goalmari sind rund 80 Prozent der Brunnen betroffen, landesweit mehr als 35 Millionen Bangladeschis akut durch Arsen gefährdet. Trotzdem pumpen die Dorfbewohner fleißig weiter Wasser aus dem Boden, denn die Gefahr ist unsichtbar, und es fehlen Alternativen.

Das Oberflächenwasser in Flüssen und Seen ist verschmutzt, im Supermarkt ist Wasser mit zehn bis 15 Cent pro Liter für viele Bangladeschis unbezahlbar. Für die Versorgung einer fünfköpfigen Familie müsste das Familienoberhaupt 150 Taka aufbringen - unmöglich, wenn man nur 200 Taka am Tag verdient.

Nachdem einer der Fahrer doch nachgegeben und den Bus zurückgesetzt hat, geht es endlich weiter. In Goalmari gehen wir den letzten Kilometer zu Fuß und schlängeln uns zwischen Palmen, Ziegen und Misthaufen hindurch.

Braunes Brackwasser wird zu Trinkwasser

"Wir sind soweit", verkündet der technische Leiter des kleinen Wasserwerks stolz und führt uns auf eine Anhöhe am Flussufer. Noch sind die Wände der Werkshalle weiß getüncht - das Logo der Firma Veolia dürfte aber nicht lange auf sich warten lassen. Schon für den Joghurthersteller Danone war ein "Social Business" gemeinsam mit Nobelpreisträger Yunus ein großer PR-Erfolg. Und auch Veolia wird wohl versuchen, langfristig Kapital aus dem sozialen Engagement zu schlagen. Wohltätigkeit steht im Westen hoch im Kurs, kostengünstiger erschließt man sich als Unternehmen kaum ein Marktsegment.

Die erste der 14 Zapfstellen ist bereits fertig, der Verkauf kann beginnen. Wir klettern ins Dachgeschoss der Aufbereitungsanlage. Am Flussufer hat uns der Ingenieur unten die Wassergewinnung erklärt, nun präsentiert er die Karbonfilter. "Bis zu 10.000 Liter Trinkwasser können wir hier pro Stunde produzieren."

Appetitlich sieht die braune Brühe zwischen den Filtern nicht gerade aus. Mir ist mulmig, als der Ingenieur mir ein Glas frisch gefiltertes Flusswasser vor die Nase hält. "Sie sind die erste Ausländerin, die das probiert", erklärt er. Na wunderbar! In den vergangenen zwei Monaten habe ich doch schon mehrere Kilo bei diversen Durchfallattacken verloren. "Nur Mut", ermuntert er mich - und ich schlucke brav.

Der Chef der Anlage blickt auf die Uhr, die Geschäftspartner aus Indien müssen jeden Moment eintreffen. Tatsächlich laufen wir der Gruppe direkt in die Arme. Unter ihnen ist auch Marie, 19. Im Studium beschäftigt die Französin sich mit humanitären Hilfsprogrammen und soll im Praktikum bei der "Grameen-Veolia Ltd." ein Marketingkonzept entwickeln. Schwierige Aufgabe: Wie überzeugt man bitterarme Bauern davon, ab sofort Geld für etwas auszugeben, was keinen unmittelbaren Nutzen bringt und bis dato gratis zu haben war?

Prothesen-Produktion als "Social Business"?

Das ehemalige Brackwasser habe ich bis jetzt ganz gut vertragen - die Zeit in Bangladesch hat mich dennoch gezeichnet: Nach über zwei Monaten in Dhaka bin ich nicht nur abgemagert, auch mein Atem ist schwer geworden. Die täglichen Rikschafahrten minimieren die Fußwege, und After-Business-Workout mit den westlichen Arbeitsmigranten war einfach nicht mein Ding.

Meine Lunge rasselt, ob der vielen Stunden bei brütender Hitze im offenen Mototaxi bei stehendem Verkehr. Doch man gewöhnt sich dran, wie auch an Bettler, die bei jeder Taxifahrt ihre Arm- oder Beinstümpfe zeigen. Mit der Produktion bezahlbarer Prothesen und Rollstühle ließe sich in Dhaka sicher ein wunderbares "Social Business" aufziehen.

Meine Zeit in Bangladesch geht bald zu Ende. Ob die Bewohner Goalmaris wirklich die Finger von den mit Arsen vergifteten Brunnen oder dem ungefilterten Flusswasser lassen werden? Wie es dem Wassermulti Veolia mit dem "Social Business" ergeht und wie sich das aufs Leben der Dorfbewohner auswirken wird, werde ich erst wieder im November unter die Lupe nehmen können. Dann beginnt die zweite Phase meiner Feldforschung, dann werde ich wieder hier sein - im armen, aber faszinierenden Land der Bengalen.

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