Von Melina Gehring
Als die italienische Austauschstudentin Valeria Zurla an die Elite-Uni Dartmouth College kam, wunderte sie sich doch sehr über ihre amerikanischen Kommilitonen. "Letzte Woche habe ich zwei Mid-Term-Klausuren geschrieben. Der Professor war nicht anwesend, trotzdem hat keiner seine Ergebnisse verglichen oder einen Spickzettel benutzt", erzählt die Studentin der Wirtschaftswissenschaften aus Mailand. Und nach Ablauf der vorgegebenen Bearbeitungszeit wurde der Stift weggelegt, auch wenn man noch nicht fertig war. Ehrensache.
Die Mailänderin war von der Ehrlichkeit besonders überrascht, weil die Dartmouth-Studenten sehr auf gute Noten erpicht sind. Zu Hause ist Valeria anderes gewohnt: "In Italien betrügen die Studenten ständig - das ist wirklich ein großer kultureller Unterschied."
Das Prinzip "Kontrolle ist gut, Vertrauen ist besser" beginnt in Dartmouth am ersten Uni-Tag: Bereits in ihrer Orientierungswoche unterschreiben die neuen Studenten ein Formular, in dem sie sich zur Einhaltung des "Academic Honor Principle" bereit erklären. Der Ehrenkodex richtet sich gegen Kollaboration in Klausuren, Plagiate und das Einreichen derselben Arbeit an verschiedenen Stellen. Aber auch die Fakultätsmitglieder sind an den Kodex gebunden und sollen in der Annahme handeln, dass die Studenten "intellektuelle Ehrlichkeit und Integrität" an den Tag legen. Misstrauen ist verpönt.
Schummelskandal in Harvard
Auf den ersten Blick erscheint ein solches System mehr als naiv. Doch Honor Codes haben in Amerika Tradition. Am Dartmouth College lehrt und lernt man bereits seit 1962 mit der moralischen Selbstverpflichtung. In Princeton gibt es sogar seit über hundert Jahren einen ähnlichen Ehrenkodex, und mehr als hundert weitere US-Hochschulen haben eine vergleichbare Version des Prinzips. An einigen von ihnen führt bereits der erste Regelverstoß zur Exmatrikulation.
Die ehrwürdige Harvard University, wie das Dartmouth College Mitglied der prestigeträchtigen Ivy League, verpflichtet ihre Studenten bislang nicht mit einem Honor Code. Trotzdem gab ein Politikdozent im Frühjahr seinen Studenten einen Vertrauensvorschuss in Form eines sogenannten "take-home exam". Das Ergebnis: Fast die Hälfte des Kurses arbeitete unerlaubter Weise im Team. Der Skandal erregte landesweit Aufsehen. Harvard reagierte mit umfangreichen Untersuchungen, die Ergebnisse sollen bald bekannt gegeben werden. Gerüchten zufolge droht den Studenten ein Jahr Zwangspause.
Diese Erfahrung hat auch Albrecht Vorster gemacht. Der Freiburger Biologiestudent verbringt gerade ein Auslandsjahr an den Universitäten in Florida und Wisconsin-Madison. "Abschreiben oder gegenseitiges Helfen in Klausuren ist hier tabu", sagt Vorster. "In Deutschland kann man schon mal damit prahlen, sich durch eine Klausur gemogelt zu haben, ohne bemerkt worden zu sein. Es ist sozial akzeptiert." So sind, anders als an den US-Kaderschmieden, die Sicherheitsvorkehrungen bei Klausuren hierzulande meistens streng: Nur jeder zweite Platz in jeder zweiten Reihe darf besetzt werden, Taschen und Handys bleiben vorn, Aufseher ziehen ihre Kreise.
In Deutschland wird kontrolliert, aber nicht sanktioniert
Was aber, wenn ein Prüfling hier trotz aller Kontrollmaßnahmen erwischt wird? "Letztlich passiert den Studenten gar nichts. Sie bekommen den Schein nicht", sagt Volker Rieble, Jura-Professor an der LMU München. Dabei hätten härtere Sanktionen durchaus Wirkung, glaubt er: "Sie kennen es vom Straßenverkehr. Wenn an einer Stelle ständig geblitzt wird, fahren die Leute vernünftig. Abschrecken funktioniert." Auch hochschulrechtlich wäre es möglich, den Schein für das nächste Semester zu sperren oder bei wiederholtem Täuschungsversuch zu exmatrikulieren. Vor drastischen Maßnahmen schrecken die Universitätsleitungen laut Rieble jedoch zurück. Wer schlecht vorbereitet ist, hat also nichts zu verlieren.
In Dartmouth hingegen werden ertappte Schummler meist für eine gewisse Zeit vom Unterricht ausgeschlossen. Ungefähr 20 bis 30 der rund 6000 Studenten werden jährlich überführt. Schätzungen zur Dunkelziffer sind freilich schwer möglich. Auch Studien bringen keinen eindeutigen Beweis, ob das System funktioniert. Kritiker stören sich jedoch daran, dass die Schummler meist nicht von ihren Dozenten, sondern von ihren Kommilitonen überführt und gemeldet werden. Diese "Petzmoral" findet auch der Biologiestudent Albrecht unangenehm. Er bevorzugt deshalb das deutsche System: "Wir haben glücklicherweise kein amerikanisches Gesellschaftsverständnis, in dem jeder schauen muss, wie er durchkommt, sondern eines, in dem man sich gegenseitig hilft."
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