Impotent mit 21: Außer Stande

Von Anne Fromm

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Corbis

Junges Paar: Schlafen, aber nicht miteinander schlafen

Der Student Marco ist groß, durchtrainiert und hat immer einen Spruch auf den Lippen. Er kommt gut an bei Frauen. Leider kann er keinen Sex mit ihnen haben. Er ist impotent. Mit 21.

An einem sonnigen Frühlingsmorgen geht Marco Weber zur Uni und denkt mal wieder, dass er ein Verlierer ist.

Er wird nie eine Frau finden, die es lange mit ihm aushält. Wer will denn schon seine Zeit verbringen mit einem wie ihm?

Marco ist ein gesunder junger Mann: 21 Jahre alt, 1,85 Meter groß, durchtrainiert. Er achtet auf seine Ernährung, raucht nicht, trinkt selten und geht fast täglich ins Fitnessstudio. "Typ Cowboy", sagt er über sich, "einer, der immer einen lockeren Spruch auf den Lippen hat, viele Leute kennt, oft unterwegs ist."

Marco ist ein Mann, der gut ankommt bei Frauen. Leider hat er ein Problem.

Bis vor einer Stunde lag er noch im Bett mit einem Mädchen, das er sehr nett findet. Groß, schlank, einfach heiß, sagt er. Es war die fünfte Nacht, die er mit ihr verbrachte, und es war wieder wie zuvor: Sie lagen nebeneinander, streichelten sich, hatten Lust, aber Webers Penis wurde einfach nicht steif. Und wenn, dann blieb er es nicht lange.

Erektionsprobleme sind meist Kopfsache

Marco Weber, der am Telefon über die frustrierende Frühlingsnacht und seinen anschließenden Weg zur Uni erzählt, heißt nicht Marco Weber. Seinen richtigen Namen möchte er nicht in einem Magazin lesen. Natürlich nicht. Wer gibt schon gern öffentlich zu, dass er impotent ist? Mit 21?

Dabei ist das Schicksal von Marco Weber keine Seltenheit. Ärzte gehen davon aus, dass jeder hundertste Mann unter 30 unter "erektiler Dysfunktion" oder Impotenz leidet, das wären etwa 50.000 Fälle allein in Deutschland.

Wie viele es genau sind, die beim Geschlechtsverkehr keine richtige und dauerhafte Erektion aufbauen können, lässt sich schwer sagen - unter anderem auch darum, weil es in Studien meist um ältere Männer geht und die jungen Betroffenen nur selten einen Arzt aufsuchen wegen ihres Problems. Das zumindest war bei Marco anders. Ein Urologe untersuchte ihn gründlich, maß den Testosteron-Wert, machte einen Ultraschall. Alles war normal. Körperlich ist Marco völlig gesund.

"Das ist typisch für junge Männer", sagt Martin Gerber, Urologe an der Uni-Klinik Homburg. "Im Gegensatz zu denen der älteren Männer sind die Erektionsprobleme der Jungen meist Kopfsache." Viele hätten durch Pornos eine falsche Vorstellung von dem, was normal ist. Sie hätten Angst, nicht das leisten zu können, was sie in den Filmen sehen oder von Freunden hören, und setzten sich dann selbst unter Druck.

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Wieso ich? Was mache ich bloß falsch?

Marco glaubt, dass genau das sein Problem ist. Mit zwölf sieht er zum ersten Mal nackte Frauen im Internet. Nach den Bildern kommen kurze Videos, dann ganze Pornos. Stundenlang schaut er sich die Filme an und masturbiert auch dazu. Sex, so denkt er, muss grob und hart sein.

Mit 19 Jahren lernt er, voll von den Bildern aus dem Internet, seine erste Freundin kennen. Als sie miteinander schlafen wollen, wird sein Penis nicht steif. "Die Aufregung", denkt er.

Aber es wird nicht besser. Die Beziehung zerbricht, Marco lernt eine neue Frau kennen. Er bekommt wieder keine Erektion, anders als bei den Pornofilmen. Ständig plagt ihn die Angst davor zu versagen. Wenn es losgeht, kann er gar nicht richtig loslassen. Die neue Freundin ist erst verständnisvoll und sagt, sie wolle ihn nicht unter Druck setzen. Zwei Wochen später macht sie Schluss, per SMS.

Marco ist deprimiert. Er trainiert härter, pumpt sich auf, um sich wenigstens äußerlich wie ein Mann zu fühlen. Aber das klappt nicht. Wie männlich ist denn einer, der noch nicht mal Sex haben kann? In der Uni, beim Sport, abends beim Bier, immer brodelt es in ihm: Wieso ich? Was mache ich denn bloß falsch?

Dabei passen solche Fragen eigentlich nicht zu Marco. Bei allem, was er tut, hat er bisher Glück gehabt: Er hat ein super Abi gemacht und studiert ein Fach, das viele wollen, aber nur wenige kriegen. Er ist beliebt in seinem Freundeskreis. Zum Reden hat er trotzdem niemanden. Mit seinen Eltern spricht er nicht über Sex. In seinem Freundeskreis ist das dafür ständig Thema, vorbeilaufende Frauen bekommen einen Spruch, mit einer guten Nummer wird geprahlt. Weber redet immer mit. Wahr sind seine Geschichten fast nie.

Tabletten fürs Selbstbewusstsein

Marco sucht Hilfe im Internet und findet ein Forum, in dem sich mehr als 10.000 Männer über ihre Probleme austauschen und in dem auch der UniSPIEGEL Kontakt zu ihm aufbaute. Es gibt einen Forumsbereich nur für junge Männer. Die Geschichten, die dort erzählt werden, haben Überschriften wie "Verzweiflung pur!!!" und "Ein für mich unlösbares Problem". Bis zu 2000-mal werden die Beiträge angeklickt. Von "Pornosucht" ist dort häufig die Rede.

"Duke" zum Beispiel hat eine neue Freundin und schreibt: "Ich bin verrückt nach ihr. Und bei ihr klappt es auch nicht. Was soll ich tun? Ich will die Frau doch einfach nur glücklich machen." Auch "NeneMalo", 21, ist panisch: "Ich habe mittlerweile wirklich Angst davor, mit ihr im Bett zu sein, weil ich nicht wieder versagen will. Ich fühle mich total unmännlich, weil ich sie nicht befriedigen kann." MrRon92 kriegt keine Erektion mehr, seit er 16 Jahre alt war: "Gott, ich wurde immer depressiver! Es war teilweise schon so weit, dass ich am Bahnsteig stand und mir gedacht habe: Am liebsten würdest du springen...diese Gedanken waren öfters da."

Marco schreibt im Forum von den Pornos und der Angst, mit seiner Freundin ins Bett zu gehen. "Lass die Pornos weg", raten ihm die anderen User. Und: "Geh noch mal zum Arzt." Der Arzt verschreibt Marco ein Potenzmittel, ähnlich wie Viagra. Diese sogenannten PDE-5-Hemmer sorgen dafür, dass der Penis stärker durchblutet wird und das auch bleibt. Marco soll die Tabletten nicht für seinen Penis, sondern nur für sein Selbstbewusstsein nehmen.

"Junge Männer, die körperlich völlig gesund sind, bekommen Potenzmittel in der niedrigsten Dosis. Die eigentliche Wirkung brauchen sie nicht. Bei ihnen geht es um den Placeboeffekt, die Tabletten lösen die Blockade im Gehirn", sagt Urologe Gerber. "Den meisten jungen Männern hilft das."

Für Sex würde Marco ziemlich viel geben

Auch Marco macht Fortschritte. Nachdem er eine Tablette geschluckt hat, gelingt es ihm zum ersten Mal, länger in ein Mädchen einzudringen. Doch am Morgen danach spürt er die Nebenwirkungen, die viele dieser Tabletten haben. Sein Kopf hämmert, die Nase ist verstopft, seine Muskeln ziehen. Immerhin: Er hatte Sex.

Potenzmittel sind in Deutschland verschreibungspflichtig und noch immer vergleichsweise teuer, weil die Krankenkasse nicht zahlt. Im Internet findet Marco Websites, auf denen illegal importierte Medikamente aus Indien, Thailand und anderen asiatischen Ländern zu Spottpreisen angeboten werden: 60 Cent pro Tablette. Die Pillen kommen in einer kleinen Tüte, den Beipackzettel kann er nicht lesen. Wer weiß, was das für Dinger sind?

Dass Marco seine Gesundheit riskiert und sich mit der Bestellung strafbar macht, ist ihm egal. Für Sex würde er ziemlich viel geben.

Marco nimmt die Pillen vor der dritten, vierten und fünften Nacht mit der neuen Freundin, aber sein Penis bleibt schlaff. Er weiß nicht, ob die Tabletten wertlos sind - oder ob der Placeboeffekt einfach nicht mehr funktioniert. Er wendet sich noch einmal an das Forum: "Ich fühle mich wie der größte Versager auf Erden", schreibt er. Die User empfehlen ihm ein anderes Potenzmittel. Mit wenigen Klicks hat er es bestellt. Herkunft: ungewiss.

Marco spricht mit seiner neuen Freundin. Er erzählt ihr, dass er schon öfter Probleme hatte. Von den Tabletten erzählt er nicht. Sie reagiert gelassen und sagt, er solle sich keinen Kopf machen. Irgendwann würde es schon klappen.

Doch Marco will nicht mehr warten, will seine neue Freundin nicht verlieren, will nicht aufgeben. Er besorgt sich einen Termin beim Uni-Psychologen: Vielleicht kann der helfen. Wenn nicht, weiß er nicht mehr, was er tun soll. Er kann dann nur noch hoffen, dass ihm die neue Freundin genügend Zeit gibt, seine Blockaden zu überwinden. Dass sie bei ihm bleibt und mit ihm gemeinsam den schweren Weg in ein halbwegs normales Sexleben geht.

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insgesamt 164 Beiträge
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1. Was ich nicht verstehe...
jaymuc77 07.08.2013
... ist, warum er zu fragwürdig zusammengepanschten Pillen aus dem Internet greift, statt den sicheren und effektiven Weg über den Arztbesuch mit "echten" Medikamenten zu gehen. Zumal es ja offenbar schon einmal geholfen hat. Es geht bestimmt nicht nur um den Placebo-Effekt, sondern auch um die tatsächliche Wirkung des Wirkstoffs, möglicherweise gerade in seinem Fall. Dann hat das Leiden möglicherweise auch gleich ein Ende.
2. Hypnose
freshm 07.08.2013
Hypnose ist hier das Stichwort! Das Problem im konkreten Fall ist offensichtlich rein psychischer Natur und lässt sich ganz effizient in nur wenigen Sitzungen bei einem guten Hypnotherapeuten lösen!
3. Neuigkeit?
karlsiegfried 07.08.2013
Probleme dieser Art hat es schon vor zweitausend Jahren und früher gegeben. Salopp formuliert, Pech gehabt. Mit den Pornos hat das wenig zu tun. Entweder hat der Körper einen Sexdefekt oder nicht. Ist doch bei vielen Krankheiten, das sind auch nur Körperdefekte, ebenso.
4. PDE-5-Hemmer
champagnero 07.08.2013
Zumindest bei den "original" Präparaten ist es mit Sicherheit kein Placeboeffekt - den man sich einbildet. Es gibt ja eine Wirkung und die gibt es nachweisbar auch, wenn man diesen Pillen skeptisch gegenüber eingestellt ist. Nachteil ist sicherlich der exorbitante Preis. Einfach mal die einschlägigen Markennahmen in seriösen Onlineapotheken suchen. Da verliert man dann auch wieder die Lust... ;-)
5.
argonaut-10 07.08.2013
Nach meiner Erfahrung funktioniert Sex nur, wenn man sich entspannt; genau da liegt das Problem in unserer heutigen Zeit. Tausend Dinge "funktionieren" und man nimmt sie mit ins Bett... der Kopf lässt nicht mehr los. Und wenn man dann erst einmal in der Spirale drin steckt, dann wird es noch schwerer. Ich würde es mit einer Stunde Meditation am Abend über einen längeren Zeitraum versuchen. Auch... um den Unterschied zwischen wirklicher Entspannung und dem "normalen", inzwischen sehr stressigen Leben zu spüren; was man danach für sich ableitet, kann weit über die Lösung von Sex hinaus gehen.
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