Ein Uni-Ökonom teilt aus: Lernt unsere Sprache, bevor ihr mitredet

Scheitern Uni-Ökonomen tatsächlich daran, die globale Wirtschaftskrise zu erklären? Aber nein, sagt Volkswirt Rüdiger Bachmann und nimmt sein Fach in Schutz: VWL sei eben sehr kompliziert - und tauge nicht als intellektueller Überbau für jedermanns private Occupy-Bewegung.

Occupy-Demonstrant: Wirtschaftswissenschaften als Ideologielieferant? Zur Großansicht
dapd

Occupy-Demonstrant: Wirtschaftswissenschaften als Ideologielieferant?

Keine Frage, in der Öffentlichkeit steht die Volkswirtschaftslehre derzeit richtig mies da. Jetzt also auch der UniSPIEGEL: Die Uni-Ökonomen hätten versagt, in den VWL-Vorlesungen würden nur Effizienzdenken, Marktgläubigkeit und Staatsferne gepredigt; der Homo oeconomicus angebetet und in Mathematik gepresst, was angeblich nicht zu formalisieren sei.

Gefühlte hundertmal habe ich das in der deutschen Presse so oder so ähnlich gelesen, oft garniert mit ein paar sound bites sogenannter Postautisten, die so an ihrem VWL-Studium leiden, dass sie sich ihre eigenen Ringvorlesungen basteln. Zu denen holen sie dann Praktiker, Ethiker und unterdrückte Privatdozenten, die außerhalb des bösen Mainstreams forschen und publizieren und deshalb ob des neoklassischen Kartells an den Unis niemals einen Lehrstuhl erhalten würden.

Meine Wahrnehmung der modernen VWL ist ganz anders, ich sehe sie als ein dynamisches, offenes und flexibles Wissenssystem. Also muss es da Kommunikationsprobleme geben zwischen uns Lehrenden und den Studierenden. Ich will nicht ausschließen, dass es an einigen deutschen Unis noch marktgläubige Ordoliberale der alten Schule gibt, die das FDP-Grundsatzprogramm herunterbeten - und das als ihre Aufgabe und als Wissenschaftlichkeit ansehen. Aber die Demografie sollte dieses Problem eigentlich weitgehend erledigt haben. Ich kann auch nicht ganz ausschließen, dass diese Zeitungsartikel von Journalisten geschrieben wurden, die nie ein VWL-Vollstudium durchlaufen und nur die typische VWL-Übersichtsvorlesung für Nichtökonomen gehört haben.

Dennoch: zwei Klarstellungen.

Ich fürchte erstens, dass viele Anfänger eines VWL-Studiums einfach eine falsche Vorstellung davon haben, was sie erwartet, womöglich durch die Krise verstärkt. Wer VWL studiert, so wie manche Philosophie studieren, nämlich um die Welt irgendwie allgemein besser verstehen zu können, wer VWL studiert, um den intellektuellen Überbau für seine persönliche Occupy-Bewegung zu bekommen, wer VWL studiert, weil der Abi-Schnitt nicht für den NC der BWL gereicht hat, der wird enttäuscht werden.

Mediziner im ersten Semester dürfen auch nicht operieren

Die VWL ist eine Sozialwissenschaft der besonderen Art. In ihr gibt es weitestgehend keine methodischen Grabenkämpfe mehr, das Studium ist ein Unternehmen mit aufeinanderaufbauenden Elementen. Ein Anfänger in einem Physikstudium erwartet wohl nicht, dass er im ersten Studienjahr versteht, wie das Universum entstanden ist, ein Medizinstudent im ersten Semester operiert nicht, und ein beginnender Bauingenieur baut keine Brücken. Genau deshalb ist es schwierig, den VWL-Anfängern Krise beizubringen.

Wir Lehrende wollen das und verstehen die Frustration der Anfänger. Es ist schwierig, weil man nun einmal ein gewisses Rüstzeug braucht, um die Krisenphänomene exakt beschreiben zu können; ökonomische Interaktionen sind komplex - wie kann man eigentlich erwarten, das gleich zu Beginn des Studiums verstehen zu können? George Akerlof, einer der Darlings der Kritiker der modernen VWL, hat einmal völlig zu Recht gesagt: Die VWL der Zukunft werde mehr und komplexere Mathematik brauchen, nicht weniger. Von daher bitte ich einfach um etwas Geduld.

Zum anderen ist Krise schwierig, weil sie komplex und selten ist, und weil sich moderne Ökonomen nicht mit einfachen monokausalen Erklärungen zufriedengeben: "Die Zentralbank hat die Zinsen zu niedrig gesetzt" (die österreichische Perspektive); "Der Staat hat nicht genug reguliert" (die ordoliberale Perspektive); "Die Finanzkapitalisten sind böse" (die postautistische Perspektive); "Die Menschen sind alle dumm und irrational" (die psychologische Kritik an der Ökonomik); oder "Der Staat ist an allem schuld und hat sich zu viel eingemischt" (die marktradikale Ideologie). Wiewohl sicherlich alle diese Ideen eine Rolle für das Verständnis der Krise spielen dürften.

Wir wissen auch vieles noch nicht über die Krise

Mit anderen Worten: nostra culpa - ja, wir, die "Uni-Ökonomen", wissen vieles auch noch nicht über die Krise und wie ihr am besten zu begegnen ist. Wir arbeiten dran! Es ist ein Mythos, dass ein monolithischer Mainstream fruchtbare Alternativtheorien unterdrücken würde, die es intellektuell mit der modernen VWL aufnehmen könnten - einfach weil es diese blühenden Alternativtheorien nicht gibt, und weil der sogenannte Mainstream alles andere als monolithisch ist.

Zum zweiten kann ich aus meiner eigenen Erfahrung als Student und als Lehrender nicht nachvollziehen, wo diese verengte Sicht auf das herkommt, was man im VWL-Studium so macht. Natürlich betrachtet die VWL die Funktionsweise von Märkten! Aber eine gute Einführung in die Mikroökonomik startet beim Begriff der Allokation, der gesellschaftlich erwünschten Güterverteilungen. Dann erst stellt sie Wettbewerbsmärkte dar - als ein mögliches Mittel zur Herstellung dieser Güterverteilungen. Sie benennt dabei aber auch die zum Teil idealen Bedingungen, die gegeben sein müssen, damit die Wettbewerbsmärkte die Güter so verteilen, wie es gesellschaftlich erwünscht ist.

Wenn der Kollege Thomas Straubhaar, wie im letzten UniSPIEGEL, erklärt, dass "mikroökonomisches Gewinnstreben zum makroökonomischen Untergang führen könne", dann fragt man sich, wo der Herr Professor sein VWL-Studium abgelegt hat. Das ist nun wirklich ein alter Hut. Und jedes gute VWL-Studium behandelt die Auswirkungen von allen möglichen Formen von Marktmacht und Marktversagen, von Informationsunvollständigkeit und Informationsungleichgewichten. Wenn die VWL tatsächlich eine marktradikale, hyperrationalistische Religion wäre, die nur dazu da ist, Ausbeutung durch Finanzkapitalisten zu legitimieren, dann gehörten mindestens 95 Prozent der aktuellen Forschung in der VWL nicht zur VWL.

Aber Geduld, diese Forschung ist spannend und komplex, und man muss erst einmal die Vokabeln lernen, um diese Sprache zu verstehen. So wie man auch erst mal Griechisch lernen muss, wenn man den Homer im Original lesen will.

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insgesamt 195 Beiträge
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1. Die
Dschey 05.01.2012
Zitat von sysopScheitern Uni-Ökonomen tatsächlich daran, die globalen Wirtschaftskrise zu erklären? Aber nein, sagt Volkswirt Rüdiger Bachmann und nimmt sein Fach in Schutz:*VWL sei eben sehr kompliziert*- und tauge*nicht als intellektueller Überbau für jedermanns private Occupy-Bewegung. Ein Uni-Ökonom teilt aus: Lernt*unsere Sprache, bevor ihr mitredet - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - UniSPIEGEL (http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/0,1518,807029,00.html)
klassische Antwort : Das ist zu kompliziert für euch daher versteht Ihr es auch nicht und wir haben weiterhin recht ;.-)
2.
mneisen 05.01.2012
Zitat von Dscheyklassische Antwort : Das ist zu kompliziert für euch daher versteht Ihr es auch nicht und wir haben weiterhin recht ;.-)
Womit er aber nun einmal Recht hat. Wer im ersten bzw. in den ersten Semestern aufheult, weil ihm das Studium politisch nicht ins Weltbild passt, dem ist halt nicht zu helfen.
3.
GermanGurkha 05.01.2012
Zitat von Dscheyklassische Antwort : Das ist zu kompliziert für euch daher versteht Ihr es auch nicht und wir haben weiterhin recht ;.-)
Lieber Mitforist, bleiben Sie bitte fair. Wenn VWL einfach wäre, müsste man daraus kein Hochschulstudium machen (was für BWL übrigens nicht gilt) und jedermann könnte sich allein auf Grund gesunden Menschenverstandes ein fundiertes Urteil bilden. Dem ist nicht so, wie auch in der Rechtswissenschaft, Physik, Medizin und auch in der Pädagogik. Dort beschwert sich niemand über Niveau und Fachkenntnis als implizite Voraussetzung für sinnvolle Diskussionen. Sie - lieber Mitforist - bezweifeln auch nicht die Boltzmann-Konstante oder die Erdbeschleunigung g, mäkeln aber an uns VWLern herum, wenn wir mit der Fisher'schen Geldgleichung argumentieren. Mehr Respekt bitte,
4. ...
rettungsschirm 05.01.2012
Zitat von sysopScheitern Uni-Ökonomen tatsächlich daran, die globalen Wirtschaftskrise zu erklären? Aber nein, sagt Volkswirt Rüdiger Bachmann und nimmt sein Fach in Schutz:*VWL sei eben sehr kompliziert*- und tauge*nicht als intellektueller Überbau für jedermanns private Occupy-Bewegung. Ein Uni-Ökonom teilt aus: Lernt*unsere Sprache, bevor ihr mitredet - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - UniSPIEGEL (http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/0,1518,807029,00.html)
Aber Akademiker sollten doch in der Lage sein Inhalte derart verständlich zu transportieren, dass auch (zumindest) andere Akademiker ihnen folgen können ?
5. Zwei Dumme = nicht gleich ein Gescheiter
alterknacker 05.01.2012
Manches Rechenbeispiel erlaubt nun mal nicht gleich ein logisches Ergebnis, manche Aussage von Politikern und Staatsbediensteten sollte, bevor sie ausgesprochen wird, erst noch einmal auf Logik überprüft werden. Als ich die beiden unterschiedlichen Artikel fand, war mir erst nach sorgfältigem lesen klar, dass sie doch eigentlich nur ein Problem wirklich offen legen, nämlich Dummheit par excellence. Hier der wichtige Rest: Zwei Dumme = nicht gleich ein Gescheiter | Freies in Wort und Schrift (http://freies-in-wort-und-schrift.info/2011/05/14/zwei-dumme-nicht-gleich-ein-gescheiter/)
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  • Peter Winandy
    Rüdiger Bachmann ist Lehrstuhlinhaber für Wirtschaftswissenschaften, insbesondere Makroökonomik an der RWTH Aachen. Er kehrte 2011 nach zehnjähriger Forschungs- und Lehrtätigkeit in den USA nach Deutschland zurück. Er forscht zur dynamischen, simulationsbasierten Makroökonomik, wo er die Auswirkungen von wirtschaftlichen Heterogeneitäten auf den Konjunkturzyklus untersucht.

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