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11. November 2002, 14:49 Uhr

Eine Professorin auf Plagiat-Jagd (2)

Von Wortverdrehern, Dünnbrettbohrern und Halbsatzpanschern

Alles nur geklaut? Nicht nur Studenten kupfern ganze Seminar- und Diplomarbeiten ab - selbst gestandene Gelehrte bedienen sich bisweilen schamlos bei ihren Kollegen. Die Berliner Professorin Debora Weber-Wulff schildert ihre Erfahrungen mit Plagiaten in der Wissenschaft.

Labor: Hoch sensible Bereiche
DPA

Labor: Hoch sensible Bereiche

Unsere Vorstellungen von geistiger Urheberschaft sind relativ jungen Datums und tauchen in Verbindung mit der Entstehung des Urheberrechts Ende des 19. Jahrhunderts auf. Das Übernehmen von Aussagen anderer Leute war in der frühen Wissenschaft weit verbreitet. Ein aus heutiger Sicht recht lustiges Beispiel ist die Darstellung von Kalifornien als Insel. Edward Tufte beschreibt in "The Visual Display of Quantitative Information" die Geschichte von frühen Kalifornien-Karten. 1622 erschien ein Buch über "Westindien", Antonio de Herrera's "Descripcion de las Indias Occidentales". Eine kleine Karte auf dem Titelblatt stellt Kalifornien als Insel dar.

Obwohl andere Karten Kalifornien korrekterweise als Halbinsel auswiesen, wurden in den nächsten 100 Jahren immer wieder Nordamerika-Karten mit Kalifornien als Insel gezeichnet - auch nach 1705, als bewiesen wurde, dass dies nicht stimmt. Die Kartenzeichner hatten der Einfachheit halber dieses Detail ohne Überprüfung aus anderen Karten übernommen.

Über die Geschichte des Plagiats gibt es im Internet eine Vielzahl von Quellen. In unzählige Magister- und Doktorarbeiten wird versucht nachzuweisen, dass der bekannte Autor Q nur Plagiator sei und mehr oder weniger schamlos vom unbedeutenden Autor R abgeschrieben habe.

Eine Typologie von Plagiatoren

Offenbar konnte man erst mit dem Aufkommen der Vorstellung eines Urhebers und des Urheberrechts, etwa um die Zeit der französischen Revolution, Plagiat vernünftig definieren. Das wurde in einem Gesetz mit der "Berner Übereinkunft zum Schutz von Werken der Literatur und Kunst" 1886 verankert. Weil leider nicht alle Länder, wie etwa die USA, die Bedeutung des Abkommens einsahen, folgten viele bilaterale Verträge über die Urheberschaft.

Debora Weber-Wulff: Nimmt Arbeiten genau unter die Lupe

Debora Weber-Wulff: Nimmt Arbeiten genau unter die Lupe

Heutzutage gilt das Verständnis, dass der Urheber ("geistige Schöpfer") eines Werks das Recht auf Namensnennung hat. Er oder sie kann auch bestimmen, was mit dem Werk passiert und welche Bearbeitungen zulässig sind. Dabei sind die Nutzungsrechte verkäuflich; somit können durchaus auch andere als der Urheber Rechte geltend machen.

Es gibt verschiedene Arten von Plagiaten. Der klarste Fall: Texte werden im Wortlaut ohne Quellenangabe übernommen - das ist geistiger Diebstahl, punktum. Manche Studierende fragen, ab wie vielen Wörtern Übereinstimmung man von Plagiat sprechen kann. Ohne Haarspalterei betreiben zu wollen, kann man wohl sagen, dass schon ein Satz ausreicht. Eine vollständig kopierte Diplomarbeit, wie sie unlängst an einer süddeutschen Universität eingereicht wurde, ist ein kristallklares Plagiat.

Strafe muss sein - aber welche?

Nur über die Strafe lässt sich schwer entscheiden: Ist das Ergebnis die Note Fünf, und man darf die Arbeit noch einmal anfertigen? Oder fliegt man von der Hochschule und wird für dieses Fach an allen deutschen Hochschulen gesperrt? Die süddeutsche Hochschule entschied, entgegen dem Wunsch der Hochschullehrer, auf Fünf und da capo - die Wiederholungsmöglichkeit als mildes Urteil. Wie findet man da aber bloß einen neuen Betreuer?

Wegen der vielen kleinen Konferenzen zu Spezialthemen kommt es immer öfter zum Artikelklau. Dazu nimmt man einen obskuren Artikel von einer recht unbekannten Tagung, ersetzt die Autoren (vielleicht auch Hinweise auf die Hochschule im Text) und reicht den Artikel bei einer weiteren Tagung unter eigenen Namen ein. Einer meiner Kollegen entdeckte einen seiner wichtigen Aufsätze - mit anderen Autorennamen und zwei Jahre später - Wort für Wort in einem ostasiatischen Tagungsband. Er schrieb erst die Autoren, dann deren Hochschule an und bat um Aufklärung. Ohne Ergebnis.

Dann gibt es die Wortverdreher und Halbsatzpanscher. Sie drehen hier und da eine Aufzählung um, tauschen ein Adjektiv oder streichen es, rühren einen gemischten Salat aus Halbsätzen aus diesem und jenem Werk zusammen. Solchen Werken ist etwas schwieriger beizukommen, aber es ist nicht aussichtslos.

Bei einem späteren Semester (dass ich immer nachgucke, hatte sich wohl nicht herumgesprochen) war ich bei einer Arbeit sicher, dass es sich um ein Plagiat handelte - sie war wie ein Flickenteppich und sprang von Thema zu Thema, mitunter übergangslos. Aber nach 20 Minuten erfolgloser Recherche hatte der Student vorläufig gewonnen. Ich konnte es jedoch nicht lassen und notierte meinen Verdacht am Ende der Seminararbeit. Postwendend kam eine böse E-Mail an - was ich da immer habe, natürlich sei jeder Satz vom Autor persönlich, wie könne ich nur solche Verdächtigungen haben.

Lesen Sie im zweiten Teil:

Die Probe aufs Exempel - erst schimpft der Schummler, dann kneift er

Das hat mich derart genervt, dass ich einen Test bei www.turnitin.com machte. Dieser kostenpflichtige Dienst teilt eine Arbeit in lauter kleine Teilsätze und sucht jeden einzelnen im Internet. Es dauert etwa 24 Stunden, dann ist ein Report erstellt; verdächtige Stellen sind farblich markiert.

Turnitin: Hilft bei der Fahndung
GMS

Turnitin: Hilft bei der Fahndung

Tatsächlich konnte man jetzt den Flickenteppich gut erkennen - aus acht verschiedenen Quellen war der Aufsatz Halbsatz für Halbsatz zusammengestellt worden. Ich habe ihn ausgedruckt und dem Studenten geantwortet, dass Turnitin erfolgreich gewesen sei und wir gern einen Termin machen könnten, um die Originalität des Aufsatzes zu diskutieren. Mein Terminangebot hat er komischerweise nicht angenommen.

Derweil sind die Übersetzer davon überzeugt, nur sie würden fremdsprachliche Quellen kennen. Also reichen sie einfach eine übersetzte Fassung als eigenes Werk ein. Die "Zeit" berichtete im Dezember 2001 über eine Doktorarbeit an der Universität München, die nur eine Übertragung einer an der Massachusetts Institute of Technology (MIT) eingereichten Arbeit ins Deutsche war.

Kenner lesen auch obskure Texte - dumm gelaufen

Student am PC: Ein paar Schlüsselwörter reichen zum Überprüfen
GMS

Student am PC: Ein paar Schlüsselwörter reichen zum Überprüfen

Erstens darf man solche Bearbeitungen nicht ohne Zustimmung des Autors veröffentlichen. Zweitens ist das vielleicht ein guter Job für Diplom-Übersetzer, aber nicht für Doktoren in BWL. Und gerade obskure Texte sind, wie der Zufall so spielt, erstaunlicherweise doch hier und da bekannt. Und gerade solche Kenner können auch in der Prüfungskommission sitzen.

Vor vielen Jahren habe ich selbst einen bösen Brief an die "Zeit" geschickt, als ich entdeckte, dass ein sehr bekannter Wissenschaftsredakteur einen ganzzeitigen Artikel unter eigenem Namen und ohne Quellenangabe abdruckte - teilweise eine wortgleiche Übersetzung meines beliebten "How to Lie with Statistics". Damals hielt man es wohl nicht für nötig, der aufmüpfigen Studentin überhaupt zu antworten, geschweige denn eine "aus technischen Gründen vergessenen Quellenangabe" nachzudrucken.

Wenn Professoren von Studenten klauen

Eine ganz andere Art des Plagiats ist das gezielte Werk von Fälschern. Sie wissen ganz genau, was sie beweisen wollen, es fehlt lediglich das passende Zahlenmaterial. Also werden Messreihen erfunden, mit ein paar Ausreißern gewürzt, und dann zieht man entsprechende Schlüsse.

Eng verwandt damit sind die Ideendiebe. Manche tarnen sich als verantwortliche Professoren und veröffentlichen die Arbeiten ihrer Studierenden und Assistenten unter eigenem Namen. Hat man Glück, werden die eigentlichen Urheber in einer Danksagung erwähnt. In ingenieurwissenschaftlichen Fächern kommt es sogar vor, dass Professoren auch noch gut Geld damit verdienen, Diplomarbeiten als eigene Werke zu verkaufen.

Eine Expertise in der Zeitschrift "Die Neue Hochschule" stellte vor sechs Jahren klar, das auch bei Diplomarbeiten die Urheberrechte beim Studierenden liegen. Die einleuchtende Argumentation: Wären sie mit dem Professor zu teilen, dann wäre die Diplomarbeit keine eigenständige wissenschaftliche Arbeit und hätte folglich nicht als bestanden bewertet werden können.

Ist etwa alle Wissenschaft Plagiat?

Es gibt, leider, auch Kollegen, in deren Gegenwart man keine guten Ideen haben darf. Da sitzt man eines Abends zusammen, analysiert zum Verdruss der jeweiligen Lebenspartner aufgeregt ein fachliches Problem und beschmiert alle greifbaren Servietten mit Lösungsversuchen. Wenige Monate später entnimmt man dann einer Veröffentlichung, dass dieses Problem nun gelöst sei - veröffentlicht vom Gesprächspartner und ohne den leisesten Hinweis, dass andere an der Lösung beteiligt waren.

Es gibt aber auch Stimmen, die meinen, alle Wissenschaft sei Plagiat. Im Aufsatz "Der Plagiator" behaupten Josef Karner und andere Autoren, Kultur bedeute Nachahmung: "Wir nehmen das Fremde auf, wir einverleiben uns das Andere, speisen es ein, wie der Kybernetiker sagt, wir saugen uns das Wertvolle heraus und bauen damit unseren eigenen geistigen Organismus auf." Sie zitieren auch Goethe, der gesagt haben soll: "Ich verdanke meine Werke (...) Tausenden von Dingen und Personen außer mir, die mir dazu das Material boten."

Debora Weber-Wulff ist Professorin für Medieninformatik an der Fachhochschule für Technik und Wirtschaft Berlin. Die Amerikanerin forscht über E-Learning im Leitprojekt "Virtuelle Fachhochschule" des Bundesbildungsministeriums.

In der ersten Folge: Wie die Dozentin dreiste Ideendiebe erwischt

Demnächst in der letzten Folge: Zeit zum Handeln - wie Professoren das Schummelvirus stoppen können

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