Eine Professorin auf Plagiat-Jagd (3): Auf den Schultern von Giganten

Debora Weber-Wulff bleibt flunkernden Studenten auf den Fersen. Wer Seminararbeiten aus dem Internet stibitzt und sich selbst als Autor ausgibt, kann schnell auffliegen - denn auch Wissenschaftler kennen sich aus im Web. Die Berliner Professorin rät Kollegen zur Detektivarbeit.

Auf der Lauer: Mit Spürsinn entlarvt man Plagiate
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Auf der Lauer: Mit Spürsinn entlarvt man Plagiate

Gelegentlich hört man den Vorwurf, Professor P würde gar nicht selber unterrichten, sondern lediglich die Unterlagen von Professor S in seiner Vorlesung verwenden. Auch mir wurde dieser Vorwurf einmal gemacht worden, weil meine Vorlesung "identisch" war mit der eines Kollegen. Ich hatte dem Kollegen aber selber meine Unterlagen zur Verfügung gestellt, als er mal einspringen musste und das Fach kurzfristig übernommen hatte. Identisch war also nur meine Vorlesung mit meinen Aufzeichnungen, die durchaus von anderen Kollegen verwendet werden können.

Woher kommt diese Erwartung in Deutschland, dass jeder Professor jedes Wort in jeder Vorlesung selbst zusammengetragen haben muss? In USA und in Skandinavien sind Course Books üblich, die alle Studierenden kaufen und aus denen der Professor referiert, Sachverhalte vertieft und Fragen beantwortet. Ist es so verwerflich, wenn man klarstellt, dass die Arbeit von jemand anders stammt?

Sicher macht es einen Unterschied, ob wir Grundwissen vermitteln oder fortgeschrittenes Material, für das es vielleicht noch kein Standardwerk gibt. Ich habe oft und gern Materialien von anderen Kollegen verwendet, bin aber sehr bemüht anzugeben, dass es nicht von mir stammt.

Ganz allein zur Inquisition

Als Studentin fand ich es natürlich ganz toll, als ich entdeckte, dass der Professor dabei war, uns ein englisches Fachbuch auf Deutsch vorzutragen und vor allem die Übungen eins zu eins zu übernehmen. Als Amerikanerin ließ ich einmal schnell meine Mutter das entsprechende Buch besorgen und zuschicken, denn es enthielt auch noch Musterlösungen.

Bei Studierenden in Fächern wie Informatik oder Mathematik ist es üblich, Antworten auf Übungsaufgaben von anderen Kommilitonen zu übernehmen oder aus Büchern abzuschreiben. Die Universität Kiel, wo ich studierte habe, hatte da ein Verfahren, um wenigstens festzustellen, ob die Studierenden die Übungen halbwegs verstanden hatten: Korrektur in Anwesenheit. Die Aufgaben mussten pünktlich abgegeben werden, und bei einem regelmäßigen Termin stellte ein Assistent eine Viertelstunde lang Fragen zur Aufgabe.

So ein Luxus ist aber nur machbar bei kleinen Klassen. Wir waren 35 Studierende im Jahrgang, manche Hochschulen nehmen heute bis zu 1000 Erstsemester auf. Wehe dann, wenn der Partner, der die Lösung gemacht hat, den Termin verpasst hatte und man alleine zur Inquisition musste - da schwitzte man Blut und Wasser.

Und flog gelegentlich auch aus dem Kurs raus, ich zum Beispiel aus einem Elektrotechnik-Praktikum. Was interessierten mich diese Bauteile? Der Kumpel versprach, mit den vorbereiteten Unterlagen zu erscheinen, ich sollte nur den Bericht schreiben. Nur leider verpennte er den Termin. Bei der Wiederholung im nächsten Semester habe ich mir dann doch lieber selber die Widerstands-Kennzahlen reingezogen.

Unbeabsichtigte Doppelungen sind extrem selten

Ein Student eines technischen Studiengangs schrieb mir, er habe einen Aufsatz selbst geschrieben und per Internet kontrolliert. Zu seinem Erschrecken fand er genau die gleiche Formulierung bereits von jemand anders. Er vermutete gleich, dass es für einige Sachverhalte einfach keine andere Wortwahl gebe.

Debora Weber-Wulff: Lässt sich nichts vormachen

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Das stimmt vielleicht für eng begrenzte Aussagen wie "Heiligabend ist am 24. Dezember" (mein 10-jähriger Sohn besteht darauf, dass ich erwähne, dass dieser Einfall nicht von mir, sondern von meinem Mann stammt. Recht hat er). Aber auch für ein Spezialgebiet, in dem man vielleicht nur je 20 unterschiedliche Substantive und Verben verwendet, erreicht man beim Formulieren schnell eine schier unüberschaubare Zahl möglicher Variationen. Meist verfügen wir aber über viel mehr Wörter in unserem Sprachschatz, und ein Aufsatz geht über mehrere Seiten á 500 Wörtern.

Ärger über Beschäftigungstherapie

Wie kann man sich schützen, sollte die unverhoffte Doppelung doch auftauchen? Man kann Zwischenschritte dokumentieren und vor allem der Lehrkraft durch rechtzeitige Abgabe einer Gliederung klarmachen, dass man die Materie selbst durchdacht hat. Darum geht es schließlich in den meisten Aufsätzen im Grundstudium - die Studierenden sollen sich mit einem Themengebiet befassen und es selbst durchdenken.

Es ist absolut notwendig, dass wir als Lehrende den Studierenden klarmachen, warum ein Plagiat ihnen schadet. Natürlich ärgere ich mich darüber, wenn ich gerade eine Stunde mit der Bewertung zugebracht habe, und dann war die Arbeit nur geklaut. Aber der Schaden liegt anderswo - vor allem in der verlorenen Chance, einen Sachverhalt mit dem eigenen Kopf zu durchdringen.

Natürlich bauen Wissenschaftler immer auf Arbeiten anderer auf. Im 17. Jahrhundert schrieb Robert Burton in "Anatomy of Melancholy": "A dwarf standing on the shoulders of a giant may see farther than a giant himself" - wir können deshalb so groß sein, weil wir auf den Schultern von Riesen stehen. Zunächst aber müssen wir verstehen, was die anderen gemacht haben, und das in unseren eigenen Worten (oder Programmen) ausdrücken. Wenn man festhält, welche Ideen von wem stammen, können andere diesen Gedankengang ebenfalls nachvollziehen.

Zeit zum Handeln - ein Appell an alle Lehrenden

Viele Lehrkräfte grübeln, wie sie Plagiate aufdecken können. Im Internet gibt es eine gute Einführung von Paul Clough. Und wenn Lehrenden erst mal einen Verdacht hegen, müssen sie ihm auch nachgehen, ihn dokumentieren und geeignete Maßnahmen ergreifen.

Abschreiben: Zeigst du mir deins, zeig ich dir meins
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In den USA ist ein Rausschmiss - übrigens ohne Erstattung der Studiengebühren - nach Anhörung durch den Ehrenausschuss durchaus üblich. In Deutschland bekommt man eher eine Fünf und eine neue Chance: halt Pech gehabt. Aber immer mehr Hochschulen erlassen Richtlinien für den Umgang mit Plagiaten. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft regt dies an, und auch die Hochschulrektorenkonferenz ermuntert auch die Professoren, Plagiate nicht einfach zu ignorieren.

Also ein Aufruf an meine Kolleginnen und Kollegen: Das Spielfeld ist durch das Internet wieder eben geworden. Ebenso gut, wie die Studierenden im Internet etwas abkupfern können, können wir nachsehen, ob es von dort kommt. Probieren Sie es beim nächsten Verdacht einmal aus, Sie könnten Glück haben!

Debora Weber-Wulff ist Professorin für Medieninformatik an der Fachhochschule für Technik und Wirtschaft Berlin

In der ersten Folge: Wie die Dozentin dreiste Ideendiebe erwischt
Zweite Folge: Von Wortverdrehern, Dünnbrettbohrern und Halbsatzpanschern

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