Eine Professorin auf Plagiat-Jagd: Der große Online-Schwindel

Durchs Internet klicken, speichern, ausdrucken - und fertig ist die Hausarbeit. Debora Weber-Wulff versteht keinen Spaß, wenn Studenten sich mit fremden Federn schmücken. In drei Folgen beschreibt die Berliner Professorin bei UniSPIEGEL Online, wie sie dreiste Ideendiebe erwischt.

Debora Weber-Wulff: Flunkern gilt nicht

Debora Weber-Wulff: Flunkern gilt nicht

Es war ein seltsamer Nebensatz für einen studentischen Aufsatz über elektronische Bücher: E-Paper wird "der Alptraum jedes Regalbauers". Die ganze Seite war so gut formuliert, dass ich etwas misstrauisch wurde. Beim nächsten Aufenthalt im Internet habe ich die Suchmaschine Google mit den Wörtern "Alptraum" und "Regalbauers" gefüttert - und bekam genau ein Resultat: eine Web-Site über eBooks, die einen Artikel von Alexander Jung aus dem SPIEGEL Spezial 10/1999 wiedergab. Nur leider tauchte der Name "Alexander Jung" nicht als Autor des vor mir liegenden Aufsatzes auf. In der Bibliografie gab es lediglich einen Hinweis auf www.spiegel.de, eine recht unspezifische Angabe.

Was tun? Dieser Aufsatz ist jedenfalls durchgefallen. Leicht verärgert machte ich weiter. Fünf der 32 Hausarbeiten des Semesters hatte ich mir als Stichprobe vorgenommen, wie ich am Seminaranfang bereits angekündigt hatte. Schon die übernächste Arbeit war wieder im Internet zu finden. Diesmal wies ein verräterischer Tippfehler mir den Weg. In weniger als einer Stunde hatte ich zwei Plagiate aufgedeckt - und fragte mich, ob es noch mehr sein können.

Wer sich nicht outet, kassiert eine Fünf

Ich schrieb eine böse E-Mail an die Studierenden und forderte sie auf, sich binnen einer Woche zu outen. Dann würde ich ihnen erlauben, ihre Arbeiten zurückzuziehen und als Leistungsnachweis eine Klausur zu schreiben. Überführte, nicht-reuige Plagiatoren würden aber eine glatte Fünf kassieren. Schließlich geht es bei einem Leistungsnachweis darum, dass die Studierenden zeigen, dass sie einen Sachverhalt durchdrungen und verstanden haben. Wer schöne Worte mittels Copy & Paste als eigene ausgibt, hat nicht verstanden, worum es geht.

Der Nervenkrieg begann. Gleich am nächsten Tag beichteten zwei Studierende unter Tränen, Teile ihrer Arbeiten aus dem Internet übernommen zu haben. Ich hatte aber inzwischen weitergeforscht und weitere fünf Fälschungen gefunden. Darunter war auch eine, die komplett aus dem Internet stammte, mit nur zwei Änderungen: Vorname und Nachname des Autors.

Ich gab den "Plagiate-Pegelstand" immer an die Kursteilnehmer weiter, weil anscheinend einige spekulierten, nicht überführt worden zu sein, wenn schon so viele Selbstbezichtigungen bekannt waren. Nur einer hat gebeichtet, den ich nicht gefunden hatte. Auch er musste in die Klausur. Denn ein Plagiat ist nicht erlaubt, auch wenn es einem hinterher Leid tut.

Zu doof fürs Internet?

Unter den Studierenden wurde viel über das Thema Plagiat geredet. Teilweise vermuteten sie, dass ich regelrecht auf "Jagd" nach Sündern war, und so ganz verstand man nicht, wieso ich mich aufregte. Gejagt habe ich eigentlich nur nach der Quelle für die letzte Arbeit, die eingereicht wurde, nachdem die ersten Plagiate aufgedeckt worden waren. Denn der Student meinte zu mir, in der Schule sei es üblich, seine Referate aus dem Internet zu ziehen - die Lehrer seien "zu doof", um mit dem Internet umzugehen.

Abschreiben ist kinderleicht: Klicken, speichern, ausdrucken
AP

Abschreiben ist kinderleicht: Klicken, speichern, ausdrucken

Also nahm ich die Herausforderung an. Schon die wechselnden Zwischenüberschriften und Formatierungen waren verdächtig - mal rhetorische Fragen, mal nummeriert, mal in spitzen Klammern eingeschlossen. Bald fand ich mehrere Sätze, die der Student ohne Kennzeichnung wortgleich aus einem Aufsatz im Internet übernommen hatte.

Der Unglücksrabe reichte Protest beim Prüfungsausschuss ein - es waren ja "nur" 4 Zeilen aus 20 Seiten, die ich gefunden hatte; er fand, ich rege mich über Gebühr auf. Doch er hatte großes Pech. Der Vorsitzende der Kommission las ein Kapitel der Arbeit, grübelte etwas, griff ins Bücherregal. Und fand ein Werk, aus dem weitere Seiten stammten.

Die Entschuldigungen für das Übernehmen der Textstellen waren goldig:

  • "Das Zitieren haben wir in der Schule nie gelernt" (falsch, es ist im Berliner Lehrplan für Deutsch in der 9. Klasse in allen Schulformen aufgeführt)
  • "Das war bei uns in der Schule dran bei der Wiedervereinigung, da ging einiges drunter und drüber" (auch in der DDR hat man gelernt, korrekt zu zitieren)
  • "Das ist einfach so gut formuliert, ich könnte es nicht besser schreiben" (fein, dann verwende Anführungszeichen und Fußnoten)
  • "Meine Frau hat wohl nachts an meinem Computer gesessen und ganze Sätze aus einem Buch abgetippt" (ohne sein Wissen?!)

Im Freundeskreis habe ich einige Lehrer und Lehrerinnen gefragt, ob sie das Problem kennen. Vielen waren zwar mulmig, wenn sie schülerische Meisterleistungen lasen. Aber sie glaubten, dass sie in den unendlichen Weiten des World Wide Web nie die Quellen finden könnten.

Spezialsoftware hilft bei der Fahndung

Dabei ist es so simpel - man hat das Plagiat ja vor sich liegen. Ein paar seltene Substantive (manchmal reichen schon zwei!), besonders verschnörkelter Satzbau und elegante Formulierungen, oder noch besser markante Schreibfehler reichen oft, um die Quelle zu finden. Man gibt sie in die nächstbeste Suchmaschine ein und schaut sich die Links an, die relativ weit oben liegen. Es gibt sogar inzwischen Software, die diese Suche übernimmt, wenn man sich das nicht selbst zutraut. Einige erlauben sehr feine Analysen auf Plagiate, die eine Mischung von zwei oder mehr Quellen sind.

Hausarbeiten.de: Keine Einladung zum Abkupfern

Hausarbeiten.de: Keine Einladung zum Abkupfern

Ich habe also angefangen, eine kurze Bedienungsanleitung für Lehrkräfte zu formulieren, damit sie sehen können, wie einfach man dieser wissenschaftlichen Unehrlichkeit Einhalt gebieten kann. Daraus wurde dann viel mehr: Ich habe einen Beitrag für das Computermagazin "c't" geschrieben, und auch andere Zeitschriften (darunter der SPIEGEL) berichteten.

Nun packte mich der wissenschaftliche Ehrgeiz: Mich interessierten die Geschichte des Plagiats, eine Kategorisierung von Plagiatstypen und letztlich die ethischen Fragen. Das gilt nicht nur für studentische Plagiate - hin und wieder werden auch Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen überführt, die es nicht so genau genommen haben mit ihren Quellen oder Messdaten.

Debora Weber-Wulff ist Professorin für Medieninformatik an der Fachhochschule für Technik und Wirtschaft Berlin. Die Amerikanerin forscht über E-Learning im Leitprojekt "Virtuelle Fachhochschule" des Bundesbildungsministeriums.

In der nächsten Folge: Plagiate in der Wissenschaft - wie selbst gestandene Forscher sich ungeniert bei Kollegen bedienen

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik UniSPIEGEL
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Studium
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2002
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen


  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Zur Startseite