Von Jochen Leffers
An amerikanischen Universitäten nimmt sich aus deutscher Perspektive manches gigantisch aus, die Studentenzahlen aber nicht. Drei der besten US-Hochschulen, die weltweit einen Ruf wie Donnerhall haben, wirken vergleichsweise zierlich und überschaubar: Harvard kommt auf gut 20.000 Studenten, in Stanford sind es knapp 15.000, in Yale gar nur rund 11.000, Doktoranden schon eingerechnet. Dagegen sind die großen deutschen Universitäten in München, Berlin, Köln oder Münster mit jeweils über 40.000 Studenten echte Mammuts.
Giganten sind die Top-Unis der USA in anderer Hinsicht - bei ihrer wissenschaftlichen Bedeutung, ihren finanziellen Möglichkeiten und auch bei der Höhe der Studiengebühren. Viele, aber nicht alle Studenten erhalten Teil- oder Vollstipendien. Wer komplett selbst zahlt, braucht starke Nerven und viel Optimismus für die späteren Berufschancen, um die Summen jemals zurückzahlen zu können: In Stanford zum Beispiel sollen Bachelorstudenten künftig 36.000 Dollar Studiengebühren zahlen, hinzu kommen 11.000 Dollar für Unterkunft und Verpflegung - wohlgemerkt für ein Jahr, nicht etwa für das komplette Studium. Das ist ein gewaltiger Batzen Geld und treibt Studenten wie ihre Eltern oft tief in die Verschuldung. An anderen Renommieruniversitäten der USA liegen die Tarife ähnlich.
Muss das so sein? Könnten Hochschulen ihre Studiengebühren nicht auch senken, weil sie durch andere Einnahmequellen aus dem Vollen schöpfen können? Solche öffentlichen Rufe nach sozialverträglicheren Lösungen wurden in den letzten Jahren lauter und setzen die Nobel-Universitäten unter Rechtfertigungsruck. Und die reagieren tatsächlich: Jetzt hat die Stanford University einen radikalen Schnitt angekündigt - ab Herbst sollen die Studiengebühren für Studenten aus weniger begüterten Familien komplett gestrichen werden.
Verblüffend sind dabei die Einkommensgrenzen: Die Gebühren entfallen künftig für Studenten, die aus Familien mit einem jährlichen Gesamteinkommen von unter 100.000 Dollar (rund 68.000 Euro) stammen. Bei einem Familieneinkommen unter 60.000 Dollar geht Stanford noch weiter und verzichtet auch weitgehend auf das Geld für Unterkunft und Verpflegung, was einem Stipendium gleichkommt. Ein Eigenbeitrag von 4500 Dollar jährlich werde allerdings erwartet, sagte Uni-Mitarbeiterin Karen Cooper.
Studieren ohne Angst vor dem Schuldenberg
Mit einem hohen fünfstelligen Jahresgehalt gilt man auch in den USA nicht direkt als armer Schlucker. Es geht eher um die Familien mit mittleren Einkommen, die Angst vor Verschuldung zwickt. Ungefähr ein Drittel aller Bachelorstudenten dürfte künftig ohne Gebühren studieren.
Edle US-Universitäten können sich solche Sozialrabatte durchaus leisten: Zum einen ist ihre Kundschaft exquisit, die Studienplätze bleiben so begehrt, dass die reichsten Familien des Landes um Plätze für ihre Sprösslinge rangeln. Nur rund jeder zehnte Bewerber schafft die Aufnahme - der Markt gibt es also schlicht her, die begüterte Kundschaft nach Kräften zu melken. Zum anderen sprudelt eine Reihe anderer Einnahmequellen, die deutsche Hochschulen so gar nicht kennen:
114 Millionen Dollar will Stanford für das neue Programm springen lassen. Dass die Uni sich entschlossen hat, von Haus aus nicht superreiche Studieninteressenten ohne Gebühren hineinzuwinken, ist ein sympathischer Zug - oder ein längst überfälliger Schritt, wie interne und externe Kritiker finden. Schließlich sind die Studiengebühren in den letzten Jahren emporgeschnellt, oft in Zehn-Prozent-Schritten jährlich. Und zugleich wächst der politische Druck auf noble Universitäten, ihre Tarifsysteme zu renovieren und beispielsweise Investitionsgewinne den Studenten zugute kommen zu lassen.
"Frage der sozialen Verantwortung"
"Harvard könnte eine Reihe von Staaten der Welt kaufen und verkaufen", sagte etwa Cary Nelson, Präsident des Verbandes amerikanischer Professoren, der "New York Times". "Harvard könnte allen Studenten die Gebühren erlassen, und das Uni-Vermögen würde trotzdem wachsen." Die reichen Hochschulen müssten sich endlich mit der Frage nach ihrer sozialen Verantwortung beschäftigen.
Missklänge gab es schon des öfteren, etwa um die Gehälter der universitären Fondmanager. Sie bescheren zwar den Hochschulen durch geschickte Investitionen hohe Einnahmen, kassieren aber auch obszön hohe Einkommen. Studenten protestierten auch immer wieder gegen den Umgang der reichsten Unis mit ihren Arbeiter und Angestellten, von denen viele nur Hungerlöhne erhalten.
Stanford setzt nun ein besonders deutliches Signal. Aber auch Harvard hatte im Dezember Erleichterungen beschlossen: Für Studenten aus Familien mit einem Einkommen bis zu 180.000 Dollar jährlich werden maximal zehn Prozent davon für Gebühren fällig. Und Yale kündigte im Januar an, das Budget aus Bordmitteln für finanzielle Hilfen an Studenten und für die Forschung um ein Drittel zu steigern. Andere Hochschulen setzen stärker auf Darlehensangebote, teils mit günstigen Zinsen.
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