Frankreichs Eliteschmieden: Hier werden Präsidenten gemacht

Frankreichs Elite-Hochschulen produzieren Spitzenpolitiker am laufenden Band. Präsident Sarkozy studierte an der Sciences Po, Hollande besuchte die renommierte Verwaltungsschule ENA. Wer dort die harte Aufnahmeprüfung schafft, dem ist eine steile Karriere fast sicher.

Frankreichs Kaderschmieden: Wer reinkommt, hat fast ausgesorgt Fotos
REUTERS

Die barocken Räume der Pariser Verwaltungshochschule ENA sind jener Ort, an dem sich die künftige Elite Frankreichs trifft. Auch der Sozialist François Hollande, nach aus der Stichwahl am Sonntagabend vermutlich als neuer Präsident hervorgehen wird, studierte an der Ecole Nationale d'Administration (ENA) in Straßburg.

Die Institution brachte zwei Präsidenten, sieben Ministerpräsidenten und unzählige Minister und Präfekten hervor. Diplomaten, Beamte des französischen Rechnungshofes und Berater im Elysée-Palast haben oft ebenfalls die ENA besucht. Wer auf diese Hochschule geht, braucht sich um einen gut bezahlten Job und einflussreiche Kontakte keine Sorge mehr zu machen. Die Ausbildung dauert in der Regel zwei Jahre, die meisten Bewerber haben bereits ein Studium abgeschlossen.

Auch Hollande machte an der ENA bedeutsame Bekanntschaften fürs Leben: Zuvorderst natürlich die mit Ségolène Royal, der Mutter seiner vier Kinder und Präsidentschaftskandidatin der Sozialisten 2007. In Deutschland wäre es wohl undenkbar, dass sich ein Ehepaar, sei es nun auch geschieden, nacheinander auf das Bundeskanzleramt bewirbt. Doch in Frankreich ist der Zirkel der politischen Elite recht klein.

Während seiner Zeit in der ENA traf Hollande auch den künftigen Ministerpräsidenten Dominique de Villepin und den späteren mehrfachen sozialistischen Minister Michel Sapin. Auch die Spitzenpolitiker Alain Juppé, Lionel Jospin und Edouard Balladour studierten in den ehrwürdigen getäfelten Sälen.

Der bisherige Präsident Nicolas Sarkozy ist zwar kein "Enarque", wie die Absolventen der ENA genannt werden, doch der Konservative ist trotzdem nicht außen vor: Er besuchte die Sciences Po Paris, eine vor allem den Sozialwissenschaften gewidmete Hochschule, deren Absolventen danach oft an die ENA wechseln. Zwar hat Sarkozy den Abschluss nie geschafft - nach Medienberichten scheiterte er an seinem mangelhaften englischen Sprachkenntnissen - aber wertvolle Kontakte waren ihm auch hier sicher. Die Sciences Po hat noch andere Staatenlenker hervorgebracht, zum Beispiel den konservativen Präsidenten Georges Pompidou.

Von Köchen oder Putzfrauen bedient

Frankreichs Hochschulsystem ist insgesamt sehr viel elitärer als das deutsche: Es gibt eine strenge Hierarchie unter den Institutionen und schon mit dem Eintritt in das Studium entscheiden sich für viele die späteren Karriereaussichten. Die Grandes Ecoles bilden die künftige Führungselite aus, jede von ihnen hat sich auf bestimmte Fächer spezialisiert. Dazu bieten sie allgemein- und persönlichkeitsbildende Kurse an. Wer an einer Grande Ecole studieren möchte, muss die harte Aufnahmeprüfung schaffen. Die Vorbereitungskurse können bis zu zwei Jahren dauern. Im Gegensatz dazu bemühen sich die Universitäten, alle Abiturienten aufzunehmen, die sich für ein Studium interessieren.

Letztendlich, so bemängeln viele französische Bildungsforscher, ist Frankreichs Elite undurchdringbar und "reproduziert sich und ihre dominante Weltsicht" immer wieder selbst, wie es der Soziologe Pierre Bourdieu ausdrückte. Der zweimalige konservative Präsident Jacques Chirac beispielsweise studierte mit Michel Rocard, dem späteren Ministerpräsidenten Frankreichs. Und wenn sich die Vertreter verschiedener Parteien in der Nationalversammlung auch harsche Rededuelle liefern, haben viele von ihnen schon so manche durchzechte Studiennacht miteinander verbracht.

Einige Schüler der ENA können sich über einen Lebensstil freuen, den es sonst wohl nur auf Schweizer Privat-Unis gibt: Während ihrer Pflichtpraktika wohnen sie im überaus teuren Paris in komfortablen Wohnungen, in denen sie sogar von Köchen oder Putzfrauen bedient werden, während ihre gleichaltrigen Kommilitonen der gewöhnlichen Universitäten für ein Zimmer unterm Dach in der Hauptstadt bis zu 1000 Euro bezahlen müssen. Die ENA bezahlt ihre Studenten sogar während der Ausbildung: Sie erhalten knapp 1400 Euro netto im Monat - die Summe entspricht dem französischen Mindestlohn.

Aber offenbar hatte Hollande schon damals ein Gespür für die fehlende Chancengleichheit, die er in seinem Wahlkampf angeprangert hat: Er gründete ein "Aktionskomitee zur Reform der ENA", in denen er den Empfängern dieser Privilegien nahelegte, einen Teil ihres Einkommens für mittellose Studierende zu spenden. Als künftiger Präsident könnte er die Kaderschmiede direkt reformieren - bislang sind aber alle französischen Staatschefs, die das versucht haben, am Widerstand der einflussreichen "Enarquen" gescheitert.

Von Annika Joeres, dapd / son

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 5 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. énarques
zephyros 06.05.2012
neben anderen "nützlichen" Dingen wird den jungen énarques und den sciences.-po´s vor allem jene weltberühmte französische Arroganz gegenüber künftigen "Mitstreitern" bzw. Gegnern aus dem In-und Ausland beigebracht.(man weigert sich konstant stur, englisch oder deutsch zu sprechen,obwohl man die Sprache perfekt beherrscht. Und wenn man es ausnahmsweise doch tut, dann nur mit einem nicht zu übersehenden Ausdruck des Ekels im Gesicht). Man "siezt" selbst engste politische Weggefährten auch nach Jahrzehnten - nur um zum Ausdruck zu bringen, dass er oder sie einem énarque niemals "das Wasser reichen könnte". 2 belgische Journalisten haben seinerzeit Mittérands berühmte Arroganz auf die Schippe genommen: Anlässlich eines eines Dîners in einem noblen Restaurant, bot Mittérand den Presseleuten anschließend eine teure Zigarre an. Die Belgier lehnten ab, mit der Bemerkung:"merci, monsieur le président, mais nous prenons ca uniquement après un trés bon repas..."
2. „Schweizer Privat-Unis“???
Vox libertatis 06.05.2012
Mich würde interessieren, weshalb die Autorin die Atmosphäre an der ENA mit Schweizer Privat-Unis vergleicht. Die Schweizer Universitäten sind allesamt staatlich…
3. Frankreichs Elite-Schulen
j.e.r. 07.05.2012
Frankreichs Elite-Schulen wurden schon seit dem 16 und vor allem 17 Jahrhundert mit genau dem Ziel: Ausbildung der Staatsbeamten, vor allem der höchsten Chargen. Die Anforderungen für den Eintritt der meisten sind hoch, beschränken sich nicht auf ein Examen, das meist ein "Concours" ist. Bestehen allein reicht nicht, es wird nur eine vorgegebene Anzahl Kandidaten genommen. Die Autorin scheint sich in diesem Umfeld kaum auszukennen: neben dem Vergleich mit den nicht existierenden Privat-Unis noch der Hinweis, dass die ENA eigentlich in Strassburg zu Hause ist - mit immer noch, aber immer weniger Kursen in Paris Das Thema "Grandes Ecoles" lässt sich wohl kaum einem oberflächlichen Kurzartikel behandeln!
4. alles falsch
teowa 11.05.2012
selten so einen schlecht recherchierten Artikel gelesen, das ist ja fast schon Libération oder Le Monde (seit dem Verkauf) Niveau. Von Putzfrauen lässt sich an der ENA keiner bedienen, das sind dann schon eher Somaliers oder Maître D's mit weissen Handschuhen. Und barock sind die Räume der ENA auch nicht, das ist ein ehemaliges Frauengefägnis dass auf moderne Art renoviert wurde, ganz im Sinne von Romain Gary, eröffnet Schulen und ihr werdet Gefängnisse schliessen. Und Jacques Chirac hat sich mit Michel Rocard auch nicht reproduziert, der Jacques war eher der trinkfestere von beiden. Und der französische Mindestlohn wird ja Dank Meluche jetzt auf 1700 Euro ansteigen, da kann selbst jeder Fabrikarbeiter dann die Köche und die Putzfrauen leisten. und die ENA wurde nicht im 16. oder 17 Jahrhundert, sondern 1945 gegründet. Und wenn die LMD in Lausanne nicht privat ist, dann weiss ich auch nicht mehr weiter, kostet auf jeden Fall 100.000 Schweizer Teure im Jahr. Und von den Enasen arbeiten immer noch so 60pc im Staatsdienst und verdienen zu Beginn 3000 und gegen Ende der Karriere so 6000 Euro. Wenn das jetzt gut bezahlt sein soll dann ist Dtld auch schon zu den Sozialisten übergelaufen. Nach 7 Jahren Studium und etlichen concours versteht sich.
5. IMD Lausanne
Vox libertatis 15.05.2012
"Und wenn die LMD in Lausanne nicht privat ist, dann weiss ich auch nicht mehr weiter..." Vermutlich meinen Sie das IMD, aber das ist keine Universität, weder nach Schweizer Recht noch nach Selbstverständnis dieser Institution.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik UniSPIEGEL
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Studium
RSS
alles zum Thema Bildungspolitik weltweit
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen


  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 5 Kommentare
  • Zur Startseite
Fotostrecke
Studieren in Nancy: Zweisprachig unter Vielsprachlern