Englische Uni-Reform: Wütende Studenten attackieren Limousine von Prinz Charles

Von , London

Das britische Unterhaus hat die Erhöhung der Studiengebühren auf bis zu 9000 Pfund im Jahr beschlossen - jetzt bricht sich die Wut der Gegner Bahn. In London kommt es zu Krawallen, eine Gruppe von Randalierern griff sogar ein Auto mit Prinz Charles und Camilla an.

Krawalle, Übergriffe, eine Attacke auf Englands Kronprinzen - es sind dramatische Bilder, die in diesen Stunden aus London um die Welt gehen. Die Wut gegen die Erhöhung der Studiengebühren bricht sich Bahn.

Protestierende Studenten haben am Donnerstagabend in London das Finanzministerium angegriffen - sie versuchten die Scheiben des Gebäudes einzuschlagen. Eine andere Gruppe attackierte ein Auto, in dem Prinz Charles und seine Frau Camilla saßen. Sie warfen mit Farbe und traten gegen die Limousine, als diese gerade durch die Regent Street im Einkaufsviertel fuhr. Die hintere linke Fensterscheibe des Wagens splitterte. Der Chauffeur des Thronfolgers raste weg. "Ihre Königlichen Hoheiten sind unversehrt", sagte ein Sprecher des Königshauses. Als Charles und Camilla bei ihrem Abendtermin eintrafen, einer Show im London Palladium, merkte man ihnen nichts an. Die Herzogin von Cornwall sagte, sie fühle sich gut. Sie wird mit den Worten zitiert: "Es gibt für alles ein erstes Mal".

Regierungschef David Cameron verurteilte den Übergriff auf den Thronfolger und dessen Frau als "schockierend und bedauerlich". Die Angreifer würden zur Verantwortung gezogen und "die volle Kraft des Gesetzes" zu spüren bekommen, sagte Cameron in der Nacht zum Freitag.

Fotostrecke

11  Bilder
Studentenproteste: Aufruhr in London
Einige Studenten versuchten vergeblich, den Weihnachtsbaum am Trafalgar Square in Brand zu stecken. Auch vor dem Parlament kam es zu schweren Zusammenstößen zwischen Demonstranten und der Polizei. Kleine Gruppen von Studenten warfen Leuchtbomben, Billardkugeln und Farbbomben auf die Beamten - und rissen Absperrungen nieder. Nach Angaben der Polizei wurden 13 Demonstranten und sechs Beamte verletzt. Sieben Personen wurden festgenommen.

Schon während das britische Unterhaus am Donnerstagnachmittag die Erhöhung der Studiengebühren beschloss, durchbrachen Studenten draußen die Polizeikette und besetzten den Platz vor dem Parlament. Aus einem Feuer wehte dichter schwarzer Rauch über die Straßen von Westminster, Reiterstaffeln der Polizei hielten die Demonstranten in Schach.

Die Parlamentarier ließen sich jedoch nicht beirren und segneten die Hochschulreform der liberal-konservativen Regierung mit einer Mehrheit von 21 Stimmen ab. Nach fünfstündiger heftiger Debatte stimmten 323 Abgeordnete dafür und 302 dagegen. Damit verweigerten über 60 Abgeordnete aus den Regierungsfraktionen dem Premierminister David Cameron die Gefolgschaft.

Erste Zerreißprobe für Camerons Koalition

Ab September 2012 können die englischen Universitäten nun Studiengebühren von bis zu 9000 Pfund im Jahr statt der bisherigen 3000 Pfund pro Jahr verlangen. Die Gebühren werden nicht während des Studiums fällig, sondern erst hinterher, wenn Absolventen ein Jahreseinkommen von mindestens 21.000 Pfund haben. Dies gilt für alle EU-Bürger, die in England auf Bachelor studieren. Die Provinzen Schottland, Wales und Nordirland sind nicht betroffen.

Es ist ein radikal neues Modell der Hochschulfinanzierung: Die Regierung kürzt die öffentlichen Zuschüsse für die Lehre um 80 Prozent, und die Studenten sollen das entstehende Loch in den Uni-Budgets füllen.

Die Erhöhung der Studiengebühren sei "ein zentrales Element der Politik, die hohe Qualität der Universitäten langfristig zu erhalten", sagte der liberaldemokratische Wirtschaftsminister Vince Cable, der den Gesetzentwurf vorstellte. Hochschulen sollen künftig zu 60 Prozent privat und zu 40 Prozent staatlich finanziert werden.

Die Abstimmung war der bislang größte Härtetest für die Koalition - noch schwieriger als der Sparhaushalt im Oktober. Dutzende Liberaldemokraten stimmten gegen den Gesetzvorschlag des eigenen Ministers. Zwei liberaldemokratische und ein konservatives Regierungsmitglied traten zurück. Es war die erste Rebellion auf den Regierungsbänken seit dem Beginn der Koalition im Mai.

"Nick Clegg, Schande über dich"

Vor allem die Liberalen taten sich mit der Reform schwer. Sie hatten im Wahlkampf persönliche Schwüre geleistet, die Studiengebühren nicht zu erhöhen. Dennoch brachen nun die meisten ihr Wort, um die Koalition nicht zu spalten. Parteichef und Vizepremier Nick Clegg hatte viel Überzeugungsarbeit leisten müssen - und dabei fast sein gesamtes politisches Kapital aufgebraucht.

An den Hochschulen im ganzen Land ist der 43-jährige Umfaller zur Hassfigur geworden. "Nick Clegg, Schande über dich", riefen die Demonstranten in London. Wieder waren Zehntausende auf den Straßen der britischen Städte unterwegs und warnten vor dem "Ausverkauf der Bildung". Die Proteste blieben friedlich, nur vereinzelt kam es zu Zusammenstößen mit der Polizei.

Die Labour-Opposition verdammte die Reform in Bausch und Bogen - dabei hatte Tony Blair einst die Studiengebühren eingeführt. Der heutige Tag bedeute das Ende der staatlichen Finanzierung für die meisten Uni-Abschlüsse, sagte Labours wirtschaftspolitischer Sprecher John Denham im Unterhaus. Künftig entscheide nur noch der Markt, was gelehrt werde. Die Aussicht auf riesige Schulden werde obendrein Kinder aus ärmeren Familien vom Studieren abhalten.

Studenten träumen von Protestbewegung wie 1968

Tories und Liberaldemokraten hielten dagegen, dass Studenten erst dann zahlen müssten, wenn sie einen Job gefunden hätten. Auch hoben sie hervor, dass künftig auch Teilzeit-Studenten in den Genuss von staatlichen Studienkrediten kämen. Diese mussten bislang ihre Gebühren im voraus zahlen. Das Argument, hohe Gebühren schreckten vom Studieren ab, konterten Regierungsvertreter mit der Statistik: Seit der Einführung von Studiengebühren vor zehn Jahren seien die Studentenzahlen um 44 Prozent gestiegen.

Die Polizei hatte die Houses of Parliament am Tag der Entscheidung rundum verbarrikadiert, mehrere hundert Beamte schützten die Abgeordneten. Sie wollten verhindern, dass die Studenten den Sitz des Unterhauses stürmen würden - wie vor einigen Wochen die Parteizentrale der regierenden Konservativen. So weit kam es nicht, aber die Demonstranten schafften es, ein großes rotes "No" auf die Wiese vor dem Parlament zu malen - deutlich sichtbar für die Fernsehkameras in den Hubschraubern. Dann entzündeten sie das große Feuer und schickten Rauchwolken über Big Ben.

Das Abstimmungsergebnis nahmen die offiziellen Studentenvertreter mit Enttäuschung auf. Gleichwohl hatten sie nichts anderes erwartet. Sie wollen nicht aufgeben, sondern kündigten weitere Demonstrationen an. Studentenvertreter Michael Chessum erinnerte im "Guardian" daran, dass Gesetze in der Vergangenheit auch schon zurückgenommen wurden, wenn der Protest zu groß war: "So wie in Frankreich 1968 wird die Ungerechtigkeit der Abstimmung vielleicht eine größere Krise auslösen".

mit Material von dpa/dapd/Reuters

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 111 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Dann
Hovac 09.12.2010
wird es Global gesehen für uns ja einfacher, da England sich als Wirtschaftkonkurent damit quasi selbst abwürgt. Ein europäisches Land mit geringen Rohstoffvorkommen kann sich eine solche Verschwendung von möglichem Potential nicht erlauben. Der neue europäische Feudalismus ist mittlerweile schon sehr deutlich, nicht nur bei uns.
2. Fast
nepo77 09.12.2010
11000 Euro im Jahr Studiengebühren und da regen sich unsere Studies über 600 Euro auf....
3. ---
manta 09.12.2010
"Ihre Königlichen Hoheiten sind unversehrt" Das ist sowas von lächerlich.....
4. erst mal haben
weisser 09.12.2010
Zitat von nepo7711000 Euro im Jahr Studiengebühren und da regen sich unsere Studies über 600 Euro auf....
Wenn man sie nicht hat ....was dann ?
5. Wir Liberalen sind nicht nur im liberalen Sinne liberal
der.letzte.dodo 09.12.2010
So dichtete einst Loriot Die Güdos von England sind so zuverlässig wie unsere Möllemänner hier Die Sozis von der Insel ebenfalls Was bleibt zu tun? Lörn a bit doits änd staddi in tschörmany? Mal sehen, was bei uns die Zukunft bringt
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik UniSPIEGEL
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Studium
RSS
alles zum Thema Großbritannien
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 111 Kommentare
Fotostrecke
Britische Universitätsreform: Grenzenlose Campusmaut

Fotostrecke
Studentenprotest: Krawall in London

Fotostrecke
Proteste in Italien: Der schiefe Turm der Bildung