Von Dorothee Kammel
In England wählen die Studenten ihre Kurse pro Jahr, die in Trimester aufgeteilt sind. Im letzten Jahr schreiben sie in erster Linie längere Aufsätze, es folgen die Bachelorarbeit, finale Prüfungen und eine mehr oder weniger pompöse Abschlussfeier. In Royal Holloway findet sie in der Kapelle mit einer symbolischen Zeugnisübergabe statt; das richtige Zeugnis kommt später per Post.
Berühmt für ihre traditionellen Abschlussfeiern sind vor allem die elitären Unis Cambridge und Oxford. Die Graduierten, gewandet im obligatorischen Talar, mit weißer Fliege und schwarzen Schuhen, warten an den Flügeln des Senate House, bis sie aufgerufen werden, erzählt Cambridge-Absolvent Sebastian Massek, 28. In einer Gruppe führt sie ein Uni-Mitarbeiter an der Hand nach vorn zum Kanzler - einen Studenten an jedem Finger. "Ich war der Mittelfinger", erinnert er sich. "Auf Lateinisch wurde ich dann, auf einem Plüschkissen kniend, dem Kanzler vorgestellt. Dabei legte er seine Hand auf meinen Kopf."
Die Kongressteilnehmer, die Studenten müssen weichen
Bei der Generalprobe patzte Historiker Sebastian: "Ich trug anstatt schwarzer Schuhe dunkelbraune. Das sorgte für einen kleinen Eklat." So hübsch die Rituale wirken mögen, die strengen Sitten stehen auch sinnbildlich für fehlende persönliche Gestaltungsmöglichkeiten. Die Freiheit, eigene Schwerpunkte zu setzen, sei in Deutschland größer als an englischen Unis, sagt Christiane Weidenfeld, Lektorin in Cambridge.
Zudem ist das Studium in England teuer. Seit September 2006 dürfen die Hochschulen Studiengebühren von bis zu 3225 Pfund (3570 Euro) pro Jahr erheben. Vorher waren die Gebühren vom Einkommen der Eltern abhängig und lagen an den meisten Hochschulen bei maximal 1250 Pfund jährlich.
Student Matthias Schiller ist ziemlich zufrieden, kritisiert aber: "Manchmal hatte ich das Gefühl, in einer Firma zu sein, nicht an einer Uni." Im finanziellen Wettbewerb bräuchten die Unis besonders die Studenten aus Übersee. Eine zusätzliche Einnahmequelle seien regelmäßig Kongresse in den Semesterferien - mit unangenehmen Folgen für Wohnheimstudenten wie ihn: "Ich musste mein Zimmer in den Ferien immer für die Kongressteilnehmer räumen."
Guten Noten für ein Zimmer mit Aussicht
Dass Bildung für alle zugänglich sein soll, werde in England nicht so intensiv diskutiert wie in Deutschland. "Die Schule auf die du gehst, entscheidet oft über die Uni, auf der du später landest", so Matthias. Die Briten hätten kein großes Problem mit diesem von Privatschulen geprägten System.
Das bestätigt auch Christiane Weidenfeld. "Die Studenten hier haben ein ungemein positives Verhältnis zu Leistung und Elite." Ein Alltagsbeispiel: "Eine Studentin erzählte mir, dass die Zimmerverteilung im College zum Teil von den Noten abhängt. Mich hat das zunächst entsetzt, da man so natürlich vom Zimmer auf die Noten des Bewohners schließen kann. Meine Studenten finden das System jedoch phantastisch, denn so haben sie die Möglichkeit, durch eigene Leistung Einfluss auf ihre Wohnverhältnisse zu nehmen."
Die Lektorin betont, Cambridge sei eine Ausnahme und keineswegs repräsentativ für Großbritannien. Matthias jedenfalls ist mit seiner Studienwahl in England zufrieden - und die mühsame Kleinarbeit, bei der er sich für seine Bachelorarbeit durch die Akten der Berliner Verkehrsbetriebe aus den dreißiger Jahren wühlte, hat sich auch gelohnt. Ein Master-Stipendium ist schon in Reichweite.
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