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21. Februar 2013, 14:05 Uhr

Verurteilte Erasmus-Studentin

Sevil Sevimli ist wieder zu Hause

Fünf Jahre soll sie in der Türkei in Haft, auf Kaution kam sie frei und flog nach Frankreich: Erasmus-Studentin Sevil Sevimli, 21, ist in ihrer Heimatstadt Lyon gelandet. In die Türkei will sie unbedingt zurück.

Zuerst fiel sie ihrem Vater in die Arme, als sie in die Ankunftshalle des Flughafens trat: Die französische Erasmus-Studentin Sevil Sevimli ist am Mittwoch in ihre Heimatstadt Lyon zurückgekehrt. Freunde, Verwandte und Unterstützer begrüßten die 21-Jährige mit Plakaten und Blumen, viele trugen T-Shirts mit Sevimlis Foto. Sie hatten sich für die Freilassung der Studentin eingesetzt, die drei Monate zusammen mit einigen Mitstudenten in einem türkischen Gefängnis saß.

Die Behörden werfen der Studentin der Universität Lyon Verbindungen zu einer Terrororganisation vor, ein Gericht in Bursa verurteilte sie am Freitag wegen "terroristischer Propaganda" zu fünf Jahren und zwei Monaten Haft. Sie wird dagegen in Berufung gehen und durfte gegen eine Kaution von umgerechnet etwa 4250 Euro vorerst aus der Gefängnis und nach Frankreich ausreisen.

In einem Fernsehinterview mit dem Sender France3 Rhône-Alps begründete Sevimli das Berufungsverfahren damit, nach einem möglichen Freispruch wieder in die Türkei fahren zu wollen. "Wir wollen es zu Ende bringen, damit ich freigesprochen werde und damit ich nicht weiter verfolgt werden kann", sagte Sevimli. Ob sie vor der Entscheidung über ihre Berufung wieder in die Türkei reisen will, sagte die Studentin nicht.

"Die Türkei kennengelernt - bis in ihre Gefängnisse hinein"

Direkt nach ihrer Ankunft sagte Sevimli, sie danke allen, die sie unterstützt hätten. Neben der Familie und Freunden hatten sich auch Professoren aus Lyon und aus der Türkei für ihre Freilassung stark gemacht. Sevimli betonte, es seien weiterhin Tausende Menschen in der Türkei mit derselben Begründung eingesperrt, mit der die Sicherheitskräfte sie festgenommen hatten. Für sie bedeute das: "Der Kampf geht weiter."

Die Tochter kurdischer Einwanderer aus der Türkei wuchs in Frankreich auf und studiert eigentlich in Lyon Kommunikations-wissenschaft. Im Sommer 2011 ging sie als Erasmus-Studentin in die Heimat ihrer Eltern. Sie entschied sich für die anatolische Provinz Eskisehir, um das Land besser kennenzulernen.

Anfang Mai 2012 nahmen türkische Sicherheitskräfte die junge Frau, die neben dem französischen auch einen türkischen Pass besitzt, gemeinsam mit anderen Studenten fest. Sevimli hatte das Konzert einer linken Band besucht und war bei einer Demo mitmarschiert. Drei Monate lang saß sie in U-Haft, ihr drohten 32 Jahre Gefängnis, dann wurde sie bis zum Prozessbeginn freigelassen. Französische Medien haben intensiv über den Fall berichtet, der zeigt, wie rabiat die Türkei mit politisch aktiven Studenten umgeht.

Am Mittwoch verließ Sevimli den Flughafen nach etwa einer Viertelstunde, um France3 ein Exklusivinterview zu geben. Ihr Ziel, das Land ihrer Vorfahren besser zu verstehen, sei in Erfüllung gegangen, sagte sie dem Sender. "Ich habe die Türkei kennengelernt - bis in ihre Gefängnisse hinein."

son/rsc/lek/cht

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